Die Temperaturen steigen, extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen nehmen zu, und entsprechend steigt das Risiko, dass Ernten zerstört werden, Menschen zur Flucht gezwungen werden oder sich bekriegen im Kampf um wertvolle Ressourcen. Das Ding ist, Menschen und Tiere in Afrika bekommen die Auswirkungen der Klimakrise besonders heftig zu spüren. Fachleute schätzen ein, dass vor allem Entscheidungen und Handlungen in Industrienationen dafür verantwortlich sind. In den kommenden Folgen wird das hier unser Thema sein. Ihr hört den Klima-Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew.
Mission Energiewende
Mission Energiewende – der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Afrika ist ein Kontinent, der 55 Länder umfasst, und niemand wüsste das besser als der Journalist und Afrika-Experte Julian Hilgers. Seit mehr als fünf Jahren berichtet er in seinem Podcast „55 Countries“ regelmäßig aus und über Afrika. Seine Themen und Geschichten erscheinen außerdem bei WDR, ZDF, Deutschlandradio, Table Media, Tagesspiegel und Zeit Online. Und mit seiner Arbeit will Julian dafür sorgen, dass wir uns ein differenzierteres Bild von Afrika machen. Und ich freue mich sehr, dass wir sprechen können. Hi Julian, willkommen im Klima-Podcast von detektor.fm.
Einstieg ins Gespräch
Hi Ina, danke für die Einladung. Ja, ich würde versuchen, eine einzige Podcast-Folge zum Thema Europa und Klima zu machen und versuchen, zum Beispiel Initiativen, Ideen, aber auch Herausforderungen in Griechenland, Norwegen und Italien unter einen Hut zu kriegen. Ich würde wohl krachend scheitern. Und mit Afrika verhält es sich wahrscheinlich ähnlich. Als ich versucht habe, mich zum ersten Mal dazu einzulesen, habe ich ganz schnell gemerkt, wie groß und wie vielschichtig dieser Kontinent ist. Und jetzt ist halt die Frage, natürlich zu sagen: Erzähl doch mal, wie ist denn Afrika so? Irgendwie unpassend.
Annäherung an Afrika
Deswegen, Julian, wie nähern wir uns denn jetzt diesem Kontinent? Wir werden nachher über Klima und Energiewende sprechen, aber wenn du gefragt werden würdest, was fällt dir vielleicht als erstes ein, wenn es um Afrika geht? Was kommt dir da in den Sinn? Also, du sagst es im Grunde selbst. Es ist total schwer, diesen Kontinent wie jeden anderen Kontinent unter einen Hut zu packen. Und gleichzeitig ist ja genau das das Problem, dass genau das immer wieder bei Afrika passiert. Und das ist dann auch immer noch leider meine erste Assoziation, dass Afrika eben als ein Kontinent, als eine homogene Masse wahrgenommen wird.
Wenn ich in afrikanische Länder fahre, dann werde ich danach gefragt: Julian, wie war es in Afrika? Weil die Leute noch immer nicht differenzieren können. Und natürlich für mich persönlich gehen da ganz viele verschiedene Themen auf. Aber tatsächlich ist für mich noch immer das größte Problem, dass zu wenig Wissen über den Kontinent da ist und das noch immer zu viel verallgemeinert wird. Und jetzt kann man sich natürlich fragen, wo kommt das her? Das ist eine spannende Frage. Vielleicht auch, weil es gewisse Gemeinsamkeiten gibt, zum Beispiel eine gemeinsame Kolonialgeschichte, die alle afrikanischen Staaten fast teilen, außer Äthiopien. Auch schon wieder eine Ausnahme. Eine sehr junge Bevölkerung, ja, gewisse Stereotype, die Leute reininterpretieren.
Aber so dieses „alles ist gleich“ ist das, was ja dieses Stereotyp ist, was mir dann trotzdem immer in den Kopf kommt, weil ich es aufbrechen will. Hast du denn das Gefühl, dass das bei diesem Kontinent oder bei den Ländern speziell ist, oder haben wir das sozusagen überall hin, außerhalb von unserem Kontinent, auf dem wir leben?
Stereotype und Wahrnehmung
Also ich glaube, das ist schon beim afrikanischen Kontinent wirklich nochmal sehr extrem, weil einfach auch sehr viele negative Stereotype, rassistische Stereotypen auch teilweise da verbreitet sind. Aber natürlich gibt es auch Attribute, die man vielleicht dem südamerikanischen Kontinent fälschlicherweise zuschreibt oder in Asien vielleicht nochmal ein bisschen unterschieden zwischen Nahosten und Fernost. Aber auch da glaube ich, wird viel in einen Topf geworfen.
Trotzdem nehme ich das sicherlich beim afrikanischen Kontinent am extremsten wahr und eben auch mit den stärksten negativen Assoziationen. Diese Klassiker: Krankheit, Konflikt, Krise, Hunger – Buzzwords, die glaube ich viele im Kopf haben und das eben sehr negativ mit dem afrikanischen Kontinent verbinden.
Jetzt habe ich ja vorhin am Anfang schon gesagt, du machst seit fünf Jahren einen Podcast über Afrika, über die 55 Countries, die Länder einzeln, ihre Themen, also ganz unterschiedliche Aspekte: Wirtschaft, Ernährung, Klima, Fußball – habe ich ganz viel unterschiedliche Sachen gesehen. Was fällt dir denn ein oder was sind denn die Punkte, wo du sagst, das kommt mir als erstes in den Sinn, wenn ich an meine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren denke?
Spannende Entwicklungen in Afrika
Also ja, total breit gefächert natürlich, aber was ich durchaus sehe, sind total spannende Städte, in denen wahnsinnig viel passiert. Das ist teilweise Chaos, aber auch totale Innovationskraft. Also irgendwie spannende Startups, die es in großen Städten gibt, in Nairobi, in Lagos, schwarz und letztlich in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, die wahnsinnig fortschrittlich sind, was erneuerbare Energien und auch Elektromobilität angeht. Können wir vielleicht später nochmal ein bisschen ausführlicher darüber sprechen.
Also eine Innovationskraft, die durchaus auch aus mangelnden Mitteln teilweise herrührt, aber die doch sehr, sehr spannend ist. Das ist vielleicht so eine der Sachen und einfach eine wahnsinnig junge Bevölkerung. Das ist vielleicht was, was man auch durchaus sagen kann, was auf viele afrikanische Staaten zutrifft, dass es sehr hohe Bevölkerungswachstumsraten gibt. Und dadurch eine sehr junge Bevölkerung. Und das sieht man einfach auf den Straßen. Man sieht unglaublich viele junge Menschen in den meisten Ländern. Das ist sicherlich auch eine Assoziation, die man hat.
Jetzt hast du dich ja verschrieben dem Aspekt, dass es ein differenzierteres Bild braucht in unseren Augen. Wie wird denn hierzulande zum Beispiel oder ja, wie wird berichtet? Wie wird dieses Bild gemacht? Was hast du für Erfahrungen gemacht, für einen Eindruck gewonnen?
Berichterstattung über Afrika
Also ich glaube, man muss ein bisschen unterscheiden zwischen Nachrichten und Hintergrundberichten. Das was viele meinen, wenn sie über „wie wird berichtet“ sprechen, dann meinen sie oft das, was kriege ich in den Nachrichten mit in der Tagesschau, im Heute Journal. Und das sind noch immer, muss man sagen, ja die klassischen K-Themen: Krise, Kriege, Konflikte, Krankheiten. Das hat sich nicht geändert. Das ist aber ehrlicherweise auch in vielen anderen Weltregionen, die uns nicht so nahe sind, auch so.
Das heißt, das hat der afrikanische Kontinent vielleicht gar nicht so exklusiv. Es ist dann immer ein bisschen paradox, weil einerseits versuche ich natürlich, dass nicht nur über diese negativen Themen berichtet wird. Gleichzeitig merke ich dann aber auch, dass ganz, ganz viele Krisen und Konflikte eben noch nicht mal es in die Nachrichten schaffen. Also das kommt auch noch dazu, dass es Kriege und Konflikte gibt, für die wir uns gar nicht interessieren.
Und gleichzeitig nehme ich dann in Hintergrundmedien durchaus ein gesteigertes Interesse wahr für positive für konstruktive Geschichten auf dem Kontinent, die wirklich aktiv diese Klischees aufbrechen wollen. Die zeigen, hier bewegt sich was, weil sich wirklich was bewegt. Es entstehen total spannende Projekte, Positivbeispiele, sei es eben Unternehmen, Einzelgeschichten, Länder, die entgegen aller Klischees vielleicht sich total demokratisch entwickeln.
Also diese Geschichten werden dann, finde ich, schon in Hintergrundmedien doch sehr nachgefragt und gerne gesehen, aber dann von der breiten Masse, die jetzt vielleicht nicht so Nischenmedien interessiert, ist eben gar nicht wahrgenommen. Und dann bleibt eben bei vielen dann doch ein sehr klischeebehaftetes Afrika-Bild eben hängen.
Beispiel aus der Corona-Pandemie
Ich hatte immer so ein Beispiel: Als es damals in der Corona-Pandemie gab, es die Omikron-Variante, die in Südafrika und Botswana entdeckt wurde. Total spannend, was da wissenschaftlich passiert. Das sind Top-Forscher, auch im Bereich Ebola, Malaria, die wirklich ganz, ganz oben mit dabei sind. Trotzdem wurde es dann nachher in den Medien oft als Virus aus Afrika betitelt, also als Gefahr, die aus Afrika kommt. Aus einmal, weil es kommen ja immer Krankheiten aus Afrika. Das passt so schön in unser Bild.
Und ja, diese Erzählung, dass da aber eigentlich das entdeckt wurde und im Grunde die Welt dadurch bewahrt wurde, möglicherweise auch vor schweren Folgen dieses Virus, das wurde dann leider nicht erzählt. Und das ist oft so, dass dann eben wenig differenziert wird und Sachen aus Afrika ja in diesen Massenmedien manchmal ein bisschen zu leicht in der Schublade gesteckt werden. Aber gerade die Korrespondentinnen und Korrespondenten, die auf dem Kontinent leben, bemühen sich wirklich total, dieses Bild aufzubrechen. Es ist dann einfach in der Masse leider immer sehr schwierig, damit durchzustoßen.
Eigene Podcast-Erfahrungen
Jetzt machst du ja selber deinen Podcast. Was sind denn so die Geschichten der letzten Monate vielleicht, wo du sagst, das hat mich total mitgenommen oder also im besten Sinne oder war spannend oder ja, war toll, das in Erfahrung zu bringen.
Also was sehr spannend war, ist in meinem Podcast bis jetzt noch nicht zu Wort gekommen, aber kommt sicherlich noch, war eine Reise nach Äthiopien Ende vergangenen Jahres. Ich habe es eben angesprochen: Ein Land, was auch sehr oft mit Krise und Konflikt in Verbindung gebracht wird, die es auch da gab. Aber ein Land, was auch wirklich sehr entschlossen vorgeht, was zum Beispiel Modernisierung und eben E-Mobilität angeht.
Äthiopien hat vor zwei Jahren knapp den Import von Verbrennern verboten und eine Autoproduktion in dem Land gibt es nicht. Das heißt, es ist de facto ein Verbrenner aus. Das hat das Land natürlich aus wirtschaftlichen Gründen gemacht, weil sie Diesel importieren müssen. Das ist teuer und sie haben erneuerbare Energien, aber im Grunde fast im Überfluss. Also sie haben gerade einen neuen Staudamm ans Netz geschlossen. Sie haben ganz viel grünen Strom und deshalb sind E-Autos die naheliegende Wahl.
Gar nicht mit dem Gedanken unbedingt, dass das viel umweltfreundlicher ist, sondern auch, weil es günstiger ist. Aber es wird wahnsinnig entschlossen durchgedrückt. Nebenbei werden noch Steuern auf Benzin erhoben. Also es ist ein totaler Anreiz, da umzusteigen. Und mit welcher Entschlossenheit da auch Regierungen vorgehen können, das ist total spannend zu sehen, weil wir ja auch dieses Klischee haben: Ja, Korruption und die kriegen alle nichts auf die Kette. Nee, es gibt durchaus Regierungen, die einen klaren Plan haben.
Und dann stößt man aber trotzdem wieder mit seinen europäischen demokratischen Gerechtigkeitsgedanken dann auf manche Hürden, weil natürlich da nicht alle Menschen mitkommen. Nicht alle Menschen in Äthiopien können sich E-Autos leisten. Nur ganz wenige können das. Für die wird dann das Leben teurer. Also natürlich bleiben bei solchen Entwicklungen auch Leute auf der Strecke.
Ambivalenz der Entwicklungen
Und deshalb fand ich das so spannend, da diese Ambivalenz zu sehen zwischen einem Land, was wirklich Vorbild sein will und das irgendwo auch ist und wo es natürlich trotzdem irgendwie negative Aspekte gibt, wo man dann schauen muss, wie die ganze Bevölkerung bei so einem Wandel mitkommt. Aber das ist zum Beispiel ein sehr aktuelles Beispiel, was mit einem Sinn kommt.
Hast du noch andere Beispiele, wo man sagen könnte, jetzt bestimmte Ressourcen sind in manchen Ländern besonders stechen, einfach hervor oder dass man sieht, da passiert gerade was in Sachen Klima und Energiewende?
Also ja, Ressourcen gibt es auf dem Kontinent wahnsinnig viele. Also Afrika gilt ja oft so als der Rohstoffkontinent, hat aber irgendwie davon selbst wenig gehabt, muss man sagen. Das sind dann eher Rohstoffe, die irgendwie in den Westen gehen. Was man jetzt sieht, ist irgendwie, dass Solarenergie natürlich deutlich wichtiger wird und eine total spannende Chance für viele Länder, eben auch unabhängig zu werden und auch interessant auf einmal zu werden.
Für Europa gibt es zum Beispiel Deutschland, die Wasserstoff-Kooperationen haben mit Namibia zum Beispiel, weil es einfach sehr viel Platz gibt. Es gibt sehr viel Sonne, heißt, die können dort günstig Solarstrom und damit auch grünen Wasserstoff produzieren. Es gibt auch andere Länder, die da Vorreiter sind und damit einerseits für sich irgendwie unabhängig werden, was Strom angeht, klimaneutral werden und aber eben auch dem Westen, von dem sie vielleicht lange abhängig waren, jetzt auch einmal was bieten können.
Also man kann da durchaus auch ein gesteuertes Selbstbewusstsein auch. Das gleiche teilweise auch beim Thema Wasserkraft. Und ja, also das sind vielleicht so Sachen, wo der afrikanische Kontinent eine Chance hat, weil es eben bei diesen klassischen Ressourcen, über die man früher immer geredet hat, also so Kobalt, Koltan, was zum Beispiel aus dem Kongo-Gürtel kommt und für Batterie-Elektrotechnik benutzt wird, die wir auch alle brauchen. Da profitiert aber der Kontinent im Grunde jetzt, würde ich sagen, noch nicht in der Arbeit.
Das Land verlassen und dann am Ende kommt das iPhone oder das Elektroauto wieder mit den Bausteinen sozusagen zurück. Aber bisher würde ich sagen, profitieren da die Länder noch zu wenig von. Aber auch da gibt es ein Umdenken, also dass inzwischen auch Batteriefabriken jetzt so langsam aufgebaut werden, damit der afrikanische Kontinent von seinen Rohstoffen, die er hat, also gerade Kongo, Sambia, diese Region, davon viel mehr profitieren könnte.
Entwicklungszusammenarbeit und Energiewende
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Was würdest du sagen, wie wichtig sind die denn, wenn es um Energiewende geht? Um ehrlich zu sein, das ist auch sehr schwer pauschal zu beantworten, aber von meiner persönlichen Einschätzung würde ich sagen, ist das im Grunde zu vernachlässigen. Ich nehme jetzt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit jetzt da nicht als riesigen Treiber wahr. Natürlich die Projekte, die es gibt von der GEZ, von der KfW, die haben oft natürlich irgendeinen nachhaltigen Ansatz. Die schaden jetzt auf jeden Fall wahrscheinlich keinem.
Aber das sind dann irgendwie so sehr fragmentierte Produkte. Dann wird hier mal ein Teil für ein Stromnetz vielleicht gebaut oder dann entsteht hier mal eine einzelne Solaranlage, damit irgendwie das Wasser aus dem Brunnen elektrisch rausgepumpt werden kann. Aber das, was jetzt so im großen Stil der Aufbau von Stromnetzen, Anlagen, das ist im Grunde was, was eigentlich die Entwicklungsarbeit von Deutschland da kaum leisten kann. Das ist dann eher was, was über Privatunternehmen oder so dann ins Land kommt oder eben politisch angestoßen wird.
Jetzt habe ich generell vielleicht nicht die höchste Meinung von der Entwicklungszusammenarbeit, so wie sie aktuell läuft. Ich glaube, da versandet insgesamt zu viel. Und dann würde ich jetzt auch mal den Einfluss da auf Energiewende, Klimawandel, Anpassung ja zumindest mal entgrenzen.
Auswirkungen der Klimakrise
Jetzt Anpassung ist das Stichwort. Ich hatte am Anfang schon gesagt, quasi Extremwetterereignisse nehmen zu, Naturkatastrophen und Notstände. Wie unterschiedlich trifft denn die Klimakrise einzelne Länder in Afrika? Ja, tatsächlich sehr unterschiedlich. Es ist ein Riesenkontinent, der ja oft verzerrt dargestellt wird auf Weltkarten und deshalb viele Leute gar nicht wissen, wie groß dieser Kontinent ist.
Kannst du es kurz erklären? Es gibt ja diese Mercator-Projektion, die wir oft kennen. Da ist dann die Weltkarte ausgebreitet und dadurch erscheinen die Enden größer, als sie eben sind. Europa wird größer, als es eigentlich ist. Und in der Mitte, also alles um den Äquator, wird dann entsprechend kleiner, als es eigentlich ist. Also es ist einfach so eine Projektionsfrage. Es gibt dann auch so Online-Weltkarten, wie es eigentlich gerechter aussehen würde. Da kommt der afrikanische Kontinent einfach von seiner Größe schlecht weg. Und auch das verzerrt dann total dieses Bild, weil Leute eben die Größe und dadurch auch ein bisschen so unterbewusst vielleicht die Relevanz dieses Kontinents unterschätzen.
So, genau. Jetzt hat dieser Kontinent eben durch seine Größe verschiedene Klimazonen. Das geht dann eben von der Wüste über die Savanne, Tropen, Subtropen. Da machen vielleicht viele Leute ja übrigens auch nochmal eine Unterscheidung zwischen diesen Wüstenstaaten, Marokko, Ägypten, wo ich Urlaub mache, und allem, was so ein bisschen da drunter kommt und irgendwie dann der Rest Afrika ist. Aber diese Klimawandelauswirkungen sind da total unterschiedlich.
Also vielleicht tendenziell kann man sagen, dass das Horn von Afrika, also nordöstlich, wo Äthiopien liegt, wo Somalia liegt, Dschibuti, den Norden Keniens, diese Länder vor allen Dingen eher unter Dürre leiden, ja, einfach wenig Regen haben sowieso und diese Dürrephasen durch den Klimawandel eben nochmal verstärkt werden, intensiver werden, weniger Regen in diesen Regionen. Ähnlich ist auch in der Sahelzone, also Niger, Tschad, Burkina Faso, dass da einfach auch sich die Wüste ausbreitet, dadurch, dass eben diese Dürren dort zunehmen.
Dann gibt es andere Länder, die vielleicht ein bisschen mehr anfällig sind für Überschwemmungen, wo also diese Extremwetterereignisse zunehmen. Da gibt es dann Bilder, die man sieht von Sturzfluten, irgendwie ja, eher so Südzentralafrika, diese Länder, die da betroffen sind. Und dann im Südwesten, auch da kommt eigentlich fast immer jedes Jahr diese Meldungen: Zyklon in Mosambik. Also kann man googlen und es wird auch immer häufiger.
Also während man früher vielleicht so alle 30 Jahre Zyklon hatte, sind inzwischen alle 2, 3 Jahre mindestens, wenn nicht jedes Jahr, dass so Länder wie Mosambik auch Malawi von Zyklonen betroffen sind, die dann wirklich alles verwüsten. Also das so in der Tendenz. Das, was eigentlich alle Staaten trifft, sind steigende Temperaturen. Und das merken die Leute auch viel unmittelbarer, weil sie eben viel Landwirtschaft betreiben, weil sie viel draußen sind.
Landwirtschaft und Klimawandel
Veränderte Regenzeiten, die kürzer werden, die sich verschieben, die intensiver werden teilweise. Und auch der steigende Meeresspiegel, der zumindest alle Küstenstaaten mehr oder weniger gleichermaßen trifft. Das sind ja dann auch einfach empfindliche Ökosysteme, wo ganz viel miteinander zusammenhängt und so eine Verschiebung von Regenzeiten sich einfach krass auswirkt. Total.
Und was man schon sagen kann, dass in vielen afrikanischen Ländern schon Landwirtschaft eine große Rolle spielt, auch Subsistenzwirtschaft, also Leute, die für sich selbst anbauen und die das natürlich total merken, weil dann dadurch, durch ausbleibende Regenzeit oder verschobene Regenzeit, die total ihr Leben und ihre Anbaumethoden umstellen müssen. Und das ist ein total spannendes Thema jetzt. Wie wird zum Beispiel Landwirtschaft klimaresilienter? Da fehlen total die maschinelle Unterstützung, also was irgendwie Bewässerungssysteme und Maschinen angeht.
Und aber auch, wie sich möglicherweise dann perspektivisch vielleicht die Arten von Getreide, Gemüse verändern, die dort angebaut werden, die übrigens ganz oft von den Kolonialherren damals eingebracht wurden und eigentlich gar nicht organisch das sind, was da mal hätte am besten wachsen können. Das heißt, wir hatten in einer Folge vor einigen Jahren, da war so die Frage: Also man hat eine Lebensgrundlage und die hat man sich hart erkämpft, sozusagen, und dann passiert vielleicht eine Flut oder es verschieben sich ökologische Zusammenhänge, sodass die eigene Landwirtschaft entweder zerstört wird oder nicht mehr so funktioniert, wie man erwartet hat.
Das heißt, da ist Heimat irgendwie in Gefahr, weil eben auch Konflikte entstehen können. Da ist die Nahrungsgrundlage in Gefahr, das Zuhause und eben der finanzielle Rahmen ist vielleicht nicht da, wenn was passiert ist, dass man sich das einfach wieder aufbaut. Also es ist schon weitreichend. Total.
Entwicklungshindernisse durch den Klimawandel
Und das hindert einfach auch, muss man ganz klar sagen, Staaten in ihrer Entwicklung. Also gerade diese Staaten auf dem afrikanischen Kontinent, die dann noch vergleichsweise wenig entwickelt sind. Also wir sehen wirklich viele Länder, die aufstrebend sind. Aber mein Lieblingsbeispiel ist Malawi, eines meiner Lieblingsländer auf dem Kontinent. Total unterschätzt, auch touristisch, aber eben wirklich sehr schwach entwickelt, aber eigentlich eine stabile Demokratie, total sicher. Die meisten Sachen funktionieren demokratisch wirklich sehr, sehr gut, aber wirklich massiv betroffen vom Klimawandel.
Und wenn du dann eben gar nicht die finanziellen Mittel hast, das abzufedern, dann ist es total schwierig für die Menschen als Individuum, aber auch eben als Gesellschaft und als Land sich dann da zu entwickeln, wenn sowohl die Mittel fehlen und dir dann wirklich jedes Jahr noch irgendwie der Klimawandel oder die Folgen des Klimawandels quasi einen auf den Deckel gibt, deine Ernte zerstört, dich im Zweifel zum Umziehen zwingt. Das ist wirklich ein massives Problem für diesen Kontinent.
Und ja, das wird spannend zu sehen sein, wie sich die Länder da versuchen, da resilienter zu werden, aber sicherlich auch natürlich, wie Europa und die reichen Industriestaaten, die den Klimawandel ja verursacht haben, dann versuchen diese Länder zu unterstützen.
Innovationskraft und lokale Initiativen
Du hast vorhin auch von Innovationskraft gesprochen. Gibt es denn noch so ein, zwei Beispiele, wo du sagst, das ist total spannend zu erzählen, was da gerade passiert? Also Innovationskraft müsste ich jetzt überlegen, aber vielleicht zumindest innovative Gedanken, wo ich immer dran denken muss, ist eine Bürgermeisterin in Sierra Leone, in der Hauptstadt Freetown, eine total charismatische Person. Sie wird auch dann in zwei Jahren zur Präsidentin kandidieren. Mal gucken, ob sie es schafft.
Eine Frau, die Klimawandel wirklich total ernst nimmt und versucht, so gut es geht in Freetown in ihrer Stadt Klimaresilienz einerseits zu vermitteln und gleichzeitig irgendwie versuchen, die Folgen des Klimawandels so gut es geht einzudämmen. Und da geht es dann teilweise auf dem afrikanischen Kontinent wirklich um ganz banale Dinge, wie dass sie irgendwie ein Müllentsorgungssystem dort etabliert hat oder zumindest versucht, dass irgendwie jeder Haushalt irgendwie eine Mülltonne zu Hause hat und die auch eingesammelt wird.
Das hält den Klimawandel nicht auf und geht dann eher so in die Richtung Umweltverschmutzung natürlich. Aber das sind einfach teilweise Sachen, die dort nicht existieren. Dass auf öffentlichen Marktplätzen, die eine total wichtige Rolle spielen, Schattenblecher installiert werden für die Marktfrauen, die dort sitzen. Das hat sie gemacht und die werden dann wieder von irgendwelchen Stürmen irgendwie weggeweht, weil die nicht die beste Qualität haben.
Aber so dieser Gedanke, überhaupt diese Leute zu schützen, öffentliche Trinkbohnen aufzustellen, da ist sie total eine Vorreiterin. Sie wurde da auch mehrfach für ausgezeichnet und das finde ich total inspirierend, aber zu sehen, dass sich da Leute Gedanken machen, dass das ein Thema ist, was die Bevölkerung total betrifft und dass man eben schon Sachen auch mit wenigen Mitteln dagegen tun kann.
Auch Aufforstung gehört natürlich dann auch dazu, um irgendwie die Küsten zu schützen. Ich habe neulich tatsächlich relativ per Zufall abends einen Film in der Stadt einen Dokumentarfilm gesehen auf einem Filmfestival und das über eine Politikerin in Uganda, die kandidiert für Wahlen und wo man einfach auch sehen konnte, was sie sozusagen alles durchmachen musste und erleben musste und wie hart auch einfach gekämpft wird um Gerechtigkeit, dass man sich beteiligt, dass man Teil ist von Verbesserung, von Veränderung. Das fand ich schon extrem beeindruckend, sozusagen aus dieser relativ sicheren deutschen Perspektive, sozusagen das zu sehen, wie viel Wut und Kraft in Leuten steckt, um was zum Besseren zu machen. Absolut.
Und das sind auch Sachen und Bewegungen, die wir auch jetzt in den letzten Jahren in vielen afrikanischen Ländern gesehen haben, wo diese junge Bevölkerung, die ich angesprochen habe, eben auf die Straße gegangen ist.
Wir haben das in Kenia viel gesehen, in Madagaskar, wo es diese Gen Z-Proteste gab, wie es überall auf der Welt natürlich gerade gibt, aber gerade eben in diesen Ländern mit einer jungen Bevölkerung, die irgendwie jetzt eben auch dann in der Mehrheit ist in ihren Ländern und gewisse Anforderungen stellen kann an die Regierungen, die sicherlich nicht viel richtig gemacht haben.
Und man muss immer sagen, das sind einfach junge Nationen, noch im Vergleich zu unseren Ländern. Also wenn man da manchmal urteilt, funktionieren Sachen nicht, da laufen Dinge schief. Dass man da sehen kann, diese jungen Menschen, die setzen sich ein, die haben tolle Ideen und die wollen sich beteiligen, scheitern dann manchmal, wie wir auch, irgendwie an den alten Leuten.
Aber ja, das ist total inspirierend zu sehen. Und ich glaube, das wird super spannend in den nächsten Jahren, wie sich da die Länder entwickeln und ja, wie die jungen Leute sich hoffentlich einbringen können mit ihren tollen Ideen und ihren politischen Ambitionen.
Initiale Motivation
Sag mal, gab es irgendeinen initialen Punkt für dich, dich mit dem Kontinent, mit den Ländern zu beschäftigen? Also wie kam das, dass du diesen Podcast entwickelt hast?
Ja, ich werde das immer gefragt. Also ich kann jetzt gar nicht sagen, dass ich irgendwann ein emotionales Interesse auf einmal an afrikanischem Kontinent hatte, sondern es war wirklich eher rational. Also ich habe mich immer für Auslandsthemen interessiert und dann irgendwie eben selbst festgestellt, dass es vom afrikanischen Kontinent eben super wenig Geschichten gibt, gerade eben in Relation zu der Anzahl an Ländern und Menschen, die dort leben.
Und habe einfach wenig Medien gefunden, die sich da ausgiebig mit beschäftigen. Und ja, dann dachte ich halt irgendwann, ja, mache ich es halt selbst und versuche eben, diese differenzierten Geschichten vom Kontinent zu suchen, mit einer konstruktiven Perspektive, ohne Kriege und Konflikte zu vernachlässigen.
Aber mich hat das immer total gestört, wenn es dann auch mal im Spiegel einen Bericht über den Sudan-Krieg gab und man hat bei einer Verzweiflung wirklich komplett frustriert dieses Heft zugeschlagen, weil diese kleinen Hoffnungsschimmer überhaupt nicht thematisiert wurden.
Leute in der Zivilgesellschaft, die sich da engagieren, Suppenküchen, die Sachen machen. Auch das ist über die Jahre besser geworden, das will ich jetzt gar nicht sagen. Aber das war so die Initialzündung bei mir, dass ich sage, irgendwie gibt es auch total viel, da bestimmt zu erzählen.
Und wenn andere das vielleicht noch nicht so machen, wie ich mir das vorstelle, dann versuche ich das so gut es geht eben selbst und ja, eben versuchen, irgendwie Klischees aufzubrechen.
Faszinierende Geschichten
Weiß nicht, ob du da was vor Augen hast, aber gab es zuletzt irgendwie eine Geschichte, wo du gesagt hast, wow, da freue ich mich drauf, darüber zu berichten? Oder noch eine Person, die du getroffen hast, die beeindruckend war?
Also dieser Sudan-Krieg ist etwas, zum Beispiel, was mich sehr fasziniert auf irgendeine Weise, weil ich schon das Gefühl habe, dass wirklich dieser Widerstand in der sudanesischen Zivilbevölkerung wahnsinnig groß ist. Das könnte man eine eigene Folge zum Sudan-Krieg machen.
Aber für die Leute, die sich nicht auskennen, es ist echt schlimm. Wahnsinnig viele Menschen hungern. So, jetzt ist es aus verschiedenen Gründen sehr schwierig, selbst in den Sudan zu reisen.
Aber ich habe viele Folgen schon in meinem Podcast zum Sudan gemacht und war im vergangenen Jahr auch an der sudanesischen Grenze in Äthiopien und habe dort Menschen in gefürchteten Lagern getroffen, die ja wirklich auch einfach nochmal alle Klischees aufbrechen, die man so hat.
Also, a sind das wahnsinnig gebildete Leute. Also ich habe mit einer jungen Frau gesprochen, 22, die Medizin studiert hat, wollte wie ihr Vater Arzt werden, hat perfektes Englisch gesprochen und musste dann eben ihr Hab und Gut irgendwie auf der Strecke lassen und hat ihren Vater auch auf der Flucht verloren.
Aber war immer noch so wahnsinnig motiviert, irgendwie ein besseres Leben zu erreichen. Irgendwann als Ärztin möglicherweise zu arbeiten, zu reisen. Also das, was andere junge Menschen irgendwie auch wollen, wo man immer denkt, dass irgendwie Menschen in Sudan gar nicht solche Ambitionen oder Gedanken haben.
Nein, es gibt da auch so eine total entwickelte Oberschicht oder Mittelschicht, die diese Träume und Gedanken hat, aber einfach leider unter den Umständen der Länder leidet, in denen sie aufgewachsen sind.
Das sagt der Journalist und Afrika-Experte Julian Hilgers. Seit mehr als fünf Jahren trägt er mit seinem Podcast 55 Countries zu einem differenzierteren Bild von Afrika bei.
Ich danke dir ganz doll für die Geschichten und die Hintergründe und die Informationen und unser Gespräch. Danke dir.
Ja, danke nochmal für die Einladung. Und das war es für diese Woche mit dem Klimapodcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch ein Abo da und teilt den Podcast mit Menschen, die sich für Klimathemen interessieren könnten.
Vielen Dank fürs Zuhören. Produziert hat diese Folge Paula Bültemann. Und ich bin Ina Lebedjew und sage danke für eure Aufmerksamkeit. Macht’s gut, bis nächste Woche hoffentlich. Tschüss.
Untertitel der Amara.org Community.