SKW, die Stickstoffwerke, die sind seit über 100 Jahren hier am Standort. Wir sind eine Chemiearbeiterstadt, schon immer gewesen. Und bis heute ist das auch einer der größten Arbeitgeber, die wir hier vor Ort haben. Das sagt Thorsten Zugehör, der Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg. Und das, was er da beschreibt, verdeutlicht, wie wichtig die chemische Industrie im Falle Wittenbergs und das Unternehmen SKW Pisteritz für Sachsen-Anhalt ist.
Die Chemieindustrie zählt zu den wichtigsten Branchen Sachsen-Anhalts und hat eine lange Tradition. Etwa 13.000 Menschen haben hier direkt einen Job. Doch angesichts der Klimaziele, geopolitischer Veränderungen und gestiegener Energiepreise steht sie vor enormen Herausforderungen. Wie geht es der Chemie in Sachsen-Anhalt? Welche Bedeutung hat ein Unternehmen wie SKW Pisteritz für eine Stadtgesellschaft wie die von Wittenberg? Und wie kann die Branche zukunftsfähig bleiben? Das ist unser Thema heute bei Dazwischen.
Ja, wer aufgepasst hat, der hat es gemerkt. Eigentlich wollten wir nämlich heute über das Bildungssystem sprechen. Diese Folge haben wir aber um eine Woche verschoben, weil wir einen ganz besonderen Interviewgast dafür gewinnen konnten. Wen, das verraten wir aber erst mal noch nicht. Ich musste in der letzten Woche viel nochmal über unsere Migrationsfolge nachdenken, auch weil ich tatsächlich Nachrichten zugeschickt bekommen habe. Das passiert bei mir persönlich jetzt gar nicht so oft, dass ich so direkt eine bekomme von jemandem. Und zwar genau zu dem, was bei mir auch hängen geblieben ist.
Und das waren so die Impulse von Undra Dressler, der Geschäftsführerin. Und das hat mir auch eine Kollegin geschrieben, dass sie, was Frau Dressler da beschreibt, sehr nachdenkenswerte Impulse waren. Sie hätte sich tatsächlich noch ein bisschen mehr gewünscht, reinzuschauen, was die Forderung nach Mehrsprachigkeit bei Lamsa bedeutet, weil sie findet, das Thema Integration und Deutsch lernen ist sehr wichtig. Das stimmt, das haben wir in der Form nicht besprochen.
Aber wie war es bei dir so? Also ich bin tatsächlich hängen geblieben bei unserer Reflexion zum Thema Objektivität und AfD, auch weil ja am Wochenende der Parteitag war in Erfurt und es da nochmal viele Bilder und Interviews gab. Und ja, ich habe für mich festgestellt und auch im Gespräch mit anderen, dass es irgendwie gut war, auch nochmal so ein bisschen befreiend, nochmal klarzumachen, naja, wir sind ja nicht nur Journalistinnen, wir sind auch Menschen und wir haben da irgendwie auch Meinungen und auch Gefühle zu diesen Themen.
Und uns hat auch Michael geschrieben und er hat gesagt, dass er das nicht nur notwendig fand, sondern vor allem auch klarstellen. Und das hat mich irgendwie auch gefreut, dass das auch gut angekommen ist, dass wir da nochmal so ein bisschen auch erzählt haben, wie es uns damit geht. Stimmt, das hat mich auch sehr beschäftigt. Und das wird uns beide ja auch weiter beschäftigen in den kommenden Folgen. Und deshalb bin ich gespannt, was da noch so für Feedback kommt.
Fragen von Zuhörern
Und Anne, du hast auch noch was mitgebracht. Ja, und zwar fragt Friedrich auf Mastodon, wann im Podcast die 40 Prozent der Menschen zu Wort kommen, die es richtig finden, wenn 80 Prozent der nicht deutsch Verwurzelten das Land verlassen. Und er fragt weiter, wann wir Menschen damit konfrontieren, dass dann ihr Leben zusammenbricht, weil die Zukunft ohne Integrationsfähigkeit nicht funktioniert.
Also ich finde das total interessant, weil diese Frage, wie sehr lässt man Menschen zu Wort kommen, die zu diesen 40 Prozent gehören, die stellen wir uns natürlich auch immer mal wieder. Ich glaube, den zweiten Teil, den Leuten zu sagen, dass ohne Integration, naja, ihr Leben zusammenbricht, aber zumindest eben auch die Gesellschaft vielleicht in Sachsen-Anhalt, das haben wir, glaube ich, gemacht in der Migrationsfolge.
Wir haben ja sehr deutlich gemacht, dass es eigentlich keine Frage ist, ob wir Migration haben wollen, sondern eher wie wir miteinander leben wollen. Einfach, weil der demografische Wandel eben in Sachsen-Anhalt so ist, wie er ist. Aber vielen Dank natürlich für dieses spannende Feedback. Das könnt ihr auch jederzeit tun. Wir freuen uns und lesen das auch alles. Einfach eine Mail an dazwischen at detektor fm. Ihr findet uns aber auch in sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook und Mastodon. Einfach mal nach detektor fm suchen.
Industriezweige in Deutschland
So, Katja, was glaubst du, sind die drei wichtigsten Industriezweige in Deutschland? Also sicher bin ich mir bei der Automobilbranche. Da wir heute über Chemie sprechen, nehme ich an, sie ist auch dabei. Und das dritte vielleicht so was wie die Metallindustrie. Das hätte ich gar nicht so schlecht. Also Fahrzeugbau, Maschinenbau und dann der drittgrößte Industriezweig ist die chemisch-pharmazeutische Industrie.
Etwas mehr als 450.000 Menschen arbeiteten zuletzt, laut Bundeswirtschaftsministerium, in dieser Branche, bei der man meist irgendwie an so große Player denkt wie Bayer und BASF. Interessanterweise ist diese Branche insgesamt aber vor allem von Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten geprägt. Und davon gibt es eine ganze Menge in Sachsen-Anhalt. Denn die Chemiebranche ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes.
Wenn man sich die Zahlen anschaut, haben wir auch schon mal kurz am Anfang gehört, sind etwa 13.000 Menschen direkt in der Chemie beschäftigt. Etwa 50.000 sind es, wenn man sich die gesamte Wertschöpfungskette anschaut, die daran hängt. Also eben nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch verschiedene Zulieferer von beispielsweise Rohstoffen, die dann eben weiterverarbeitet werden oder vielleicht auch konkreter Produkte.
Chemie und ihre Bedeutung
Ganz genau. Und ich bin ehrlich, wenn ich bislang an Chemieunternehmen gedacht habe, ja, dann waren das vor allem irgendwie Unternehmen, die vielleicht Lösungsmittel, irgendwelche Säuren für die Industrie erstellen, vielleicht Reinigungsmittel, Raffinerien, sowas eben. Aber das habe ich bei der Vorbereitung auf diese Folge gelernt. Chemie ist eigentlich sehr viel weiter gefasst und betrifft viel mehr. Alles um uns herum ist quasi irgendwie entstanden in irgendeiner Form aus Basischemikalien.
Es gibt zehn Basischemikalien, mal über den Daumen, zehn Basischemikalien, aus denen 70.000 Folgechemikalien hergestellt werden. Ich gebe Ihnen mal ein paar plastische Beispiele. Nur mal ein Beispiel: Wenn Sie morgens aufstehen und Sie wollen auf Arbeit fahren, verspüren Hunger. Was machen Sie? Sie essen was. Das Brötchen, das Brot, was Sie früh zu sich nehmen, das ist nur deshalb auf dem Teller, weil es irgendwann über Dünger auf dem Feld gewachsen ist und dann zu Brot verarbeitet werden konnte.
Das sagt Karsten Franzke. Er ist Geschäftsführer der Stickstoffwerke Pisteritz. In dieser Funktion steht er natürlich sehr hinter seiner Branche. Aber das ist ja auch sein Job, die Bedeutung hervorzuheben. Was ich mit diesem Ton verdeutlichen wollte: Die Chemiebranche ist in dem, was sie herstellt, wahnsinnig vielseitig und eben auch wahnsinnig wichtig, gerade für Sachsen-Anhalt.
Das bekannteste chemische Zentrum ist hier wahrscheinlich Leuna. Ich glaube, es gibt keine Person in Sachsen-Anhalt, die nicht schon mal von den Leuna-Werken gehört hat. Auf jeden Fall. Also ich glaube, am bekanntesten ist wahrscheinlich, dass es dort eine Raffinerie von Total Energies gibt und von dort aus alle Tankstellen in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen versorgt werden. Das finde ich total verrückt. Vor allem, wenn man abends daran vorbeifährt, kann man die Raffinerie eigentlich nicht übersehen, denn die leuchtet richtig schön.
Ja, ich habe mal gelesen, Fun Fact, dass etwa 30.000 Lampen das Gelände beleuchten. Ich hoffe, es ist LED. Sonst kostet das wahrscheinlich ganz schön. Ja, ich würde auch sagen, das ist so wirklich mit das erste Unternehmen, was mir mit einfällt. In Leuna produzieren heute noch etwa 100 verschiedene Unternehmen. Davon sind etwas mehr als 30 wirklich Chemieunternehmen. Der Rest sind mittlerweile Dienstleister wie TÜV Nord oder auch Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme.
Chemiedreieck und seine Geschichte
Und na ja, wenn wir über Leuna reden, dann fällt oft auch das Wort Chemiedreieck: Leuna, Bitterfeld, Merseburg. Diese Region bildet das Chemiedreieck und prägt Sachsen-Anhalt schon ziemlich lange. Deshalb gibt es jetzt auch einen kleinen historischen Exkurs, weil ich glaube, das ist wichtig, um die Bedeutung und vor allem die Verwurzelung dieser Branche in Sachsen-Anhalt zu verstehen. Unterstützung gibt es dafür von Winfried Bettecken. Er ist ehemaliger Hörfunkchef von MDR Sachsen-Anhalt, um das transparent zu machen, und hat in diesem Jahr ein Buch geschrieben: „Von Sachsen-Anhalt in die Welt“.
Das Chemiedreieck, das wir so nennen und so, wie wir es kennen, ist schon 200 Jahre alt. Die Ursprünge, also die Wiege, liegt so um das Jahr 1800 herum. Wir müssen uns mal vorstellen, in ganz Europa, so auch hierzulande, herrscht Energieknappheit. Alles Holz, das man für Energie braucht, ist verbraucht. Man braucht einen neuen Energieträger. Gefunden wird aus der Not ausgerechnet hier in Mitteldeutschland die Braunkohle.
Die Braunkohle kann man verfeuern für alles, was man in der Chemie braucht. Und vor allen Dingen eine Entdeckung trägt dazu bei, die hat der Bergarbeitersohn Carl Adolf Riebeck entdeckt. Diese Braunkohle hier in Mitteldeutschland enthält Teer, sehr viel Teer. Und diesen Teer hat er rausgeschwelt aus der Braunkohle mit einem neuen Verfahren und ist damit zum Schwellkönig in Europa aufgestiegen. Naja, und das hat dann eben den Grundstein gelegt für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt, so wie wir sie heute kennen.
In Leuna wurde das erste, ich sag mal, richtige Werk dann 1916 gebaut von Carl Bosch im Auftrag für BASF. Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Zeit. Leuna entwickelt sich durch all diese historisch prägenden Zeiten. Wichtige Erfindungen wurden dort gemacht. Zum Beispiel wurde 1923 erstmals dort synthetisches Methanol entwickelt. Daraus werden beispielsweise heute Kraftstoffe wie E Fuels gemacht. Und der Farbfilm von Aqua kommt ja dann etwas später, so Mitte der 30er Jahre. Aber ja, auch eine Erfindung aus dem Chemiedreieck.
Auf jeden Fall. Was hier aber wirklich auch nicht unter den Tisch fallen darf: In dieser chemischen Industrie und gerade auch in den Leuna-Werken haben zur NS-Zeit bis zu 10.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge unter unmenschlichsten Bedingungen gearbeitet und wurden ausgebeutet. Das ist natürlich eigentlich der Tiefpunkt dieses Chemiedreiecks. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann auch einen ziemlichen Einschnitt.
Zum einen, weil die Amerikaner Fachkräfte und auch Know-how abgeworben haben. Zum anderen aber auch durch die Reparationen, die man ja an Russland leisten musste. Da wurden also auch viele Anlagen zum Beispiel abgebaut. Ja, und danach begann eine Zeit, die bis heute ja die Identität Sachsen-Anhalts prägt. Zu DDR-Zeiten wird Leuna wieder aufgebaut. Die Chemiebranche und das Chemiedreieck werden extrem wichtig für die Wirtschaft der DDR.
Ja, und den Preis dafür zahlt vor allem die Natur. Also meine Familie erzählt wirklich heute noch, wie in manchen Tagen Schaum auf der Mulde schwamm. Hier fließt ja auch durch Dessau, wenn ja im Bitterfeld-Wolfen mal wieder irgendwelche ungereinigten Abwässer eingeleitet wurden. Ja, die Folgen sieht man ja auch heute noch. Ich sage nur Giftmüllgrube Brüche. Auch.
Also wir haben ja jetzt schon darüber gesprochen, dass die Branche heute wieder sehr wichtig für Sachsen-Anhalt ist. Ich weiß aber, dass während der Wiedervereinigung eigentlich gar nicht wirklich geplant war, dieses Chemiedreieck und Leuna zu erhalten. Das stimmt. Geendet hat das wohl in diesem Fall tatsächlich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl von der CDU. Nach der friedlichen Revolution von 1989 und Helmut Kohl, der Bundeskanzler der Einheit, besucht im Mai oder Juni, glaube ich, 1990 das Chemiedreieck und lässt einen überlebensgroßen und sehr lebenswichtigen Rettungsring auf dem Chemiedreieck nieder.
Denn mit seinem Machtwort, das er spricht, wird das Chemiedreieck erhalten. Dieses Chemiedreieck darf nicht verloren gehen, sagt Helmut Kohl, weil er sieht, dass das das Industrieherz des Ostens ist. Ein Kahlschlag wäre noch verheerender gewesen als sowieso schon die gesamte Privatisierung. Er garantiert diesen Chemiestandort. Ganz konkret verspricht Kohl am 10. Mai 1991 den Erhalt des mitteldeutschen Chemiedreiecks. Da waren längst viele Betriebe abgewickelt und geschlossen. Tausende hatten schon ihre Jobs verloren.
Meinen Zahlen Anfang 1989 arbeiteten in Sachsen-Anhalt etwas mehr als 150.000 Menschen in der Chemie. Mitte 91 arbeiten hier nur noch etwa 58.000 Menschen. Okay, krass. Also da hat sich die Zahl quasi, bevor Kohl kam, schon halbiert. Ja, und bis sich die Branche dann von solchen Einschnitten erholt hat, das dauerte natürlich Jahrzehnte.
Chemieparks in Sachsen-Anhalt
Was glaubst du? Und die Frage geht auch an alle, die diese Folge hören. Ihr könnt jetzt mal gerne mit überlegen, wie viele Chemieparks gibt es heute noch in Sachsen-Anhalt? Ehrlich gesagt fallen mir nur die drei an, über die wir heute schon gesprochen haben. Also Leuna, Bitterfeld-Wolfen und Pisteritz. Genau. Die drei sind es auf jeden Fall.
Also der Agrochemiepark in Pisteritz, nicht nur das SKB-Werk Bitterfeld-Wolfen, der Infraleuner, also der gesamte Standort in der Chemieindustrie in Leuna. Und dann gibt es noch den Chemie- und Industriepark ZEIT und den Dow Value Park in Schkopau. Böhlen. Das war mir tatsächlich vor der Folge gar nicht so bewusst, dass es fünf Standorte gibt, weil ja auch immer von dem Dreieck gesprochen wird.
Und Pisteritz hätte ich auch aufzählen können, beziehungsweise eben eigentlich nur das Unternehmen SKW, weil wenn ich als Kind mit meiner Familie mal nach Wittenberg gefahren bin, dann oder auch heute noch, dann kommt man da zwangsläufig von Dessau aus gesehen ja gerade vorbei. Pisteritz ist ein Ortsteil von Wittenberg. Und ich habe mich damals immer gefragt, wenn wir da so vorbeigefahren sind an den Hohenzäunen: Was ist denn da eigentlich? Was machen die denn? Was machen die denn da?
Ja, na ja, als Kind sieht ja auch alles noch mal viel größer aus. Heute weiß ich, SKW steht für Stickstoffwerke. Und anhand von diesem Unternehmen kann man ziemlich gut zeigen, welche Bedeutung Chemiestandorte wie dieser eben nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch ganz konkret für einzelne Regionen haben. Und deshalb bin ich für diese Podcast-Folge dorthin gefahren.
Das Betriebsgelände hört sich so an und sieht auch genauso aus, wie man sich das vorstellt. Überall gehen Rohre lang. Es sind an mehreren Stellen Schienen verlegt. Darüber fahren Güterwaggons. Und was dort hergestellt wird, lässt sich eigentlich ziemlich einfach erklären. SKW stellt Düngemittel her auf Basis von Stickstoff oder auch AdBlue, das Dieselfahrzeuge benötigen, um die schädlichen Stoffe in ihren Abgasen zu Stickstoff und Wasserdampf umzuwandeln.
Und tatsächlich gehört SKW mit zu den größten AdBlue-Herstellern Europas. Quasi zeitgleich zu den Leunerwerken 1915 wurde auch in Pisteritz der Grundstein für die Chemie gelegt. Die meisten kennen das Unternehmen vielleicht auch noch als VEB Agrochemie Pisteritz. 1993 wurde dann daraus SKW. Und seit 2006 ist alleiniger Eigentümer das tschechische Unternehmen Agrofert.
Kleine Seitennotiz dazu: Agrofert ist nicht irgendein Konzern. Er gehört dem Milliardär André Babisch, Parteivorsitzender der populistischen ANO und seit 2025 erneuter Regierungschef in Tschechien. Eine kleine nachträgliche Ergänzung an dieser Stelle: Mit seinem Wahlsieg im Herbst 2025 wurde André Babisch vor seinem Amtsantritt dazu aufgefordert, Interessenkonflikte zu lösen. In diesem Zuge erklärte er seinen Rückzug von Agrofert.
Auf der Webseite des Unternehmens steht heute: Alleiniger Gesellschafter von Agrofert ist Herr Wilfried Reinhard Elbs als Treuhänder des RSVP Trust, eines privaten Treuhandfonds. Der Fonds und sein Verwalter sind völlig unabhängig von Agrofert und unabhängig vom vorherigen Aktionär, Herrn André Babisch. Nur muss man auch wissen, als Babisch schon einmal Regierungschef war, wurde Agrofert auch in Treuhandfonds überführt. Diese wurden dann wieder aufgelöst, sodass er wieder alleiniger Eigentümer werden konnte.
Politische Verbindungen und Herausforderungen
Okay, warte mal. Also einem tschechischen Rechtspopulisten gehört ein riesiges Unternehmen, das total wichtig ist für Arbeitsplätze und Steuern in Sachsen-Anhalt. Also das macht mir schon ein bisschen Bauchschmerzen. Das kann ich nachvollziehen. Das ist jetzt tatsächlich keine unbekannte Information. Aber ich verstehe deinen Bauchschmerzenpunkt, denn naja, wir haben ja auf der einen Seite einen riesigen Konzern, der vor allem im Agrarsektor und in der Lebensmittelproduktion tätig ist.
Und dahinter steht ein Mann aus einer Partei wie der ANO, ja, die sehr wirtschaftsliberal ist. Anfang diesen Jahres hat Babisch zum Beispiel einen Brief an die EU geschrieben, in dem er die hohen Preise für die CO2-Zertifikate im Emissionshandel kritisiert. Die werden in dieser Folge noch wichtig. Also da gibt es eine sehr enge Verbindung von Wirtschaft und Politik, die Fragen aufwirft.
Ja, ich fürchte, leider, die werden wir an dieser Stelle auch nicht beantworten können und mein Bauchschmerzgefühl damit leider auch nicht so richtig beruhigen. Aber lass uns vielleicht noch mal auf SKW Pisteritz direkt zurückkommen. Die wollen wir ja heute als Beispiel für die Chemieindustrie in Sachsen-Anhalt angucken. Wie viele Menschen arbeiten denn dort?
Also bei SKW arbeiten etwa 1.000 Menschen. Wir haben ganz am Anfang ja aber schon so über Wertschöpfungskettenzulieferer gesprochen. Und das gilt auch hier. Wittenbergs parteiloser Oberbürgermeister Thorsten Zugehör sagt, an dem Standort hängen insgesamt 10.000 Arbeitsplätze. Und nicht nur das. Das Unternehmen ist für Wittenberg nicht nur Arbeitgeber, sondern auch sehr verwoben.
Wir haben ja auch ein Gesundheitszentrum und ein Ärztehaus bei uns. Der Sportbereich der Mitarbeiter zum Motivieren und Gesundbleiben, aber auch die Kinderbetreuung. Diese Art und Weise der Aktivitäten für die Belegschaft, für die Mitarbeiter, das ist ja heute ein wichtiger Teil im wichtigen Kampf, im wichtigen Wettbewerb um Fachkräfte. Also es gibt mittlerweile drei Kitas, die auch Familien zur Verfügung stehen, wenn Plätze frei sind, die eben nicht bei SKW arbeiten.
Es gibt ein Hort, es gibt ein Aus- und Weiterbildungszentrum. Das klingt so, als hätte man sich bei SKW gut überlegt, wie man mit dem Fachkräftemangel umgeht. Ja, Fachkräftemangel ist natürlich auch für Sie ein Thema. Haben wir ja schon viel besprochen im Podcast. Und Sie sagen, dass Sie natürlich einen Rückgang an Bewerbungen merken, aber bislang noch jede Stelle wohl besetzen konnten.
Das soll jetzt hier kein Werbeblock für SKW Pisteritz sein, sondern es soll einfach mal zeigen, wie dicht verwoben das Unternehmen mit der Stadt Wittenberg ist. Und das hat mir auch Wittenbergs Oberbürgermeister Zugehör eben noch mal erklärt. Also SKW hat seit vielen Jahren mit einem klugen Blick über den eigenen Werkzaun hinaus in den Standort, in die Stadt investiert, weil sie wissen, sie brauchen natürlich auch die klugen Menschen, die dort arbeiten, weil sie sagen, wir werden hier nur Erfolg haben und uns wird es gut gehen, wenn es auch der Stadt und den Bürgern und Bürgerinnen gut geht.
Ich glaube, das ist erst mal ganz wichtig. Und das Zweite ist, dass die natürlich auch sehr als wirtschaftlich starkes Unternehmen in die Stadt, sagen wir mal, nicht nur in die Hardware, sondern auch in die Software investiert haben, mit Spenden für Kulturveranstaltungen, für den Kultursommer, für einzelne Vereine und Initiativen.
Die waren dabei bei der Initiative, die haben die dort damals ausgelöst: Groß hilft Klein, als es während der Corona-Zeit den kleinen Händlern sehr, sehr schlecht ging. Dann haben die Geld gegeben, halt nicht rückzahlbar, und haben gesagt: Da habt ihr Geld zum Überleben, damit ihr euer Business halten könnt.
Ja, das klingt natürlich erst mal gut, aber schafft das nicht auch so eine Form von Abhängigkeit von so einem Unternehmen? Ja, also SKW wird für Wittenberg so natürlich zu mehr als einem Arbeitgeber. Und das, was Thorsten Zugehör hier beschreibt, ist für viele Städte mit ganz großen Unternehmen ja kein so unbekanntes Szenario. Gucken wir mal nach Stuttgart zur Automobilbranche, wo das gerade ganz krass ist. Denn wo eine Stadt profitiert, entsteht im Umkehrschluss auch eine Abhängigkeit.
Herausforderungen der Chemiebranche
Und genau das tritt gerade in vielen Regionen, nicht nur in Sachsen-Anhalt, ein. Denn große Teile der Chemieindustrie stehen vor Herausforderungen. Diese Herausforderungen der Chemiebranche hängen mit mehreren Faktoren zusammen. Dazu gehören zum Beispiel hohe Preise für Energie und Rohstoffe, der Umstieg auf umweltfreundlichere Verfahren und die Auswirkungen der gesamten Wirtschaftslage. Darüber haben wir ja schon in unserer Folge über die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt gesprochen.
Aber was ja, glaube ich, auch mit rein spielt: Deutschland hat sich ja zu Klimazielen verpflichtet. Also man will bis zum Jahr 2045 treibhausneutral werden, hat einen Ausstieg aus den fossilen Energien beschlossen. Erdgas sogar schon bis 2035. Das ist für die Chemieindustrie wahrscheinlich besonders schwierig. Ja, schauen wir uns deshalb das Ganze nochmal am Beispiel von Pisteritz an.
SKW Pisteritz, die stellen vor allem Harnstoffe und Ammoniak her, was wiederum weiterverarbeitet wird zu zum Beispiel Düngemitteln. Und dafür brauchen sie vor allem Erdgas. Und das ist hier kein Energieträger, sondern Rohstoff für weitere Produkte, wie mir Carsten Franz erklärt hat. Wir verwenden den Wasserstoff und den Kohlenstoff aus dem Erdgas für die Erzeugung von Produkten. Das ist das Haber-Bosch-Verfahren und es gibt zurzeit kein anderes Verfahren, was über diesen Weg Ihnen diese Produkte stofflich, jetzt chemisch, ermöglicht.
Also es wird durchaus an anderen Verfahren geforscht, die sind aber noch nicht marktreif. Und deshalb braucht SKW so viel Erdgas und ist auch laut eigenen Angaben der größte Erdgasverbraucher Deutschlands. Und das ist angesichts der geopolitischen Veränderungen ein Problem. Vor dem Ukraine-Krieg haben sie, wie viele, günstiges russisches Gas bezogen. Wir wissen, das ist aktuell nicht mehr möglich.
Wir haben darüber sehr ausführlich in der Wirtschaftsfolge besprochen. Die hohen Kosten für Energie und Rohstoffe, die jetzt damit aber auch auf SKW zukommen, haben nicht nur auf sie Auswirkungen, sondern die gesamte Branche. Zum Beispiel hat da uns Infraleuner auf Nachfrage geschrieben: Wir haben massive Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit und die gesamte energieintensive Industrie befindet sich in einer Notlage, insbesondere aufgrund der anhaltend hohen Energiepreise.
Sie sagen zum Beispiel, ihre Kosten für Erdgas haben sich verdoppelt. Wichtig: Der Wegfall vom russischen Erdgas ist nicht allein dafür verantwortlich. Infraleuner spricht auch von verschiedenen Ursachen. Dazu zähle für sie auch der Ausstieg aus der Kernenergie in Kombination mit einer reduzierten Kohleverstromung. Hinzu käme der europäische Emissionshandel.
Um hier alle nochmal abzuholen: Seit 2005 wird dieser Handel das zentrale Klimaschutzinstrument der EU. Es gibt eine Obergrenze für das Treibhausgas CO2 und pro Tonne wird ein Preis festgelegt. Unternehmen müssen für jede ausgestoßene Tonne CO2 ein Emissionszertifikat erwerben. Die Idee: Wer viel davon ausstößt, soll so animiert werden, in moderne, klimafreundliche Technologie zu investieren. Eine ganze Weile wurden zur Überbrückung jetzt kostenfreie Zertifikate herausgegeben. Das ändert sich aber.
Du hast jetzt relativ viele Punkte angesprochen. Du hast gesprochen über hohe Energiepreise, über Erdgas als Rohstoff und über den CO2-Ausstoß und CO2-Zertifikate. Das wirkt sich ja wahrscheinlich jetzt schon auf diese Branche aus. Ja, Infraleuner schreibt: Seit 2022 ist die Zahl der Beschäftigten in der Chemieindustrie in ganz Deutschland um drei Prozent geschrumpft. Und dass die chemische Industrie unterhalb der wirtschaftlich notwendigen Auslastung arbeite.
Entlassungen bei SKW
Okay, das klingt auf jeden Fall ziemlich dramatisch. Wie war es denn bei SKW? Gab es da auch schon Entlassungen? Tatsächlich bislang nicht, sagen sie, weil sie haben ja Fachkräftemangel auch und sie stecken sehr viel Geld in ihre Fachkräfte, eben auch in Aus- und Weiterbildung. Und die sagen, na ja, wenn wir die jetzt einfach gehen lassen, weil es gerade vielleicht ein bisschen schlechter läuft, dann sind die aber weg. Und das wollen die nicht.
Aber du erinnerst dich vielleicht auch an die Berichte darüber, als SKW Anfang 2022 die Produktion drosseln musste.
Da kam es tatsächlich zu einem Versorgungsengpass mit AdBlue, was dann wiederum direkte Auswirkungen auf die Logistikbranche hatte. Wurde wahnsinnig viel darüber berichtet. Ich erinnere mich.
Jetzt hat ja alles, was du beschrieben hast, mit dem Thema Energiewende, Klimawandel zu tun. Und das sind ja Dinge, mit denen wir uns jetzt nicht erst… seit fünf Jahren beschäftigen. Also könnte man ja auch denken, da hätte man sich in der Chemieindustrie vielleicht ja auch darauf vorbereiten können. Das stimmt. Und es ist jetzt nicht so, als wäre da gar nichts passiert.
Also seit 1990 hat die Chemieindustrie trotz wachsender Produktion insgesamt in ganz Deutschland ihren CO2-Ausstoß bereits um etwa 60 Prozent reduziert. Aber die Energiewende zu vollziehen, beziehungsweise in diesem Fall geht es ja vor allem darum, den hohen Energiebedarf, den sie haben, zu decken mit erneuerbaren Energien. Das ist für die Branche sehr schwer umsetzbar, wie Wolfgang Hübinger erklärt.
Der Experte hat lange für BASF gearbeitet und ist heute Vorstandsmitglied der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Energiewende wird gemeinhin die Umstellung von fossilen Energieträgern zu erneuerbaren Energien, also Strom aus Sonne, Wind und Wasser, definiert und damit auch die einhergehende Elektrifizierung von Haushalten, zum Beispiel mit der Wärmepumpe oder von Fahrzeugen.
Bei uns in der Grundstoffindustrie, also Eisen und Stahl, Zement und chemische Industrie, betreiben wir Stoffumwandlungen für die materiellen Bedürfnisse der Menschen. Das hatte ich Ihnen gerade erklärt. Ob Eisenerz zu Eisen, Kalkstein zu Zement oder Öl und Gas zu Grundprodukten der Chemie werden, in allen Fällen brauchen wir sehr viel Energie dafür, bei sehr hohen Temperaturen. Das liegt in der Natur der Sache und ist als solches nicht abkürzbar.
Naja gut, aber ich meine, wir kommen ja nicht drumherum. Die Klimaziele sind gesetzt, also müssen sich ja auch die Unternehmen irgendwie damit auseinandersetzen. Du warst bei SKW Pisteritz. Welche Gedanken machen Sie sich denn ganz konkret dazu?
Also laut Carsten Franzke machen sie sich Gedanken dazu und investieren auch bereits viele Millionen Euro. Sie setzen da vor allem auch auf Kreislaufwirtschaft, also dass so wenig Rohstoffabfall wie möglich entsteht und möglichst viel weiter verwertet werden kann. Also das CO2, was anfällt, verkaufen sie beispielsweise auch weiter an Brauereien für Kohlensäure.
Die entstehende Wärme leiten sie wiederum weiter zu Wittenbergs Gemüse GmbH. Die ist direkt nebenan und die beheizen damit ihre Gewächshäuser, in denen zum Beispiel Tomaten angebaut werden. Und auch CO2 geht dorthin, weil das die Photosynthese anregt. Dann kriegen wir ganz große Tomaten.
Also CO2-Reduktion ist offensichtlich schon ganz gut abgedeckt bei SKW Pisteritz. Aber auf lange Sicht geht es ja auch um den Rohstoff, den sie nutzen, nämlich Erdgas. Das ist ja ein Problem, weil Erdgas ist ja endlich. Inwiefern gibt es da Überlegungen umzusteigen?
Also technisch gesehen ist da schon einiges möglich. Eine Möglichkeit wäre grüner Wasserstoff. Heißt, sie gewinnen den Wasserstoff nicht mehr aus dem Rohstoff Erdgas, den sie brauchen, sondern sie nehmen grünen Wasserstoff. Und der entsteht, wenn Wasser mithilfe regenerativer, also grüner Energien wie Wind oder Solar aufgespalten wird.
Dieser Wasserstoff könnte auch eigentlich ziemlich direkt in den Anlagen von Pisteritz genutzt werden. Ja, da will Sachsen-Anhalt ja auch Vorreiter sein. Hat, soweit ich weiß, da auch schon viel in Forschung und auch in Projekte investiert.
Das Problem ist ja aber, dass man einfach gar nicht so viele Mengen herstellen kann, wie man eben an grünem Wasserstoff braucht. Ganz genau. Dazu nochmal der Chemie-Experte Wolfgang Hübinger. Wenn sie jetzt grünen Wasserstoff einsetzen wollten, dann hat sie erst einmal das Thema, dass die grünen Wasserstoff, also sprich Elektrolyseanlagen, heute zwar am Markt verfügbar sind, kann man bei mehreren Firmen kaufen.
Allerdings noch nicht in dem großen Maßstab in Betrieb sind, wie der Bedarf an Wasserstoff ist. Das ist ein Zeitphänomen, das wird man hinbekommen. Von der Technik, von der Struktur der Technik ist das so, dass es immer sehr viel Geld also mehr Investitionsmittel abfordern wird und zwar auf faktorenhöhere Investitionsmittel als es die bisherige Technologie braucht.
Das ist Technologie, man nennt sie, und sie brauchen mehr und teurer Energie. Heute haben wir die Stromversorgung mit Gaskraftwerken als mindestens Backup-Lösung. Das heißt, das Gaskraftwerk definiert den Strompreis. Ein richtig gutes Gaskraftwerk macht aus einer Kilowattstunde Gas eine knappe halbe Kilowattstunde Strom.
Das heißt, damit definiert sich der Gas- und der Strompreis. Der Strompreis wird mindestens doppelt so teuer sein wie der Gaspreis. In der Praxis ist es in Deutschland fast das Vierfache. Also müssen wir Ecken der Welt finden, wo Strom sehr billig ist. Das wird nun in aller Regel leider nicht Deutschland sein.
Photovoltaikanlagen wären eine Möglichkeit, günstig viel Strom zu produzieren. Aber Hübinger sagt, in der benötigten Menge könne Deutschland das gar nicht allein leisten. Ja, da wird ja immer wieder von so großen Offshore-Parks oder auch Solaranlagen irgendwo in der Wüste gesprochen, wo dann Elektrolyseanlagen direkt angeschlossen sind und man da eben diesen grünen Wasserstoff produziert.
Aber da macht man sich natürlich auch wieder abhängig von anderen Ländern. Ja, und ein anderer Rohstoff wäre laut Carsten Franzke für sie tatsächlich auch noch Biomethan. Aber auch davon gäbe es derzeit einfach viel zu wenig.
Okay, also es gibt Alternativen, aber die Umstellung ist eben auch nicht ganz so einfach. Jetzt hast du vorhin schon Emissionshandel angesprochen. Der soll ja auch zum Erfüllen der Klimaziele beitragen. Aber ich habe schon rausgehört, die Chemieindustrie hat ein Problem mit. Warum?
Genau, auch SKW beklagt sich darüber, weil sie sagen, sie stoßen ja gar nicht so viel CO2 aus. Es sei bei ihnen ein Rohstoff, den sie wiederverwenden in einem ihrer Hauptprodukte, nämlich Ammoniak. Und das ist so eine Form, wenn man CO2 in ein neues Produkt einbringt.
Das nennt man CCU Verfahren. Das steht für Carbon Capture Utilization. Und damit ist gemeint, dass man halt so eben CO2 für weitere Produkte nutzt. Und das wird als eine Technik angesehen, die die Klimaziele erreichen soll. Und das Problem, also die Idee dahinter ist, dass dieses CO2 nicht in die Atmosphäre gelangt.
Eine andere Variante wäre CCS. Da wird das CO2 dann quasi nicht in ein Produkt verbracht, sondern dauerhaft unterirdisch in der Erde gespeichert. Und Pistoritz sagt eben so, ja, bei uns entsteht sehr viel CO2, aber wir stecken das doch in ein Produkt rein. Nur leider ist von der Regulatorik der Harnstoff derzeit ausgeschlossen, dass dieses CO2 in dem Harnstoff anerkannt wird als CO2-Bindung.
Wir zahlen auf die gesamte Produktion CO2-Zertifikate und haben eigentlich das CO2. Wir geben es nicht in die Luft, sondern wir geben es in den Harnstoff. Naja, das Problem bei CCU ist aber, dass aus wissenschaftlicher Perspektive diese Verfahren eigentlich gar nicht so viel beitragen, die Klimaziele zu erreichen.
Also einfach nicht so gut sind, wie die Industrie es glaubt. Im Fall von SKW wird das CO2 ja im Harnstoff und dem daraus resultierenden Düngemittel zwar gebunden, aber wenn es auf die Felder ausgebracht wird, dann wird der Stoff ja auch wieder freigesetzt. Und dieses Verfahren wird beim Emissionshandel einfach von der EU nicht anerkannt.
Deshalb müssen die so viele CO2-Zertifikate kaufen, und das ärgert sie. Gut, ich fasse noch mal zusammen, was ich bisher mitgenommen habe. Die Chemieindustrie ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor in Sachsen-Anhalt. Da hängen viele, viele Arbeitskräfte dran, und es ist natürlich schon auch so, dass die investieren in die Orte, die da drum herum liegen.
Aber sie stehen eben vielerorts auch vor großen Problemen wegen hoher Energiepreise, wegen CO2-Steuern, wegen hohen Rohstoffpreisen und weil eben die Einhaltung der Klimaziele für diese Branche gar nicht so einfach ist. Gut, das klingt alles nach einer ziemlich verzwickten Lage, aber wir müssen das ja irgendwie schaffen.
Also wenn wir in die Zukunft schauen, wie kann es da weitergehen? Naja, also was diesen Emissionshandel betrifft, scheinen sich da zumindest aus Perspektive der Chemieindustrie positiv die Weichen zu stellen. Umweltverbände werden das anders sehen, denn die EU scheint nach massivem Druck da einzulenken und doch erst einmal weiterhin mehr kostenfreie CO2-Zertifikate herauszugeben, um die europäische Industrie im derzeit stark angespannten Wettbewerb nicht weiter zu belasten.
Denn tatsächlich haben auch andere Länder einen Emissionshandel, aber der ist doch einiges anders ausgestattet als bei uns. Ja, und auf Bundesebene ist, weil ja die verschiedensten Branchen über zu hohe Energiepreise klagen, ja auch schon gegengesteuert worden.
Zum Beispiel ist ein Industriestrompreis eingeführt worden. Das habe ich mitbekommen, aber wie genau funktioniert der überhaupt? Also der Industriestrom gilt erst einmal für die Jahre 2026 bis 2028. Ganz einfach gesagt erhält die Industrie einen Nachlass auf bis zu 50 Prozent bei Einkauf und Verbrauch von Strom.
Okay, aber ich meine, das ist ja schon ordentlich. Also wir haben Industriestrom, der kostet nur die Hälfte. Wir haben kostenfreie CO2-Zertifikate. Da könnte man sich ja jetzt auch bei der Chemieindustrie ein bisschen beruhigen. Oder?
Ja, ganz so tut sie das nicht. Bei den Emissionszertifikaten fordert der Verband der Chemischen Industrie (VCI), SKW Pisteritz und Carsten Franzke sind Teil davon, dass die Herausgabe der Zertifikate auf dem Stand von 2025 bleiben soll. Der Verband sagt, es fehlen Transformationsvoraussetzungen wie ausreichend Netzanschlüsse oder dauerhaft wettbewerbsfähige Stromkosten.
Und Infraleuner schreibt uns da zum Beispiel auch: Zwar wurden erste Maßnahmen auf den Weg gebracht, etwa die Abschaffung der Gasspeicherumlage, die Einführung eines Industriestrompreises sowie die Ausweitung der Strompreiskompensation. Diese Schritte zeigen, dass die Problemlage erkannt wurde.
Angesichts der Dimension und Dringlichkeit der Herausforderungen sind sie jedoch bislang nicht ausreichend und greifen vielfach zu spät. Diese Notlage erfordert jetzt ein entschlossenes und zügiges politisches Handeln.
Okay, na gut, man kann natürlich erst mal Forderungen in den Raum stellen. Aber die Frage wäre ja schon, was konkret stellen Sie sich denn dann vor? Naja, zum Beispiel den Strompreis für die Industrie vom Mehr- oder Prinzip zu entkoppeln. Wir haben davon vorhin schon von Wolfgang Hübinger gehört. Aktuell bestimmt das teuerste Kraftwerk den Preis, und das sind momentan Gaskraftwerke. Der Gas ist teuer geworden. Ein Teufelskreis.
Okay, jetzt haben wir ja eine Landtagswahl vor uns. Kann denn Landespolitik oder auch Kommunalpolitik die Chemiebranche da irgendwie bei der Transformation unterstützen? Also erst mal muss man sagen, dass diese Branche schon sehr gut in die Politik vernetzt ist. Die haben auf jeden Fall eine Lobby.
Allein Carsten Franzke von SKW Pisteritz ist da sehr aktiv unterwegs, auch mit diversen Verbänden, zu denen sie gehören. Und Sven Schulze war, bevor er Ministerpräsident wurde, ja Wirtschaftsminister. Also der hat das schon auf dem Schirm. Und von allem, was ich so gehört habe, findet die Branche Gehör.
Und das hat mir auch Wittenbergs Oberbürgermeister Thorsten Zugehör so erzählt. Ich glaube, das Land, ich kann jetzt nur mal für Sachsen-Anhalt reden, die haben das klar im Blick und sind klar auch an der Seite von SKW, nicht nur von SKW. Wir sehen das natürlich auch, was in Leuna dort passiert.
Ich glaube, der Bund darf nicht voreilig sein. Es darf nicht hin und her gehen. Wir haben über die Energiespeicherumlage geredet. Es braucht dringend noch mal eine Neusortierung für das ganze Verfahren um CO2-Abgaben. Die drohen bestimmte Unternehmen auch zu ersticken.
Die sind auch bereit, ihren Beitrag zu leisten. Aber das muss in geordneten Bahnen sein. Und das muss so sein, dass das die Unternehmen nicht erdrückt. Die müssen überleben können. Ich glaube, Vertrauen und Verlässlichkeit in der Wirtschaft ist das eine hohe Währung. Das ist ein wichtiges Gut. Und das wünschen die sich. Das steht glaube ich sogar an erster Stelle.
Auf kommunaler Ebene wiederum könnten sie nur wenig tun, was möglich ist, Zeit verschaffen, Genehmigungen beschleunigen oder eben das Gespräch in die Landespolitik suchen. Grundsätzlich Sorge, dass SKW Pisteritz die nächsten Jahrzehnte aber nicht weiter bestehen wird, macht sich Zugehör übrigens nicht, weil er findet, dass das Unternehmen viel in die Zukunft investiert.
Carsten Franzke ist auch optimistisch. Er selbst möchte, dass SKW Pisteritz natürlich irgendwann einer neuen Generation übergeben wird und das Unternehmen so weiterhin Bestand hat. Na gut, aber ich meine, das geht natürlich auch nur, wenn wir den Spagat von Industrie und auch dem Erreichen der Klimaziele dann auch wirklich gut hinbekommen.
Marie, das war wieder ganz schön viel Input. Danke fürs Vorbereiten dieser Folge. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und was die Chemieindustrie und die Politik für Lösungen finden, um eben einerseits Umwelt und Klimafragen zu begegnen und andererseits eben diese Wirtschaft auch zu schützen.
Ich finde, die Folge zeigt einmal mehr, dass es eben für diese großen Probleme keine einfachen Lösungen gibt, es auch keine einfachen Antworten geben kann, weil eben sehr viel miteinander verwoben ist und es eben auch immer verschiedene Perspektiven auf die Probleme unserer Zeit gibt.
Ja, vielen Dank dass ihr uns zugehört habt bei diesem komplexen Thema. Ähnlich komplex wird es in der nächsten Folge, denn da sprechen wir, wie schon beim letzten Mal versprochen, über das Bildungssystem in Sachsen-Anhalt. Wir sprechen über Probleme, die gerade im Bildungssystem bestehen.
Wir schauen natürlich auch auf Vorschläge von Parteien, insbesondere auch der AfD, und suchen nach Lösungen, wie das Bildungssystem gerettet werden kann. Das wird spannend. Ich bin gespannt auf die Antworten, die du auch mitbringst, wenn du welche gefunden hast. Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche.
Dieser Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund. Podcast Hosts Marilandes und Katja Schmidt. Community-Redakteurin Anne Kosloff via Kneig. Podcast-Redaktion Leonard Schubert. Cover Design Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers. Audioproduktion Benjamin Serdani, Stenley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung Christian Dollert. Copyright WDR 2021.