2027 könnte eines der bisher heißesten Jahre seit Beginn der Messungen werden. Der Hauptgrund dafür ist das Wetterphänomen El Niño, das sich im Moment im Pazifik aufbaut. Was es damit auf sich hat und welche Auswirkungen das haben wird, darum geht’s heute. Ihr hört den Klima-Podcast von detektor.fm und ich bin eure Host Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
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Alle zwei bis sieben Jahre baut sich im Pazifischen Ozean ein El Niño auf und damit das bedeutendste natürliche Klimaphänomen der Erde. Seinen Namen verdankt El Niño peruanischen Fischern. Die haben schon im 19. Jahrhundert beobachtet, dass sich das Meerwasser vor ihrer Küste in einigen Jahren besonders stark erwärmte. Die Folge davon: Der Fischfang ging zurück. Weil das für gewöhnlich in der Weihnachtszeit passierte, tauften sie ihre Beobachtung El Niño, was auf Spanisch „der Junge“ oder auch „das Christkind“ heißt.
In den Medien ist im Moment immer wieder vom Super-El Niño und Mega-El Niño zu lesen. Aber was genau kommt da eigentlich auf uns zu? Und wie können wir uns vorbereiten? Darüber spreche ich mit meiner Kollegin Marisa Becker, die das Thema recherchiert hat. Hallo Marisa!
Entstehung von El Niño
Hallo Ina! Ich habe es eben schon erwähnt: El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen. Wie entsteht denn ein El Niño? Erstmal: Kurz gesagt, entsteht ein El Niño dann, wenn sich die Passatwände abschwächen. Lass uns einmal im Kopf einen Blick auf die Weltkarte werfen. Wenn wir den Pazifik von oben betrachten, dann liegt rechts Südamerika und links Südostasien.
Und normalerweise, in der neutralen Phase, sorgen die Passatwände dafür, dass Warmwasser von Südamerika nach Südostasien transportiert wird. Da steigt die feuchte Luft dann auf, zirkuliert nach Südamerika und sinkt dort ab. Und parallel steigt kaltes Tiefenwasser vor der Küste Südamerikas auf. Bei El Niño dreht sich das alles um, weil sich die Passatwände abschwächen. Das Warmwasser sammelt sich vor der Küste Südamerikas.
Das warme Wasser verdunstet dort, es kommt zu starken Niederschlägen und die trockene Luft sinkt vor Südostasien ab. Das führt zu einem sprunghaften Anstieg der Durchschnittstemperaturen, weil der Pazifik weniger Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen kann. Im Schnitt sind das so 0,1 bis 0,2 Grad Celsius.
La Niña als Gegenpart
Okay, und den Gegenpart zu El Niño stellt ja dann La Niña dar, das Mädchen. Was passiert denn hier? Vereinfacht gesagt: das Gegenteil. Die Passatwände werden stärker und dadurch wird mehr warmes Wasser vor die Küste Südostasiens gespült, wodurch es dort zu stärkeren Niederschlägen kommt. Und die globale Temperatur sinkt insgesamt.
Und zwischen diesen beiden Ausschlägen gibt es dann auch so mehr oder weniger neutrale Phasen. Jetzt liest man in den Medien sehr viel darüber, dass das, was da jetzt kommt, ein Super- oder Mega-El Niño sei. Wie kommt’s? Diese Begriffe werden offenbar von Journalist:innen verwendet, um eben auszudrücken, dass es ein starkes Ereignis ist, was da auf uns zukommt. Denn Super-El Niño ist kein wissenschaftlicher Begriff.
Also, es gibt dafür auch keine einheitliche Definition. In der Forschung wird von einem starken El Niño gesprochen, wenn die Erwärmung über weite Teile des tropischen Pazifiks bei mindestens 2 Grad über dem Referenzzustand liegt.
Prognosen und Einschätzungen
Okay, das Europäische Wetterinstitut rechnet ja diesmal sogar mit dem stärksten El Niño der Geschichte. Woran machen die Fachleute das fest? Sie beziehen sich auf Prognosen, wonach sich die Temperatur des Pazifiks um 3,6 Grad Celsius erwärmen könnte. Zum Vergleich: Der bisher stärkste El Niño, der gemessen wurde, kam 2015/2016 bei 2,75 Grad Celsius zustande. Das wäre also eine deutliche Zunahme an Temperatur.
Der Klimaforscher und Meteorologe Modib Lati vom Geomar Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung in Kiel ist in seiner Einschätzung allerdings etwas zurückhaltender. Von ihm wollte ich wissen, warum dieser El Niño so stark ist. Warum er so stark ist, das kann man schlecht sagen. Er ist sehr stark, das ist richtig, obwohl das Europäische Institut auch noch ein Institut von mehreren ist, die diese Vorhersagen herausgeben.
Und die Amerikaner beispielsweise sagen zwar auch, dass die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis jetzt schon über 60 Prozent liegt, aber die halten sich noch eher zurück und sagen, es kann nicht notwendigerweise jetzt der stärkste Event aller Zeiten sein. Ja, wir können El Niño sehr gut vorhersagen einige Monate im Voraus, typischerweise so sechs Monate im Voraus, aber wir können eigentlich die Stärke nicht so gut vorhersagen.
Und das liegt eben genau daran, dass wir noch nicht so genau verstanden haben, was eigentlich die Stärke dann am Ende wirklich bestimmt. Und deswegen gibt es gerade bei der Stärke immer eine gewisse Unsicherheit. Modib Lati hat außerdem klargestellt, dass ein Super-El Niño nur wenige Male pro Jahrhundert vorkommt. Den letzten haben wir 2015/2016 gesehen und davor gab es wohl einen Anfang der 80er Jahre.
Er sagt, das ist eine gewisse Häufung, aber man müsse jetzt vorsichtig sein, das nicht mit der Klimakrise in Verbindung zu bringen. Denn wie die Entstehung und auch die Intensität von El Niño und die globale Erwärmung zusammenhängen, das sei noch nicht ganz klar.
Unterschiede in den Effekten
Wie können Forschende denn dann einen Unterschied zwischen den Effekten der Klimakrise auf der einen und von El Niño auf der anderen Seite machen? Modib Lati sagt, dass man die beiden Phänomene an unterschiedlichen Messpunkten feststellen kann. Während man die Effekte der Klimakrise eher an der Oberfläche misst, baut El Niño sich in den Meerestiefen auf.
Es gibt ein Messsystem im tropischen Pazifik, die messen eben in den oberen 300 Metern. Das sind so Bojen, die am Meeresboden verankert sind, quer über den Pazifik rüber. Und deswegen wissen wir dann immer schon ziemlich gut Bescheid, was gerade die Situation in der Tiefe ist.
Und das können wir dann eben in die Klimamodelle eingeben und die rechnen dann für uns sozusagen in die Zukunft. So ähnlich wie bei einer Wettervorhersage. Bei der Wettervorhersage, die funktioniert auch nur deswegen, weil sie das aktuelle Wetter weltweit eingeben und die aktuellen Messdaten, und dann rechnen sie mit dem Modell in die Zukunft, ein Tag, zwei Tage, vielleicht sieben Tage nach vorne.
Und so machen wir es auch. Bloß jetzt brauchen wir die Ozeandaten, vor allen Dingen auch aus der Tiefe. Das geht in die Klimamodelle rein und die rechnen dann halt Monate, Jahre nach vorne. So können Forschende schon Monate im Voraus sagen, ob sich ein El Niño aufbaut und auch die Intensität zumindest grob einschätzen.
Auswirkungen von El Niño
Was aber wichtig ist: In einer Welt, die ohnehin erwärmt ist, können die Effekte von El Niño aber deutlich stärker ausfallen als noch vor der menschengemachten Erwärmung. Woran liegt denn das? Na, ja, wenn die Welt ohnehin mit mehr Wetterextremen kämpft und dann noch ein Phänomen dazu kommt, sozusagen on top, das zusätzlich Wetterextreme produziert, dann kann das die Effekte verstärken.
Modib Lati hat mir das so erklärt: Ja, das ist durchaus möglich, dass in einer wärmeren Welt die Auswirkungen für die Atmosphäre stärker ausfallen. Ich denke gerade an den Niederschlägen zum Beispiel, weil in einer wärmeren Atmosphäre mehr Wasser in Form von Wasserdampf, also in Form der gasförmigen Phase des Wassers, unterwegs ist.
Und bei entsprechender Wetterlage kann dann eben auch mehr Regen fallen. Sodass die Möglichkeit durchaus besteht, dass die Auswirkungen stärker werden, selbst wenn das Ereignis selbst nicht stärker wird, weil einfach der Hintergrund wärmer ist.
Regionale Auswirkungen
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Auswirkungen ist ein gutes Stichwort. Lass uns einmal darüber sprechen, was das Klimaphänomen für die Menschen in den unterschiedlichen Regionen der Welt bedeutet. Auf welche Regionen wirkt sich El Niño denn erstmal besonders aus? Am stärksten betroffen sind die Länder im und um den tropischen Pazifik.
Wie genau die betroffen sein werden, das kann man nicht vorhersagen, weil natürlich dafür auch eine Rolle spielt, wie sich die Atmosphäre verhält. Tendenziell ist es aber so, weil sich der tropische Pazifik erwärmt, zieht das große Niederschlagsgebiet von Südostasien nach Südamerika.
Deshalb kämpfen Länder wie Australien, Indonesien, Indien und Vietnam eher mit Trockenheit, während die Länder der Westküste Südamerikas mit höheren Niederschlägen und eben mehr Feuchtigkeit zu tun haben. Und dadurch ergibt sich dann insgesamt ein höheres Risiko für Extremwetter, also Dürren und Waldbrände auf der einen und Starkregen und Überschwemmungen auf der anderen Seite.
Auswirkungen auf Europa
Wie sieht es mit Europa aus? Ja, wir in Europa, wir kommen wettermäßig glimpflich davon, weil sich der El Niño kaum auf Europa auswirkt. Abgesehen davon, natürlich, dass die globale Durchschnittstemperatur eben temporär angehoben wird. Was wir aber deutlich merken werden, das sind vermutlich steigende Lebensmittelpreise. Worauf müssen wir uns da einstellen? Welche Produkte sind da voraussichtlich betroffen?
Betroffen sind vor allem Produkte, die wir aus den angesprochenen Ländern importieren. Zum Beispiel hat der Brasilianische Verband der Kaffeeindustrie seine Ernteprognosen um 15 bis 20 Prozent nach unten korrigiert. Und wenn es weniger Angebot gibt und Lieferketten unterbrochen werden, dann steigen eben auch die Preise.
Die Analysten von Goldman Sachs warnen sogar, dass es in Folge von El Niño in Kombination mit den bereits bestehenden Krisen zu einem Lebensmittelpreisschock kommen könnte. Sie warnen vor einem Anstieg der globalen Lebensmittelpreise um 15,8 Prozent. Das hätte natürlich weltweite Auswirkungen, auch eben für Verbraucher:innen in Europa, wo die Lebensmittelpreise in der Eurozone voraussichtlich um 1,3 Prozent steigen könnten.
Und dieser Effekt könnte sogar bis 2028 anhalten. Ja, okay, krass. Das ist natürlich heftig. Ja, wir sind hier ja wirklich noch in einer komfortablen Situation, wo die Auswirkungen eben nur am Rande auftreten und wir dieses Extremwetter, was durch El Niño sozusagen verursacht wird, nicht am eigenen Leib erfahren.
Für die Menschen, die etwa in den Ländern Südamerikas in der Fischerei ihr Geld verdienen, bedeuten die steigenden Temperaturen im Ozean, dass die Fischbestände zurückgehen und sie nicht nur eine Nahrungsmittelquelle, sondern auch ihr Einkommen einbüßen. Und wenn das mit Naturkatastrophen einhergeht, dann ist das in jedem Fall eine sehr existenzbedrohende Situation.
Ausblick auf die Zukunft
Ja, auf jeden Fall. Und das auch noch auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Mich würde zum Schluss jetzt interessieren: El Niño wird sehr wahrscheinlich diesen Sommer seine Wirkung entfalten, mit relativ hoher Sicherheit bis November. Trotzdem wird immer davon gesprochen, dass wir 2027 mit einem Rekordjahr rechnen können, was die globale Durchschnittstemperatur betrifft. Woran liegt dieser Gap?
Das ist eine sehr gute Frage und das liegt tatsächlich daran, dass es eine Zeit dauert, bis sich diese Erwärmung im globalen Klimasystem dann wirklich zeigt. Das sagt zumindest Modib Lati. Ja, weil auch andere Meeresregionen reagieren. Es gibt tatsächlich dann noch Rückkopplung über die Atmosphäre, dass sich dann auch noch zum Beispiel der Indische Ozean erwärmt und andere Teile, wie zum Beispiel Teile des Atlantiks.
Und das dauert eben Zeit, weil Wasser erwärmt sich nicht so schnell. Und deswegen ist es oft so, dass tatsächlich im Jahr, dem eigentlichen El Niño-Jahr die globale Temperatur dann den Rekord bringt. Aber ich könnte mir vorstellen, weil der El Niño dieses Jahr schon sehr früh begonnen hat, auch jetzt im Sommer schon sehr stark ist, dass tatsächlich dieses Jahr auch schon ein Rekordjahr werden wird.
Er geht deshalb davon aus, dass wir dieses Jahr die 1,5-Grad-Grenze reißen werden und gleichzeitig warnt er aber davor, das überzubewerten. Inwiefern? Er sagt, dass wir es vermeiden sollten, wegen eines warmen Jahres dann gleich von einer Beschleunigung der Erderwärmung zu sprechen, gerade auch, weil nach einem El Niño-Jahr in der Regel dann ein La Niña-Ereignis folgt, das die Temperatur dann wieder drückt.
Vielmehr sollten wir eben auf die langfristige Entwicklung schauen. Dann sei man auch auf der sicheren Seite, was die Bewertung der globalen Erwärmung angeht.
Abschluss
Ja, vielen Dank für die Infos zu dem, was da auf uns zukommt, Marisa. Gerne! Das war der Klima-Podcast von detektor.fm für heute. Wenn ihr über die nächsten Folgen rund um Klimaschutz informiert sein wollt, dann folgt doch dem Podcast in eurer Lieblings-Podcast-App und teilt diese Episode oder auch gleich unseren ganzen Feed mit Menschen, die sich für Klimathemen interessieren könnten.
Produziert hat diese Folge Clemens Möller und die Redaktion hatte ich, Ina Lebedjew. Danke fürs Zuhören! Ich freue mich, wenn ihr auch nächste Woche wieder mit dabei seid. Ciao! Macht’s gut! Tschüss!
Mission Energiewende, der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom.