Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer in Deutschland hat Anspruch auf den Mindestlohn. So steht’s im Mindestlohngesetz, und da könnte man ja denken, der Mindestlohn gilt wirklich für alle. Das stimmt so aber nicht. Denn Beschäftigte, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, bekommen beispielsweise in der Regel nur einen Bruchteil des Mindestlohns. Warum das so ist und warum hier viele seit Jahren dringenden Reformbedarf sehen, darum geht’s in dieser Folge mit dem Inklusionsaktivisten Raul Krauthausen. Sprechen wir doch drüber in unserem gemeinsamen Podcast. Ich bin Christian Bollert und freue mich, dass ihr zuhört. Der Brandeins Podcast. Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm.
In Deutschland gibt es etwa 700 Werkstätten für behinderte Menschen. Eigentlich sollten sie eine Zwischenstation sein, um die Menschen auf eine Tätigkeit im allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten rund 300.000 Leute in einer solchen Werkstatt, und im Schnitt bekommen Beschäftigte dort pro Stunde weniger als zwei Euro. Dabei liegt der Mindestlohn ja aktuell bei 13,90 Euro. Tausende Beschäftigte kämpfen und demonstrieren deshalb seit Jahren für eine bessere Bezahlung. Auch der Verein SozialheldInnen setzt sich für einen Mindestlohn für Werkstattbeschäftigte ein. Gründer des Vereins SozialheldInnen ist Raul Krauthausen. Er ist Kommunikationswirt, Design Thinker, Moderator, Speaker und Podcaster und für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden. Als Inklusionsaktivist bringt er Themen von Menschen mit Behinderung immer wieder in die öffentliche Debatte. Dazu gehört eben auch das Thema Mindestlohn für alle, und genau darüber sprechen wir in dieser Episode. Ich sage herzlich willkommen im Brandeins Podcast, Raul. Hallo!
Mindestlohn in Werkstätten
Warum wird denn auch im Sommer 2026 in Werkstätten für behinderte Menschen kein Mindestlohn gezahlt? Das ist eine juristische Sonderregelung, weil Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten beschäftigt sind, die haben ein sogenanntes arbeitnehmerähnliches Verhältnis. Das heißt, sie sind offiziell keine ArbeitnehmerInnen, sondern sie sind in einem ähnlichen Beschäftigungsverhältnis. Man spricht ja auch nicht von Anstellung, sondern eben von Beschäftigung, und dadurch fallen sie nicht unter die ArbeitnehmerInnen-Regelung, was bedeutet, dass sie keinen Anspruch auf Mindestlohn haben und eben kein Streikrecht, so wie normale ArbeiterInnen.
Klingt ja aber so, als ob man sowas auch ändern könnte. Könnte man ändern, wird auch schon seit vielen Jahren gefordert. Die Werkstätten begründen das damit, dass in den Werkstätten nicht nur gearbeitet wird, sondern auch Rehabilitation gemacht wird, dass Menschen fit gemacht werden für den allgemeinen Arbeitsmarkt, dass sie dort besondere Unterstützungsleistungen bekommen, die man vielleicht bei einem normalen ArbeitgeberInnen nicht finden würde. Allerdings ist die Durchlässigkeit von Menschen, die in den Werkstätten sind, auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bei unter einem Prozent. Das heißt, man kann schon auch die Frage stellen, wie sinnvoll sind die Rehabilitationsmaßnahmen, die es dort angeblich gibt, wenn das Ziel ja eigentlich ist, sie in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu befähigen.
Und dann muss man auch schauen, was in den Werkstätten produziert wird. Und es gibt beispielsweise keinen einzigen deutschen Autohersteller, der nicht in einer Werkstatt etwas produzieren lässt. Es ist egal, ob es Ölbehälter sind oder Warndreiecke, die verpackt werden, die dann quasi ausgelagert wurden in den Werkstätten, die Produktion. Und da tatsächlich am Fließband gearbeitet wird. Da kann man dann schon die Frage stellen, warum arbeiten die nicht direkt bei Volkswagen oder Ford? Das sind schon gleich mehrere Aspekte, die wir sicher in diesem Gespräch nochmal ein bisschen intensiver beleuchten werden.
Bezahlung in Werkstätten
Fangen wir aber mal noch weiter vorne an. Wie wird denn, wenn es eben arbeitnehmerähnliche Rechtsverhältnisse sind, wie wird denn die Bezahlung dann von Arbeit in solchen Werkstätten überhaupt berechnet? Also wie kommt man denn auf diese zwei Euro jetzt beispielsweise? Also da bin ich jetzt natürlich auch nicht Jurist genug und Arbeitsrechtler genug. Aber es ist so, dass eine Werkstatt vom Staat Geld bekommt für jeden Beschäftigten pro Monat. Das sind ungefähr 1200 Euro. Dieses Geld wird dann natürlich aufgeteilt oder eingesetzt, um die ganzen Gruppenleiter zu finanzieren, um die Gerätschaften zu finanzieren. Und dann soll davon eben auch dieser Stundenlohn bezahlt werden von 1,35 Euro oder 2 Euro.
Und die Werkstätten erwirtschaften ja zusätzlich auch noch Geld durch die Dienstleistungen, die sie anbieten, sei es Digitalisierung von Dokumenten oder meinetwegen auch eine Kantine, die sie betreiben, oder eben das Verpacken von Waren für einen Automobilkonzern. Und all diese Summen zusammen führen dann eben dazu, dass die Löhne, nein, nicht die Löhne, sondern eben das Taschengeld, wie sie es nennen, bezahlt werden. Und das ist definitiv zu wenig. Und man könnte schon auch davon ausgehen, dass es eigentlich so eine Art Niedrigpreiswettbewerb gibt, um Aufträge aus dem allgemeinen Wirtschaftsmarkt zu bekommen. Und da unterbieten sich dann die Werkstätten tatsächlich auch. Also dass wirklich ein Unterbietungswettkampf stattfindet. Genau. Und die buhlen natürlich auch um die Aufträge.
Herausforderungen und Reformbedarf
Und der Auftrag der Werkstätten ist ja eigentlich, Menschen mit Behinderung für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu befähigen. Und wenn es jetzt in so einer Werkstatt also Menschen gibt, die, sagen wir mal, am Fließband Akkord arbeiten, dann wären die Werkstätten ja schön blöd, wenn sie ihre besten Beschäftigten an den allgemeinen Arbeitsmarkt abgeben. Sodass sie dann auch gar keine Motivation haben, wirklich dafür zu sorgen, dass die Leute direkt bei Ford oder VW arbeiten. Das gucken wir uns auf jeden Fall in diesem Podcast noch mal ein bisschen genauer an.
Du hast ja diese Prozentzahl schon genannt, ein bis zwei Prozent. Das ist ja wirklich sehr, sehr wenig. Unter einem Prozent. Man geht sogar von 0,3 aus. Aber du gehst auch noch einen Schritt weiter und sagst, nicht nur das könnte man mal ändern, sondern du legst den Finger so ein bisschen in die Wunde und du sagst, das ist verfassungswidrig. Warum denn? Also das sage nicht ich. Das sagen viele Juristinnen, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir arbeiten zusammen mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte, die das analysiert haben und gesagt haben, naja, das könnte schon sein, dass das verfassungsrechtlich problematisch ist, weil diese Stellung, arbeitnehmerähnlich, zum Beispiel auf EU-Gesetzebene gar nicht existiert.
Jetzt müsste man das vielleicht einfach mal, ist das wirklich legal, dass behinderte Menschen die einzige Gruppe sind, die voll arbeiten und weniger als den Mindestlohn verdienen dürfen? Es gab vor ein paar Jahren auch mal einen ähnlichen Fall, wo Menschen in Gefängnissen in Werkstätten arbeiten. Da gibt es ja auch so Werkstattsysteme, dass die auch ein Anrecht auf Mindestlohn angeklagt haben. Und da kann man schon die Frage stellen, wenn das die zwei letzten Gruppen waren, die davon befreit waren, warum sind es behinderte Menschen immer noch?
Klage und rechtliche Schritte
Das klingt ja so, als ob ihr das vielleicht auch ernsthaft überlegt, da mal eine Klage einzureichen. Die Klage ist quasi letztendlich gerade eingereicht worden. Das dauert ja durch viele Gerichte. Ansonsten muss man das machen. Anlass war eine Aktion von Neo Magazin Royale, ne ZDF Magazin Royale, wo die Redaktion rund um Böhmermann uns gefragt hat, ob wir da nicht mal gemeinsam was machen wollen, weil sie festgestellt haben, dass eine ihrer Merchandising-Figuren, Grundi, genau die Grundgesetzfigur, wider ihren Wissens in einer Werkstatt produziert wurde und es ihnen auch nicht gesagt wurde. Erst als sie aktiv nachgefragt haben, woraufhin sie dann die Produktion eingestellt haben und gesagt haben, okay, dann lasst uns doch mal dagegen folgen.
Raul Krauthausen beim Podcast Radio detektor.fm, und wir sprechen in dieser Episode gleich noch ein bisschen mehr über das ZDF Magazin Royale und aber auch über konkrete Lösungsansätze. Raul, ein Vorschlag ist es ja, den Mindestlohn eben auch in Werkstätten einzuführen. Also das liegt ja so ein bisschen auf der Hand. Das befürworten nicht nur du und dein Verein, sondern das fordern zum Beispiel auch der Sozialverband und die Lebenshilfe. Was müsste denn konkret dafür passieren?
Also ist es so kompliziert? Eigentlich müsste das gar nicht so kompliziert sein. Werkstätten dürfen das sogar, wenn ich das richtig verstanden habe. Sie machen das halt einfach nicht, und wir haben auch keine Werkstatt gefunden, die das macht. Wir gehen davon aus, dass es sich einfach schlicht so, wie sie arbeiten und wie sie kalkuliert haben, durch diesen Unterbietungswettbewerb auch gar nicht gerechnet hat.
Missverständnisse über Werkstätten
Vielleicht auch für die Hörerinnen und Hörer da draußen. Es gibt ein großes Missverständnis über Werkstätten. Viele Menschen glauben, dass in Werkstätten Menschen sind, die gar nicht arbeiten können oder nicht so leistungsfähig sind. Man landet aber nur in einer Werkstatt, wenn man mindestens vier Stunden am Tag arbeiten kann. Das heißt, das wäre Teilzeit. Und auch Teilzeitarbeit hat ein Recht auf Mindestlohn, natürlich. Sodass man schon auch die Frage stellen kann, wieso wurde hier eigentlich seit Jahrzehnten auf dem Rücken behinderter Menschen, die vier Stunden mindestens am Tag arbeiten können, ja da Geld verdient.
Und wer entscheidet eigentlich, was produziert wird, wie produziert wird? Wer sitzt denn eigentlich in den Arbeitsplätzen? Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, also bestimmt sind da 95 Prozent Menschen ohne Behinderung. Und die untere Hierarchieebene sind dann meistens die behinderten Menschen, die kein Mitentscheidungsrecht haben, kein Streikrecht haben und letztendlich mit so, ja, wie soll ich mal sagen, mit so Brotkrumen auch abgespeist werden. Denen wird dann halt gesagt, demnächst wird es besser. Du kannst ja einen Außenarbeitsplatz versuchen, zum Beispiel. Und wenn man dann versucht zu fragen, ja, wann und wie lange, dann wird man sehr oft hingehalten.
Mitsprache und Mitbestimmung
Das heißt, aus deiner Sicht wäre es schon deutlich zielführender, wenn Menschen mit Behinderung und Beeinträchtigung auch mehr Mitsprache hätten in solchen Organisationen und Werkstätten. Also es ist sogar so, dass es gibt ja sogenannte Werkstatträte, die auch total wichtig sind, weil es Menschen eine Möglichkeit gibt, sich zu äußern und sich auch zu organisieren. Aber warum beschäftigen die eigentlich nicht Gewerkschaften auch mit dieser Frage? Die Gewerkschaften begründen es damit, dass es ja keine Angestellten sind, sondern arbeitnehmerähnliche Verhältnisse.
Aber ich würde schon sagen, es ist auch ein Gewerkschaftsthema, weil die ja vor allem auch für den Mindestlohn kämpfen. Das ist ja vielleicht so ein bisschen fast schon ein blinder Fleck von Gewerkschaften, den man ihnen ja auch immer mal wieder vorwirft. So mit Arbeitslosen und Arbeitslosen beschäftigen sie sich ja auch oft nicht so viel. Das wäre hier auch so, so nach dem Motto, sind keine klassischen Arbeitnehmer, sind wir nicht zuständig.
Ja, und es wäre aber eine Menge geholfen, wenn wir dafür sorgen könnten, dass die Menschen, die am Arbeitsmarkt Unterstützung brauchen, und das muss ja nicht automatisch jemand mit einer jetzt diagnostizierten Behinderung sein, sondern es könnte auch eine sein, die in Zukunft behindert werden. Wenn wir da Strukturen haben, wo auch der allgemeine Arbeitsmarkt unter anderem auch durch den Einsatz von Gewerkschaften da wesentlich flexibler werden kann, im Sinne von auch Unterstützung anbieten kann.
Argumente der Betreiber
Jetzt gibt es ja von den Betreiberinnen und Betreibern durchaus auch ein paar Argumente, die Sie vorbringen, warum Sie sagen, das geht alles nicht so richtig. In dieser Folge vom ZDF Magazin Royale ist das ja auch so ein bisschen angesprochen worden, wo Sie mal so versucht haben, das so ein bisschen aufzudröseln. Und ein Argument ist immer, naja, wenn wir den Mindestlohn einführen würden, dann würde sich das ganze System nicht mehr wirtschaftlich lohnen. Was sagst du denn dazu?
Ja, aber auf was für einem Fundament ist denn dieses System gebaut worden? Also da muss man halt die Preise erhöhen, wenn man Produkte anbietet. Aber es kann ja nicht sein, dass Volkswagen davon profitiert. Was wäre dann deine Lösung? Also das System anders, die Preise anders kalkulieren oder von den Kunden mehr Geld verlangen? Ich meine, das wäre ja wahrscheinlich dann, wenn du jetzt… Genau, so wäre ich. Ich bin ja jetzt kein BWLer in diesem Laden, aber ich würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass sich auf jeden Fall was produziert wird, auch erwirtschaftet.
Das würde man ja, wenn Volkswagen das nicht an der Werkstatt gäbe, würde das ja so funktionieren. Und es geht uns auch nicht darum, dass wir Menschen mit Behinderung aus den Werkstätten vertreiben wollen, im Sinne von, dass sie dann alle später gar keine Arbeit haben, sondern es geht uns einfach darum, dass da, wo gearbeitet wird, die Menschen auch ein Anrecht auf Mindestlohn haben.
Aufmerksamkeit für das Thema
Jetzt hast du angesprochen, dass das Team rund um Jan Böhmermann im ZDF Magazin Royale ja genau das festgestellt hat, dass da einer ihrer Merchandising-Artikel, Grundi, das Grundgesetz, in einer solchen Werkstatt produziert worden ist und eben nicht zum Mindestlohn. Da gab es ja durchaus eine gewisse Form von nochmal Aufmerksamkeit in den letzten Wochen und Monaten für dieses Thema. Ihr wart da auch irgendwie Teil davon. Was macht dir denn Hoffnung, dass sich da jetzt vielleicht doch mal was verbessert?
Weil gleichzeitig haben wir ja auch schon festgestellt, ist das Thema auch nicht ganz neu. Also das ist eigentlich seit Jahren immer mal wieder ein Thema, aber so richtig geändert hat sich bisher nichts. Ja, so etwas ist tatsächlich ein Marathon. Das ist kein Sprint. Da muss man wirklich lange dran halten. Was ich positiv bewerte aktuell ist, dass Werkstätten schon auch sagen, sie würden das auch gerne mal juristisch geklärt haben, weil sie ja auch merken, dass der Widerstand größer wird.
Und die sind auch nicht automatisch die Gegner in der ganzen Geschichte, sondern sie wollen einfach auch da Klarheit. Und wenn nun mal der Staat sowieso schon 1.200 Euro bezahlt für jede Person, die in einer Werkstatt beschäftigt ist pro Monat, könnte man auch andere Modelle sich überlegen. Zum Beispiel das sogenannte Budget für Arbeit, wo Firmen im allgemeinen Arbeitsmarkt Menschen mit Behinderung direkt beschäftigen, also auf ihre Payroll tun und diese 1.200 Euro, die der Staat ja sonst der Werkstatt bezahlt hätte, dann vielleicht auch nehmen könnten oder bekommen könnten, um den Arbeitsplatz barrierefrei zu gestalten.
Politische Perspektiven
Wie sieht es denn eigentlich mit der Politik aus? Also mit Politikerinnen und Politikern, die haben ja da auch durchaus eine Gestaltungsmacht. Und Bundesarbeitsministerin Bärbel Baas hat ja auch immer mal angekündigt, die Arbeitsentgelte in Werkstätten zu reformieren oder sich das mal anzugucken. Wo stehen wir da aus deiner Perspektive?
Ja, also diese Ankündigung die gibt es ja schon auch seit vielen Jahren. Das war auch zwei Regierungen davor, wurde das auch schon angekündigt. Dann wurde es geprüft, dann wurde eine Studie gemacht und so weiter und so fort. Das ist das, was ich vorhin meinte mit dieser Nebelkerze, dass dann den Menschen so Brotkuchen gegeben werden. Ja, in der Hoffnung, das wird sich bald ändern. Aber mir kann bis heute niemand sagen, was diese neue Entgeltregelung sein soll, wie viel wäre das pro Stunde?
Und solange das nicht mindestens Mindestlohn ist, werde ich für mindestens Mindestlohn kämpfen. Weil alles andere ist ja dann letztendlich auch eine minimale Verbesserung. Und wenn wir das System grundsätzlich anpacken würden, dann könnte man auch die Frage stellen, können wir Werkstätten nicht gestalten zu sogenannten Inklusionsbetrieben? Also wo die Hälfte der Belegschaft eine Behinderung hat und die andere Hälfte nicht, aber alle verdienen gleich viel.
Und nicht, dass Menschen mit Behinderung in Werkstätten ein Taschengeld bekommen und die EntscheiderInnen sind alle Menschen ohne Behinderung. Das heißt, du würdest auch nicht so weit gehen, und das hast du ja gerade schon so ein bisschen angedeutet, das Konzept der Werkstätten insgesamt in Frage zu stellen, sondern du würdest es nur ganz anders vorstellen.
Entwicklungspotenzial
Ich glaube, dass da auf jeden Fall ein Entwicklungspotenzial nach oben ist. Uns wird immer nachgesagt, wir würden den Menschen in den Werkstätten ihre Arbeit maulig machen. Wir würden fordern, dass die alle morgen auf der Straße sind. Ganz ehrlich, wenn ich mit den Menschen, die in den Werkstätten sind, spreche und ihnen klar mache, dass es mir einfach darum geht, dass für die Arbeit, die sie leisten, sie auch ordentlich gelohnt werden sollten, dann bekomme ich volle Zustimmung.
Und wenn ich sie frage, wer entscheidet eigentlich, was du produzierst, wie bist du eigentlich auf diese Beschäftigung gekommen, dann wird ganz oft gesagt, man wurde zugewiesen. Und ich stelle mir unter einem freien Arbeitsmarkt ein bisschen was anderes vor. Raul Krauthausen sagt das im Brandeins Podcast, und wir sprechen gleich weiter.
Konkrete Ansätze für inklusive Betriebe
Raul, dann machen wir es doch mal ein bisschen konkret. Du hast es schon angedeutet, du würdest dir das anders vorstellen. Wie würde denn so ein inklusiver Betrieb aus deiner Perspektive aussehen oder eben eine Werkstatt? Da braucht man gar nichts erfinden. Es gibt schon das sogenannte Budget für Arbeit. Das heißt, ich als Konzern oder als Firma mit mindestens 20 Angestellten bin ja verpflichtet, 5 % meiner Belegschaft mit behinderten Menschen auszugestalten.
Und wenn ich das nicht tue, dann muss ich eine sogenannte Ausgleichsabgabe bezahlen. Und wenn ich es tun würde, dann hätte ich ein Anrecht auf Unterstützung vom Staat. Das kann man mit dem Budget für Arbeit beispielsweise gestalten. Das heißt, nehmen wir mal an, jemand mit Trisomie 21 bewirbt sich für einen Beruf, meinetwegen in der Kantine oder in der Poststelle oder als Büroassistenz. Dann könnte diese Person für Assistenz, die sie selber benötigt, diese Kosten vom Staat bezahlt bekommen.
Nehmen wir mal Rollstuhlfahrer beispielsweise. Meine Person, ich kann nicht laufen, ich brauche Hilfe im Alltag. Ich brauche Hilfe beim, keine Ahnung, Ordner aus dem Regal holen, beim Laptop aufstellen und anschließen. Auch dafür hätte ich die Möglichkeit, Assistenz zu bekommen, die auch von der Arbeitsagentur bezahlt werden würde. Das heißt, der Arbeitgeber, der mich anstellt, der hätte sogar zwei Personen zum Preis von einer.
Chancen und Herausforderungen
Man könnte dann auch Aufgaben natürlich einem Menschen mit Behinderung genauso zuweisen, wie man sich einem nichtbehinderten Menschen zuweisen würde, weil er oder sie ja Assistenz hat. Wundert es dich manchmal, dass nicht mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber das als Chance sehen? Auch vielleicht, wir merken dass da schon auch Bewegung reingekommen ist aufgrund des Fachkräftemangels.
Natürlich auch Unternehmen zunehmend versuchen, auch neue Zielgruppen zu erschließen bei den BewerberInnen. Es ist mir ein bisschen zu einfach, wenn ich mich daran erinnere, dass der allgemeine Arbeitsmarkt ja nicht wollen würde, dass Unternehmen die klassischen Unternehmen dieses Thema meiden. Aber ich mache schon auch die Erfahrung, dass da eine sehr große Offenheit ist, dass sie aber schon auch Probleme damit haben, die Bürokratie zu meistern.
Und die Bürokratie, die kommt dann eben gar nicht so sehr von den Werkstätten, sondern die kommt dann vom Integrationsamt, von der Jobcenter oder der Rentenkasse, wo dann auch niemand so genau weiß, wie man das am besten finanziert beziehungsweise wer das von denen reinfinanzieren kann und soll. Da ist man dann als PersonalerIn wahrscheinlich auch schnell geneigt, dann doch lieber den nichtbehinderten Bewerber zu nehmen, obwohl es ein Recht darauf gibt.
Und mal flapsig gesagt, lieber die Ausgleichspauschale zu zahlen, als sich damit rumzuschlagen. Und das könnte ja dann auch ein Hinweis darauf sein, dass die Ausgleichsabgabe zu niedrig ist. Angenommen, die Ausgleichsabgabe wäre 1.000 Euro pro Monat statt 300 für jeden Menschen, der nicht beschäftigt ist, dann würde man als Unternehmen vielleicht auch einen wirtschaftlichen Anreiz sehen, zu sagen, okay, die 1.000 Euro kann ich ja dann auch gleich an das Personal stecken.
Bildungssystem und Integration
Also das wäre auch eine Idee, um die Situation für Menschen mit Behinderung zu verbessern, aus deiner Sicht. Würde den Arbeitgeber auch nicht mehr Geld kosten. Wenn der Staat jemand sagt, der muss sparen, wäre das ein Hebel, den er anwenden könnte. Was wären denn sonst noch Ansätze, diese ja wirklich krass niedrige Quote, du hast ja gesagt, in der Regel fast unter einem Prozent, zu erhöhen?
Also wir müssen auch am Bildungssystem arbeiten. Wie landet jemand eigentlich überhaupt in einer Werkstatt für behinderte Menschen? Was viele nicht wissen, ist, dass 90 Prozent der Neuzugänge in den Werkstätten inzwischen für Menschen mit sogenannten psychischen Erkrankungen sind. Das heißt, viele von denen waren vorher schon am allgemeinen Arbeitsmarkt. Und da kann man mal die Frage stellen, was macht eigentlich der Arbeitsmarkt mit Menschen, dass sie psychisch erkranken? Das ist ein größeres Fass, das man hier aufmachen kann.
Aber auch die anderen 10 Prozent, also Menschen, sagen wir mal mit Lernbehinderung, Menschen mit Körperbehinderung, die im Regelschulsystem aussortiert wurden und in sogenannten Förderschulen landen, die landen fast alle automatisch in den Werkstätten. Auch da wäre ein inklusives Schulsystem, also eine Regelschule, die Kinder mit und ohne Behinderung gleichermaßen beschult, eine Lösung.
Tipps für Unternehmen
Jetzt hast du die Unternehmerinnen und Unternehmer ja auch schon angesprochen. Und ich weiß oder wir wissen ja, dass viele Leute gerade hier diesen Brandeins Podcast von detektor.fm auch hören, die eben unternehmerisch tätig sind, die im Personal arbeiten. Was wäre denn so ein Tipp aus deiner Perspektive an diese Menschen, die jetzt hier gerade zuhören?
Also mein Tipp wäre zum Beispiel, sich Beratung zu holen. Unsere Organisation Sozialhilfe berät auch Unternehmen, auch Großkonzerne, wie sie ihre Belegschaft gewerkschaftlich gestalten können. Der allereinfachste Tipp wäre es, nicht bei der Formulierung zu belassen bei der Ausschreibung eines Jobs, Menschen mit Behinderung bei gleicher Eignung bevorzugt, sondern dann eben auch genau zu schauen, wie ist eigentlich der Workflow einer Bewerbung.
Also wenn, wie es ja inzwischen üblich ist, ich nur noch digital ein PDF-Dokument auf irgendeinem Jobportal hochladen kann, wie viele blinde Menschen schließe ich mit diesem Prozess eigentlich aus? Und warum biete ich nicht immer auch eine Alternative an, so etwas wie anrufen oder eine E-Mail schreiben? Warum muss das immer diesen einen Weg geben, der oft nicht durchdachtbar offen ist?
Erfurter Erklärung und deren Wirkung
Jetzt gibt es ja dieses Thema, das haben wir auch schon hier und da besprochen, schon seit vielen, vielen Jahren. Es gibt da beispielsweise auch die berühmte oder nicht so berühmte, aber doch mittlerweile bekannte Erfurter Erklärung. Die ist auch schon ein bisschen älter, aus dem November 2022. Da geht es genau auch darum, Menschen besser zu integrieren. Hat die aus deiner Sicht was geholfen oder ist es auch nur ein Papier, was am Ende wenig bewirkt hat?
Solche Papiere darf man nicht zu gering schätzen, aber auch nicht überbewerten. Überbewerten im Sinne von, so ein Papier ist erst mal ein Papier, wie du sagst, dass es noch lange nicht bedeutet, dass es umgesetzt wurde. Das ist natürlich sicherlich noch viel Luft nach oben. Aber gleichzeitig ist es immer auch wichtig, dass darüber gesprochen und debattiert und gestritten wird. Und dafür sind solche Papiere natürlich auch immer Anlässe.
Also dass sie zitiert werden, wie zum Beispiel jetzt in dieser Folge, dass auch die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 unterschrieben hat, ganz klar Deutschland auch kritisiert für das Werkstattsystem, dass solche Debatten wichtig sind und geführt werden müssen, um überhaupt etwas zu verändern.
Marathon der Veränderungen
Du hast angesprochen, dass das kein kurzfristiges Ding ist, sondern du hast gesagt, es ist eher ein Marathon. Wo seid ihr denn da in dem Marathon? Also ist es eher so Kilometer 10 oder sind wir schon in der Crunch Time, so irgendwo 30 Kilometer? Ich glaube, wir sind noch ganz am Anfang, Kilometer 2 vielleicht. Wir gehen davon aus, dass so ein Gerichtsverfahren ja auch sieben Jahre dauern kann.
Und das ist jetzt auch so eine Art Präzedenzfall, den wir hier schaffen wollen. Und da wird man einfach viel Geduld brauchen. Und vor allem dank Jürgen Linnemann, der Kläger, der gemeinsam mit uns diese Klage wagt, um die gesellschaftlichen Freiheitsrechte.
Wir haben auch gesagt, es geht nicht um diese eine Person. Es geht einfach darum, das jetzt mal grundsätzlich zu klären. Ist das so in Ordnung? Was gibt dir denn die Zuversicht, da jetzt die nächsten sieben Jahre weiter an diesem Thema zu kämpfen?
Also dadurch, dass wir das sowieso beruflich machen, uns mit dem Thema Inklusion und Menschenverbindung zu beschäftigen, sind sieben Jahre jetzt auch etwas, was man locker auch gerne stemmt. Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist, dass wir auch merken, dass sich die Akzeptanz in der Gesellschaft geändert hat.
Also ich habe schon auch den Eindruck, dass immer mehr Menschen es nicht nachvollziehen können, dass in Werkstätten weniger als im Mindestlohn bezahlt wird. Dass diese Debatte größer wird, das kann man auch mal in die Gerichte tragen. Und das trotz des ja doch auch vielerorten wahrgenommenen Wipe Shifts, so nach dem Motto, weg mit Diversity und Behindertenrechten und so.
Also es gibt nie einen perfekten Zeitpunkt. Und wenn man jetzt bereits, sagen wir mal, bevor die Messe gelesen ist, einknickt, glaube ich, würden wir auch niemals losziehen. Sagt Raul Krauthausen im Brandeins Podcast.
Und ich sage vielen Dank für das Gespräch. Sehr gerne. Und blicken wir mal ein wenig voraus auf die nächsten Episoden hier im Podcast. In den nächsten Wochen werden wir uns noch intensiver mit dem aktuellen Schwerpunkt der Brandeins beschäftigen, mit dem Titel Modular Denken.
Ich bin dafür beispielsweise mit Erik Hoffmann verabredet. Wir wollen darüber sprechen, warum Lego so gut dafür geeignet ist, Unternehmen zu zeigen, wo es lang geht. Und so viel kann ich verraten, wir haben hier im Detektor-Team auch mindestens zwei harte Series Lego-Fans.
Einen Link zum aktuellen Heft findet ihr natürlich in den Shownotes. Und solltet ihr mit dieser Episode hier zum allerersten Mal den Brandeins Podcast von detektor.fm entdeckt haben und unsere Arbeit vielleicht auch direkt unterstützen wollen, dann sagt es gerne weiter, dass es diesen Podcast gibt, dass ihr diesen Podcast entdeckt habt.
Hört mal in andere Episoden rein und lasst uns gerne fünf Sterne da, wenn es in eurer Podcast-App geht. Bei Apple Podcasts zum Beispiel ist das ziemlich einfach und funktioniert mit dem Plus rechts oben in der Ecke.
Für diese Woche bin ich raus. Wir können uns wie gewohnt nächsten Freitag hier im Podcast wiederhören, und ich wünsche euch bis dahin eine gute Zeit und sage einfach Tschüss.
Der Brandeins Podcast. Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brandeins Podcast wird produziert vom Podcastradio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brandeins Magazin. Moderation: Christian Bollert.