Auf einen Therapieplatz wartet man fünf bis sechs Monate. Stellen Sie sich vor, ein Kind, das zu viel Angst hat, um zur Schule zu gehen, hat überhaupt erst nach fünf Monaten die Therapie begonnen. Und dann kann man erst anfangen zu gucken, was es braucht, um da wieder den Weg in die Schule zu finden. Das ist unheimlich viel Lebenszeit. Da wird ganz viel verloren unterwegs. Das sagt die Psychotherapeutin Sabine Ahrens Eiper. Mit ihr habe ich anlässlich des Tags der seelischen Gesundheit gesprochen, der jedes Jahr am 10. Oktober stattfindet.
Sabine Ahrens Eiper ist nicht nur Psychotherapeutin, sie war Vertretungsprofessorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie und ist seit 2024 Vizepräsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Außerdem ist sie in der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung für Sachsen-Anhalt. Sie blickt also aus ganz verschiedenen Blickwinkeln auf das Thema seelische Gesundheit. Sie kennt sich aus mit Sachsen-Anhalt, einem der Länder, in denen psychische Erkrankungen besonders stark zunehmen.
Aber was heißt das überhaupt? Werden wirklich immer mehr Menschen krank, oder gibt es heute nur mehr oder vielleicht auch bessere Diagnosen? Wie sieht die Versorgungslage in Sachsen-Anhalt aus? Und vor welchen Herausforderungen stehen die Therapeutinnen und Therapeuten? All das besprechen wir in der heutigen Folge von Dazwischen. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.
Politische Situation in Sachsen-Anhalt
Vorher werfen wir aber einen Blick auf die aktuelle politische Situation in Sachsen-Anhalt, denn da ist einiges passiert. Am 6. Oktober hat die konstituierende Sitzung des Landtags stattgefunden, und der AfD-Politiker Tobias Rausch ist zum Landtagspräsidenten gewählt worden. Er hat die Wahl mit 48 von 82 anwesenden Stimmen gewonnen. Und das hat für Aufregung gesorgt. Warum? Die AfD hat 39 Stimmen. Das BSW, das angekündigt hatte, Rausch zu wählen, hat fünf Stimmen. Das sind insgesamt 44, und das hätte eigentlich auch gereicht, um für Rausch zu stimmen. Es sind ja aber viel mehr Stimmen zusammengekommen. Das heißt, es müssen dann noch andere Abgeordnete von anderen Parteien mitgestimmt haben.
Ich schätze sehr Marie, dass du nicht sagst: „Ich hab’s euch ja gesagt.“ Ich hab darüber nachgedacht. Es ist ja tatsächlich so ein bisschen das, was du auch vorher gesehen hast, was passieren könnte. Also die Wahl ist geheim. Wir wissen natürlich nicht ganz genau, wer da mitgewählt hat. Noch Ministerpräsident Sven Schulze hatte seine Fraktion ja eigentlich dazu angehalten, sich komplett zu enthalten. Insgesamt haben das bei dieser Wahl aber nur fünf Menschen getan. Da scheint ein bisschen Uneinigkeit darüber zu sein, wem man dann folgt.
Was das für die Ministerpräsidentenwahl bedeutet, das werden wir noch sehen, denn die soll ja erst im Dezember stattfinden. Ulrich Siegmund von der AfD will neuer Ministerpräsident werden und präsentiert sich zurzeit auch sehr zuversichtlich, da genug Stimmen von den anderen Fraktionen dazu zu bekommen. Zumindest bei der Wahl des Landtagspräsidenten hat das offenbar geklappt.
Ja, also hinzu kommt ja auch, dass der Vizepräsident des Landtags, Hans Thomas Till, schneller geworden ist, ebenfalls AfD-Politiker. Dazu haben AfD und BSW vorher noch extra die Geschäftsordnung des Landtags geändert. Denn eigentlich muss der Vizepräsident aus einer anderen Fraktion kommen. Man kann schon sagen oder vermuten, dass diese Wahl jetzt so ein bisschen richtungsweisend ist. Ein Test von der AfD, wie es werden könnte, wenn denn Siegmund sich zum Ministerpräsidenten wählen lässt. Hat er genug Leute hinter sich?
Proteste und Reaktionen
Ja, du hast ja eben schon gesagt, es gab auch viel Diskussionen, natürlich nach der Wahl, aber eigentlich auch schon im Vorfeld. Da haben viele Stimmen davor gewarnt, dass der Landtagspräsident von der AfD gestellt wird. Sowohl aus der Politik als auch aus der Zivilgesellschaft gab es Protest. In Magdeburg hat es am 6. Oktober vor dem Landtag eine Protestveranstaltung gegeben. Und Leonhard war für uns mit dabei. Leonhard, wie hast du die Veranstaltung vor Ort erlebt?
Genau, ich war schon relativ früh da, schon bevor die Wahlen stattgefunden haben. Da waren auch schon einige Menschen auf dem Domplatz. Die haben in einer Aktion zusammen die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes vorgelesen. Und das klang so, nach dem Ziel oder nach dem Verhalten der Anregner, darauf aufzunehmen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden.
Es waren also relativ viele bekannte Aktivisten da, die wir auch schon in unserem Podcast zum Teil gehört haben, zum Beispiel Max Schneller, der auch maximaldemokratisch sich nennt, oder Pascal Begrich vom Miteinander e.V. Es war auch viel internationale Presse tatsächlich da. Und insgesamt, ja, ich würde sagen, so ungefähr 500 Menschen, die da protestiert haben und ein Zeichen setzen wollten zusammen.
Und wie ging es den Menschen so? Ich stell mir das schon zumindest ergreifend vor, wenn 500 Leute vor dem Landtag stehen und das Grundgesetz vorlesen im Chor. Ja, die Stimmung war so ein bisschen gemischt. Ich hatte das Gefühl, auf der einen Seite waren die relativ froh, dass sie da zusammengekommen sind und sich gegenseitig gestärkt haben und einfach Gesicht gezeigt haben und das Gefühl hatten, wir sind hier nicht alleine.
Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, die waren ein bisschen erschöpft und desillusioniert zum Teil. Die haben sich keine Illusionen gemacht, dass sie da was an der Wahl noch mal ändern können. Sondern es ging wirklich darum, wir müssen hier aber trotzdem laut sein und zeigen, dass wir noch da sind. Ich hab die auch noch mal gefragt, warum sie da sind. Da haben die mir Folgendes gesagt:
Es geht darum, dass wir befürchten, dass der mutmaßlich neu gewählte Landtagspräsident einer Partei entstammt, die das Grundgesetz nicht so geil findet. Das Grundgesetz ist für uns ein Gesetz, was nicht allzu alltäglich sein sollte, was nicht in Vergessenheit geraten sollte und was Maßstab jeglichen politischen Handelns aller Regierungen in ganz Deutschland sein sollte.
Es ist wichtig, gemeinsam da zu sein, Gesicht zu zeigen für eine Alternative zur Alternative für Deutschland, für ein demokratisches und weltoffenes Sachsen-Anhalt. Und zu zeigen, wir nehmen das nicht einfach so hin, dass hier irgendwie die Seiten der Macht von der AfD ergriffen werden. Um Gesicht zu zeigen, um zu zeigen, dass wir nach der Wahl nicht aufgeben und dass der Kampf gegen Rechtsextreme in Landtagen weitergehen wird. Selbst wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die meisten Stimmen geholt hat, ist es noch nicht vorbei. Wir werden dieses Land nicht den Extremisten überlassen.
Genau, dann kamen auch zwischendurch AfD-Abgeordnete vorbei, auch Ulrich Sigmund. Da gab es ein großes Pfeifkonzert. Die Leute waren aber sehr entschlossen und haben ihm das Grundgesetz um die Ohren gebrüllt und gesagt, wir machen hier auf jeden Fall weiter und wir wollen uns nicht provozieren lassen, sondern wir wollen hier für das stehen, wofür wir stehen.
Das war alles noch vor der Wahl. Und nach der Wahl, es wurde ja in Etappen gewählt, erst der Landtagspräsident, dann der Vizepräsident. Und je länger das ging, desto mehr leerte sich dann aber der Domplatz und desto enttäuschter wurde auch die Stimmung. Und so gegen zwei Uhr ungefähr war dann auch eigentlich nichts mehr los auf dem Platz.
Reaktionen nach der Wahl
Und Max Schneller, den wir ja auch schon im Podcast hatten, der hat sich dann auch auf Instagram extrem enttäuscht geäußert über die Ereignisse des Tages. Ich bin ehrlicherweise sauer, ihr merkt es, und ich empfehle euch einfach die Worte ehrlich. Da ist Wut, da ist Frust und auch sehr viel Enttäuschung in mir. Ich hab dann nach der Wahl direkt nach der Wahl die Rede von Suse Tübohrer-Seitlitz gesehen, die sich ja direkt dann auch geäußert hat im Parlament und da auch noch mal alle demokratischen Parteien dazu aufgerufen hat, dass man eben zusammenarbeitet und auch noch mal klargemacht hat, wie wichtig eben doch dieses Amt des Landtagspräsidenten ist, auch um die Opposition zum Beispiel eben auch zu schützen vor dem, was da passiert.
Und da bin ich auch gespannt, wie das dann in der Praxis aussehen wird. Ja, und vor allem, ich finde, wenn man jetzt schon sieht, natürlich wie Menschen in Sachsen-Anhalt bewegt, was da gerade passiert, dass sie morgens vor den Landtag gehen, ja, bin ich wirklich gespannt, wie das jetzt die nächsten Wochen noch weitergeht. Vielen Dank, Leo, für deine Eindrücke.
Feedback und Themenvorschläge
Ja, wie geht’s euch denn mit dieser Situation? Wenn ihr gedankenlos werden wollt, konstruktive Kritik zu unseren Folgen oder Themenvorschläge, schickt sie uns einfach per Mail an dazwischen@detektor.fm oder auch gerne eine WhatsApp-Nachricht. Die Nummer findet ihr in den Show Notes. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.
Marie, wir haben ja ganz am Anfang unseres Podcasts, nämlich in der zweiten Folge, über die Krankentage in Sachsen-Anhalt gesprochen. Das ist ziemlich gut gelaufen. Wir haben auch damals schon gemerkt, dass da noch mehr ist, was man sich anschauen muss. Ja, weil’s ein sehr vielschichtiges Thema ist.
Damals war eher der Ausgangspunkt, dass wir gucken wollten, warum hat Sachsen-Anhalt eigentlich die meisten Krankentage in ganz Deutschland? Und du hast dann unter anderem erzählt, dass vor allem psychische Erkrankungen eine der Hauptursachen für die vielen Fehltage sind. Und in einigen Landkreisen sogar die häufigste. Genau, so ist es. Je nach Krankenkasse gehen nämlich zwischen 13 und 20 Prozent aller Krankentage im Land auf psychische Erkrankungen zurück.
Das sieht man auch in anderen Statistiken. Das Robert Koch Institut hat sich zum Beispiel mal angeschaut, wie häufig psychische Erkrankungen zwischen 2012 und 2023 in der ambulanten Versorgung diagnostiziert wurden. Bundesweit stieg dieser Anteil auch, und zwar von 35 auf gut 40 Prozent. Den stärksten Anstieg aller Bundesländer gab es aber in Sachsen-Anhalt. Seit 2023 hatte hier fast jeder zweite gesetzlich versicherte Erwachsene, der eben ambulante Versorgung in Anspruch genommen hat, mindestens eine dokumentierte psychische Diagnose.
Diagnosen und Versorgungsproblematik
Okay, also es gibt auf jeden Fall mehr Diagnosen. Das muss ja aber nicht unbedingt bedeuten, dass es auch wirklich mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt. Also holen sich vielleicht die Menschen einfach nur mehr Hilfe und bekommen dadurch eine entsprechende Diagnose? Genau, das war so ein bisschen der Ausgangspunkt für diese Folge heute. Das wollte ich unbedingt herausfinden. Deswegen habe ich diese Frage an Sabine Ahrens Eiper von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer weitergegeben.
Im Erwachsenenbereich sehen wir schon eine Verdopplung der Krankentage in den letzten zehn Jahren, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Aber rein von der Forschung her gibt es hier keine Zunahme der psychischen Erkrankungen. Vielleicht wird es jetzt besser festgestellt, dass man vorher eher wegen psychosomatischer Beschwerden, Schlafproblemen, krankgeschrieben wurde und jetzt besser erkannt wird, dass es sich hier doch um eine psychische Störung, eine Depression, handelt.
Bei den Kindern und Jugendlichen haben die psychischen Störungen definitiv zugenommen. Und durch die Pandemie und verschiedene andere gesellschaftspolitische Krisen hat sich einfach bei den Kindern und Jugendlichen eine zunehmende Belastung ergeben. Also eine Steigerung des psychotherapeutischen Bedarfs. Das war für uns in den Praxen sehr merklich, insbesondere während Corona. Und ist aber auf einem relativ hohen Stand stehen geblieben.
Also noch mal, wir haben ziemlich stabile Zahlen bei den Erwachsenen, die vor allem mit Depressionen und Angststörungen kommen. Aber zum Beispiel auch der Anteil an Alkoholerkrankungen ist in Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich. Und Suchterkrankungen zählen zu den psychischen Erkrankungen. Und bei den Kindern und Jugendlichen merklich gestiegene Zahlen, die haben auch mit Angstzuständen zu kämpfen. Aber eben auch Essstörungen haben enorm zugenommen und eben auch selbstverletzendes Verhalten bis hin zu Suizidversuchen.
Herausforderungen in Sachsen-Anhalt
Das mit der Belastung und psychischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, das hat man ja in den letzten Jahren wirklich auch mehr diskutiert. Da gibt es auch alarmierende Zahlen, wie das sich beispielsweise bei Essstörungen bei jungen Mädchen mehr als verdoppelt hat. Aber das ist ja nicht nur ein Problem in Sachsen-Anhalt. Ja, das stimmt. Aber es gibt in Sachsen-Anhalt ein paar Besonderheiten, die wie ein Katalysator wirken.
Wir haben ja zum Beispiel in unserer Folge über das Bildungssystem schon darüber gesprochen. Sachsen-Anhalt hat die höchste Quote von jungen Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, nämlich jeder Zehnte. Und wenn erst mal ein schulvermeidendes Verhalten da ist, ist es auch besonders schwierig, bei uns die Kinder und Jugendlichen auch wieder in die Schule zurückzubringen. Da haben wir im Moment als Kammer auch eine enge Zusammenarbeit mit der Justizministerin Sachsen-Anhalt, weil die das Problem auch erkannt hat und mit Sorge sieht.
Dann haben wir eine hohe Armut unter Kindern und Jugendlichen. Und ich denke, das spielt schon eine große Rolle. Gerade Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien haben ja einfach ein erhöhtes Risiko psychischer Erkrankungen. Also da glaube ich, kommen verschiedene Lagen zusammen. Dann sind wir ja auch ein Bundesland mit viel ländlichem Bereich. Und gerade im ländlichen Bereich ist die Versorgung von Kindern und Jugendlichen besonders schwach.
Ja, das heißt, wir haben einfach wenig Möglichkeit, sehr frühzeitig da einzuwirken, dass die Kinder wirklich gleich einen Therapieplatz kriegen, wenn sie ihn brauchen. Lass uns doch vielleicht genau darüber noch mal kurz sprechen. Wie läuft das mit der Therapieplatzsuche? Ich weiß aus meinem persönlichen Umfeld, das ist wirklich nicht easy. Und mein persönliches Umfeld bewegt sich in der Großstadt, vor allem auch in Leipzig.
Erst mal braucht man auf jeden Fall ein Erstgespräch. Und das kann man relativ unkompliziert beispielsweise über die 116 117 oder eben die Webseite der 116 117 beantragen. Genau, und da sagt der Gesetzgeber, man soll innerhalb von vier Wochen da einen Termin für dieses Erstgespräch bekommen. Da sagt Sabine Ahrens Eiper schon, da hakt es zum ersten Mal. Man bemüht sich da zwar sehr, aber man kriegt eben den Bedarf nicht so abgedeckt, dass diese Frist in Sachsen-Anhalt immer eingehalten wird.
Dann kommt dieses Erstgespräch. Da guckt erst mal ein Psychotherapeut oder eben auch eine Psychotherapeutin, was ist denn da eigentlich los? Ist das tatsächlich ein Fall für eine ambulante Psychotherapie oder ist das vielleicht eher was für eine Reha, für eine Kur? Braucht es hier vielleicht bei Kindern und Jugendlichen eher so was wie eine Erziehungsberatung? Also die Therapeuten und Therapeutinnen haben da wirklich so eine Lotsenfunktion, erst mal zu gucken, was haben wir hier überhaupt vorliegen?
Und wenn bei dem Erstgespräch dann rauskommt, ja, eine ambulante Psychotherapie, die wäre gut, dann beginnt die Suche eben für viele Patienten und Patientinnen häufig von vorn. Wenn der Patient Glück hat, ist da, wo er die Sprechstunde gemacht hat, auch ein Therapieplatz frei. Das ist eigentlich das Optimale. Das ist aber auch nicht die Regel. Dann wird man sozusagen wieder zurückgeworfen in den Teich und muss versuchen, einen Therapieplatz zu bekommen. Und auf einen Therapieplatz wartet man fünf bis sechs Monate.
Ja, und das finde ich ja total krass, weil dir geht es bei dieser Suche ja nicht gut. Du musst erst mal überhaupt die Kraft aufbringen, die ganzen Nummern rauszusuchen, dort anzurufen. Das hat dann vielleicht auch noch was mit Charme zu tun. Und wenn es richtig schlecht läuft, rufst du ja nicht nur bei einer Praxis an, du rufst bei richtig vielen an. Das ist ja eher der Regelfall, dass du bei vielen anrufst. Genau, das ist der Regelfall.
Und du musst bei jeder Praxis noch mal deine Geschichte kurz neu erzählen, in einem Zustand, in dem du eigentlich Hilfe brauchst. Also ich finde es wirklich krass, dieses System. Und wenn es euch gerade auch nicht gut geht und ihr Infos sucht, wir haben in den Shownotes euch ein paar Links eingefügt. Und auch im Newsletter bekommt ihr noch ein paar Infos dazu.
Bedarfsplanung und Herausforderungen
Aber Katja, sag mal, diese Probleme, die hat Frau Ahrens Eiper ja eigentlich recht klar benannt. Wenn das bekannt ist, warum steuert man denn nicht einfach nach? Warum gibt es nicht mehr Therapeutinnen und Therapeuten? Warum wird es den Menschen, die Hilfe brauchen, nicht einfacher gemacht? Ja, da kommen wir an einen ziemlich zentralen Punkt, nämlich die sogenannte Bedarfsplanung.
Wie viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sich irgendwo mit Kassensitz niederlassen können, das wird nämlich nicht einfach danach entschieden, wie viele Menschen einen Therapieplatz brauchen und suchen, so wie du es vorgeschlagen hast, was man aus Patientinnen- und Patienten-Sicht nachvollziehen kann. Das ist ein bisschen komplizierter. Der Bund gibt über den gemeinsamen Bundesausschuss die Regeln für die Bedarfsplanung vor.
Und in Sachsen-Anhalt setzt die Kassenärztliche Vereinigung diese dann gemeinsam mit den Krankenkassen in einen regionalen Bedarfsplan um. Und da gibt es wiederum dann auch noch gerade für den ländlichen Bereich besondere Herausforderungen. Und die Bedarfsplanung ist unterschiedlich für Stadt und Land, weil man grundsätzlich bei der ärztlichen Versorgung davon ausgeht, dass man bis zu einer Stunde fahren kann, um zum Arzt zu kommen.
Also dass jetzt die Menschen, die 100 Kilometer rund um Magdeburg wohnen, wenn sie zum Arzt wollen, schon auch nach Magdeburg fahren. Da ist ja sicherlich auch was dran. Stellen Sie sich eine Familie vor mit drei Kindern, und die wollen einmal in der Woche eins davon zur Psychotherapie bringen. Da können sie nicht eine Stunde hinfahren, eine Stunde dort sein, wieder eine Stunde zurückfahren. Das ist unmöglich.
Und dieser Fehler, also dieser Unterschied zwischen Land und Stadt, der besteht aber weiterhin und der führt unter anderem dazu, dass wir in den ländlichen Bereichen so schlecht versorgt sind. Und weiterhin orientiert sich die Bedarfsplanung ja immer an der Bevölkerungsdichte und am Alter der Bevölkerung, an der Morbidität und nicht an den Prävalenzzahlen, wie viele psychische Erkrankte habe ich da eigentlich. Und das geht in die Berechnung seit jeher nicht ein.
Und das fände ich jetzt doch schon mal schön, wenn hier Forschung und Praxis und Politik zusammenarbeiten würden und mal aus rein wissenschaftlicher Sicht genau schauen würden, dieser Bereich, wie viele Kinder leben hier, welche Erkrankungsraten an psychischen Störungen haben wir hier. Und wenn wir jetzt mal nur die Hälfte von denen versorgen wollten, wie viele Therapeuten bräuchten wir da? Und die Bedarfsplanung funktioniert so aber nicht. Und das ist, glaube ich, nicht mehr zeitgemäß.
Genau, und vielleicht nur um das auch noch mal zu betonen: Also nicht jeder Therapeut, jede Therapeutin behandelt zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche. Dafür braucht es eine spezielle fachliche Qualifikation. Und ich fand dieses Beispiel mit einmal in der Woche, das Kind eine Stunde dahin fahren, eine Stunde da sein, eine Stunde zurückfahren, das ist schon sehr eindringlich. Weil wer soll so was leisten? Also sind die Herausforderungen im ländlichen Raum einfach noch mal deutlich größer. Und na ja, davon hat Sachsen-Anhalt sehr, sehr viel.
Ambulante und stationäre Versorgung
Genau, und deswegen wollte ich mir diese Herausforderung auch noch mal ein bisschen konkreter anschauen. Vorher nur noch ein ganz kurzer Exkurs. Wir haben jetzt vor allem über die ambulante Psychotherapie gesprochen. Es gibt ja aber auch Menschen, die brauchen zum Beispiel Hilfe von einem Psychiater oder einer Psychiaterin. Die brauchen vielleicht Medikamente oder die müssen sogar stationär behandelt werden. Und da sieht das Bild ehrlicherweise noch mal ein bisschen anders aus.
Der Medizinische Dienst hat sich 16 stationäre Einrichtungen und Tageskliniken in Sachsen-Anhalt angeschaut, hat die geprüft und dann festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der kontrollierten Einrichtungen nicht die vorgeschriebene Personalstärke erreichen. Also fehlt es in allen Bereichen an Personal oder sind es bestimmte? Ja, es gibt auf jeden Fall zu wenig Psychiater und auch Psychiaterinnen, auch im niedergelassenen Bereich.
Es gibt aber auch in diesen Kliniken zum Beispiel zu wenig Ergo- und Bewegungstherapeuten und eben auch so was wie Pfleger im Nachtdienst. Da sehen wir auch, Fachkräftemangel kommt da natürlich schon an. Und ab 2027 könnte sich das noch mal ein bisschen verschärfen, denn diese Einrichtungen, die eben diese Personalplanung nicht erfüllen, die sollen finanzielle Sanktionen leisten müssen.
Und Kritiker befürchten natürlich, dass dadurch dann eben auch Behandlungsplätze gestrichen werden und Patientinnen und Patienten länger auf eine Behandlung warten müssen. Klar, weil es einfacher ist, Behandlungsplätze zu streichen und so auf den richtigen Personalschlüssel zu kommen, als umgedreht das Personal zu finden. Genau, vor allem, wenn es eben nicht da ist.
So, jetzt aber noch mal zu den Herausforderungen im ländlichen Raum. Dafür habe ich mit Anja Liese gesprochen. Die kennt den Unterschied zwischen Stadt und Land sehr gut, denn sie hatte mal eine Psychotherapiepraxis in Magdeburg und jetzt behandelt sie Menschen in der Hohen Bürde in Ackendorf. Und sie sagt, es ist wirklich eine komplett andere Welt.
Und es beginnt schon mit ganz alltäglichen Dingen, dass die natürlich durch dieses Auf-dem-Land-Leben auch von den Arbeitszeiten her in Schichtdiensten noch auswärts arbeiten. Also ich finde die Koordinierung der Termine schwieriger. Also auch gerade bei denen, die jetzt in Schichten arbeiten. Und ich kann ja auch nicht ausnahmslos abends arbeiten. Da macht es sich natürlich gut, wenn die Spät- und Nachtschichten haben, aber das geht dann eben nicht wöchentlich.
Anja Liese arbeitet deshalb viel mit der Gruppentherapie. Die findet dann immer abends statt, sodass sie möglichst viele ihrer Patientinnen und Patienten möglichst jede Woche sieht. Aber es geht dann eben auch weiter mit so Fragen, wie kommen denn eigentlich die Leute zu ihren Terminen? Dann sagt sie, es gibt halt viel Komorbidität. Die haben teilweise Rollator und Rollstuhl. Es fährt kein Bus. Dann müssen die mit dem Krankentransport kommen. Das ist auch für Praxen, die nicht rollstuhlgerecht sind, eigentlich unmöglich.
Weil wir auch auf dem Land sehr komorbide Patienten haben, also die noch andere Erkrankungen haben. Es ist ja bekannt, dass im Osten die Menschen früher kränker sind, auch zum Älterwerden hin. Und dann auch Einschränkungen der Mobilität. Gerade jetzt wieder eine junge Frau da mit Rollator. Also wie die dann rankommen? Ja, Busverbindungen sind schwierig. Teilweise mit Krankentransport mit Rollstuhl habe ich auch.
Also da sind dann immer die Praxen, die auch rollstuhlgerecht Behandlung möglich machen, natürlich sehr gefragt. Praxen, die nicht barrierefrei sind, sind also für viele Patienten und Patientinnen auch ein Ausschlusskriterium. Und na ja, wenn es auf dem Land eh schon nicht so viele gibt, macht es das dann natürlich nicht unbedingt leichter.
Zumal eigentlich muss man sich na ja dann auch noch beim Therapeuten oder der Therapeutin ja auch noch wohlfühlen. Es muss ein Vertrauensverhältnis entstehen, sonst wird es da nicht wirklich zum Therapieerfolg kommen. Ja, das wäre natürlich optimal. Aber was macht man eben, wenn man nicht die Wahl hat? Also in der Stadt, auch wenn es da jetzt auch nicht superleicht ist, aber da geht man eben vielleicht noch mal woanders hin. Das ist schon ein bisschen einfacher als auf dem Land.
Und das gilt eben auch noch für ganz viele andere Dinge, hat mir Anja Liese erzählt. Und auch die Versorgung mit Soziotherapie, Ergotherapie, Logopädie, alles das, was so dringendrum noch das Gesamtbild verbessern würde. Oder auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Also Sie können auch mal ins Kino gehen. Sie können auch mal. Das ist auf dem Land natürlich extrem schwieriger.
Und wenn Sie dann hier jemanden depressiv haben, der vielleicht auch noch körperlich eingeschränkt alleine nirgendwo hin kann, in der Stadt ist das viel einfacher zu organisieren. Weil um jede Ecke ist eine Physiotherapie. Und Sie können da auch mit Straßenbahn hinfahren oder so. Das ist hier auf dem Land schwieriger. Es ist besser geworden in den letzten Jahren. Auch da sind mehr Angebote da. Aber es ist immer noch nicht so wie in Magdeburg.
Ja, so bis ins letzte Detail, was da alles dranhängt, das hab ich so bislang auch noch nicht durchdacht, obwohl ich mich viel mit dem Thema beschäftigt habe.
Sag mal, gibt’s vielleicht auch Sachen, die im ländlichen Raum besser funktionieren? Das wollte ich von Anja Liese auch wissen. Die hat Folgendes gesagt: Es ist auch belegt in der Forschung, dass die familiären Strukturen auf dem Land anders sind. Also, viele wohnen noch auf großen Gehöften, oft sehr eng mit Großeltern und Eltern. Ich glaube, auf dem Land wird das eher angestrebt, dass man in einer Familie enger zusammenbleibt. Und das kann mehr Unterstützung bedeuten für den Einzelnen, der erkrankt ist.
So viel vielleicht zu der besonderen Situation im ländlichen Raum. Und da merkt man schon, die Herausforderungen sind ziemlich komplex und gar nicht so einfach zu lösen. Aber klar, es würde natürlich schon helfen, wenn es dort einfach mehr Therapeutinnen und Therapeuten gäbe. Auch Anja Liese hat mir noch mal gesagt, dass man diese Bedarfsplanung dringend anpassen müsste, weil sie nicht den tatsächlichen Bedingungen entspricht.
Na gut, aber die Diskussion, die rund um Psychotherapie in diesem Jahr geführt wurde, weist ja eher in eine andere Richtung. Im April wurde festgelegt, dass die psychotherapeutischen Leistungen um 4 bis 5 Prozent gekürzt werden. Die Umsetzung wurde zwar vom Landessozialgericht Berlin-Brandenburg im Juli im Eilverfahren gestoppt, aber damit ist dieses ganze Thema ja noch nicht vom Tisch.
Nee, ganz und gar nicht. Also, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die ja auch die Interessen von Psychotherapeutinnen und Therapeuten vertritt, hat gegen diese Honorarkürzungen und deren Berechnungsgrundlage Klage erhoben. Über diese Klage ist aber noch nicht entschieden. Das Landessozialgericht hat jetzt erst mal nur gesagt, dass die Honorarabsenkung nicht vollzogen werden darf, solange eben diese Klage noch nicht durch ist. Was dabei rauskommt, ist aber noch offen.
Sabine Ahrens Eiper sagt, wenn die Kürzungen tatsächlich kommen sollten, dann würde das schon eine enorme wirtschaftliche Schwächung der Praxen bedeuten. Zumal man ja auch noch sagen muss, es gab ja dann in diesem Jahr gleich noch einen zweiten Vorstoß in eine ganz ähnliche Richtung. Und das andere Gesetz, das im Juli beschlossen wurde, dieses GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, würde dazu führen, dass Menschen, die offiziell nur einen halben Sitz haben, und das sind sehr viele in Sachsen-Anhalt, also wenn man es ganz genau nimmt, nur noch 18 Sitzungen in der Woche durchführen sollen, beziehungsweise bezahlt bekommen.
Und wir müssen ja alle in der Arbeit. Wir können ja nur machen, wofür wir auch Geld bekommen. Man kann nicht erwarten, dass die Menschen im Ehrenamt weiterhin tätig sind. Das würde ein Kinderarzt oder ein Facharzt auch nicht machen. Und dass also die Leistung auf diesen halben Sitz begrenzt würde. Und wenn es so umgesetzt würde, wie es gedacht ist, würde also die Berechnung variieren, so ein bisschen zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Behandlungsplätze wegfallen. Das wäre für Sachsen-Anhalt, ich kann es nicht anders sagen, eine Vollkatastrophe.
Also, wenn das so eintritt, wie es jetzt gedacht ist, ab Januar wird das für die Versorgung erhebliche Einschnitte mit sich bringen. Also über alle Altersgruppen hinweg. Also, es gibt quasi gerade zwei aktuelle Entwicklungen, die die Versorgungssituation enorm zuspitzen könnten, wenn sie denn so kommen. Und das ist, sagt Sabine Ahrens Eiper, doppelt schade. Denn in ihrer Wahrnehmung war man in den letzten zehn bis 15 Jahren in Sachsen-Anhalt eigentlich auf einem ganz guten Weg.
Auch Anja Liese hat mir das bestätigt, dass sich da eben viele Dinge positiv entwickelt haben. Es gab mehr Nachwuchs, deutlich mehr Niederlassungen als vor zehn bis 15 Jahren. Auch so eine gestiegene Akzeptanz von psychischen Erkrankungen, bessere Angebote auf dem Land. Und jetzt eben diese gesetzlichen Vorstöße.
Mal so ganz fernab von der finanziellen Situation für Therapeutinnen und Therapeuten machen solche Diskussionen ja auch gesellschaftlich was mit uns. Ja, also ich finde es auch absolut kontraproduktiv. Wir haben in den letzten Jahren viel geschafft, was Prävention angeht, Entstigmatisierung. Dass es keine Schande ist, zum Psychotherapeuten zu gehen, sondern dass es eher gut ist, wenn man sich um seine psychische Gesundheit auch kümmert.
Dass es auch von Arbeitgebern anders gesehen wird. Dass es von Schulen auch eher befördert wird. Und jetzt ist das ja ein völliger Gegentrend zu sagen: Nee, das braucht man nicht oder das ist alles übertrieben. Und in der Masse brauchen wir das nicht. Also, das halte ich wirklich für einen fatalen Fehler. Äh, absolut. Ich finde auch, die Zeichen deuten da eher so auf Rückschritt hin.
Eigentlich würde ich es auch eher als Erfolg verbuchen, dass wir ein bisschen davon weggekommen sind von so Sprüchen wie: Reiß dich einfach mal zusammen und du musst da durchgehen. Aber wenn natürlich die Möglichkeiten wieder genommen werden, dass du dir Hilfe suchen kannst, dann entwickeln wir uns auch gesellschaftlich wieder zurück.
Jetzt ist Sabine Ahrens Eiper, haben wir ja ganz am Anfang der Folge schon gesagt, nicht nur Psychotherapeutin, sondern auch Vizepräsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer und in der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung. Sie hat ja vielleicht Optionen, sich noch mehr Gehör zu verschaffen.
Wie geht man denn in diesen, ich nenne es jetzt mal, Gremien mit dieser Entwicklung um? Ja, das fand ich ganz spannend, weil Sabine Ahrens Eiper da eben mit so verschiedenen Interessen quasi auch konfrontiert ist und die auch so in einer Person vereint. Und sie sagt, es ist auf jeden Fall ein Vorteil, weil sie zum Beispiel eben auch mal so Einblicke bekommt in die Versorgungsdenke der Kassenärztlichen Vereinigung, kurz KV.
Aus meiner Sicht hat es einen hohen Synergieeffekt. Und um da miteinander zusammen auch vielleicht Modelle entwickeln zu können, wie man die Versorgung verbessern kann, da ist unsere KV auch wirklich absolut kooperativ. Und aus meiner Sicht liegt das Problem eher auf Bundesebene, sowohl mit der Bemessung der Versorgung also wie das eigentlich erfolgt und mit den Gesetzen, mit denen wir da jetzt zu kämpfen haben.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das wäre, wenn wir als Kammer, als Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer, nicht so gut mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt kommunizieren könnten. Weil wir haben ja sowohl als Kammer als auch als KV ein hohes Interesse an Versorgung. Wir wollen, dass psychisch kranke Menschen möglichst gut versorgt werden.
Und gleichzeitig wollen wir als Kammer natürlich auch für unsere Mitglieder eintreten, dass die ein halbwegs auskömmliches Leben haben können und jetzt nicht alle finanziell ruiniert werden, weil ihre Praxen nicht mehr laufen. Das ist aber auch im Interesse der KV, weil die wollen ja auch, dass ihre Niedergelassenen weiter tätig sein können und Versorgung leisten.
Aber das Problem, das wir haben, sehe ich wirklich auf Bundesebene. Einmal, dass diese Bemessung, wie viele Psychotherapeuten braucht denn so ein Bundesland, so veraltet ist. Und dann jetzt mit der aktuellen Gesundheitspolitik. Also, das finde ich wirklich nach wie vor ein Affront. Ein Affront gegen unseren Berufsstand und eine Katastrophe für die Versorgung.
Was jetzt tatsächlich mit diesen Honorarkürzungsplänen und auch dem Beitragsstabilisierungsgesetz passiert, werden wir jetzt wahrscheinlich erst mal abwarten müssen. Gibt es denn Dinge, die die Therapeutinnen und Therapeuten ganz unabhängig davon fordern?
Ja, was ich zum Beispiel auch noch nicht wusste, ist, dass es keinen Rahmen dafür gibt, dass sich Therapeuten oder Therapeutinnen zum Beispiel mit der Schule oder mit Kinderärzten, vielleicht auch so was wie Schulsozialarbeitern, dass die sich besprechen. Also, wenn sie das tun, um zum Beispiel ein besseres Bild von einem Kind oder von einem Jugendlichen zu bekommen, dann ist das quasi ehrenamtlich.
Und selbst dann ist das natürlich rechtlich auch nicht so ganz ohne. Also, wenn ich mich jetzt zu einer Fallbesprechung treffe mit dem Jugendamt oder mit dem Schulpsychologen oder mit der Kinderärztin, auch nur telefoniere, das kommt im System nicht vor. Ja, und das ist ein Fehler.
Also, wir bräuchten wirklich so klassische Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und miteinander Fallbesprechungen zu machen. Man müsste jetzt überlegen, wie mache ich das mit Datenschutz gesichert, Videokonferenzen oder persönlich. Aber es gibt dafür kein Geld und es gibt dafür auch keinen Rahmen, was das heißt. Man ist dazu weder verpflichtet, noch wird es in irgendeiner Form unterstützt.
Ich finde das krass. Und ehrlicherweise kennt man das auch an anderen Stellen, dass Leute, die eigentlich was Gutes tun wollen, sich dann über bestimmte Gegebenheiten hinwegsetzen müssen und einerseits sagen: Ich rede einfach mal mit der Schulsozialarbeiterin, weil das wäre das Beste für das Kind. Dass sie sich in so einer Grauzone bewegen und schlimmstenfalls sogar bestraft werden könnten dafür.
Du kommst ja gerade bei Kindern und Jugendlichen eigentlich gar nicht drumherum. Wenn du über Probleme sprichst, die die in der Schule haben, dann brauchst du Menschen, die sie in der Schule erleben. Das können die Eltern nicht leisten. Da musst du Termine machen mit einer Klassenlehrerin oder auch mit einer Horterzieherin. Alle machen das ehrenamtlich, denn auch die werden dafür nicht bezahlt.
Das finde ich auch total verrückt. Und bei den Therapeutinnen und Therapeuten, wenn die das dann so, ich sage jetzt mal wirklich unbezahlt in ihrer Freizeit ohne rechtlichen Rahmen machen, dann ist das, finde ich, auch deswegen krass. Weil mir Sabine Ahrens Eiper erzählt hat, dass die in Sachsen-Anhalt auch im bundesweiten Vergleich tatsächlich richtig viel Arbeit haben.
In Sachsen-Anhalt führen wir die Statistik alljährlich mit an. Wir sind immer auf den ersten drei Plätzen, an wie viel Patienten wir versorgen und wie viele Stunden wir an Leistungsvolumen durchführen. Sind wir bundesweit immer unter den Top Dreien. Also, wir arbeiten richtig viel. Aber trotzdem können wir diesen Bedarf nicht vollständig decken.
Okay, also ich fasse das noch mal zusammen. In Sachsen-Anhalt gibt es tatsächlich immer mehr Diagnosen, dass Menschen an einer psychischen Erkrankung leiden. Im Erwachsenenbereich sind die Zahlen gestiegen, weil sie heute häufiger diagnostiziert werden. Im Kinder- und Jugendbereich, weil es tatsächlich immer mehr junge Menschen gibt, die eine psychische Erkrankung haben.
In den letzten zehn bis 15 Jahren ist eigentlich ganz viel gut gelaufen. Die Angebote auch auf dem Land haben zugenommen. Auch wenn es immer noch vor allem für Kinder und Jugendliche zu wenig Therapeutinnen und Therapeuten gibt. Trotzdem gibt es ein paar Lücken, was den Rahmen für den Austausch mit Schulen oder Kinderärzten betrifft.
Und die Diskussionen, die jetzt gerade geführt werden, führen wahrscheinlich zu einer Zuspitzung der Versorgungslage als zu einer Entspannung, richtig? Ja, ganz genau. Und selbst wenn die Honorarkürzungen und das Beitragsstabilisierungsgesetz so, wie sie jetzt geplant sind, nicht kommen, bleibt die Bedarfsplanung laut unserer Gesprächspartnerin ein riesengroßes Problem, weil sie einfach nicht mehr zeitgemäß und nicht realistisch ist.
Das Beispiel mit einmal in der Woche, das Kind eine Stunde irgendwo hinfahren, eine Stunde da bleiben, eine Stunde zurückfahren, das bleibt, glaube ich, im Kopf. Deswegen sagt Sabine Ahrens Eiper auch: Wenn ich eine Sache ändern könnte, dann würde ich mehr Niederlassungsmöglichkeiten für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vor allem im ländlichen Bereich.
Das würde die Situation dort für die Familien deutlich verbessern. Und das würde ausstrahlen in die Schulen, zu den Kinderärzten. Langfristig hätten wir weniger psychisch kranke Erwachsene, weil sie eben im Kindes- und Jugendalter schon einen Platz gefunden hätten. Das hätte ganz viele positive Folgen: weniger AU-Zeiten im Erwachsenenalter. Ich glaube, das wäre eine Maßnahme, die ganz, ganz viel Positives nach sich ziehen würde.
Ja, wir haben heute viel über psychische Belastung und Erkrankung gesprochen. Und was dabei auch rausgekommen ist: Mehr als jeder Dritte hat irgendwann im Laufe seines Lebens eben mal damit zu kämpfen. Wenn es euch auch so geht, dann scheut euch nicht, euch Hilfe zu holen.
Eine gute Orientierung bietet hier zum Beispiel das Online-Angebot der Techniker Krankenkasse. Dazu mal Steffi Suchand, die Leiterin der Landesvertretung in Sachsen-Anhalt. Viele können aufgrund der Komplexität des Systems gar nicht erkennen, wo er mit seinen Sorgen richtig aufgehoben ist. Da sind wir ein relativ guter Wegweiser mit unseren Angeboten auch im Online-Format.
Was gibt es für Angebote auch in der normalen Regelversorgung? Wir haben zum Beispiel auch auf unserer Internetseite dann Angebote, wo man einen entsprechenden Fragenkatalog mal durchgeht und dann für sich sagt: Hm, was kommt denn da raus? Ist da eine Empfehlung, du müsstest vielleicht mal einen Arzt aufsuchen oder mach mal ein paar Entspannungsübungen?
Das heißt erst mal ein Bewusstsein dafür zu entwickeln: Bin ich hier auch gefährdet, von meinem Stress in eine psychische Erkrankung abzudriften? Oder habe ich jetzt vielleicht nur ein Gefühl, dass mir es nicht gut geht? Und weitere Infos findet ihr natürlich noch in den Shownotes und natürlich auch in unserem Newsletter.
Ansonsten haben wir heute ja schon recht viel über ländliche Regionen gesprochen. Und das werden wir gewisserweise auch nächste Woche noch machen. Dann geht es aber um ein etwas anderes Thema, und zwar geht es um Äcker, Ernte, Klimawandel. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt.
Das ist ein ziemlich wichtiger Wirtschaftszweig. Wir wollten mal wissen: Wie geht es den Landwirten, vor welchen Herausforderungen stehen sie und wie schauen sie in die Zukunft? Da bin ich auf jeden Fall schon ganz gespannt, welche Erkenntnisse wir dann ernten können.
Bis dahin macht’s gut und bis nächste Woche.
SWR 2021. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.