Einleitung in die Fahrradgarderobe
Zum Fußballspiel kommen ohne viel Gedöns. Aufs Konzert mit leichtem Gepäck. Easy. Anreise zum Messe-Event statt Stunden im Stau. Das ist das, was das Team der sogenannten Fahrradgarderobe den GästInnen seiner Kundschaft verspricht. Und das ist deshalb interessant und wichtig, weil die Mobilität von Fans und KonzertbesucherInnen bei Großveranstaltungen eine der Stellschrauben ist, wenn es darum geht, etwas zu ändern hin zu mehr Klimaschutz. Und das ist unser Thema heute hier im Klima-Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
Der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Seit mehr als zwölf Jahren richten Michael Kellenbenz und seine Leute mobile Fahrradstellplätze ein. Eine Pop-Up-Fahrradparklösung. Für uns hat er sich in die Bahn geschwungen und ist jetzt bei mir im Studio. Erstmal schön, dass du da bist und herzlich willkommen im Klima Podcast.
Vorstellung des Gastes
Hallo Ina, schön, dass ich da sein kann. Ich freue mich auch. Ich war ganz kürzlich zu Recherchezwecken am Rande eines Fußballspiels unterwegs und habe mir mal angeschaut, wie so eine Fahrradgarage oder Fahrradgarderobe bei euch aussieht. Für die, die genauso ahnungslos waren wie ich es oder sind, wie ich es war, erzähl doch erst mal, wie sieht das aus, was macht ihr da, wie geht das?
Aufbau der Fahrradgarderobe
Am Anfang ist relativ häufig ein großer Platz, eine große Fläche oder auch eine kleinere Fläche oder im Idealfall, wie hier in Leipzig, eine große grüne Wiese, die wir benutzen können, die uns zur Verfügung gestellt wird und die nicht von anderen Gewerken oder von anderen, wem auch immer, benötigt wird. Idealerweise liegt diese Fläche, auf der wir uns mit unseren Fahrradständern ausbreiten, auch relativ nah am Ziel, am Stadion, an dem Ziel, das die Fahrradfahrenden erreichen wollen. Denn wir kennen die Fahrradfahrenden ganz gut seit vielen, vielen Jahren und wissen, die wollen so weit wie möglich Richtung Eingang vorfahren.
Genau, auf diese Wiese oder auf den Asphalt, worauf auch immer, werden dann mobile Fahrradständer gestellt. Wir arbeiten sehr viel mit Hängesystemen, die man aus dem Triathlon-Sport möglicherweise kennt. Da hängen die Fahrräder mit dem Sattel dran. Das ist eine sehr effiziente Möglichkeit. Bietet sich ehrlicherweise auch nicht für jedes Fahrrad an, deswegen bauen wir häufig Hybride aus verschiedenen Systemen. Und dann schauen wir, dass die Radfahrenden einfach den Weg zu uns finden, das Angebot annehmen. Sie sollen ja nicht müssen, sie sollen wollen. Sie sollen einfach bei uns parken wollen.
Pop-Up-Parkplatz
Und ein Merkmal dieses Pop-Up-Parkplatzes, sagt das Wort ja auch schon, ist, dass er eben vor der Veranstaltung aufgebaut wird, während der Veranstaltung eben dann bereitsteht und nach der Veranstaltung eben halt wieder nach einem angemessenen Zeitfenster wieder abgebaut wird. Sprich, wir haben zeitlich eine Einflugschneise für die Radfahrenden von ungefähr drei Stunden vor dem Spiel und eine Ausflugschneise von ungefähr zwei Stunden nach dem Spiel. Das variiert immer so ein bisschen. Und dann ist hinterher die grüne Wiese oder der Asphalt wieder da, so wie vorher und kann dann an den Tagen, an denen beispielsweise kein Spiel im Stadion stattfindet, wir sind ja jetzt beim Beispiel Fußballstadion, andersweitig genutzt werden.
Sicherheit und Diebstahlschutz
Ist vielleicht eine ein bisschen naive Frage, aber was macht den Unterschied zu wild parken, Fahrräder irgendwo an Baum oder an Geländer binden oder was auch immer? Warum ist euer Service oder die Dienstleistung die ihr macht so besonders hilfreich? Weil wir einen sicheren Raum kreieren und den kreieren wir dadurch, dass wir sehr viel Präsenz zeigen durch eine Willkommenskultur. Wir begrüßen die Radfahrenden, ohne dabei zu überdrehen. Also wir kaspern da jetzt natürlich nicht rum. Schön, dass ihr da seid, irgendwie bei jedem und bei jedem Spiel, sondern wir zeigen Präsenz. Wir kreieren eine Willkommenskultur und wir wollen einfach aus verschiedenen Elementen einen sicheren Ort kreieren.
Und dazu gehören Elemente wie Licht, ausreichend viel Licht im Dunkeln und bei Abendspielen, ein Zaun um das Ganze herum. Aber am allerwichtigsten ist, das bekommen meine TeamerInnen auch immer wieder erzählt von mir. Es ist wichtig, dass jeder Radfahrende sich wahrgenommen fühlt, wenn er bei uns auf dem Parkplatz oder in die Fahrradgarderobe fährt. Und sich auch wahrgenommen fühlt, wenn er wieder nach Hause fährt. Ich möchte also nicht oder wir wollen alle zusammen nicht, dass irgendjemand auf dem Fahrrad rausfährt und das Gefühl hat, ach, das hat jetzt gar keinen interessiert. Da hätte ja jetzt jeder mit dem Fahrrad rausfahren können. Also das ist so ein ganzheitlicher Ansatz, den wir verfolgen.
Diebstahlschutz und Fahrradidentifikation
Klingt jetzt ziemlich hochgestochen, ist in der Praxis aber auch relativ einfach umzusetzen mit den richtigen Menschen, die auch Bock drauf haben. Und ein Aspekt, den ich auf deiner Website gelesen habe, ist auch sozusagen dieser Diebstahl, also Schutz vor Diebstahl von Fahrrädern. Dieses Gefühl, also ich hatte neulich eine Diebstahlerfahrung, deswegen weiß ich, wie sich das anfühlt, wenn einem was geklaut wird. Weil das ja auch so ein Abend oder so ein Erlebnis, egal ob man jetzt auf ein Konzert geht oder zu einem Fußballspiel, komplett zerstört eigentlich. Oder es zerstört alles. Also ich glaube, der Fahrraddiebstahl, also ich will nicht anmaßend klingen, natürlich ist ein Autodiebstahl auch reudig hoch drei. Fahrraddiebstähle gelten ja dann doch auch aus eigener Erfahrung bei mir als besonders emotional. Man tut irgendwie dann doch schon Gutes, indem man Fahrrad fährt und dann wird das auch noch gezockt und es passiert einfach zu oft.
Deswegen gehört natürlich zu dem System, das wir spielen, auch dazu, dass alle Räder abgeschlossen sind. Also das ist eine Selbstverständlichkeit. Dadurch wissen wir ja auch, ohne jetzt zu große Geheimnisse zu verraten, dass das richtige Fahrrad auch zum richtigen Besitzer wieder zurückkehrt, eben zum richtigen Schlüssel vor allem oder zur richtigen passenden Nummer des Zahlenschlosses. Das gehört natürlich auf jeden Fall auch noch mit dazu. Und wenn bei uns tatsächlich mal eines Tages ein Fahrrad wegkommen sollte, dann haben wir ganz schön viel verkehrt gemacht und toi toi toi, ich muss jetzt mal hier einfach auf den Tisch klopfen. Das ist natürlich etwas, das darf nicht passieren.
Fahrradidentifikation und Erinnerungen
Ihr habt so ein ganz süßes Comic-Video auf eurem Knet. Ja, fand ich ziemlich cool. Da war so ein Chip noch dabei. Findet man sein Fahrrad einfach, weil man ein gutes Gedächtnis hat wieder? Oder habt ihr da ein System? Bei großen Varianten, also wie wir sie hier in Leipzig hatten, da waren wir, glaube ich, bei knapp 6000 Quadratmetern. Da lohnt es sich schon mal, die Reihen zu nummerieren. In der Regel haben die Radfahrenden aber ein ganz gutes Gedächtnis. Und unter 2000, 2500 Radfahrenden hast du dann pro Spieltag ein oder zwei, vielleicht drei, die einen Augenblick länger brauchen. Manchmal ist das alkoholinduziert, manchmal auch nicht. Nein, das klappt in der Regel tatsächlich ganz hervorragend. Und wenn wir jemanden sehen auf der Fläche, der sein Fahrrad sucht, dann bekommt er natürlich Hilfe. Dann ist es ein bisschen wie in einer richtigen Garderobe, so die schwarze Jacke. Aber da geht es ja auch nicht darum, dass wir ihm sagen, wo das Fahrrad steht, sondern einfach ein bisschen beruhigend einwirken und versuchen herauszubekommen, wo es steht.
Entstehung der Fahrradgarderobe
Und der Schirpp, genau, 2012 auf dem legendären Dogville Festival in Hamburg-Williamsburg ist das Ganze entstanden. Und der Name Fahrradgarderobe war damals auch Programm, in dem wir tatsächlich Garderobenmarken ausgeteilt haben und kleine Kleppbänder an die Lenker gebimmelt haben. Dann hat sich aber relativ schnell herausgestellt, als ich das so beobachtete, dass meine Mitarbeitenden mehr mit den Kleppbändern am Lenker zu tun hatten und immer nach unten guckten, statt einfach in den Dialog mit den Menschen zu gehen, also zu denen zu schauen. Und das hat mich so schnell so hart genervt, dass wir das relativ schnell wieder abgeschafft haben mit den Garderobenmarken. Und dieser Schirpp, diese Schirppübergabe, ist so symbolisch in dem Video, das auch schon ein paar Jahre alt ist, drin gegeben. Ich muss aber auch sagen, ich habe ein paar Tage gebraucht, diesen Namen zu kapieren.
Der Name Fahrradgarderobe
Da bist du nicht allein. Also nicht, dass ich ihn nicht verstanden hätte, aber ich finde ihn ziemlich griffig, wenn es einmal drin ist, dass man nicht Fahrradgarage sagt, sondern Fahrradgarderobe. Alle tun das. Alle sagen, das ist ein Phänomen, das ich seit zwölf Jahren begleite. Okay, du beginnst mit der Fahrradgarderobe und im zweiten Satz, das handgestoppte 45 Sekunden, fällt auf der Gegenseite der Begriff Fahrradgarage. Das ist ein Phänomen. Aber wenn man es erstmal kapiert hat, was ihr damit meint, nämlich kommen, abgeben, aufs Event gehen, zurückkommen, Fahrrad holen, dann ist es genial, das so zu nennen. Keep it simple. Das gehört dazu.
Intuitive Nutzung
Was ich vorhin schon beschrieben habe, hat noch eine Kirsche auf der Torte, denn das Ganze muss intuitiv und einfach sein. Die Menschen, und du bist ja eben gekommen vom Abstellen am Baum, das ist intuitiv, das ist einfach. Oder am Laternenpfahl oder am Bauzaun oder wo auch immer. Hauptsache nicht im Flucht- und Rettungsweg. Die Radfahrenden, die wollen sich nicht mit einer Wissenschaft oder irgendwas aufhalten. Die wollen ihre Räder abstellen und aufs Event gehen. Und das sollen sie auch. Und bei uns bekommen sie eben diese schnelle Lösung. Klar, sie müssen es ein, zwei Mal gemacht haben, gelernt haben, in Anführungsstrichen, und dann funktioniert das wunderbar.
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Der Weg zum Fahrradgarderobe-Business
Ich habe mir sagen lassen, du bist offenbar der Mensch in Deutschland, den man anruft, wenn es um große Events wie Fußballspiele mit abertausenden Menschen und um Fahrradlösungen dafür geht. Ich habe gelesen, dass du als Schulkind viel aus dem Fenster geguckt hast, nämlich auf die mehrere hundert abgestellten Kinderfahrräder vorm Fenster. Aber das kann ja irgendwie nicht alles sein. Erzähl doch mal, wie bist du zu dem Business gekommen oder zu dem, was du heute machst und bist?
Ich habe im Sandkasten schon mit Autos, mit Autos allerdings damals mit Spielzeugautos, Parkplätze gebaut. Ich habe tatsächlich, das ist wirklich wahr, in der Schule gesessen und auf den Fahrradparkplatz unten geschaut. Dann war es ein relativ verschlungener Weg. Ich bin Ende der 80er in die Veranstaltungsbranche quer eingestiegen. Nach der Schule habe ich ein bisschen Touring gemacht mit den Toten Hosen und den Ärzten und so weiter und so fort. Und stand dann so an der Schwelle: Was machst du jetzt? Bin dann im Krankenhaus, also als Krankengesundheits- und Krankenpfleger, ins Krankenhaus gegangen, habe da meine Ausbildung gemacht. Und irgendwann in den Nullerjahren wieder dann habe ich den Weg wieder zurück in die Veranstaltungsbranche gefunden.
Die Idee der Fahrradgarderobe
Und die Idee, als Dienstleister für mobile Fahrradparkplätze in Erscheinung zu treten, die hatten wir eigentlich gar nicht selber, sondern indirekt tatsächlich das Dogville Festival, der uns angerufen hat. Und ich weiß gar nicht, ehrlich gesagt, warum der mich angerufen hat. Aber lasst dir mal was einfallen. Wir haben eine hohe Zahl Fahrraddiebstähle. Das war 2012. Und dann haben wir im Freundeskreis gesessen, haben uns einen Kleiderbügel als Lenkerersatz genommen und haben auf einer Wiese im Kreis gesessen und haben überlegt, was braucht es denn, um Fahrradparken sicher zu machen auf so einer Veranstaltung. Jetzt wissen wir auch, wie der Name Fahrradgarderobe entstanden ist, nämlich tatsächlich. Und dann ging alles relativ schnell.
Da haben wir gesagt, wir haben eine Idee, jetzt brauchen wir aber irgendwie Material. Und übers Netzwerk, über befreundete Menschen sind wir dann an diese Triathlon-Stände gekommen. Dann hat uns das Dogville Festival einfach mal eine Fläche auf dem Deich zur Verfügung gestellt. Die Naturschützer werden jetzt wahrscheinlich aufschreien: Deich? Also du meinst wirklich Deich? Deich? Ja, wirklich ein Stück Deich im Hamburger Hafen. Das war aber alles okay. Wir haben da nichts kaputt gemacht. Da stand dann Bauzaun. Wir haben dieses Triathlon-Hängesystem drin aufgestellt. Ein paar Stunden später war die Hütte voll mit 500 Rädern. Also wir wussten selber nicht so richtig, wie uns geschah. Wir wussten, dass wir da 72 Stunden bleiben mussten. Jetzt waren wir auch darauf eingerichtet, hatten tatsächlich aber damals einfach mal vergessen, boah, wird ja dunkel nachts. Wir brauchen Licht. Gut improvisiert, schnell gelöst und so weiter und so fort. Dann war das Ding plötzlich da.
Wachstum der Fahrradgarderobe
Und dann haben wir gemerkt, wow, drei Festivaltage, dreimal 500 Räder in der Hütte, scheint ja einen Bedarf zu geben. Was machen wir denn jetzt damit? Und haben dann in der Woche drauf das erst mal sacken lassen und geschaut, ob man daraus vielleicht ein Geschäftsmodell machen kann. Das haben wir nicht gleich in der Woche danach gemacht. Und so ging das dann los. Und dazu kam noch, dass ein befreundeter Veranstalter, der in Hamburg Laufveranstaltungen organisiert, Carsten Schöllermann, die Laufgesellschaft, uns eingeladen hat, auch so zu seinen Veranstaltungen zu kommen in einer kleineren Variante. Und dann hat sich das rumgesprochen und dann kam der NDR und dann kam irgendwann auch der FC St. Pauli, dann kam RB Leipzig, dann kam ja tatsächlich auch das Umweltministerium. Es kamen ganz, ganz viele. Es blühte, wuchs und gedieh.
Erkenntnisse aus zwölf Jahren
Ja, und ihr macht das jetzt schon zwölf Jahre lang. Das heißt also, ich stelle mir vor, also wir haben ja schon das so anklingen lassen, aber es geht um Sicherheit, also um körperliche Unversehrtheit von Menschen, wenn sich tausende Menschen in Bewegung setzen. Es geht um Diebstahlschutz. Ihr habt aber auch eine Pandemie durchgemacht. Das heißt, Hygiene war auch ein Thema in den vergangenen Jahren. Was würdest du sagen, was sind so die größten Erkenntnisse in eurer Arbeit in den vergangenen zwölf Jahren gewesen?
Ich bin ja ein großer Freund davon, immer die Konzentration hochzuhalten, sich auch immer neue Rahmenbedingungen einzustellen. Ich selber komme auch aus dem Crowd Safety Management. Das ist ein ganz großes Steckenpferd von mir, also generell die Bewegung und Beobachtung und Wahrnehmung von großen Menschenmengen. Das heißt für mich als Dienstleister der Fahrradgarderobe hört der Spaß nicht an meinem Geländer, an meinem Zahn am Ende meiner Fläche auf, sondern geht weit drüber hinaus. Das ist etwas, was die Veranstaltenden auch in der Regel zu schätzen wissen. Da kommt halt jemand, der ist jetzt kein Fahrradaktivist, kein Fahrradnerd, sondern der hat einen Baustein, den er versucht, passgenau in die Bedürfnisse der Veranstaltung rein zu integrieren, so mit allen anderen Beteiligten.
Umgang mit Herausforderungen
Und wir wissen zum Beispiel auch, mein Mentor Misha Karafiat aus Hamburg hat damals auch mal irgendwann sich vor mich gestellt und hat gesagt: „Digga, du weißt dass ihr im Notfall auch mal richtig übel im Weg steht.“ Und das sind Sätze, die heilen nach. Ich wusste das damals zwar selber, aber es ist total gut, wenn es dir noch mal jemand sagt. Das sage ich heute noch meinen Crews: Wir stehen im Zweifelsfall auch einfach mal richtig im Weg und das müssen wir wissen und das müssen wir bei der Planung wissen und so weiter und so fort.
Und bei der Pandemie hatten wir ja auch ganz absurde Situationen. Wir haben eine Vereinbarung gehabt, dass man ab einer bestimmten Menge Menschen, die im Stadion zugelassen waren, auch selber wieder aktiv werden dürfen. So, jetzt erinnern wir uns mal kurz zurück. Es ist ein Detail, die Kontrolle. Das war es 2G, wie hieß es damals? Genau, diese mehrere Faktoren, also entweder man ist geimpft oder genesen oder ja, ja, ich weiß, was du meinst. Genau, diese Kontrolle fand ja an den Stadioneingängen statt. Also nicht bei euch, ihr wart vorgeschaltet. Und dann, genau, wir waren vorgeschaltet. Hätten wir diese Kontrolle bei uns gemacht, hätten wir auch wieder Rückstau erzeugt. Das hätte auch niemand gewollt. Theoretisch hätten wir es machen müssen. Lieben Gruß an den wunderbaren Daniel Schlatter, großer Verkehrsplaner und auf vielen, vielen Festivals, Wacken unter anderem, Rechtsanwalt, mit dem ich das damals auch diskutiert habe und der mich nur schief lächelnd anguckte und sagte: „Naja, was willst du jetzt für eine Antwort haben? Irgendwie wege es selber ab. Du musst immer wieder das Notwendige und Zumutbare tun.“ Und wir haben uns natürlich damals dafür entschieden, dass sie einfach bei uns reingefahren sind. War ja auch alles an der frischen Luft, jetzt und so weiter und so fort. Aber das ist ein Extrembeispiel. Aber immer wieder auch Situationen zu reagieren.
Umgang mit Emotionen
Fußballfans, wir hatten den FC Schalke 04 hier vor ein paar Jahren in Leipzig am letzten Spieltag. Die sind abgestiegen an dem Tag. Das war ja vorher bekannt. Die Schalker Fans sind zu Haufe hier nach Leipzig gekommen, haben vor der Stadt gekämmt mit ihren Wohnmobilen, sind ganz, ganz viele mit dem Fahrrad dann auf die Festwiese gekommen. Die lässt du einfach nach so einem Spiel im Zweifelsfall mal in Ruhe. Wünscht ihnen einen guten Heimweg. Und das sind so Dinge. Also wie gehe ich mit den Menschen um? Auch wenn sie vielleicht unzufrieden sind nach der Veranstaltung. Hatten wir natürlich auch schon alles. Wir sind Ansprechpersonen halt auch, wo die Leute dann, wo die Gäste in einem Zweifelsfall auch nochmal ein bisschen ihren Nerv abladen können oder eben einfach sagen können: „Das war toll.“
Emotionen und Veranstaltungen
Na und auch also ich stelle mir auch vor, du hast es ja gerade gesagt, sozusagen die Emotionen sind sehr unterschiedlich, je nachdem, beim Fußball hat mein Team gewonnen, hat verloren. Aber auch gehe ich auf ein Klassikkonzert oder auf eine Buchmesse oder wie auch immer. Also es macht halt natürlich auch was mit den Leuten, was sie zwischen dem Abstellen und Abholen erlebt haben. Und wir haben eine ganz absurde Situation, ganz aktuell jetzt in Hamburg beim FC St. Pauli, der ja ganz kurz vor dem Abstieg aus der Bundesliga steht. Und wir bitten hin und wieder mal, wenn es ganz doll drängelt, unsere Radfahrenden Gäste abzusteigen. Und das sind einfach dann Begriffe, die wir zwischendurch einfach mal einpacken, dann in dem Moment, weil das willst du nicht nur als St. Paulianer dann in dem Moment nicht hören, dass dich jemand bittet abzusteigen, wenn der Verein deines Herzens und auch meines Herzens gerade tatsächlich kurz zuvor.
Unterschiedliche Auftraggeber
Okay, das verstehe ich, dass das schwierig ist. Das ist tatsächlich schwierig. Und wie ist das? Also auch wenn ich mir überlege, du hast gesagt, es gibt unterschiedlich große Events. Natürlich, ihr habt unterschiedliche Varianten, wie man Fahrräder festmachen kann. Macht das irgendwie einen Unterschied, mit welchen Auftraggebern ihr arbeitet? Oder also ob es eine große Institution ist oder ein Verein? Oder müsst ihr euch da doll umstellen auf Leute? Muss gar nicht. Ich tue es einfach. Ich habe so ein Dienstleistergen einfach angeboren und kann, ja, ich sage es einfach mal so, ich kann das tatsächlich sehr gut mir die Bedürfnisse anzuhören, das Veranstaltungsleiter oder der Veranstalterin.
Bedürfnisse der Veranstalter
Und eine der ersten Fragen, die ich sinngemäß stelle, ist auch tatsächlich die Frage nach dem Leidensdruck. Aus welchem Impuls heraus rufst du mich gerade an? Was willst du von mir? Und da hilft es einfach tatsächlich total ehrlich zu sein. Machst du das jetzt lieber, Veranstalter, Veranstalterin, weil du es musst oder hast du Bock drauf? Und da haben wir uns dann auch schon mal, oder habe ich mir auch schon mal den Luxus gegönnt und einfach gesagt, da wären wir am Ende beide nicht glücklich mit. Und wir haben einfach dann auch schon mal den Genicht gemacht.
Kostenloser Service
Und was wir zum Beispiel auch niemals, wir treten nicht an, wenn das Fahrradparken Geld kosten soll. Das machen wir nicht. Es führt aus ganz vielen Gründen zu nichts. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Service kostenlos sein muss und 90 Prozent der Veranstaltenden verstehen das auch. Abgesehen davon ist es auch ein zusätzlicher Arbeitsschritt. Dann musst du noch abkassieren und so weiter. Also lange Rede, kurzer Sinn. Das passt nicht zu euch. Das ist, glaube ich, das passt nicht zu uns. Das ist nicht die Idee dahinter.
Nachhaltigkeit und Bequemlichkeit
Jetzt hast du vorhin gesagt, die Leute wollen einfach gern unkompliziert mit ihrem Fahrrad ankommen und die wollen auf ihr Event, so unspektakulär einfach ankommen, losgehen. Genau. Und für mich ist die Frage, wie hat sich denn aus deiner Perspektive das Thema Nachhaltigkeit verändert? Also wenn du sagst, die wollen einfach nur hin und wieder zurück, dann ist das ja vielleicht auch einfach Bequemlichkeit und nicht, also die Leute, mit denen ihr arbeitet, also die Menschen, die ihre Fahrräder bringen, sind ja keine Fahrradaktivisten, sondern das sind einfach normale Leute, die sich an so einem Tag, an so einem Spieltag fürs Fahrrad entscheiden. Ist es Bequemlichkeit oder hat sich auch irgendwas in dem Mindset bei den Leuten trotzdem geändert?
Veränderung im Mindset
Ich glaube, da hat sich tatsächlich im Mindset ein bisschen was geändert. Ich sage jetzt mal was ganz Spannendes, glaube ich. Radfahrende sind spezieller Menschenschlag. Dazu zähle ich mich ja selber. Und eigentlich wollen die gar nicht so gerne reglementiert werden. Ich bin heute davon überzeugt, ehrlicherweise, dass ich selber die Fahrradgarderobe als Gast gar nicht nutzen würde. Also weil ich irgendwie, ich weiß nicht, weil ja, also es ist nicht so, dass ich nicht gerne… Also weil du sagst, du bist gar nicht so erpicht drauf, sozusagen schön alles richtig zu machen. Tief in meinem Herzen bin ich so irgendwie so ein komischer Koyote und so ein Einzelgänger. Ich bin schon sozialkompatibel, so ist es nicht. Aber bis ich sowas nutze, dauert es eine Zeit.
Mehrwert der Fahrradgarderobe
Erstaunlicherweise wird aber der Mehrwert relativ schnell erkannt. Wir haben ja ein schönes Beispiel hier in Leipzig. Haben wir 2018 mit 250 Stellplätzen Kapazität begonnen und haben uns dann sukzessive hochgearbeitet. Es hat sich herumgesprochen und jeder hat jemanden mitgebracht. Und oh, dann kann ich ja auch mit meinem teuren Fahrrad kommen. Oh, dann bringe ich nächstes Mal Freunde mit. Und es war ja auch auf der Festwiese sehr viel Laufkundschaft, die uns, das ist nicht übertrieben, als Attraktion wahrgenommen haben. Und ach, dann komme ich nächstes Mal auch mit dem Fahrrad. Das lässt sich übertragen auf andere Orte auch. Beim FC St. Pauli war der Ursprung, glaube ich, 150 Räder, mit denen wir mal begonnen haben vor zehn Jahren. Da haben wir ein Zehnjähriges und da sind wir jetzt bei einer Kapazität von tausend Rädern und die wird auch gefüllt. Also es wächst.
Nachhaltigkeit als praktisches Konzept
Aber Nachhaltigkeit nicht zum Selbstzweck, sondern weil es praktisch ist. Beides, genau. Also was wir überhaupt nicht tun, ist irgendwie, also ich bin ein großer Freund von spielerischen Lösungen, also Nachhaltigkeit spielerisch zu vermitteln. Das ist der Schlüssel. Und dazu gehört halt auch dieses Garderobenmarken ausgeben damals. Aber so ein Parkplatz, so ein Pop-Up-Fahrradparkplatz, der aus dem Nichts plötzlich dasteht, ist auch spielerische Lösung. Immer noch genug, dass die Menschen das ganz schön cool finden. Und dann gibt es halt noch auch hier wieder so die Kirsche obendrauf. Wir werden niemals jemanden wegschicken. Wir kriegen immer alle unter. Und das ist so das einzige Dogma, das wir haben.
Logistik und Teamarbeit
Also du hast gesagt, ihr habt diese Triathlon-Fahrrständer. Ist es ja wahrscheinlich einfach viel Logistik, viel Material, ein sehr körperlicher Job, nehme ich an. Was macht da den Reiz aus, das so viele Jahre auch weiterzumachen? Für dich persönlich oder für dein Team, je nachdem. Die Wertschätzung unserer Gäste, ganz klar. Also natürlich verdiene ich damit auch eine Menge Lebensunterhalt. Das heißt, ich mache auch noch andere Dinge. Das ist nicht mein einziger Job. Aber insbesondere auch, wenn ich auf unsere Crews schaue, die das, das sind alles Menschen, Minijobber, Minijobberinnen, die das im Nebenjob machen, weil wir sie halt nur, nur in Anführungsstrichen, an bestimmten Tagen brauchen. Und die musst du ja oder willst du ja vor allem bei der Stange halten. Und die willst du auch bei der Stange halten, wenn es im Winter mal, was wir regelmäßig hatten, minus drei Grad sind, Nieselregen und 23 über 45 abends und St. Pauli.
. Pauli gegen Hoffenheim in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen im Zweifelsfall an einem Dienstagabend, wohlgemerkt. Und trotzdem kommen die Leute, weil sie immer wieder diese Wertschätzung erfahren, diese Dankeschöns, dieses Zunicken, das nette Lächeln, das ist toll, was ihr macht und so weiter und so fort. Das kommt auch nach zehn Jahren noch.
Oder man merkt es ja auch. Also ich sag’s nochmal anders. Wenn wir im Winter bei richtig räudigem Wetter dastehen, was ich eben geschildert habe, also unter null, Nieselregen, du stehst im Matsch und es kommen trotzdem noch vier, fünfhundert Fahrräder, dann weißt du, warum du das tust. Und das würdest du nicht wissen, wenn da nur zwölf Räder stehen.
Deswegen, das ist, glaube ich, unser zweites Dogma: Wir treten immer an. Wir sind auch schon gefragt worden: Kommt ihr denn auch im… Ja, wir kommen auch im Winter. Wir kommen immer und wir stehen auch immer an derselben Stelle. Das ist wichtig, da eine Kontinuität drin zu haben und keine Schönwetterdienstleistung zu sein, weil dann würdest du eigentlich niemandem gerecht werden.
Ich fand das so süß, auf eurer Website gibt’s so ein FAQ weiter unten, irgendwie, und dann stand da: Was passiert eigentlich, wenn… und dann steht da einfach: Das passiert nicht. Das ist sozusagen das Äquivalent dazu. Genau.
Lieblingserinnerungen
Hast du irgendwie eine Lieblingserinnerung aus den vergangenen Jahren? Irgendwas, wo du sagst, das hätte ich ohne die Fahrradgarderobe nicht erlebt? Was besonders für dich war? Die Lieblingserinnerung gibt es tatsächlich, glaube ich, nicht. Es gibt viele, viele tolle Erinnerungen an viele, viele tolle Festivals.
Wir haben 50 Meter neben der NDR-Bühne gestanden, auf denen die Village People gespielt haben, irgendwie mit drei Originalmitgliedern noch. Nee, diese eine Erinnerung, die wirklich heraussticht: Ewald Lien, den ich als Fußballer und Mensch sehr verehre, hat mal ein NDR-Interview uns gegeben.
Aber das wird alles geflutet, irgendwie durch diesen gleichmäßigen Strom. Das, was ich eben schon geschildert hatte, war unser Gäste durch diesen Antrieb. Ansonsten sind es ganz viele bunte Momente, die wir erinnern, aber da ragt keiner.
Na ja, natürlich gab es schöne Momente, wenn wir hier auf der Festwiese gesessen haben, wo ja am Rand auch diese Erhöhung so deichähnlich auch ist und dann sitzt du da oben und unten stehen weit über 2000 Räder und die Sonne scheint und du guckst da drauf und denkst: Wow, okay, dass das unser ist.
Dann war es häufig so, dass ich hinterher entweder im Zug nach Hause saß, nach Hamburg zurück, im Bordbistro oder eben im Hotel saß und gedacht habe: Ach, das ist ziemlich geil, was wir da machen. Das ist dann ein ziemlich gutes Gefühl.
Das sagt Michael Kellenbenz von der Fahrradgarderobe, die bundesweit Pop-Up-Fahrradparklösungen für große Veranstaltungen anbietet. Vielen Dank für das Gespräch, für deine Einblicke in euer Business und natürlich für deine Zeit. Vielen Dank.
Vielen Dank für die Einladung hier nach Leipzig. Die Audioproduktion für diese Folge hatte Paula Böhltemann und die Redaktion hatte ich. Und das war der Klimapodcast von detektor.fm für heute.
Wenn ihr über die nächsten Folgen rund um Klimaschutz informiert sein wollt, dann folgt doch dem Podcast in der App eurer Wahl. Ich bedanke mich fürs Zuhören. Bis bald hoffentlich. Ich bin Ina Lebedjew. Macht’s gut. Tschüssi.
Der FM-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.