Früher Nachmittag in der Aula der Universität Oslo. Links und rechts zieren fünf Meter hohe Werke des Künstlers Edward Munch die Wände. Aber anders als sein bekanntestes Motiv, der Schrei, sind diese Bilder farbenfroh, voller Licht und Optimismus. Sie erzählen die Geschichte der Universität und der Wissenschaften. In der Mitte der Aula das zentrale Werk: eine überdimensionale aufgehende Sonne. Die Message ist klar: Die schöpferische Kraft der Wissenschaft durchdringt alles. Sie steht für Wärme, Leben und Zukunft.
Gerade eben konnte der volle Saal noch eine musikalische Einlage bewundern, eine Hommage an den Bonner Komponisten Ludwig van Beethoven und den norwegischen Komponisten Edward Grieg. Unter anderem waren Elemente seiner berühmten Halle des Bergkönigs zu hören. Alles in allem ein besonders inspirierendes Spektakel. Doch jetzt stehen nur noch zwei Männer auf der Bühne: Rechts der Kronprinz Harkon Magnus von Norwegen und links ein eher schüchterner Mathematiker hoher Statur, Gerd Faltings. Der Kronprinz überreicht ihm schließlich den Abelpreis und ein stürmischer Applaus bricht los.
Das ist die Geschichte des Abelpreises. Willkommen zu einer neuen Episode von Geschichten aus der Mathematik. Mein Name ist Tabea Schlotz und ich darf natürlich nicht nur unsere HörerInnen da draußen begrüßen, sondern auch Manon Bischoff und Demian Nauel Gos von Spektrum der Wissenschaft. Hallo, ihr beiden! Hey, hallo!
Normalerweise sprechen wir in diesem Podcast ja immer über einzelne Persönlichkeiten und ihre mathematischen Errungenschaften. In dieser Folge aber ist es ein bisschen anders, denn wir sprechen heute über einen Preis, der aber immerhin von einem großen Mathematiker inspiriert wurde. Demian, warum sprechen wir denn über den Abelpreis?
Also, dieses Jahr war ich bei der Abelpreisverleihung in Oslo dabei. Ich habe ein Fellowship der World Federation of Science Journalists erlangt, das mir halt diese Teilnahme ermöglicht hat. Vor Ort habe ich dann ganz eng mit der Norwegischen Akademie der Wissenschaften zusammengearbeitet und hier von meiner Seite natürlich ein ganz großes Dankeschön an alle, die das natürlich erstmal möglich gemacht haben.
Ich finde das total interessant. Mir war gar nicht klar, dass sowas in dem Sinne öffentlich ist. Weißt du, was ich meine? Das ist halt ein bisschen ich sage mal Community Building in der Mathe-Community. Also ich denke, das wird man auch heute sehr gut sehen, was ich damit meine. Genau, wir werden nämlich heute ein bisschen genau darüber sprechen, wie so eine Preisverleihung abläuft. Und ich habe mir tatsächlich auch das Video dieser Preisverleihung angeguckt und ich habe die auch gesehen. Du saßt in der Reihe. Ich würde sagen, es waren so 200 Leute, hätte ich geschätzt, die da waren. Ja, viermal Daumen, sicher!
Und wir haben in diesem Podcast ja schon häufiger über den Abelpreis gesprochen. Genauer gesagt über den Abelpreis und auch die Fields-Medaille. Das sind so die zwei großen oder größten Auszeichnungen der Mathematik. Die Fields-Medaille richtet sich ja vor allem an jüngere MathematikerInnen. Das Höchstalter für eine Auszeichnung liegt da bei 40 Jahren. Ziel ist es, nicht nur junge Talente zu ehren, sondern sie eben gleichzeitig auch für die Zukunft zu motivieren, weiter so großartige Arbeit zu machen.
Der Abelpreis
Was genau verbirgt sich denn hinter dem Abelpreis? Was ist die Intention dahinter? Also tatsächlich hat auch der Abelpreis eine echt schöne Message. Die verrate ich auch gleich. Dazu braucht es aber ein kleines bisschen Kontext zur Verleihung. Also die Abelpreiswoche ist tatsächlich eine ganze Woche voller Aktivitäten, nicht nur eine Preisverleihung. Der wichtigste Tag ist tatsächlich dieser Dienstag. Da findet eben diese Abelpreisverleihung statt, von der wir anfangs schon erfahren haben.
Aber offiziell fängt die Woche am Montagnachmittag an mit einer Zeremonie am Nils-Abel-Monument. Das ist auf dem Schlosspark in Oslo. Und da gibt es so eine klassische Kranzniederlegung. Ich bin aber schon etwas früher angereist, deswegen hatte ich dann am Montagvormittag frei, wo ich mehr als genug Zeit hatte, mich mit Helge Houlden zu unterhalten. Houlden ist Chair des Abelpreiskomitees. Das ist das Gremium, das die Preisträger auswählt. Das sind immer fünf renommierte MathematikerInnen und Houlden ist eben der Kopf des Komitees.
Er zeigt sich sehr seriös und würdevoll. Ich würde sagen, würdevoll ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber ich meine, sein Auftreten passt total zu dieser wichtigen Rolle, die er in er hat. Gleichzeitig ist er aber auch super sympathisch und offen. Es war überhaupt kein Problem, sich mit ihm entspannt zu unterhalten. Houlden selbst ist seit über 20 Jahren schon bei der Preisverleihung vom Abelpreis dabei. Also im Grunde fast schon seit dem Anfang.
Also gibt es den Abelpreis doch gar nicht so lange? Nee, nee, tatsächlich erst seit 2002. Warum dann Abel? Also ich meine, der hat ja 200 Jahre vorher gelebt. Also ohne ihm zu nahe treten zu wollen, aber da wären doch sicherlich auch noch mal ein paar herausragende MathematikerInnen nachgekommen, oder? Ja, klar, ist wirklich nicht so einfach, in die Fußstapfen von Nils Abel zu treten.
Ich habe Helge Houlden gefragt. Erstens hat er eine unikale Position in der Mathematik. Zweitens, er ist ein revolutionärer Mathematiker. Und auch die persönlichen Umstände, ich meine, er kam aus einem kleinen Ort in Norwegen. Es gab keine Universität in Oslo, in der er angefangen hat. Man kann sagen, dass er der erste und die beste Student, den die Universität Oslo je hatte. Aber er hat in Oslo keine Mathematik-Ausbildung bekommen. In Oslo also musste er nach draußen, musste er nach draußen.
Und er ging zu den großen Orten in der Mathematik in Europa, also das bedeutet Paris an diesem Zeitpunkt. Und er war verabschiedet, um zu Göttingen zu gehen, um Gaus zu treffen. Aber er versuchte es nicht. Gaus war zu enttäuschend. Also ging er nach Berlin. Und aus mehreren Gründen war das das Glück seines Lebens, nach Berlin zu gehen. Also diese Kombination von Paris zu gehen, um die besten Mathematiker zu treffen und Berlin war ein Erfolg.
Und auch der traurige Fakt, dass er zu jung, mit 26, starb, ist etwas, das schwer zu glauben ist, was er in seinem sehr kurzen Leben erreicht hat. Und keine Formel Education, du weißt. Es zeigt nur, dass mathematisches Talent überall hervorruft. Und er macht es. Ich meine, überall auf der Welt gibt es neue Talente. Und einer der Ziele ist es, dass jeder, der Talent in der Mathematik zeigt, die Gelegenheit hat, den Talent zu entwickeln. Weil Talente überall hervorrufen können.
Aber Houlden meint, dass eben deswegen Abel als Symbol sehr gut funktioniert. Mathematisches Talent kann überall auftreten. Man muss nicht privilegiert sein oder eine Elite-Ausbildung genießen. Und mir hat diese Message wirklich sehr gut gefallen. Da sind wir dann auch schon bei der Bedeutung des Abelpreises. Also Talent zu fördern, egal woher sie kommen, welchen Background sie haben und auch welche Ausbildung sie genossen haben.
Und tatsächlich ich habe mal einen Blick auf die Abel-Preisgewinner geworfen und auch die Gewinnerinnen. So viele sind es ja nicht, aber trotzdem. Und es waren ja tatsächlich klar, es waren viele dabei, die auch eine Elite-Ausbildung genossen haben, aber tatsächlich war auch der eine oder andere dabei, der zum Beispiel vorm Holocaust fliehen musste und dann in den USA unter widrigen Bedingungen, ohne die Sprache zu kennen, neu starten musste und so weiter.
Ich will aber nicht zu viel verraten, denn vielleicht sprechen wir noch über die Abel-PreisgewinnerInnen. Deswegen möchte ich jetzt erst mal bei Nils Abel bleiben. Ich weiß, wir haben schon eine Folge zu ihm gemacht, aber wir wollen natürlich auch heute noch mal so ein bisschen eintauchen, warum Abel eigentlich so ein hervorragender Mathematiker war. Und hier kommt natürlich Manon ins Spiel. Was kannst du uns denn über die Mathematik von Nils Abel erzählen?
Nils Abels Mathematik
Ja, also du hast ja schon gesagt, dass wir ja schon eine Folge dazu hatten. Da habe ich damals über seine wohl bekannteste Errungenschaft gesprochen, nämlich die Gruppentheorie. Aber heute will ich mich mit einem bisschen anderen Thema beschäftigen, wo Abel auch riesige Fortschritte gemacht hat. Ich meine, das sollten wir vielleicht noch mal in Kontext setzen. Abel selbst ist nur 26 Jahre geworden und hat offensichtlich so viele hervorragende Beiträge geleistet, dass wir jetzt sogar eine zweite Folge über ihn filmen können.
Ja, und tatsächlich gäbe es auch noch genügend Stoff für eine dritte Folge. Das ist super viel. Ja, ich finde es auch ganz schön krass. Aber wir reden jetzt mal über was, was eigentlich gar nicht so kompliziert aussieht, nämlich Ellipsen. Das sind diese langgezogenen Kreise, die dann so ein bisschen eiförmig aussehen.
Ja, genau. Das sind Formen, die erinnern an Kreise, aber die haben gewissermaßen, ich sage jetzt mal zwei Radien, wenn man so will. Also einmal eine kürzeste Distanz zum Mittelpunkt und eben einmal die größte Distanz zum Mittelpunkt. Und ich weiß auch noch, dass unsere Planetenbahn ellipsförmig ist. Ja, genau. Das hat Kepler mit seinen Gesetzen herausgefunden. Und das heißt natürlich auch, es gibt eine Zeit im Jahr, bei der die Erde etwas näher an der Sonne dran steht als zu anderen Zeiten.
Okay, das hat aber Kepler herausgefunden. Was hat das jetzt mit Abel zu tun? Ich meine, ich wollte nur ein bisschen angeben, dass ich weiß, dass die Planetenbahn auch so ist. Ja, Abel kommt ins Spiel, wenn es um die Untersuchung solcher Ellipsen geht. Also zum Beispiel, wenn man halt ihren Umfang berechnen möchte.
Also bei einem Kreis ist es ja relativ einfach. Da gibt es halt zwei Pi mal R und dann kann ich das ausrechnen. Genau, das ist die Formel. R ist da der Radius. Das ist relativ easy. Erinnerst du dich zufällig noch an die Formel für die Ellipse? Ha, locker nicht! Ja, kannst du auch gar nicht, weil es gibt keine. Voll die Fangfrage, Manno! Und ich dachte, ich habe nicht gut aufgepasst.
Nee, tatsächlich gibt es halt wirklich keine allgemeine Formel, mit der man halt allgemein den Umfang von der Ellipse ausrechnen kann. Also es gibt Spezialfälle. Also zum Beispiel, wenn die Ellipse ein Kreis ist, kann man es ausrechnen. Aber genau, ganz allgemein, je nachdem, wie exzentrisch sie ist, so nennt man das, also wie krass die gebogen ist, gibt es halt keine Formel.
Jetzt muss ich aber noch mal nachfragen. Ich habe ja eben gesagt, eine Ellipse ist quasi so ein langgezogener Eigerkreis. Jetzt meintest du, eine Ellipse kann auch ein Kreis sein. Ja, das wäre so der Spezialfall von der Ellipse. Ich habe ja von diesen zwei Radien gesprochen. Wenn die einfach gleich sind, ja, dann kann man es natürlich auch einfach Kreis nennen.
Aber gut, dann lass es doch aber trotzdem mal ein bisschen darüber sprechen, warum Ellipsen so kompliziert sind. Ich finde, sie sehen ja doch relativ harmlos aus, eigentlich. Ja, finde ich halt auch. Und es ist echt immer wieder erstaunlich. Also ich finde es auch immer wieder erstaunlich, dass so ein einfaches Objekt uns irgendwie überfordert. Und Abel hat das wohl auch gewundert.
Also es ist jetzt nicht so, als würden wir komplett im Dunkeln tappen und würden jetzt überhaupt nichts über Ellipsen wissen. Also wir wissen an sich schon und auch Abel weiß es schon, wie man prinzipiell den Umfang ausrechnen würde. Das klingt schon wieder nach einem so großen Aber. Ja, genau. Aber wir können es halt nicht. Und er kann es auch nicht.
Also es ist so, der Umfang von der Ellipse, der lässt sich halt über so ein Integral ausrechnen. Und bei einem Kreis ist es übrigens auch so. Und zu Integralen haben wir auch schon im Podcast öfter gesprochen, zum Beispiel in unseren Folgen zu Beppo Levy oder Cleo. Die verlinken wir natürlich wie immer in den Journals.
Ja, genau. Und da haben wir auch schon erklärt, also Integrale, das sind so etwas wie Summen von ganz winzigen Bestandteilen. Also wenn ich jetzt zum Beispiel den Kreis in so ganz viele kleine Abschnitte unterteile und dann diese kleinen Abschnitte aufsummiere, dann bekomme ich am Ende den Umfang. Also ich kann mir vorstellen, dass diese Abschnitte auch gerade sind. Das macht es natürlich viel einfacher.
Und beim Kreis ist es natürlich von Vorteil, dass, wenn ich den halt gleichmäßig in so einzelne Segmente aufteile, dann ist halt jedes Bogenstück gleich. Genau. Und das vereinfacht halt eben die Aufgabe total. Und dann kann ich halt eben dieses Integral locker ausrechnen. Und du meinst also, dass sich das Integral in diesem Fall exakt lösen lässt. Und damit ist es relativ easy.
Genau. Und nicht nur das. Also ich kann das Ergebnis nicht nur für den Vollkreis angeben, sondern ich kann auch den Umfang zum Beispiel die Bogenlänge für einen beliebigen Winkel ausrechnen. Das heißt, auch nur für einen Teil des Kreises. Genau. Ja, okay. Aber bei einer Ellipse ist es dann anders.
Ja, genau, weil dort ja nicht alle gleich groß sind. Genau, das nämlich. Wenn ich jetzt alle fünf Grad quasi vom Mittelpunkt aus einen Abschnitt definiere, dann sind die halt alle unterschiedlich lang. In dem Fall kann ich das Integral eben leider nicht zu so einer griffigen Formel vereinfachen.
Okay, das heißt aber, für eine Ellipse kann ich ein Integral über eine gewisse Funktion hinschreiben und das entspricht dann dem Umfang. Genau. Also du kannst es hinschreiben. Das kannst du auf jeden Fall machen. Also du hast dann da stehen Integral von 0 bis 2 Pi, weil du musst ja irgendwie den vollen Umfang berechnen. Musst also über 360 Grad integrieren oder halt eben im Bogenmaß sind das 2 Pi.
Und das Integral von 0 bis 2 Pi wird dann gebildet über eine Funktion. Und die ist vielleicht auch nicht so ganz einfach. Also die besteht dann vielleicht aus Wurzeln und Brüchen. Und das ist klar. Also dieses Integral lässt sich jetzt nicht mit den klassischen Mitteln lösen. Das heißt, ich kann zwar eine Formel aufschreiben, aber lösen kann ich sie dann leider nicht.
Ja, genau. Okay, aber diese elliptischen Integrale, die sind ja auch schon ein bisschen länger bekannt. Also so seit 1750 ungefähr. Da haben sich also schon viele vorher die Köpfe zerbrochen. Welchen Beitrag leistet Abel denn dann? Also tatsächlich ist Abel einer der Ersten, der überhaupt einen nennenswerten Fortschritt auf dem Gebiet macht.
Und zwar schaut er sich dafür die Umkehrfunktion zu den Integralen an. Kannst du das vielleicht noch mal für alle erklären, die nicht wissen, was es ist? Also mich natürlich nicht, aber unsere Hörer da draußen. Ja, klar. Also sagen wir mal, du hast ein elliptisches Integral, also eben dieses Integral, was ich gerade gesagt habe, von 0 bis X. Muss ja nicht 360 Grad sein und dann über eine Funktion.
Und wenn du das dann lösen würdest, dann erhältst du am Ende ein Ergebnis. Und das ist halt wieder eine Funktion, also eine Formel, die halt von X abhängt. Also wenn du sie kennen würdest. Und die Umkehrfunktion ist quasi das Gegenteil dieser Funktion. Also das was du bekommst, wenn du einfach nach X auflösen würdest.
Kannst du das vielleicht mal an einem einfacheren Beispiel erklären? Ich finde, wenn man das so akustisch hört, ist es immer schwierig. Ja, ist es auch. Es wäre viel einfacher, wenn ich Stift und Papier hätte und dir zeigen könnte. Aber gut. Also dann vergiss erst mal dieses komplizierte Integral und wir konzentrieren uns einfach nur auf eine einfachere Funktion, also so etwas wie Y ist gleich X Quadrat.
Das kann ich mir merken. Ja, eine Parabel, merke ich gerade. Ja, gut, richtig. Wenn man jetzt die Umkehrfunktion dazu bedeutet, dass ich dieses Y ist gleich X Quadrat nach X auflösen möchte. Also ich habe dann dastehen X ist gleich Wurzel aus Y. Okay, soweit reichen meine Mathekenntnisse tatsächlich noch.
Aber wie kann Abel diese Umkehrfunktion denn dann von einem Integral bestimmen, dessen Ergebnis er noch gar nicht hat? Also er müsste das ja irgendwie auflösen können. Ja, genau. Das ist auch echt eine gute Frage. Und es ist auch ein bisschen abstrakt. Also man muss dafür so ein bisschen rumrechnen. Aber er wertet die Umkehrung halt eben nicht explizit aus, weil er eben nicht weiß, wie diese Funktion aussieht, sondern er nimmt so einen Perspektivwechsel ein.
Da er mit der Betrachtung des Integrals ja an sich nicht weiterkommt, schaut er eben die Umkehrfunktion dazu an, die als elliptische Funktion bekannt wird. Und was bringt es? Also ich stelle mir das so ein bisschen vor, wie man versucht, irgendwas zu lösen und dann stellt man sich einfach mal auf den Kopf und guckt es sich so an.
Ja, das ist es eigentlich. Also auf den ersten Blick wirkt es jetzt einfach nur so, als hätte er das Problem einfach auf ein anderes verlagert. Aber tatsächlich ermöglicht dieser Perspektivwechsel, dass er halt neue Erkenntnisse ableiten kann. Also er sagt halt einfach nur, die Umkehrfunktion heißt so und hat diese Eigenschaften.
Und wenn man jetzt ein elliptisches Integral hat und diese Umkehrfunktion, dann müssen die gewissen Eigenschaften erfüllen. Also weil das eine ja die Funktion ist und die andere Umkehrfunktion. Und anhand dieser Eigenschaften kann man halt schon erstaunlich viel lernen. Zum Beispiel. Also wie es sich herausstellt, ähneln die elliptischen Funktionen in ihrem Wesen so ein bisschen dem Sinus und dem Kosinus.
Und also es sind auch periodische Funktionen, die mit so einer geometrischen Form irgendwie im Zusammenhang stehen. Also Kosinus und Sinus haben ja mit dem Kreis zu tun. Und in dem Fall sind diese elliptischen Funktionen so wie Verallgemeinerungen davon für die Ellipse. Genauso wie man Sinus und Kosinus halt auch als unendlich lange Summen aufschreiben kann, kann man das halt eben auch für elliptische Funktionen machen.
Und für die kann man dann auch noch so Additionstheoreme finden. Ich weiß nicht, ob du dich daran noch an der Schule erinnerst, aber es gibt so Regeln. Wenn ich Sinus von X plus Kosinus von X habe, dann kann ich das auch umschreiben als was anderes. Ich habe es natürlich nicht im Kopf, aber ich glaube mal nach.
Weißt du, was das jetzt für ein Move wäre, wenn ich es im Kopf hätte und dir das erklären könnte? Nee, wäre auf jeden Fall stark. Aber ja, genau. Es gibt solche Regeln und die gibt es halt eben auch für die elliptischen Funktionen. Und Abel hat diese Größen halt überhaupt erst in die Mathematik eingeführt. Also die sind inzwischen echt so ein essentieller Bestandteil von dem Fach.
Das heißt, durch diese Umkehrfunktion hat er einen Weg entdeckt, wie man sich diesen Integralen ein bisschen genauer nähern kann, um sie ausrechnen zu können. Man kann sie nicht einfach so ausrechnen. Also man kann jetzt sich nicht mit Stift und Papier hinsetzen und die ausrechnen. Was man machen kann, ist, dass man die numerisch, also sich denen halt nähern kann, schrittweise durch eine Rechenvorschrift. Also ein Algorithmus. Computer können das ziemlich gut.
Das heißt, wir wissen jetzt natürlich schon, wie lang unsere Planetenbahnen sind. Also da sind wir jetzt nicht komplett aufgeschmissen. Und für alle praktischen Dinge reicht es ja auch so, dass man sich beliebig genau dem exakten Ergebnis nähern kann. Was Abel jetzt gemacht hat, ist, dass er überhaupt diese elliptischen Funktionen ins Spiel gebracht hat und man das generell zu anderen Fortschritten geführt hat.
Aber auch, dass man es natürlich ausnutzen kann, um halt elliptische Integrale anzunähern, wenn man so will. Du hast gerade schon gesagt, in anderen praktischen Bereichen, wo kommen denn elliptische Funktionen noch vor? Seine Arbeiten haben zum Beispiel Bernhard Riemann geprägt. Der hat die elliptischen Funktionen genommen, wollte die geometrisch veranschaulichen und hat dafür die riemannschen Oberflächen eingeführt.
Also das ist etwas, was in der Mathematik einfach ein riesengroßer Schritt war. Und die werden überall noch genutzt, um dann halt zum Beispiel auch elliptische Kurven zu definieren. Von denen haben wir auch schon häufiger im Podcast gesprochen. Und die sind zum Beispiel Grundlage dafür, dass wir überhaupt unsere digitalen Daten verschlüsseln können.
Also das ist jetzt ein Beispiel. Aber tatsächlich sind elliptische Kurven mittlerweile so gut wie allgegenwärtig, würde ich behaupten, in der Mathematik und auch in der Physik. Ich finde es irgendwie immer total schön, dass, wenn wir eigentlich über ein Thema sprechen und dann hat das aber zu Verschlüsselungen im Internet beigetragen.
Wir haben ja auch über Wind und Surf gerade gesprochen. Also da merkt man irgendwie auch, wie die Mathewelt so aufeinander aufbaut und wie dann eine so eine kleine, ich sage mal, Überlegung dann so krass weitreichende Folgen hat. Finde ich immer wieder beeindruckend. Kleine Überlegung hast du gesagt. Das sieht man vielleicht im Podcast nicht, aber ich habe Anführungsstriche hier gesetzt.
Aber Demian, schön, dass du dich auch mal wieder zu Wort meldest. Hallo! Für dich habe ich jetzt nämlich auch noch eine Frage, denn jetzt haben wir schon so ein bisschen darüber gesprochen, was Abel in seiner sehr kurzen Lebenszeit alles geschaffen hat. Und wir haben ja von dir und auch von Helge Houlden schon gehört, warum er sich deswegen für Abel als Namensgeber des Abelpreises entschieden hat.
Allerdings bin ich doch ein bisschen darüber gestolpert, dass das ja erst relativ spät passiert ist. Wir haben ja schon gesagt, er hat 200 Jahre vorher gelebt. Warum gibt es diesen Preis denn erst seit Kurzem? Den Nobelpreis zum Beispiel gibt es ja auch schon wesentlich länger. Der Nobelpreis ist tatsächlich ein gutes Stichwort. Aber die Geschichte des Abelpreises fängt rein technisch gesehen ein kleines Stück früher an, und zwar am Ende einer anderen Folge unseres Podcasts, nämlich der Poincaré-Folge.
Okay, der hatte ja 1889 einen Wettbewerb gewonnen, der vom schwedischen Mathematiker Medak Läffler unter Schirmherrschaft des schwedischen Königs Oskar II. veranstaltet wurde. Die Jury des Preises damals hatte sich am Ende überlegt, ob man nicht am Erfolg dieses Preises anknüpfen könnte und halt einen jährlichen Preis vergeben könnte. Damals wurde aber einfach nichts draus und es blieb einfach nur so als eine Idee im Raum.
Ein paar Jahre später, aber 1902, um konkret zu sein, ändert sich die Situation, wie Houlden erzählt. Der Abelpreis wurde als Nobelpreis in den Wissenschaften, in der Physik, der Chemie usw. vergeben, und es gab keine Pläne, einen Nobelpreis in der Mathematik zu machen. Und dann auf der nordischen Seite hat Sophus Lie, der berühmte Mathematiker, nach Abel eine Initiative genommen und versucht, einen Abelpreis in der Mathematik zu errichten.
Und er bekam die Unterstützung der mathematischen Gemeinschaft in Europa. Und sie waren alle dafür, dass er national unterstützt wurde von Björnstern Björnson, der später Nobelpreis-Laureate in der Literatur war, und von Frithof Nansen, der später Nobelpreis-Winner in der Friedensarbeit war. Also waren sie sehr prominent in der nordischen Gesellschaft. Sie waren alle vollkommen hinter Sophus Lie.
Und dann auch der schwedische nordische König. Wir waren damals in der Union mit Schweden. Der schwedische nordische König war auch in der Führung. Also war alles organisiert. Alles war organisiert, dass es einen Abelpreis in der Mathematik gibt. Aber dann starb Sophus Lie. Und dann kam die Union mit Schweden zu einem Ende im Jahr 1905. Und damit sind alle Pläne für den Abelpreis in der Mathematik ausgeblendet.
Kurz zusammengefasst: Wurde im Vorjahr, also 1901, zum ersten Mal der Nobelpreis vergeben. Da dieser bekanntermaßen keinen Mathepreis beinhaltet, hat sich ein norwegischer Mathematiker namens Sophus Lie überlegt, dass man nachrücken sollte und den Abelpreis als Pendant vergeben sollte. Der Name Abel war naheliegend. Abel ist der größte norwegische Mathematiker aller Zeiten. Aber gleichzeitig jährte sich zum hundertsten Mal sein Geburtstag. Also 1802 ist er geboren. Genau, 1802 ist er geboren. Wir sind jetzt 1902.
Lie hatte die Unterstützung der Mathe-Community. Die waren alle dafür und sogar des schwedischen Königs, eben Oskar II. Man muss halt noch denken, Norwegen und Schweden waren damals eins. Und der schwedische König, der hat halt auch gesagt, okay, den Mathepreis entfernen wir auf. Und damit hat er halt Sophus Lie prominente Unterstützer. Ist ja schon mal ein guter Anfang.
Eigentlich sollte dem nichts mehr im Weg stehen. Aber dann scheitern die Pläne erneut. Zum einen, weil Sophus Lie verstirbt. Und zum anderen, weil diese norwegisch-schwedische Union zu Ende geht und somit halt kein Förderer mehr da ist, um diesen Preis zu finanzieren. Und so vergingen halt…
Wieder vergingen Jahrzehnte, ja praktisch ein Jahrhundert, bis endlich wieder etwas Schwung in die Sache kommt. In den letzten 90ern schrieb ein norwegischer Biograf, Ariel Stubhev, die Biografie von Nils Henrik Abel. Das war immens populär. Er bekam einen Preis dafür in Norwegen, und er hat Nils Henrik Abel wieder auf den Weg gebracht. Er war sehr enthusiastisch.
Er reiste also durch Norwegen, verkaufte sein Buch und schrieb es. Dann war er in Riesö, auf dem norwegischen Hafen, und er war dort, um das Buch zu verkaufen. In diesem Büchergeschäft kam der CEO der norwegischen Nationalen Telefonfirma. Ariel Stubhev war sehr enthusiastisch. Er begann, über die Pläne für den Nobelpreis zu sprechen, die vergessen worden waren. Und er sagte: „Wir sollten jetzt einen Nobelpreis haben.“
Es stellte sich heraus, dass der CEO der norwegischen Telefonfirma einen Hintergrund in der Politik für die Labour Partei hat. Und er sagte: „Ja, ich glaube, das ist eine gute Idee. Lass mich mit meinen Freunden im Ministerium sprechen.“ Das war unglaublich erfolgreich. In Norwegen wurde es zu einem absoluten Hit. Es heißt „Ein aufleuchtender Blitz“. Und das Buch war tatsächlich auch unsere Hauptquelle bei unserer Abelfolge im Podcast.
Der Schriftsteller war unterwegs in Norwegen mit Lesungen seines Buches, als er einen großen Fisch aus der Telekommunikationsindustrie traf. Und hier pitchte Stubhev diesem Geschäftsmann die Idee des Abelfreises. Und dieser hatte wirklich Lust dazu, hatte die nötigen Kontakte zur Politik. Und so führte das eine zum anderen. Es hat ja auch ehrlich gesagt lang genug gedauert. Es ist ja letzten Endes dann hauptsächlich daran gescheitert, dass niemand dieses Teil finanzieren wollte.
Genau. Und ich denke, es hat auch damit zu tun, dass die Relevanz, zumindest in Norwegen, lange Zeit, sagen wir mal, allgemein nicht gesehen wurde, sagen wir mal gesamtgesellschaftlich oder halt bei den Entscheidungsträgern. Und hier kommt halt eine Änderung, und zwar Ende des 20. Jahrhunderts. Denn es kommt immer wieder, wie auch in Deutschland, zu einem PISA-Schreck.
Die Norweger haben immer gedacht: „Ja, wir sind ganz gut in Mathe.“ Aber plötzlich stellt sich heraus, mit dieser PISA-Studie, dass sie unterirdisch schlecht sind. Es war plötzlich auf der politischen Agenda: Wir müssten etwas dagegen tun. So ist der Abelpreis heute nicht nur eine Anerkennung für besonders wichtige Leistungen in der Mathematik, sondern hat parallel dazu auch den Auftrag, junge Talente in der Mathematik zu fördern.
So wurde der Abelpreis mit einem doppelten Zweck ins Leben gerufen. Und ich denke, es ist wahrscheinlich der einzige Preis weltweit, der diesen doppelten Zweck hat. Nämlich, er kombiniert die Anerkennung von Ergebnissen auf höchstem Niveau in der Mathematik, das ist der Abelpreis, mit Aktivitäten, die das Interesse an Mathematik unter den Jungen unterstützen.
Und tatsächlich waren die ganze Woche über, sagen wir mal, 25 Schüler aus verschiedenen Teilen Europas dabei. Jetzt zurück zu meiner Abelpreis-Woche in Oslo. Die meisten waren in so Landeswettbewerben in Mathematik erfolgreich. Und mehrere Programmpunkte waren sogar komplett auf sie ausgerichtet. So haben sie zum Beispiel anerkannte MathematikerInnen aus aller Welt kennengelernt, die ihnen erzählt haben, wie man so Mathematiker wird, welche Wege es dorthin gibt.
Und am letzten Tag, dem Donnerstag, wird auch als Teil der Feierlichkeiten der Holm Böll Preis für besondere Leistungen in der Lehre der Mathematik vergeben. Mir hat das sehr gut gefallen. Die Kids haben der ganzen Veranstaltung einen kleinen frischen Wind verpasst. Und die Message ist für mich auch super relevant, dass natürlich auch nicht nur anerkannte Mathematiker in den Fokus gesetzt werden sollen, sondern auch junge, angehende und zukünftige.
Weißt du denn, ob das tatsächlich etwas gebracht hat? Also ist Norwegen immer noch so super schlecht in Mathe? Oder sind die ganzen Jugendlichen jetzt total begeistert von Mathe und wollen alle einen Abelpreis gewinnen? Also so weit würde ich nicht gehen. Aber was man mir vermittelt hat, ist, dass der Abelpreis schon ein Stück Mathematik ist, auf das die Norweger ganz schön stolz sind.
Und das ist halt immer wirklich auch in den Mittelpunkt des politischen Diskurses gerät, wenn der Abelpreis vergeben wird. Und in der ganzen Stadt gibt es halt Banner, und die Busse haben halt Abelpreis-Fähnchen. Und das ist halt sehr präsent. Und ich denke, es hat schon einen positiven Effekt gehabt, so wie man es mir erzählt hat.
Tatsächlich ist es ja so, du hast ja vorhin auch schon gesagt, dass die Fields-Medaille so lange Zeit als Nobelpreis der Mathematik galt. Jetzt gibt es den Abelpreis hier aber auch schon 20 Jahre. Und tatsächlich, wenn man mal überlegt, der ist schon so ein bisschen näher am Nobelpreistrang. Er kommt auch aus Skandinavien, das ist ja schon mal irgendwie was.
Also läuft der Abelpreis der Fields-Medaille so langsam den Rang ab als Nobelvergleich? Also als Nobelvergleich absolut. Also ich habe mich ja dort ganz intensiv mit den Arbeitern der Norwegischen Akademie der Wissenschaften unterhalten. Die haben ja auch gesagt, es war nicht einfach, sich als Preis, sagen wir mal, zu profilieren.
Es gibt ja etliche Mathematikpreise. Und wie macht man etwas, das irgendwie anerkannter ist als alles andere? Ist nicht einfach. Aber ich muss sagen, ich habe auch die ganze Woche über so eine leise Rivalität zum Nobelpreis, sagen wir mal, zwischen den Zeilen mitlesen können, auch an ganz banalen Dingen.
Das Preisgeld ist unglaublich hoch, weil man irgendwie nachrücken will und irgendwie etwas ähnlich ist wie die Nobelpreisträger halt bekommen. Da ansetzen wollte. Also ich würde sagen, zu guter Letzt inhaltlich würdigt der Abelpreis ja eher Lebenswerke. Und das ist viel näher dran am Nobelpreis im Vergleich zur Fields-Medaille.
Zur Fields Medaille, genau. Also der Abelpreis wird ja auch jährlich verliehen, zum Beispiel die Fields-Medaille ja im Gegenzug nicht, wenn wir mal wieder bei den Vergleichen sind. Genau. Ich denke aber nicht, dass deswegen der Abelpreis die Fields-Medaille abgeklatscht hat und gesagt hat: „Jetzt sind wir hier am Start.“
Das sind halt zwei unterschiedliche Konzepte, die ähnlich gewürdigt werden und anerkannt werden. Jetzt würde ich natürlich auch gerne ein bisschen ausnutzen, dass wir durch dich First-Hand-Insights zu dieser Preisverleihung haben. Du hast ja vorhin schon so ein bisschen darüber erzählt, und wir haben jetzt auch schon von dir gehört, wieso der Preis der Abelpreis ist und wie der überhaupt zustande gekommen ist.
Jetzt würde ich aber mal gerne von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart kommen und tatsächlich über die Preisverleihung in diesem Jahr sprechen, bei der du ja auch dabei warst. Du hast schon gesagt, es ist so eine ganze Preisverleihungswoche, und auch die ganze Stadt feiert so ein bisschen mit.
Aus deinen Ausführungen vorhin habe ich rausgehört, am Montag war diese Kranzniederlegung und so ein bisschen Freizeit. Am Dienstag war dann die tatsächliche Verleihung. Was passiert denn da noch alles? Also was ist denn dieses Ganze drumherum? Was legt denn die Mathe-Community da so auf, um die Mathematik zu feiern?
Also ich muss sagen, ich war unglaublich beeindruckt von der Veranstaltung, von der ganzen Woche an sich, aber insbesondere von dieser Preisverleihung. Selten habe ich so eine Veranstaltung von Anfang bis Ende genießen können. Es gibt ja immer so Höhen und Tiefen, wenn Redner reden, und es wird politisch oder es wird halt inhaltslos oder was auch immer.
Nee, das war hier absolut fantastisch. Das Auditorium, wo das alles stattfand, ist ein absoluter Hingucker, und die Musik war echt bewegend. Wir packen einen Link auf die Show Notes in dem ganzen Video. Und ich fand es auch besonders schön, die Musik, die wurde für die diesjährige Preisverleihungstzeremonie extra komponiert und ist direkt am Preisträger inspiriert.
Dieses Jahr hat nämlich der deutsche Mathematiker Gerd Faltings den Abelpreis gewonnen, der halt in Bonn tätig ist. Und deswegen konnte man in der musikalischen Einlage Töne Beethovens erkennen, aber auch viele norwegische Elemente, wie eben Peer Gynt und die Halle des Bergkönigs. Ich denke, es war eine sehr schöne Geste, die zeigt, wie sehr man hier auf kleine Details achtet.
Du hast gerade den aktuellen Abelpreisträger, nämlich Gerd Faltings. Da würde ich gerne noch mal kurz zu Manon rüberschwenken. Wofür ist denn Faltings geehrt worden? Also, was ist denn Gerd Faltings‘ mathematische Leistung, die ihm diese Abel Auszeichnung eingebracht hat?
Ja, also Faltings hat tatsächlich mit bloß 28 Jahren plötzlich Weltruhm in der Mathe-Community erlangt. Denn bis dahin war er eigentlich nicht wirklich bekannt. Und er hat damals aber das quasi Unmögliche geschafft, nämlich die Vermutung von Mordell gelöst. Davon habe ich ehrlich gesagt noch nie gehört. Erzähl doch mal.
Ja, gut, ist auch nicht erstaunlich. In der Schule redet man da eher nicht drüber. Also die Grundlagen dafür von der Mordell-Vermutung, die reichen echt weit zurück, also bis zu Diophantus von Alexandria. Und der hat sich nämlich damals schon mit Lösungen von Gleichungen beschäftigt, aber halt eben nur mit so ganz bestimmten Lösungen.
Also er wollte wissen, zum Beispiel, wie viele ganzzahlige Lösungen eine Gleichung hat. Das heißt, wenn ich dir jetzt zum Beispiel die Gleichung geben würde, wir hatten es ja eben: y ist gleich x², dann lautet die Frage, wie viele ganzzahlige Punkte liegen eben auf dieser Parabel, die dazu gehört.
Okay, ich würde jetzt aber denken, unendlich viele, weil wenn ich mich an eine Parabel zurückerinnere, die hat ja nicht irgendwann aufgehört, sondern die ging ja einfach bis das Matheheft fertig war, bis nach oben theoretisch. Genau, aber die könnte ja nur noch zum Beispiel zwischen zwei ganzen Zahlen verlaufen, sag ich jetzt mal, auf der x-Achse, wenn du so wolltest. Und dann könnte man ja sagen, vielleicht hat die ja gar keine ganzzahligen Lösungen mehr.
Okay, aber hat sie doch. Und zwar, weil wenn ich einen ganzzahligen Wert von x einsetze und den quadriere, dann kriege ich ja wieder eine ganze Zahl raus. Also deswegen hast du recht. Aber nur weil etwas unendlich weit nach oben läuft, muss es nicht unendlich viele ganzzahlige Lösungen haben. Das ist ein bisschen schwierig. Wieder was gelernt.
Ja, es ist halt echt nicht so einfach. Und tatsächlich gibt es halt auch bis heute keine Möglichkeit, systematisch auszurechnen, ob eine Gleichung welche ganzzahligen Lösungen hat. Ja, und genau damit hat halt die Vermutung von Louis Mordell zu tun. Der hat nämlich in den 1920er Jahren vermutet, dass die Form der geometrischen Objekte, die sich halt eben aus den Gleichungen ergeben, sowas wie y ist gleich x², also eine Parabel, mit der Anzahl an ganzzahligen Lösungen zusammenhängt, die dieses Objekt eben besitzt.
Er hat ja eben aber nur diese Vermutung aufgestellt. Und Gerd Faltings konnte das damit nur 28 Jahren beweisen, dass der tatsächlich richtig lag, ein paar Jahre vorher. Genau. Ja, und also ein paar Jahre vorher, 60 Jahre lang tatsächlich. Ja, das ist ja, wenn man überlegt, wie lange schon über dieses Problem nachgedacht wurde, sind es ein paar Jahre.
Nee, das stimmt, das stimmt. Aber man muss halt wirklich sagen, 60 Jahre lang. Also das Problem war nicht einfach nur so 60 Jahre alt. Also von denen findet man viele, die vielleicht auch gar nicht so übertrieben schwierig sind. Aber das war halt wichtig. Also da haben 60 Jahre lang wirklich die Größen der Mathematik sich dran versucht, weil das schon eine weitreichende Vermutung der Zahlentheorie ist.
Und Faltings hat halt eben Ideen von zwei anderen Fachkollegen weiterentwickelt und damit einen komplett unerwarteten Zugang zur Vermutung von Mordell aufgestellt, auf die halt vorher niemand zuvor gekommen war. Und deswegen war das halt echt damals so richtig bahnbrechend. Und man konnte eben auch seine Methoden, die er ausgefeilt hat, auch weiterhin benutzen und andere Dinge damit machen.
Nun, ich habe das Video gesehen von der Verleihung in dem Jahr. Gerd Faltings ist nicht mehr 28, so frei, dass ich glaube ich rede. Absolut. Ich muss sagen, also wenn man Faltings kennenlernt, er ist eher schüchtern und zurückhaltend. Und deswegen fand ich ein, ich sag mal, Profilvideo, das man von ihm für diese Verleihung vorbereitet hat, sehr schön.
Die Leute, die das gemacht haben, haben es wirklich geschafft, ihn zu knacken und haben es geschafft, dass er super offen über seine Karriere, über seine Ziele, über sich selbst frei und offen berichtet und erzählt. Ich fand das super gelungen. Setzen wir auch wahrscheinlich in die Shownotes. Ganz viele Shownotes heute.
Das Einzige, was mir an sich nicht wirklich gefiel an dieser Preisverleihung, war die Dankesrede von Faltings selbst. Also, er hat einen ganz eigenen Sinn für Humor, und viele der kleinen Witze, die er in seine Rede eingebaut hat, die landeten auch und kamen sehr gut an. Es gab aber ein, zwei dieser Jokes, die gingen für mich aber ein kleines bisschen zu weit.
Es gab einen Kommentar über die deutsche Geschichte, und das war für mich total daneben. Und am Ende lieferte er auch noch einen halben Joke auf Kosten Abels. Und nachdem ich ja gesehen hatte, was für einen Stellenwert Abel hier in Oslo hat und also welche Rolle sie ihm beimessen, denke ich, hätten wir auch ohne gekonnt. Aber ja, also vielleicht Humor ist ja auch so ein bisschen immer Ansichtssache, aber unsere HörerInnen können sich ja einfach selbst ein Bild davon machen, wenn sie sich die Dankesrede einfach anhören.
Absolut. Was hast du sonst noch so mitgenommen? Also ich kann mir vorstellen, wir hatten ja auch in der letzten Folge, als wir über Marjorie Rice gesprochen haben, zum Beispiel auch über das Hutfest gesprochen, auf dem Manon war, wo ja tatsächlich auch die Mathematik als solches gefeiert wurde, wo die Errungenschaft als solche gefeiert wurde und Feiern wirklich im wörtlichen Sinne. War das bei der Verleihung auch so? Also was hast du noch so mitgenommen?
Also absolut. Ich denke, die Programmpunkte waren alle ziemlich unterschiedlich voneinander, aber alle zielten halt darauf ab, dieses mathematische Werk zu feiern. Wir hatten ein öffentliches Interview, wo eine Journalistin Faltings interviewt hat, und das war so, sagen wir mal für die allgemeine Öffentlichkeit verständlich.
Das war noch am selben Dienstag. Am Dienstagabend schließlich endete der Tag mit einem schönen Bankett im Akerhuis Castle. Das ist super fein. Das ist eine mittelalterliche Burg in Oslo, und da lädt die norwegische Regierung ein. Der Kronprinz ist dabei, und es gibt einen Dresscode. Da muss man mit Tuxedo und Ballkleid antanzen. Also oder alternativ mit nationaler Tracht.
Bist du dann in Lederhosen aufgetaucht? Ich bin es tatsächlich nicht, obwohl viele Leute meinten, ich hätte das eigentlich tun sollen. Das heißt, du hattest ein Tuxedo an? Absolut. Ich fand es super spannend. Ich hatte mich super darauf gefreut. Vielleicht können wir ein andermal auch über diesen Abend sprechen. War ganz lustig.
Am Folgetag gab es dann vier verschiedene Vorträge, also wissenschaftliche Vorträge. Das Wichtigste dabei ist die Abel Lecture. Das ist der mathematische Vortrag des Preisträgers selbst, also von Faltings in diesem Fall. Aber es gab auch andere Mathe-Menschen, die Vorträge hielten zur Bedeutung von Faltings‘ Arbeit, Anwendungen und Forschungsarbeiten, die daraus resultierten und so weiter.
Die Vorlesungen sind halt mathematisch. Da kommen die meisten ganz schnell nicht mehr mit. Aber ich muss auch zugeben, mich auch nicht. Es wird sehr schnell ziemlich abstrakt. Man kann ja auch nicht alles immer sofort verstehen. Auch in der Vorlesung muss man ja auch noch mal ein bisschen drüber nachdenken. Absolut. Und ich war ehrlich gesagt nicht im Vorlesungsmodus drin. Ich war im Party-Modus.
Ich frage mich immer, was ist denn Party-Modus? Und dazu hat es super gepasst. Am Mittwochabend gab es die Abelpreis-Party, und zwar in der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Ich würde mal sagen, das war so eine Abschiedsparty zum Socialisen. Und ich denke, das ist auch mein Main Takeaway dieser ganzen Woche.
Ja, es geht darum, das Werk einer Person anzuerkennen und die Person zu feiern. Aber es geht vor allem darum, Community zu schaffen. Diese ganze Woche über konnte ich live mitverfolgen, wie das erreicht wurde, mit all den lieben Gesten, der Liebe zum Detail, den Anspruch, nur das Beste zu liefern. Das hat für mich für eine wunderbare Stimmung gesorgt.
Und so war es unendlich viel einfacher, mit anderen zu connecten. Und ja, die Mathe-Community sind zwar hauptsächlich Mathematikerinnen und Mathematiker, aber auch ganz viele Leute drumherum, die für solche Momente sorgen. Das ist auf jeden Fall ein schönes Takeaway, weil wir ja immer auch mal wieder so ein bisschen über die Mathe-Community sprechen, über die Stärken der Mathe-Community, aber ja auch über die Schwächen der Mathe-Community.
Und du würdest behaupten, die Abelpreiswoche bringt das Beste der Mathe-Community aus sich heraus? Absolut, absolut. Ja, man muss euch nur ein Tuxedo geben und ein bisschen feines Essen, und schon seid ihr die nettesten Menschen. Genau, genau.
Also ich muss auch zugeben, ich war nie so richtig von Preisen überzeugt. Also ich bin kein Mensch, der Preise mag. Also klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ist auch nicht so übertrieben gemeint. Aber ich frage mich halt, immer so, warum brauchen wir Preise? Ich habe jetzt tatsächlich auch diese Woche über ganz vielen Leuten diese Frage gestellt, und alle meinen so, halt: „Ja, es geht darum, die Arbeit anzuerkennen, die Meilensteine der Mathematik und so weiter.“
Aber ich denke eben, dass dieses Community-Building fast sogar noch wichtiger ist. Also es entstehen durch diese Preisverleihung Bekanntschaften, neue Zusammenarbeiten, neue Geschichten. Ich denke, das ist das, was ich am meisten mitnehme, was drumherum passiert.
Und ich meine, einer dieser Kritikpunkte an Preisen ist ja zum Beispiel auch, dass quasi einer ausgezeichnet wird für eine Arbeit, die aber eben auch auf den Gedankengang von anderen beruhen. Aber ich glaube, gerade durch so ein Socializing und wie du sagst, da entstehen da neue Projekte, gleicht sich das ja vielleicht auch wieder so ein bisschen aus, weil dann eben neue Leute zusammenfinden, die was Neues schaffen und dann quasi diesen Wert auf diese Gemeinschaft auch legen.
Echt schön, echt cool. Dann vielen lieben Dank, dass du uns deine Erfahrungen mitgebracht hast. Aber auch in der kommenden Folge wollen wir uns noch mal so ein bisschen mit der Wissenschaft hinter der Wissenschaft beschäftigen. Und wir wollen nämlich noch mal über die Akademie der Wissenschaften sprechen in den Jahren.
Was hat es damit auf sich? Also ich habe ja erzählt, die Abelpreiswoche, die wird veranstaltet von der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Ich würde sagen, sie haben alle ein kleines bisschen auch aus dem Nähkästchen geplaudert und haben mir kleine Anekdoten erzählt, was so alles über die Jahre im Rahmen der Abelpreiswoche passiert ist.
Und das sind Skandale. Auf jeden Fall sind welche dabei. Manchmal sind es halt so niedliche Anekdoten, lustige Momente. Und an sich, ja, ich würde sagen, es war super schön, dass sie so offen waren. Und ich dachte, machen wir doch daraus eine kleine Folge, wo wir halt verschiedene Anekdoten erzählen. Und die Mathematik zu dem Person natürlich auch.
Wie Manon die ganze Zeit da im Mikro war und wartete, dass sie auch noch was zur Mathematik sagen kann. Natürlich, natürlich. Genau, also in der kommenden Woche sprechen wir über unterschiedliche Persönlichkeiten, die auch schon mal den Abelpreis gewonnen haben, zum Beispiel, und über ihre Mathematik. Manon, und ich freue mich auf jeden Fall, wenn wir dann wieder zusammen sind. Und ich freue mich natürlich auch, wenn unsere HörerInnen dann auch wieder mit dabei sind.
Ciao! Tschüss! Tschüss!
Geschichten aus der Mathematik ist eine Kooperation vom Podcast Radio detektor.fm und Spektrum der Wissenschaft. Die Idee für den Podcast und die Story kommen von Damian Narwell Guth. Die Mathematik erklärt hat Manon Bischoff. Die Redaktion und die Moderation habe ich übernommen, Rabea Schlotz. Für das Skript sind Manon Bischoff, Damian Narwell Guth und ich verantwortlich. Die Musik kommt von Tim Schmutzler. Die Folge produziert hat Wiebke Stark. Alle Folgen findet ihr auf detektor.fm und spektrum.de.