Die Welt der Reichen und manchmal auch Schönheiten kennen wir meist nur aus Filmen und Serien. Aber wie es wirklich an der Spitze der Vermögensverteilung aussieht, lesen und sehen wir eher selten. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung wurde nun untersucht, wie häufig diese unsichtbare Gruppe der deutschen Superreichen in den Medien auftaucht, welche Vermögensart häufig und welche so gut wie nie auftaucht. Darum geht es in dieser Folge. Mein Name ist Wieland Mikulajczyk. Wie gut, dass ihr zuhört!
Immer wieder lese ich Artikel, die sich mit sozialer Ungerechtigkeit und Armut befassen. Es gibt unzählige Statistiken und Beiträge über Menschen, die kein oder wenig Geld haben. Aber erstaunlich wenig über Menschen ganz oben an der Spitze der Vermögensverteilung. Die Soziologin Emma Ischinski hat in der Forschungsgruppe Vermögen und soziale Ungleichheit am Max Planck-Institut für Gesellschaftsforschung sich mit der Unsichtbarkeit der deutschen Reichtumselite beschäftigt. Dafür hat sie rund 150.000 Presseartikel untersucht und ist nun bei mir zu Gast. Frau Ischinski, herzlich willkommen im Forschungsquartett! Danke für die Einladung. Ich freue mich sehr!
Vermögensverteilung und Medienberichterstattung
Frau Ischinski, Sie haben für Ihre Studie Medienberichte über die 1.700 reichsten Deutschen ausgewertet. Wie viel Geld bräuchte ich denn, um zu diesen Reichsten zu gehören? Um das vorher einmal klar zu machen: Ich habe für jedes Jahr die maximal 500 reichsten Deutschen genommen. Und so komme ich halt über diese ganzen 23 Jahre, die ich mir anschaue, von 2001 bis 2023, auf insgesamt 1.700 Personen. Aber ich habe jetzt nicht für jedes Jahr die 1.700 reichsten.
Aber wenn wir zum Beispiel jetzt mal für 2023 schauen, da war das kleinste Vermögen, also Platz 500, das war ungefähr 400 Millionen Euro groß. Das ist eine Schätzung. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass das genauso stimmt. Aber das ist, was die Journalisten vom Manager Magazin schätzen. Und wenn wir uns das vielleicht über die Zeit angucken, weil es gibt nicht für jedes Jahr die Ränge 1 bis 500. Manchmal gibt es auch nur die 100 reichsten.
Und wenn man sich jetzt mal anschaut, wie reich die 100 reichsten sind, dann sehen wir, dass 2002 zum Beispiel man da nur 600 Millionen Euro brauchte, um auf Platz 100 zu kommen. Und im Jahr 2023 waren es dann schon knapp 2,3 Milliarden. Also das Vermögen, das man benötigt hat, um auf Platz 100 zu kommen, der 100 reichste Mensch zu sein in Deutschland, das hat sich in den letzten 20 Jahren fast vervierfacht. Und wir sehen auch, dass die Vermögen an der Spitze gewachsen sind. Also 2002 war das größte Vermögen knapp 14 Milliarden Euro und 2023 waren es schon 40 Milliarden. Da liege ich knapp dann darunter.
Medienauswertung und Sichtbarkeit
Was für Medien haben Sie denn ausgewertet? Und ab wann zählt denn jemand in diese Statistik rein? Also muss nur mein Name da einmal erwähnt werden oder ab wann wird das gezählt? Ja, genau so habe ich das gemacht. Also ich habe mir diese Manager Magazin Reichenlisten genommen von 2001 bis 2023. Allermeisten sind das Familieneinträge und nicht individuelle Einträge, wobei das über die Zeit auch noch steigt.
Also vor ein paar Jahren waren da auch noch sehr viele Individualeinträge, also dass das einer Person zugeordnet wurde, das Vermögen. Und ich habe diese ganzen Reichenlisten genommen, zusammengetragen und individualisiert. Das heißt, ich habe versucht, für jedes Vermögen mindestens eine Einzelperson zu finden, die mit diesem Vermögen in Verbindung steht. Allermeisten ist mir das auch gelungen.
Und so bin ich insgesamt auf diese 1.700 Namen gekommen, die alle irgendwie Teil der deutschen Vermögenselite sind. Diese Namen habe ich mit Vor- und Nachnamen dann in einem großen Pressearchiv gesucht und alles runtergeladen, was ich finden konnte. Also ich habe weiterhin diesen Zeitraum 2001 bis 2023 genommen. Es sind acht Pressemedien, die ich genommen habe. Das sind die Bild, die Bunte, der Spiegel, die Zeit, die FAZ, die SZ, die Taz und die Welt.
Ich habe das so gemacht, weil ich so einen möglichst großen Überblick bekommen wollte. Also das sind Medien, die ein bisschen weiter links, weiter rechts stehen, ein bisschen wirtschaftlicher orientiert sind, ein bisschen klatschmäßiger orientiert sind. Und ich fand es einfach spannend, dann eine möglichst große Bandbreite abzubilden.
Und das ist meine Vorgehensweise. Ich habe diese 1.700 Namen gesucht und auch mit Abwandlungen. Ich habe Spitznamen gesucht, Mädchennamen, bevor die Leute geheiratet haben teilweise, und versucht, halt so auf alle möglichen Arten und Weisen genau diese Personen zu erwischen. Und wenn die Personen in einem Artikel mit Vor- und Nachnamen genannt wurden, habe ich die runtergeladen. Und so bin ich halt auf diese knapp 140.000 Zeitungsartikel gekommen, in denen mindestens eine reiche Person mindestens einmal mit vollem Namen genannt wurde.
Unsichtbarkeit der Superreichen
Wie viele dieser extrem wohlhabenden Menschen tauchen denn in unserer täglichen Presse eigentlich überhaupt niemals auf? Das sind finde ich erstaunlich viele. Es sind knapp ein Viertel von diesen 1.700 Leuten. Das finde ich schon wirklich relativ viel, weil es sind 23 Jahre. Es sind acht verschiedene Presseoutlets und diese 23 Prozent, ich meine, das sind knapp 400 Personen, die werden nicht ein einziges Mal in keinem Medium in keinem Jahr namentlich genannt.
Und das finde ich schon wirklich ziemlich erstaunlich. Und auch wenn man sich die restlichen drei Viertel anguckt, der Leute, die auftauchen, dann sehen wir auch, dass die meisten davon so gut wie gar nicht auftauchen. Also es ist jetzt nicht so, dass ein Teil super unsichtbar ist und ein anderer Teil super sichtbar, sondern die allermeisten von denen, die in den Medien irgendwann mal auftauchen, werden auch nur eine Handvoll Mal genannt in den meisten Fällen.
Dann gibt es aber noch eine relativ kleine Gruppe, die relativ präsent ist. Das sind vor allem Sportler, Künstler, Modedesignerinnen, einige UnternehmerInnen. Also ganz prominent sind da zum Beispiel Franz Beckenbauer und Michael Schumacher und so weiter, die in der Vermögensverteilung ein bisschen weiter unten sind, aber die natürlich durch ihre Karrieren und ihre Sporterfolge einfach wahnsinnig medial präsent sind.
Und interessanterweise sind unter den besonders Sichtbaren auch einige dabei, die MedienunternehmerInnen sind, also dem Medienunternehmen gehören. Das fand ich auch relativ spannend, weil man ja denken würde, das sind diejenigen, die, wenn sie wollten, die größte Chance haben, nicht in den Medien aufzutauchen, aber auch teilweise in ihren eigenen Outlets relativ präsent sind.
Gründe für die Unsichtbarkeit
Wie kann es denn überhaupt sein, dass so wenig über die Superreichen berichtet wird? Können die Superreichen denn aktiv selbst steuern, welche Informationen über sie an die Öffentlichkeit gelangen? Oder interessiert das die Menschen gar nicht? Also dazu muss ich sagen, das kann ich mit meinen Daten nicht kausal erklären. Ich kann das nur herleiten und mutmaßen mit dem, was ich gefunden habe.
Was ich ja sehen kann, ist, wer sichtbar ist und wer nicht. Das möchte ich vorher einmal ganz klar sagen. Das sind theoriegeleitete, datengeleitete Mutmaßungen. Einerseits könnte es ja die Erklärung geben, dass sich die Öffentlichkeit und die Presse und die Menschen einfach nicht für Reiche interessieren und es deshalb einfach wenig Grund gibt, über die Reichen zu schreiben. Und dass es einfach keine Nachfrage gibt.
Ich glaube aber, dass das nicht unbedingt stimmt. Zumindest dass das nicht die einzige Erklärung sein kann. Weil wir wissen, dass Reichtum schon immer ziemlich faszinierend war für Menschen. Das Vermögen und die gesellschaftliche Position von Reichen oder den Reichsten wurde schon vor hunderten Jahren gesellschaftlich besprochen.
Es gibt einige Studien, die zeigen, dass Reichtum und Reiche quasi menschliche Gefühle ansprechen. Zum Beispiel so etwas wie Faszination und Neugier und Anerkennung, teilweise auch Neid. Und dass man sich in eine Welt voller Überfluss reinträumt. Und allein das ist ja schon die Grundprämisse von so Klatschzeitschriften, so einem Blick durchs Schlüsselloch, um Teil von einer Welt zu sein, in der man sonst keinen Zugang hat.
Und auch medienteoretisch spricht relativ viel dafür, dass sich die Öffentlichkeit schon für die Reichen interessiert. Es gibt so diese Nachrichtenwertforschung, die sagt, unter welchen Bedingungen Nachrichten als besonders berichtenswert sind. Und da zählen so Dinge wie Elitenstatus, wirtschaftlicher Erfolg, Personalisierung. Also all diese Dinge würden schon dafür sprechen, dass sich die Medien und die Öffentlichkeit schon sehr für die Reichsten und die Reichen interessieren würden.
Deshalb denke ich, dass das nicht sein kann, dass wir einfach so wenig über die Reichen lesen, weil die Öffentlichkeit sich einfach nicht dafür interessiert. Und auch jetzt das Medieninteresse an meiner Studie oder auch zu anderen Studien, die aus meiner Forschungsgruppe kommen, die sich mit den Reichen beschäftigen, finde ich, zeigt auch schon, es gibt ein öffentliches Interesse, es gibt ein Medieninteresse an den reichsten Deutschen.
Es kann auch sein, dass das zumindest ein Teil der Erklärung ist, weil nicht alle Reichen super spannend sind. Viele sind vielleicht irgendwie in der zwölften Generation, haben nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun, leben ein extrem zurückgezogenes Leben und sind einfach öffentlich nicht spannend. Das kann natürlich auch sein.
Also ich sage nicht, dass es ein total dolles öffentliches Interesse gibt. Es kann auch sein, dass es wirklich einfach teilweise langweilig ist. Aber ich denke schon, dass diese öffentliche Unsichtbarkeit hauptsächlich damit erklärt werden kann, dass die Reichen zumindest einen gewissen Anteil daran haben, unsichtbar zu sein.
Einerseits kann es halt sein, dass sie unsichtbar sein wollen. Wir wissen zum Beispiel, dass sich einige bewusst aus der Öffentlichkeit zurückziehen, weil sie unzufrieden sind mit der Medienberichterstattung, weil sie Angst haben vor Öffentlichkeit. Meine Kollegin von mir, Eva Maria Geig, hat zum Beispiel viel zu Entführungen von deutschen Reichen in den 70ern geforscht. Daher weiß man auch, dass das Suchen der Öffentlichkeit oder das öffentliche Stattfinden danach ziemlich verändert hat, weil Reiche einfach Angst vor Entführungen zum Beispiel haben.
Also es können so relativ praktische Gründe sein. Auch kann man argumentieren, dass Reiche Sichtbarkeit nicht unbedingt brauchen im Vergleich vielleicht zu Personengruppen, die weniger politisches Gehör haben, die mehr für Aufmerksamkeit kämpfen müssen, die mehr Öffentlichkeit und eine öffentliche Stimme brauchen, um ihre Forderungen durchzusetzen.
Da wissen wir oder da vermuten wir zumindest, also für andere Länder gibt es da ein paar Studien, dass Reiche das nicht unbedingt nötig haben, da den öffentlichen Weg zu suchen, sondern dass es da Wege über Lobbyismus, über politische Verbindungen und andere Möglichkeiten gibt, sich politisches Gehör zu verschaffen und eigene Wünsche und Forderungen durchzusetzen.
Außerdem haben Reiche im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Gruppen ein gewisses Informationsmonopol über sich selber und eine gewisse Macht und die Möglichkeit, unsichtbar zu bleiben. Niemand hat sonst so viel Informationen über die Reichen wie sie selber. Sie haben halt einfach die Möglichkeit, nicht in der Öffentlichkeit stattzufinden, wenn sie das wollen.
Zum Beispiel, wenn wir auch darüber nachdenken, dass viele Medienunternehmen größtenteils reichen Leuten selbst gehören und dass zumindest reiche Leute in diesen Besitzstrukturen mit eingebunden sind. Alleine das gibt ja schon einen großen Machtaspekt darüber, zu entscheiden, wer und was wie oft in der Öffentlichkeit vorkommt.
Journalistische Hemmungen und historische Kontexte
Sie haben jetzt viele Gründe genannt, warum Reiche vielleicht nicht in den Medien erscheinen wollen oder nicht erscheinen, von der journalistischen Seite aus. Inwiefern gibt es denn da unter Journalisten vielleicht eine Hemmung, sich mit sehr Vermögenden zu beschäftigen? Dazu kann ich leider wirklich nichts sagen. Dazu bräuchte man qualitative Studien.
Das wäre bestimmt auch extrem wichtig und spannend, das zu machen, die sich wirklich genau damit beschäftigen, die einerseits in den journalistischen Räumen nachfragen, wie wird hier über Reiche berichtet, wie wird vielleicht auch über die eigenen Chefs in den eigenen Häusern berichtet. Es gibt eventuell die naheliegende Vermutung, dass Journalisten sich über einen längeren Zeitraum Zugang zu Reichen erarbeitet haben, Informationen von Reichen zu bekommen, Insiderinformationen.
Und dann würde das ja wahrscheinlich schon nahelegen, dass Journalisten eher weniger kritisch oder eher im Sinne der Reichen berichten, damit sie diese wichtige Quelle nicht verlieren. Aber das sind Mutmaßungen. Dafür bräuchte es wirklich qualitative Studien, die dem Ganzen ein bisschen mehr auf den Grund gehen, warum so wenig über Reiche berichtet wird, ob es wirklich auf der Seite der Journalisten ist, ob es auf der Seite der Reichen ist.
Historische Vermögensverteilung
Sie hatten schon angesprochen, dass Selfmade-Vermögen, dass die häufig oder häufiger in den Medien vorkommen. Eine Gruppe, die fast völlig im Schatten bleibt, ist hingegen Familien, die ihren Reichtum in der Zwischenkriegszeit oder während des Nationalsozialismus begründet wurde. Warum sind die in den Medien so auffällig unterrepräsentiert? Dazu möchte ich vorher auch noch kurz eine Sache klarstellen.
Ich habe geschaut, wann die Unternehmen gegründet wurden von den Leuten, die heute an der Spitze der Vermögen stehen. Das heißt, es geht hier darum, welche Unternehmen in der Zwischenkriegszeit und im Nationalsozialismus gegründet wurden. Und es geht nicht explizit um Vermögen, die durch den Nationalsozialismus gewachsen oder entstanden sind. Es kann auch sein, dass da ältere Vermögen dabei sind, ältere Unternehmen, die aber auch durch den Nationalsozialismus profitiert haben, die aber in diese ältere Gruppe fallen.
Und da möchte ich nur vorsichtig sein, dass das nicht falsch verstanden wird. Aber das ist das, was ich sehen kann. Ich habe geschaut, wie alt sind die Unternehmen der reichsten Deutschen und unterscheidet sich die öffentliche Sichtbarkeit, also wie häufig die Reichen in den Medien vorkommen, danach, wie alt deren Unternehmen und deren Vermögen sind.
Und da kann ich einen ziemlich interessanten Befund machen, und zwar, dass besonders alte Vermögen, die älter sind als 1918, gar nicht mal so viel unsichtbarer sind als Vermögen, die ein bisschen neuer sind. Was ganz spannend ist, weil sonst hat die Forschung sich relativ einig zu sagen, alte Vermögen sind unsichtbar, neue Vermögen zeigen sich. Und das sehe ich in meinen Daten so nicht.
Stattdessen sehe ich ziemlich klar, dass diese Unternehmen oder Besitzer der Unternehmen, die in der Weimarer Republik und zur NS-Zeit gegründet wurden, dass die ziemlich viel unsichtbarer sind als die restlichen Reichen. Und das, auch wenn ich eine ganze Handvoll anderer Dinge kontrolliere, um diesen Effekt ein bisschen besser begründen zu können.
Und warum genau das so ist, auch das kann ich leider nicht zeigen. Ich kann auch hier Vermutungen anstellen. Und ich denke, dass es unter anderem daran liegt, dass Firmen, die in dieser Zeit gegründet wurden, vermutlich relativ eng in ihrer Geschichte mit dem NS-Regime verbunden sein könnten.
Und dass es sehr viel schwieriger ist, in der Unternehmensgeschichte ein positiveres Bild darzustellen, was vielleicht heutigen Besitzern besonders alter Unternehmen, die also noch viel älter sind, ein bisschen leichter fällt. Die können vielleicht noch eher ihre Unternehmensgeschichte ein bisschen positiver darstellen, diese NS-Zeit vielleicht einfach auslassen.
Auch das habe ich teilweise gefunden in meiner Forschung. Und sich einfach eher als langwierige, traditionelle Familienunternehmen darstellen und haben vielleicht weniger einen Grund, sich aus der Öffentlichkeit rauszuziehen. Weil Öffentlichkeit bedeutet ja auch immer, die Gefahr, sich rechtfertigen zu müssen. Es ist eine Gefahr von Aufdeckung von irgendeiner unschönen Vergangenheit.
Und ich gehe davon aus, dass gerade diese Nachkommen von Unternehmen und von Vermögen, die heute so besonders unsichtbar sind, dass die da eventuell größere Schwierigkeiten mit hätten, sich in der Öffentlichkeit zu positionieren. Und dass es deswegen so eine Art selektive Unsichtbarkeit gibt von denjenigen Vermögen oder Besitzern der Vermögen, die mit dieser Zeit besonders verhaftet sind.
Fazit zur Wahrnehmung von Ungleichheit
Zum Abschluss habe ich noch eine Frage. Und zwar, warum sollten wir mehr über die Reichsten wissen? Warum ist diese selektive Unsichtbarkeit ein Problem oder ist das überhaupt? Also Wahrnehmung von Ungleichheit spielt eine extrem wichtige Rolle. Wir wissen aus der Forschung, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wie ungleich eine Vermögensverteilung tatsächlich ist, sondern es ist extrem wichtig, wie eine Gesellschaft diese Vermögensverteilung wahrnimmt.
Und darauf beruft sich dann so ein bisschen, als wie problematisch das wahrgenommen wird. Darauf basiert, wie sehr wir als Gesellschaft zum Beispiel eine Vermögens- oder eine Erbschaftsbesteuerung befürworten. Das hat relativ wenig mit der tatsächlichen Ungleichheit zu tun, sondern sehr damit, wie wir über diese Ungleichheit denken, wo wir uns selber verorten in der Vermögensverteilung, wie wir darüber denken, wie große Vermögen entstehen, wie groß die überhaupt sind, wer die überhaupt besitzt.
Und wenn es dafür eine sehr verkürzte, eine sehr selektive, eine sehr kleine öffentliche Grundlage gibt, was das öffentliche Wissen, die öffentliche Debatte angeht, dann fehlt uns einfach gesellschaftlich ein großer Grundstein, auf dem wir über solche Themen, über Ungleichheit, über Besteuerung, über redistributive Maßnahmen diskutieren können.
Das sagt Emma Ischinski vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Vielen Dank für Ihre Zeit und das spannende Gespräch. Vielen Dank! Ebenfalls vielen Dank an dieser Stelle für die Produktion dieser Folge. Die kam diese Woche von Wiebke Stark.
Das war es mit dem Forschungsquartett für diese Woche. Immer donnerstags erscheint eine neue Episode und wir freuen uns, wenn ihr wieder reinhört und einem wissenschaftsbegeisterten Menschen vom Podcast erzählt. Ich bin Wieland Mikulajczyk. Vielen Dank fürs Zuhören. Bleibt neugierig und bis zum nächsten Mal. Das Forschungsquartett – Wissenschaft bei detektor.fm in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft.