Was ist der Sinn des Lebens? Das ist eine Frage, die klingt heutzutage ein bisschen nach Self-Help, nach Ratgeberliteratur, vielleicht nach WG-Diskussionen bei sehr, sehr viel Rotwein oder vielleicht auch ein bisschen nach Midlife Crisis. Also, man hat eine Sinnkrise und dann wandert man halt einmal den Jakobsweg, um diesen Sinn für sich persönlich wiederzufinden. In der akademischen Philosophie ist die Sinnfrage eigentlich gar nicht mehr so ein großes Thema. Die gilt irgendwie als zu groß, zu spirituell und am Ende vielleicht auch einfach nicht beantwortbar. Einer, der das trotzdem gemacht hat, ist der Philosoph Michael Sitschi. Und er kommt zu dem Schluss: Der Sinn des Lebens, das ist, anderen wichtig zu sein. Wirft bei mir jetzt erstmal ganz viele Fragen auf. Schönerweise kann ich die ihm gleich alle persönlich stellen. Und damit herzlich willkommen zum Forschungsquartett, heute mit Charlotte Thiemann. Schön, dass ihr dabei seid. Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm.
Wir fangen an mit einem jungen Mann namens Tony. Tony ist sehr unglücklich und es kommt ihm alles sinnlos vor im Leben. Jetzt wird Tony von einem Mafia-Clan angeworben und das fühlt sich ziemlich gut an für ihn. Tony hat das Gefühl, sein Leben, das hat jetzt endlich wieder Sinn. Nur das, was Tony den ganzen Tag macht: Schutzgeld erpressen, Drogenhandel, Geldwäsche, Leute bedrohen – kann man das wirklich ein sinnhaftes Leben nennen? Eher nicht, sagt Michael Sitschi. Er ist Philosophie-Professor an der Uni Bonn und hat gerade ein Buch geschrieben über die große Frage: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Herzlich willkommen im Forschungsquartett, Herr Sitschi. Vielen Dank, freut mich, dass ich da sein kann.
Herr Sitschi, ich war ein bisschen überrascht, als ich angefangen habe, Ihr Buch zu lesen und dort sinngemäß stand, sich heute als Philosoph an der Uni mit diesem Thema zu beschäftigen, was ist der Sinn des Lebens, so ein bisschen peinlich. Ja, das ist richtig. Das hat einfach damit zu tun, dass die Sinnfrage lange Zeit so ein bisschen in der Schmuddelecke war der Philosophie. Und zwar aus dem Grund, dass es als eine höchstpersönliche Frage galt, die man ohnehin nur für sich beantworten kann, die auch jedem Einzelnen überlassen sein sollte, für sich zu beantworten, in die man sich sozusagen als Philosoph gar nicht einmischen sollte. Und die zudem irgendwie so einen weltanschaulich-religiösen Charakter hat. Und das sind ja alle so Bereiche, um die die Philosophie ganz gerne ihren großen Bogen macht. Und wenn man sich mit Sinnfragen beschäftigt, dann sollte man das eher der Psychotherapie, vielleicht noch der Psychologie überlassen. Aber als Philosoph, als Philosophin hätte man da relativ wenig zu sagen.
Ist Ihnen das denn peinlich jetzt noch oder geht mittlerweile? Es geht mittlerweile. Es hat sich auch ein bisschen der Diskurs verschoben. Es gibt seit gut mehr als 10, 15 Jahren auch in der Philosophie eine wieder aufkeimende Debatte um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und da sind auch die Berührungsängste, die davor irgendwie lange Zeit bestanden haben, ein bisschen abgelegt worden. Und so kann man sich heute wieder ganz gut sozusagen mit dieser Frage präsentieren, obwohl es noch viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die so ein bisschen die Nase rümpfen und sich fragen: Ach, so eine große Frage, und ist das nicht ein bisschen zu umfassend eben oder auch zu subjektiv? Wobei man ja eigentlich sagen würde, das ist so eine sehr klassische, vielleicht die Urfrage der Philosophie schlechthin. Wobei andererseits man wahrscheinlich ziemlich lange auch eine relativ klare Antwort hatte, nämlich Gott. Genau, und das ist auch das Erstaunliche. Es gilt so gemeinhin als die Urfrage der Philosophie, aber die eigentliche Urfrage in dem Bereich ist die Frage nach dem guten Leben. Also, was muss ich machen, damit mein Leben irgendwie gelungen ist, dass es richtig ist, dass es gut ist? Und die Frage nach dem Sinn war darin eigentlich die längste Zeit schon beantwortet, nämlich: Entweder der Sinn meines Lebens liegt in Gott oder liegt in diesen metaphysischen Strukturen, die auch mich durchdringen und an die ich mich einfach anzupassen habe, denen gemäßig zu leben habe. Darüber konnte man gut streiten, wie genau jetzt Gott zu verstehen ist oder wie genau diese metaphysischen Strukturen zu verstehen sind und was genau es heißt, ihnen gemäß zu leben. Aber dass es da so Strukturen gibt, an denen man sich zu orientieren hat, das stand immer außer Zweifel.
Jetzt ist das wahrscheinlich heute keine befriedigende philosophische Antwort mehr auf die Frage, was ist der Sinn des Lebens, zu antworten: Ja, Gott. Und Sie geben dann auch eine andere Antwort, nämlich: Der Sinn des Lebens ist, anderen wichtig zu sein. Warum eigentlich? Hat mich darauf gebracht, einerseits ein Gedankenexperiment und andererseits die Schriften von Viktor Frankl, dem berühmten Existenzanalytiker und auch Überlebenden mehrerer Konzentrationslager. Viktor Frankl hat sich einfach die Frage gestellt: Wie haben es Leute geschafft, Konzentrationslager zu überleben, während andere eben nicht geschafft haben, weil sie sich selber aufgegeben haben, abgesehen davon, dass natürlich die meisten umgebracht wurden. Und daraus ist diese Idee entstanden, dass der Sinn des Lebens etwas ist, das mir die Kraft gibt, über wirklich schwere Zeiten zu kommen, dass mir die Kraft gibt, das Leben zu tragen, auch wenn es eigentlich unerträglich ist. Und daraus ist so ein Gedankenexperiment entstanden, das da lautet: Der Sinn des Lebens müsste doch etwas sein, das in Extremsituationen die Motivation, die Kraft schenkt, mein Leben noch irgendwie auszuhalten. Und die sinnlose Existenzform, die man sich für einen Menschen ausdenken kann, ist wohl die, dass jemand im Koma liegt, unwiederbringlich im Koma liegt, das absehbar ist: Irgendwann wird man die Maschinen abschalten müssen. Nach den gängigen Sinntheorien und auch nach so einem bisschen intuitiven Alltagsverständnis würde man sagen: Also, das ist eigentlich ein ziemlich sinnloses Leben oder eine ziemlich sinnlose Lebensform. Und mich hat dann dabei herausgefordert zu fragen: Ja, aber ist das wirklich so oder gibt es nicht doch einen Aspekt, der auch noch so ein unwiederbringlich komatöses Leben sinnvoll werden lassen könnte? Und die Antwort, die ich darauf entwickelt habe, ist: Ja, das Leben ist so lange noch sinnvoll, solange da jemand da ist, dem diese Person, die da im Koma liegt, so am Herzen liegt, dass sie da im Bett liegt, die Hand hält und sich wünscht, der würde wieder aufwachen.
Ist das nicht ein bisschen heikel, diese Sinnfrage daran zu koppeln, wie wichtig anderen Menschen dieser Mensch ist? Also, man kommt da ja schnell, ja vielleicht auf die Idee, dass es dann eben, sobald da niemand mehr am Bett sitzt, ein sinnloses Leben ist. Ja, das klingt für Deutsche besonders heikel, weil wir im Deutschen so eine enge Kopplung zwischen Wert und Sinn haben. Wir sagen ja oft: Etwas ist wert- und sinnlos. Aber ich glaube, es ist eigentlich zentral, das auseinanderzuhalten. Nur weil ein Leben sinnlos ist – und möglicherweise ist ein Leben, das für niemanden mehr wichtig ist, ein sinnloses Leben – das bedeutet doch nicht, dass dieses Leben wertlos ist. Wenn wir sagen, dass das menschliche Leben per se wertvoll ist, und das ist ja auch in der Idee der Menschenwürde mitgegeben, dann sagen wir damit doch: Jedes menschliche Leben ist eines, das des Respektes und auch der Wertschätzung durch andere bedarf. Und das Vorliegen dieses Respektes und der Wertschätzung, das ist dann, was diesen Wert sozusagen in Sinn verwandelt. Aber ein Leben, das sinnlos ist, ist keines, das wertlos ist. Das ist mir ganz wichtig, festzuhalten. Also, sinnlos ist nicht gleich wertlos.
Trotzdem bleiben bei mir noch ganz viele Fragen, was das jetzt genau ausmacht, dieses anderen wichtig sein. Und ich würde vorschlagen, dass wir das einfach mal anhand von einigen Beispielen durchgehen und vielleicht mal starten mit dem Beispiel, das ich vorhin schon angebracht habe, nämlich Toni in der Mafia. Jetzt ist dieser Toni in der Mafia ja anderen wichtig, zum Beispiel seinen Freunden in der Mafia. Vollkommen richtig. Und von daher würde man oberflächlich betrachtet auch sagen: Toni führt ein sinnvolles Leben, zumindest kommt ihm selber so vor. Und es kommt ihm deswegen selber so vor, weil er genau die Erfahrung macht: Er ist in einer Gruppe, die sich gegenseitig wertschätzt. Seine Arbeit wird irgendwie angesehen, er fühlt sich da aufgehoben, er ist eingebettet. Das Problem ist nur, und darin stimmen eigentlich die allermeisten Theorien im Bereich der philosophischen Forschung vom Sinn des Lebens überein, dass zu der Tatsache, anderen wichtig zu sein, auch gehört, dass man anderen aus den richtigen Gründen wichtig ist. Und aus den richtigen Gründen dazu zählt vor allem auch, dass es irgendwie gut ist für andere. Jetzt kann man sagen: Toni, es ist gut, Toni ist für seine Kollegen in der Mafia vielleicht seine Bereicherung, aber das, was er macht, um für die als Bereicherung zu gelten, das ist natürlich nicht gut, nämlich Auftragskiller zu sein, andere Leute um ihr Leben zu bringen. Und von daher könnte man sagen, dass das Sinngefühl, das subjektive, das Toni hat, in diesem Fall eigentlich unberechtigt ist. Würde er sich wirklich fragen, ob sein Leben sinnvoll ist, müsste er zum Schluss kommen: Nein, denn ich bin zwar für andere wichtig, aber aus den falschen Gründen.
Das heißt aber, wenn ich Sie richtig verstehe, dass eine psychologische, eher individualistisch argumentierende Sinnphilosophie hier vielleicht sagen würde: Solange das Toni mit Sinn erfüllt, ist das für ihn der Sinn seines Lebens. In einer eher werteorientierten Diskussion würde es dann heißen: Naja, das ist eigentlich nicht sinnvoll, weil es nicht sinnvoll für andere ist. Ja, beziehungsweise man könnte vielleicht sagen, es fühlt sich für Toni sinnvoll an, aber es ist objektiv gesehen nicht sinnvoll, sein Leben. Und die Erfahrung machen wir öfter, dass wir uns einfach sozusagen über ganz grundlegende Dinge täuschen. Leute, die eine Depression haben, denen kommt ihr Leben sinnlos vor, obwohl es objektiv betrachtet sie vielleicht besonders sinnvolle Leben führen.
Jetzt geht es Ihnen in der Philosophie aber natürlich darum, diese Fragen, diese großen Fragen des Lebens zu objektivieren, objektive Kriterien zu finden. Dieses gesellschaftliche Wertefundament oder die Menschen, die sagen: Schutzgelderpressung ist aber nicht gut, das ist ja eben ein gesellschaftliches, also von der Gesellschaft geprägt, in der man lebt, in der man sozialisiert wurde. Ist das nicht ein bisschen das Problem, dass vielleicht in anderen Gesellschaften oder zu anderen Zeiten eben andere Wertvorstellungen herrschen oder wichtiger sind und es dementsprechend ein bisschen schwierig ist, sich hinzustellen und zu sagen: Das ist der Sinn des Lebens und zwar überall und für immer? Ja, da muss man sagen, das sind natürlich Debatten, die die philosophische Ethik schon seit Anbeginn prägen. Mittlerweile gibt es wieder so einen Zug in den Objektivismus, also die Ansicht, dass es moralische Werte in objektiver Form gibt. Und auch wenn sich sozusagen von Gesellschaft zu Gesellschaft Werte im Konkreten unterscheiden mögen, so gibt es doch wohl – und das ist auch empirisch einigermaßen untersucht – gibt es doch ganz grundlegende Übereinstimmungen. Also, unschuldige Menschen um ihr Leben zu bringen oder um ihr Hab und Gut zu bringen, das wird in keiner Gesellschaft als richtig angesehen. Und insofern haben wir da so ein paar objektive Kriterien, anhand derer wir messen können, ob jetzt nun eine Handlung gut ist oder nicht und dementsprechend auch zum Sinn beiträgt oder nicht.
Dann sprechen wir doch mal über einen guten Menschen, also der in den allermeisten Gesellschaften wahrscheinlich als gut gilt. Nennen wir ihn Ali zum Beispiel. Ali führt jetzt ein sehr gutes, tugendhaftes Leben. Er spendet einen Großteil seines Geldes für gute Zwecke. Er macht irgendwelche anderen Dinge, die niemand mitbekommt, die aber sehr nützlich sind für andere. Nachts an den Strand gehen und Plastikmüll einsammeln. Also, lauter Dinge, die anderen helfen, aber niemand weiß das. Ali ist niemandem wichtig. Tja, das ist natürlich so eine Grenzfrage. Was man natürlich sagen kann, ist, dass wenn die Leute wüssten, dass Ali all das vollbringt, wären sie nicht nur dankbar, sondern sie fänden das richtig toll. Und ich vermute, und ich kann es mir gar nicht anders denken, dass Ali das insgeheim natürlich weiß und vielleicht das auch seine Motivation ist, dass er irgendwie weiß, auch wenn die Leute konkret nicht wissen und er gar keine reale Resonanz bekommt von diesen Leuten, denen er Gutes tut, weiß er, dass er diese Resonanz bekommen würde, würden sie davon wissen. Und das ist ja auch etwas, was wir bei vielen Künstlerinnen und Künstlern, auch Wissenschaftlern beobachten können, die arbeiten und arbeiten, ohne Resonanz zu bekommen und hoffen darauf. Und das motiviert sie, aber auch, dass vielleicht das, an dem sie arbeiten, irgendwann einmal in Zukunft für irgendjemanden von Relevanz sein könnte.
Landen wir da nicht irgendwie bei so einer, ja, fast schon Kantschen Ethik wieder, wo es eher darum geht, was ist denn das Motiv meines Handelns und gar nicht so sehr, wie wichtig bin ich anderen tatsächlich? Man kann ja auch zum Beispiel ein missverstandenes Menschenwesen sein. Ja, aber wenn der Beispiel genannte Ali so gestrickt ist, dass er das vielleicht gar nicht so braucht, die unmittelbare Resonanz, das ist schwer vorstellbar, muss man sagen, weil Ali wird auch irgendwelche Freunde haben und Eltern haben, denen er hoffentlich wichtig ist. Und er vielleicht diese andere Tätigkeiten einfach gerne macht und da die Resonanz nicht braucht, nicht so angewiesen ist. Bleibt doch ein Faktum, dass wir Wesen sind, die auf diese Resonanz, auf diese Anerkennung, auf die Liebe durch andere angewiesen sind. Und das bedeutet nicht, dass wir sie in allen Bereichen unseres Lebens benötigen, sondern nur in manchen. Und wenn wir sie in manchen ausreichender Weise bekommen, dann sind wir vielleicht auch fähig und haben die Motivation, in anderen Bereichen auf diese Resonanz oder auf diese Zuwendung zu verzichten.
Also, ich gebe zu, dass Ali vermutlich ein relativ unwahrscheinlicher und seltener Lebensentwurf ist. Kommen wir also zu einem der, glaube ich, ein bisschen verbreiteter ist und der mir ehrlich gesagt bei dem Satz „Der Sinn des Lebens ist, anderen wichtig zu sein“ als allererstes eingefallen ist, nämlich Maria, nennen wir sie mal. Sie hat drei Kinder, hat einen Mann, der nicht kocht, nicht putzt, gar nichts macht. Das heißt, Maria macht den ganzen Tag Care-Arbeit für ihre Familie und hat quasi keine Zeit für sich selbst. Diese Figuren gibt es ja schon, denen man eigentlich zurufen möchte: Maria, der Sinn deines Lebens ist nicht, für andere da zu sein. Ist schon okay, du kannst auch mal dir Zeit für dich selbst nehmen. Vollkommen richtig. Und ich sagte ja vorher, der Sinn des Lebens besteht, meiner Theorie zufolge, darin, für andere wichtig zu sein, aber aus den richtigen Gründen. Und einer dieser Gründe ist, dass es für die anderen gut ist, dass man da ist. Also, dass sie in irgendeiner Weise auch ein bisschen Zeit haben können. Aber das Zweite ist, und das ist auch ein ebenso wichtiger Grund, dass man für die anderen um seiner Selbstwillen wichtig ist. Also, dass man den anderen nicht nur instrumentell wichtig ist, weil man eben kocht und sie versorgt, sondern dass schon auch spürbar wird, dass man als die Person, die man eben ist, mit all den Mängeln und den tollen Seiten, die man hat, wichtig ist. Und in dem Beispiel, das Sie eben geschildert haben, dürfte da ein Missverhältnis vorliegen. Wir sind natürlich für unsere Kinder und auch für unsere Freundinnen und Freunde, für unseren Partner, einiges in Kauf zu nehmen. Aber irgendwann kann die Schwelle erreicht sein, indem man sich selber instrumentalisiert. Und dann ist das auch der Bereich, in dem man beginnt, sozusagen den eigenen Lebenssinn wieder zu beschädigen. Und das Gleiche gilt wahrscheinlich erst recht für Fremdinstrumentalisierung. Also, wenn man mehr oder weniger gezwungen ist, für andere sinnvolle Dinge zu leisten.
Ja, also es kommt darauf an: Im Sinn des Lebens kommt es darauf an, drei Pole irgendwie in die richtige Balance zu bekommen. Das ist einerseits die anderen, dass man für andere wichtig ist. Das zweite ist, dass man das, was man für die anderen macht oder aufgrund derer man für sie wichtig ist, etwas Gutes ist, etwas Wertvolles ist. Und das dritte ist, dass man das eigene sich selbst da richtig ins Spiel bringt, damit man eben nicht zum reinen Instrument wird, sondern es tatsächlich in dieser Anerkennung, die man von anderen erhält, um einen selbst geht.
Einen habe ich noch, der da vielleicht widersprechen würde, nämlich sagen wir mal so den gemeinen Punker, der sagt: „Eh, alles egal, gibt eh keinen Sinn.“ Ist ihm wirklich alles egal? Also, es ist natürlich auch sozusagen eine zeitgenössische Personifizierung des Nihilismus. Ja, aber gleichzeitig ist es doch so, dass gerade der Punk oder auch sonstige Formen des Widerstandes zum Ausdruck bringen, dass sie über die momentanen Verhältnisse, gesellschaftlichen Verhältnisse, weiter unglücklich sind und sie eigentlich von einem besseren, authentischeren Lebensentwurf träumen. Und ich würde immer behaupten, dass in diesen Träumen von diesem besseren Lebensentwurf natürlich dieses „Anderen aus den richtigen Gründen wichtig sein“ zur Geltung kommen würde. Und insofern könnte man vielleicht auch sagen, dass die widerständige Haltung eines Nihilisten gerade diesen Mangel zum Ausdruck bringt, den sie verspüren, dass man eben anderen nur aus instrumentellen Gründen wichtig ist. Dass man hier in eine völlig verzweckte Lebensform sich hineinbegeben hat.
Also wäre Ihr Argument gegen das philosophische Argument des Nihilismus, dass es echte Nihilisten gar nicht gibt, weil sozusagen in der Ablehnung immer schon auch ein Sinnangebot steckt? Ja, beziehungsweise das wäre ein Teil der Antwort, sozusagen existenziell gesehen. Am philosophisch gesehen ist der Nihilismus unbefriedigend, weil er nach einer falschen Art von Antwort sucht. Das Interessante am Nihilismus ist ja, dass er eigentlich so ein bisschen ein missratenes Geschwister einer religiösen Antwort ist. Die eine Antwort, die religiösen Menschen würden sagen: Der Sinn des Lebens liegt in Gott. Und der Nihilismus würde sagen: Ja, der Sinn des Lebens liegt in Gott, aber Gott gibt es dummerweise nicht. Und darum ist alles sinnlos. Damit hat man aber die Sinnfrage schon auf einer so großen Ebene angesiedelt, dass eigentlich das, um was es bei der Frage nach dem Sinn des Lebens geht, gar nicht mehr in den Blick geraten kann, nämlich sozusagen eben dieses für andere Dasein, für andere Wichtigsein, dieses Eingebettetsein.
In der Philosophie ist der Nihilismus eine relativ prominente Position und es gibt auch zwei Varianten. Die eine ist die heroische Variante, die es Albert Camus vertreten hat, die da sagt: Ja, das Leben ist sinnlos, wir müssen in diesen Abgrund der Sinnlosigkeit hineinblicken und das wird uns sozusagen erst wahrlich freimachen. Wir müssen uns das als glücklichen Menschen vorstellen. Genau. Und das ist aber eigentlich eine ziemlich unmenschliche Position. Also, ich kann mich sehr schwer vorstellen, jemanden, für den das tatsächlich eine Lebensvariante wäre. Die zweite Position ist so eine ironische, die sagt: Ja, es ist alles sinnlos, aber wenn alles sinnlos ist, dann ist ja auch egal, dass das alles sinnlos ist. Und darum sollten wir uns um diese Frage gar nicht so kümmern. Die mag uns zwar hin und wieder irgendwie beschäftigen, aber eigentlich ist sie irrelevant. Das ist so ganz nett. Gleichzeitig geht es an den Bedürfnissen derer vorbei, denen die Sinnfrage tatsächlich zusetzt, existenziell.
Ich finde aber interessant, dass Sie das Beispiel des Sisyphos ansprechen, weil ich habe immer auch ein bisschen gedacht: Na ja, vielleicht ist er einfach so wahnsinnig erschöpft und so beschäftigt damit, diese Tätigkeit ständig auszuüben. Also, es geht ja darum, dass er immer wieder einen sehr schweren Stein hochrollt, der immer wieder runterrollt, dass er einfach nicht dazu kommt, sich die Frage zu stellen: Warum mache ich das hier eigentlich? Und dass das eigentlich möglicherweise der Schlüssel zu einem sinnerfüllten Leben sein mag. Ja, das ist interessant. Aber von außen betrachtet würden wir doch sagen: Sisyphos führt ein ziemlich sinnloses Leben oder ein nicht sehr sinnerfülltes Leben. Und wenn ihm jetzt selber sein Leben trotzdem sinnerfüllt vorkäme, weil er diesen Auftrag im Ohr hat, er muss da diesen Berg hoch, diesen Felsen hochwälzen, er scheitert zwar immer wieder, aber er ist jedes Mal wieder frohgemut und geht das von neu motiviert neu an, dann würde man doch eher sagen: Es ist zwar schön, dass ihm das alles so sinnvoll vorkommt, aber eigentlich täuscht er sich. Da ist Sisyphos dann nahe bei Mafia-Toni. Ja, genau.
Dann zum Schluss vielleicht noch eine Frage, auf die Gefahr hin, dass das dann doch wieder ein bisschen eine peinliche Frage ist für einen akademischen Philosophen, weil nämlich doch relativ nah an der verbreiteten Ratgeberliteratur zu dem Thema: Was kann ich denn jetzt konkret tun, um ein sinnerfülltes Leben zu führen? Nun, wahrscheinlich zwei Dinge. Das erste ist einfach mal über diese Frage nachdenken und sich davon anleiten zu lassen, von dieser Frage zu reflektieren, ob die eigenen Lebensschwerpunkte, die eigenen Orientierungen dieser Frage gerecht werden, ihr entsprechen oder sich der Kritik standhalten. Und das Zweite, das wäre eine Folge aus meiner Sinntheorie, ist, dass man zwischenmenschlichen Beziehungen mehr Raum gibt im eigenen Leben, dass man sich um die Wichtigkeit von gelingenden und guten zwischenmenschlichen Beziehungen, dass man sich der Wichtigkeit bewusst wird und die auch dementsprechend pflegt. Denn es ist tatsächlich so, dass gelingende zwischenmenschliche Beziehungen Engagement erfordern. Und in unserer heutigen schnelllebigen und stressigen Zeit neigen wir dazu, zwischenmenschliche Beziehungen als etwas Selbstverständliches hinzunehmen, was einfach nicht richtig ist. Also, Sinn ist auch ein bisschen Anstrengung.
Herr Sitschi, vielen, vielen Dank für dieses spannende Gespräch. Ich danke Ihnen. Wenn ihr mehr wissen und vor allem mehr lesen wollt zu dieser philosophischen Sinntheorie, dieses Buch von Michael Sitschi, das ist bei Surkamp erschienen und heißt „Anderen wichtig sein – eine Philosophie des Lebenssinns“. Das nächste Forschungsquartett, das gibt es dann hier in einer Woche. Bis dahin wünsche ich euch ein sinnvolles Leben nach objektiv richtigen Kriterien. Macht’s gut und bis zum nächsten Mal. Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm.