Windräder, E-Autos und Wasserstoff sollen helfen, das Klima zu schützen und die CO2-Emissionen weltweit zu senken. Die Rohstoffe, die für diese Technologien benötigt werden, kommen dabei oft aus dem globalen Süden und werden unter ausbeuterischen Bedingungen und auf Kosten der lokalen Bevölkerung abgebaut. Einige Forschende und NGOs sehen darin eine Fortsetzung der asymmetrischen Beziehung zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden und sprechen daher vom grünen Kolonialismus. Was hinter dem Begriff steckt und wo Forschende ihn in unserer aktuellen Klimapolitik ausmachen, darum geht es in dieser Folge. Ihr hört den Klimapodcast von detektor.fm. Ich bin eure Host, Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
Der detektor.fm-Podcast über Klimawandel und neue Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, eurem Energieanbieter mit einfachen Lösungen für Energie, Wärme und E-Mobilität. Lichtblick Energie – echt einfach.
Die Europäische Union, China, die Vereinten Nationen – sie alle haben sich der Idee der Green Economy verschrieben, um die Klimakrise einzudämmen. Ist ja auch verlockend, denn im Grunde sagt dieses Konzept: Alles kann weitergehen wie bisher, nur eben in grün. Dafür müssen wir Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen entkoppeln, so die Argumentation. Deshalb werden neue Technologien entwickelt, um klimafreundlicher Auto zu fahren, zu heizen und zu konsumieren, und es werden CO2-Emissionen ausgeglichen. Dafür braucht man allerdings Flächen und Rohstoffe wie seltene Erden oder Lithium. Beides liefert momentan vor allem der globale Süden. Einige Forschende sehen darin eine Fortsetzung des Kolonialismus, nur eben unter grünen Vorzeichen, also für die vermeintlich gute Sache. Das mache es auch besonders schwer, auf die Ungerechtigkeiten hinzuweisen.
Beispiele für grünen Kolonialismus
Meine Kollegin Marisa Becker hat recherchiert, welche Beispiele für grünen Kolonialismus es in Afrika gibt und wie ein gerechteres System aussehen kann. Hallo Marisa! Hallo Ina! Ich habe zwar schon gerade umrissen, was grüner Kolonialismus ist, aber kannst du nochmal ganz konkret sagen, wie definiert man den Begriff überhaupt, so im Ganzen?
Grüner Kolonialismus ist per Definition eine Form des Neokolonialismus, bei dem eben ökologische Projekte, Naturschutz oder Rohstoffabbau für grüne Technologien auf Kosten von Menschen und Ressourcen im globalen Süden umgesetzt werden. Neokolonialismus beschreibt dabei die Strukturen kolonialer Herrschaft, die weiter bestehen, obwohl die europäische Kolonialherrschaft formal beendet ist. Das heißt, im Unterschied zum früheren Kolonialismus sind die Länder Europas nicht mehr direkt in der Regierung und Verwaltung der ehemaligen Kolonien involviert, aber sie üben eben weiterhin Einfluss auf die Wirtschafts- und Strategiepolitik aus.
Kontrolle und Einfluss
Wie wird denn stattdessen Kontrolle ausgeübt? Das kann auf unterschiedlichen Ebenen passieren, zum Beispiel indem reiche Staaten ihre Wirtschaftsmacht ausnutzen, um Rohstoffe aus ärmeren Ländern besonders günstig einzukaufen, um ihnen dann für viel Geld die daraus hergestellten Technologien und Produkte zu verkaufen. Frankreich hat zum Beispiel noch lange nach dem Ende seiner Kolonialherrschaft durch einen französischen Konzern die Uranvorkommen in Niger weitestgehend kontrolliert und damit eben einen Teil seines Uranbedarfs für die Atomwaffenproduktion gedeckt. Das wurde erst in Folge des Putsches 2023 durch die dann herrschende Militärrunde unterbunden, indem der Uranabbau dort weitestgehend verstaatlicht und Frankreich eben rausgedrängt wurde. Und wenn das im Namen des Klimaschutzes oder des Umweltschutzes passiert, dann spricht man eben von grünem Kolonialismus.
Genau, und insgesamt gibt es vier Dimensionen, in denen sich der grüne Kolonialismus manifestiert. Welche das sind, das hat mir Miriam Lang erklärt. Sie ist Soziologin und Professorin für Umwelt und Nachhaltigkeit an der Universidad Andina Simon Bolivar in Quito, Ecuador. Sie hat ein Buch zum grünen Kolonialismus mit herausgegeben und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit diesen Themen.
Dimensionen des grünen Kolonialismus
Der Zugriff auf Ressourcen, mittlerweile heißt das oft kritische Rohstoffe oder kritische Mineralien wie zum Beispiel Lithium, die liegen irgendwo, zum Beispiel in Südamerika, und die Weltmächte streiten sich darum, wer davon die größte Portion abkriegt, ohne aber die lokalen Verhältnisse vor Ort zur Kenntnis zu nehmen oder auch den Menschen vor Ort überhaupt diesen Rohstoff zu gönnen.
Zweitens geht es eben um die Kompensation von Umweltverschmutzung in ganz anderen Weltregionen über diesen Zertifikatehandel zum Beispiel, also wo jemand einen Wald einzäunen lässt, jetzt zum Beispiel in Indonesien, weil er oder sie nicht ihre Produktionsprozesse so umbauen möchte, dass weniger CO2 in die Atmosphäre geblasen wird. Das ist dann billiger, verlagert aber natürlich die Verantwortung für den Klimaschutz an eine ganz andere Stelle des Planeten. Das ist kolonial.
Dann haben wir das Einrichten von Deponien für toxische und elektronische Abfälle, also eben auch zum Beispiel verbrauchte Solarpaneele oder Windturbinen und der Müll von der Digitalisierung. Und viertens haben wir immer noch einen Weltmarkt, wo im globalen Norden oder bei den dort angesiedelten Konzernen hochpreisige Technologie hergestellt wird, eben auch grüne Technologie, erneuerbare Technologie, die dann zu teuren Preisen an wieder dieselben Länder verkauft wird, die ihre Rohstoffe aber möglichst billig abgeben sollen. Und für alle vier Dimensionen finden wir auch Beispiele auf dem afrikanischen Kontinent.
Zugriff auf kritische Rohstoffe
Lass uns das einmal durchgehen. Die erste Dimension war ja der Zugriff auf kritische Rohstoffe. Wo passiert das? Das sehen wir zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo, die die größten Kobaltvorkommen weltweit hat. Kobalt brauchen wir zum Beispiel für Akkus und Batterien. Will heißen, der Stoff steckt in den meisten elektrischen Geräten, die wir nutzen, in unseren Handys, in Laptops, in Kameras und aber auch in unseren E-Autos, genauer gesagt deren Batterien. Das heißt, in Kongo wird Kobalt für die Antriebswände der Industrieländer abgebaut. Und das passiert oft unter schrecklichen Bedingungen. Anders kann man es nicht ausdrücken. Und wie die aussehen, das wurde inzwischen ziemlich gut dokumentiert. Ein Zeugnis darüber legt zum Beispiel das Buch „Blutrotes Kobalt: Der Kongo und die brutale Realität hinter unserem Konsum“ von Sedat Kara ab. Kara ist ein Forscher aus den USA, der sich in seiner Arbeit immer wieder mit dem Thema moderne Sklaverei beschäftigt und mehrere Jahre eben die Kobaltminen im Kongo besucht hat und auch selber runter gestiegen ist und dokumentiert hat, unter welchen Bedingungen Kobalt abgebaut wird.
Arbeitsbedingungen in Kobaltminen
Okay, was für Bedingungen sind das denn konkret? Also der Großteil der legalen Minen ist in chinesischer Hand. Und China, so hat es ein kongolesischer Menschenrechtsanwalt dem Deutschlandfunk Kultur gesagt, investiert besonders ungern in Schutzausrüstung für die Minenarbeitenden. Das heißt, die Menschen in den Minen arbeiten oft ohne Schutz mit teils giftigen Chemikalien, die auf die Umwelt um die Minen herum belasten. Und das wirkt sich auf die Gesundheit der Menschen aus.
Anfang des Jahres hat die Environmental Investigation Agency einen Bericht veröffentlicht, der nahelegt, dass die Anwohner der Tenke Fungurumemine durch die Verarbeitung von Kupfer und Kobalt erkrankt sind. Die Menschen dort hatten plötzlich verstärkt mit Atemproblemen, Nasenbluten und auch Totgeburten zu kämpfen. Und die NGO hat daraufhin mehrere Jahre lang gesundheitliche Daten und Befunde von Anwohnenden ausgewertet, Interviews geführt und die Daten zur Luftverschmutzung erhoben und eben quasi gemeinsam analysiert. Und das Ergebnis war: Die Schwefeldioxid-Werte haben die internationalen Grenzwerte deutlich überschritten. Jetzt muss man wissen, Schwefeldioxid entsteht bei der Verarbeitung dieser Erze und kann sich laut der UN negativ auf die Gesundheit auswirken.
Illegale Minen und Kinderarbeit
Ja, das klingt ja wirklich heftig und hat ja Auswirkungen dann eben auf das ganze Leben, wie man arbeitet. Und das sind jetzt sozusagen die legalen Minen. Es gibt aber auch noch den illegalen Sektor. Das heißt, es werden auch informelle, kleinere Minen betrieben. Die sind zwar eigentlich verboten, aber trotzdem arbeiten laut der United Nations for UNICEF Stiftung alleine 40.000 Kinder in diesen Minen und noch mal deutlich mehr Erwachsene. Und auch dieses Kobalt, was da geschürft wird, schafft es auf dem Weltmarkt und steckt dann mitunter auch in unseren Geräten und eben auch in unseren E-Autos, die dann hier als saubere Technologie gefeiert werden. Schaut man aber dahinter, sind die Rohstoffe alles andere als sauber.
Die Branche reagiert aber zunehmend darauf und entwickelt auch Batterien ohne Kobalt oder mit deutlich geringeren Anteilen. Aber diese Dimension hängt eng mit der letzten von lang genannten Dimension zusammen, nämlich dass die E-Autos dann in anderen Teilen der Welt gefertigt und, wenn überhaupt, für sehr viel Geld wieder in die afrikanischen Länder zurückverkauft werden.
Kompensationsprojekte in Afrika
Die zweite Dimension, von der Miriam Lang gesprochen hatte, sind ja Kompensationsprojekte. Hast du ein Beispiel dafür, wo das auf dem afrikanischen Kontinent passiert? Ein Beispiel für ein Kompensationsprojekt in Afrika, das 2023 sehr umstritten war und inzwischen auch eingestellt wurde, ist das Projekt Cariba in Zimbabwe. Grundsätzlich ist die Idee von sogenannten Kompensationsprojekten ja oft: Wir pflanzen irgendwo einen Wald, der in Zukunft eine bestimmte Menge CO2 einsparen wird, weil Bäume eben CO2 aufnehmen und dann zu Sauerstoff verstoffwechseln. Und dafür vergeben wir entsprechende Verschmutzungsrechte an Unternehmen. Das heißt, die Unternehmen bezahlen Geld dafür, dass sie sich klimaneutral nennen dürfen, beziehungsweise muss man sagen, durften, denn seit Ende September ist das in der EU verboten.
Mit Inkrafttreten der Emko dürfen Unternehmen, die nämlich nur durch Kompensation sozusagen rechnerisch klimaneutral sind, sich nicht mehr so nennen. Vielleicht das als wichtige Side Info. Was ist jetzt also am Caribasee passiert? Das Schweizer Unternehmen und Weltmarktführer für CO2-Kompensation, South Pole, hat vorgerechnet, dass der Erhalt eines Waldes mit knapp 800.000 Hektar in 30 Jahren 40 Millionen Tonnen CO2 einsparen soll. Und warum? Weil die lokale Bevölkerung, South Pole zufolge, dem Wald ansonsten zerstören würde, wenn man ihnen nicht Praktiken wie nachhaltige Landwirtschaft oder Randbekämpfung näher bringen würde.
Zweifel an Kompensationsprojekten
Das klingt auf jeden Fall nach einer steilen These und ist demzufolge auch eine ziemlich theoretische Rechnung, oder? Ja, auch South Pole hat damals eingeräumt, dass das Projekt total überbewertet war und schließlich auch wenige Monate nach Bekanntwerden der Vorwürfe das Projekt eingestellt. Es blieb nämlich nicht nur bei den Zweifeln am Nutzen des Projektes, sondern dazu kamen auch Vorwürfe über bezahlte Trophäenjagd auf diesem Gebiet, obwohl der Kundschaft der Schutz von Wildschweinen wie Elefanten zum Beispiel versprochen wurde. Und das hat dann dafür gesorgt, dass das Projekt total unglaubwürdig wurde.
Obwohl vorher Firmen wie Gucci, Nestlé oder auch Volkswagen über Cariba ihre Emissionen kompensiert hatten. Und das ist kein Einzelfall. Miriam Lang hat ein weiteres Beispiel für ein Kompensationsprojekt, das einer kolonialen Logik folgt. In Uganda ist das ein 12.000 Hektar großes Kiefern- und Eukalyptusplantagenprojekt, das heißt Kikonda Forest Reserve. Und das ist auch ganz typisch. Also um eben Emissionen zu kompensieren, wird nicht etwa Primärwald, der sehr biodivers ist, geschützt, sondern es wird oft erst dieser Wald holzwirtschaftlich abgeholzt und danach wird eine Plantage mit Monokultur an die Stelle gesetzt. Das ist nämlich in Bezug auf die CO2-Rechnung egal, aber in Bezug auf die Biodiversitätsrechnung eben überhaupt nicht.
Konflikte um Landnutzung
Und in dem Fall ist das auch eine in Deutschland gegründete Firma, die diese Plantagen in Uganda gepflanzt hat. Und da gibt es auch starke Konflikte, zum Beispiel, weil die lokale Bevölkerung keinen Zugang mehr zu ihren Weideflächen hat, weil irgendwelche Chemikalien Schäden an Vieh verursacht haben und weil einfach der Zugriff auf das Land nicht richtig legitim vonstatten gegangen ist.
Miriam Lang hat ja auch die Deponien mit Elektroschrott angesprochen. Wie landet denn unser Elektroschrott in afrikanischen Ländern? Dazu muss man erstmal wissen, dass seit dem 1. Januar 2025 der Export von Elektroschrott aus der EU in Nicht-OECD-Staaten verboten ist. Das sozusagen einmal vorweg. Und dann gibt es im Wesentlichen noch zwei Wege, auf denen Elektroschrott von Europa nach Afrika kommt.
Wege des Elektroschrotts
Und zwar wird einerseits unser Elektroschrott teils illegal exportiert. Europol hat 2025 mehr als 127.000 Tonnen illegalen Müll aufgespürt, darunter auch Elektroschrott, der eben aus Europa nach Afrika gebracht werden sollte. Miriam Lang sagt, aber, dass es auch einen legalen Weg gibt, auf dem Elektroschrott seinen Weg nach Afrika findet. Einmal, was sehr bekannt ist, ist, dass seit den 2000er Jahren die EU sehr viel Elektronikmüll und Technikmüll auf Deponien in Ghana, Nigeria, Benin, also in ganz Westafrika sozusagen ablagert. Und zwar obwohl das eigentlich verboten ist.
Aber da werden dann eben sogenannte gebrauchte Geräte, die noch so ein bisschen funktionieren, exportiert. So wird das deklariert und letztendlich ist es Müll, der dort sehr stark die Umwelt vergiftet. Das heißt, es wird draufgeschrieben, dass die Geräte noch funktionieren, und das tun sie auch, aber de facto sind sie nicht mehr von Nutzen und landen dann trotzdem auf der Deponie und stellen so wieder ein Risiko für Menschen und Umwelt dar. So hat es Lang erklärt.
Das heißt, auch hier sehen wir wieder, dass der Norden konsumiert und der Süden am Ende dafür herhalten muss, den Müll, der dabei entsteht, zu lagern. Wir lagern die ökologischen Kosten unseres Konsums und unserer Transformation damit aus. Und diese kolonialen Kontinuitäten, die sind laut Miriam Lang kennzeichnend für die Umwelt- und Klimapolitik des globalen Nordens. Und diese Politik ist auch davon gekennzeichnet, dass die Akkumulation von Kapital, also die Marktlobby, immer im Vordergrund stehe, sagt sie. Und das sorgt in Kombination dafür, dass unsere Klimapolitik ihren Zweck gar nicht wirklich erfüllen kann. Ganz schön bitter, ne?
Kritik an der Klimapolitik
Das musst du aber nochmal ein bisschen genauer erklären. Also inwiefern steht denn aus Sicht von Miriam Lang in unserer Umwelt- und Klimapolitik der Markt, der Profit im Vordergrund? Dafür muss man ein bisschen ausholen. Also Miriam Lang kritisiert erstmal grundsätzlich, dass die Idee der Green Economy uns allen diese Idee verkauft, dass wir bloß unsere Energieträger umstellen müssen und dann könnten wir weiter leben wie bisher. Und die Klimakrise sei quasi kein Thema mehr, mal so ganz salopp und kurz und stark verkürzt zusammengefasst.
Und das nennt sie eben, bezugnehmend auf andere Forschende, den sogenannten Dekarbonisierungskonsens. Das heißt, unsere Umwelt- und Klimapolitik, die ist enorm auf die Reduktion von CO2 fokussiert, und dadurch fällt aber hinten runter, so ihre Kritik, wie vielfältig die ökologische Krise eigentlich ist. Also Dekarbonisierung, das Wort, suggeriert eben, dass nur die Energiequelle technisch ausgetauscht werden muss. Und sie suggeriert auch, dass der Wandel, der nötig ist, einfach quantifizierbar und messbar ist, nämlich in Tonnen CO2.
Komplexität der Umweltzerstörung
Umweltzerstörung, wie sie heute stattfindet, ist aber viel komplexer als das. Also die findet an sehr vielen verschiedenen Orten in verschiedenen Arten und Weisen statt. An einer Stelle wird der Boden unfruchtbar, an der anderen Stelle wird der Fluss vergiftet, an der anderen Stelle werden die Wälder abgeholzt und in Monokulturen verwandelt. Und das heißt, dieser Fokus auf nur Dekarbonisierung und Tonnen CO2 verhindert so einen systemischeren Blick auf das Netz des Lebens, von dem wir eben abhängig sind.
Und das ist ein sehr komplexes System, wo wir schienmehr über Gleichgewicht nachdenken müssen und wie wir das wiederherstellen, als einfach nur fossile Energien durch erneuerbare Energien auszutauschen, aber immer noch weiter wachsen zu wollen. Und das ist eben auch in diesem Dekarbonisierungskonsens ziemlich stark, dass man eben sagt, man ersetzt jetzt das schmutzige, braune Wachstum durch ein sogenanntes sauberes, grünes Wachstum.
Zusammenfassung der Problematik
Also um das einmal zusammenzufassen: Die Problematik ist sehr komplex, aber worauf wir uns jetzt als Weltgemeinschaft im Wesentlichen verständigt haben, das ist eben die Reduktion der Treibhausgasemissionen plus die Tatsache, dass man Emissionsrechte kaufen und verkaufen kann. Und das ist eben etwas, was sie sehr kritisch sieht. Und diese Kompensation, die findet auch global statt, und da sind wir dann argumentativ wieder bei den neokolonialen Strukturen. Oder? Genau, tatsächlich lief Umwelt- und Klimapolitik aber nicht immer so, sondern es gab nach dem Bericht des Club of Rome die Grenzen des Wachstums, den werden die meisten inzwischen kennen, eine relativ starke Bewegung für strikte Umweltgesetze, also wirklich mit Verboten und so.
Aber dann kam eben die neoliberale Wende in den 80er Jahren und viele Bereiche unseres Lebens wurden so einer Marktlogik unterworfen. Sie hat auch zum Beispiel die Krankenhäuser als Beispiele genannt, die früher ja staatlich waren, sozusagen als Teil der Daseinsfürsorge. Heute sind sie privatisiert. Und ich musste da auch an die Post irgendwie denken. Also alles musste sich dann sozusagen in diese Marktlogik einfügen, und dieses Prinzip wurde eben auch auf die Umweltpolitik übertragen.
Kyoto-Protokoll und Emissionshandel
Und ein Knackpunkt waren die Verhandlungen um das Kyoto-Protokoll, also dieses erste große Abkommen im Rahmen der Klimakonvention, wo damals die US-Regierung von Clinton interveniert ist und verhindert hat, dass wirkliche Emissionsgrenzen, also CO2- oder Treibhausgasemissionsgrenzen, festgelegt werden, weil die USA schon seit 1988 so eine Art Tauschhandel praktiziert hatten. Damals ging es um Schwefeloxid, wo also eine Firma, die viel Schwefeloxid ausstoßen würde, Zertifikate von einer anderen Firma kaufen konnte, die weniger ausstoßen würde.
Und dieser Zertifikatehandel wurde dann eben auch ins Kyoto-Protokoll für Treibhausgasemissionen eingeschrieben. Und das ist ein Prinzip oder ein Mechanismus, der sowohl das Verantwortungsprinzip als auch das Haftbarkeitsprinzip tatsächlich zerstört, weil Verantwortung ausgelagert werden kann an andere. Also ich verschmutze zwar weiter die Atmosphäre, habe aber durch eine Zahlung dafür gesorgt, dass jemand anders das vielleicht weniger tut. Und dann ist man nicht mehr haftbar für das, was man eigentlich verschmutzt.
Auswirkungen der Marktlogik
Und das hat eben so ein bisschen diese grundsätzliche Richtung gekennzeichnet, in der Umweltpolitik nicht mehr teuer sein darf, in der Profit heilig ist und immer beschützt werden muss, auch wenn das eben die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nach sich zieht. Und der Hauptindikator dafür, dass dieses System nicht aufgeht, das ist aus ihrer Sicht, dass die globalen Emissionen auch nach drei Jahrzehnten Klimadiplomatie eben immer noch steigen.
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Zusammenfassung der Diskussion
Das waren jetzt sehr, sehr viele Punkte. Kannst du das Ganze nochmal ein bisschen zusammenfassen? Auf jeden Fall! Also wir haben eine ökologische Krise, die sich auf unterschiedliche Arten und Weisen zeigt. Wir begegnen dieser Krise nicht nur, aber im Wesentlichen durch diesen Dekarbonisierungskonsens, also die Idee, dass wir in Anführungszeichen nur die Energieträger austauschen müssen und dann sei der Großteil der Probleme erstmal gelöst.
Und um diesen Dekarbonisierungskonsens umzusetzen, werden Zertifikate global gehandelt. Das heißt, ein Staat kann hingehen und Zertifikate eines anderen Staates kaufen oder Projekte in einem anderen Staat durchführen, Wahlschützen und so weiter. Klimaschutz wird also in gewisser Weise zur Ware. Und wer kann sich am Ende diesen Klimaschutz erkaufen? Vor allem reiche Industriestaaten. Und wem wird dafür Fläche genommen? Das sind tendenziell Länder des globalen Südens.
Und ob diese Projekte dann auf die anderen Ziele einzahlen, also Biodiversitätsverlust eindämmen und sowas, das wird dabei eigentlich nicht berücksichtigt. Das heißt, es gibt hier so ein Kräfteungleichgewicht, und insofern sehen wir eben diese neokolonialen Strukturen. Wobei man natürlich sagen muss, die Länder sind schon gesetzlich auch verpflichtet, so gerade auch in Deutschland, ihre Emissionen selber zu mindern. Es läuft nicht nur über diese Ausgleichsmechanismen.
Politische Verantwortung in der EU
Zeigt sich das dann auch in der Politik der EU beziehungsweise in der von Deutschland? Ja, denn auch in der EU ist vorgesehen, dass ein Teil der CO2-Reduktion aus Kompensation in Drittstaaten kommen kann. Konkret will die EU ihre eigenen Emissionen bis Ende 2040 um 85 Prozent im Vergleich zu diesem Referenzjahr 1990 senken. Und zusätzliche 5 Prozentpunkte will sich der Staatenbündnis aus dem Ausland erkaufen. Und zwar indem die EU eben die angesprochenen Klimaschutzprojekte in anderen Ländern finanziert, die sie dann aber bei sich selbst anrechnen kann.
Und Miriam Lang sagt, dass ihr auch in der öffentlichen Debatte in Deutschland immer wieder auffällt, dass diese mit so einer gewissen Überheblichkeit geführt wird. Also ich bin ja einmal im Jahr immer in Deutschland, um meine Familie auch zu besuchen und so. Und mir fällt doch auf, dass die politische Debatte eigentlich an den EU-Außengrenzen endet.
Auswirkungen auf den globalen Süden
Also es wird dann immer gesagt, dass zum Beispiel solche Installationen von grünen Wasserstoffinfrastrukturen doch auch für die Länder des Südens gut sind und dann haben die auch ihre Energiewende. Und dann guckt man mal, also ich komme jetzt mehr aus der lateinamerikanischen Debatte. Auch in Chile ist vorgesehen, 85 Prozent des dort produzierten Wasserstoffs zu exportieren. Das heißt, die Energiewende in Chile wird nicht besonders viel davon haben. Aber die lokalen Gemeinschaften werden eben diesen Riesenmoloch dastehen haben. Und viele Arbeitsplätze entstehen da auch nicht und so weiter.
Also ich finde, es wird viel zu wenig darüber diskutiert, inwieweit Entscheidungen, die in Europa getroffen werden, Auswirkungen auf andere Weltregionen haben und dass diese anderen Weltregionen dieselben Rechte auf ein gutes Leben haben, wie eben Menschen in Europa. Also da schwingt doch immer der Unterton mit, der natürlich auch durch die Migrationsdebatte sehr stark befeuert ist, dass weiße Europäer und Europäerinnen doch irgendwie das Recht haben, besser zu leben als diese ganzen anderen, die auch draußen bleiben sollen.
Migration und Lebensgrundlagen
Und es wird eben leider auch überhaupt sehr selten der Rückschluss gezogen, warum migrieren eigentlich so viele Menschen nach Europa? Weil eben ihre Lebensgrundlagen unter anderem durch solche Projekte dort, wo sie herkommen, zerstört werden. Und gleichzeitig dominiert im globalen Norden die Erzählung, dass alles weitergehen kann wie bisher, nur eben in Grün. Und das ist ein Versprechen, das für Miriam Lang nicht einzulösen sein wird.
Vorschläge für einen Systemwechsel
Was schlagen denn Miriam Lang und andere Forschende vor, um dem grünen Kolonialismus etwas entgegenzusetzen und bestensfalls auch das Klima effektiv und umfassend zu schützen? In dem Zusammenhang hat sie einen Satz gesagt, der die Absurdität unserer Realität, so würde ich es mal zusammenfassen, ziemlich auf den Punkt bringt. Sie meinte, die Menschen können sich das Ende der Welt leichter vorstellen als das Ende des Kapitalismus.
Also worauf ich hinaus will: Aus ihrer Sicht braucht es einen kompletten Systemwechsel. Und das ist auch das, was die Growth-ÖkonomInnen fordern: eine Abkehr von diesem Mantra des unendlichen Wachstums. Und die Begründung dahinter ist: Auf einem endlichen Planeten kann kein unendliches Wachstum stattfinden. Und Miriam Lang sagt, wir müssten ein System entwickeln, mit dem wir das Kapital, das aktuell auf der Welt vorhanden ist, gerecht umverteilen, um das Verhältnis der Länder untereinander sozusagen zu resetten. Damit wir eben nicht auf ewig dieses Kräfteungleichgewicht zwischen globalem Norden und Süden haben.
Und sie sagt, wir brauchen auch ein neues Verhältnis zur Umwelt. Und solange wir nicht vom grünen Wachstum wegkommen, von diesem Wachstumsimperativ, dass alles immer mehr werden muss, immer größer, immer schneller und so weiter, werden wir auch keine wirkliche Nachhaltigkeit hinkriegen in unserem Verhältnis zur Umwelt.
Und wir müssen uns auch wirklich als Weltbürger begreifen.
Also wir können nicht eine Zukunftsvorstellung vorantreiben, die sozusagen nachhaltige Inseln inmitten eines ansonsten zerstörten Planeten vorsieht. Weil Ökosysteme machen an Landesgrenzen nicht Halt. Und das heißt, wirkliche Nachhaltigkeit gibt es nur mit globaler Gerechtigkeit.
Ja, und dass das Klima und das Ökosysteme nicht vor Landesgrenzen Halt machen, das ist ja auf jeden Fall ganz klar wahr.
Liebe Marisa, vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in das Thema mitgebracht hast und für deine Recherche und das Gespräch. Gerne!
Falls euch die Folge gefallen hat, habe ich noch einen Tipp für euch. Vor ungefähr einem Jahr haben wir eine Folge zum Energiekolonialismus in Namibia gemacht. Auch das ist ein Beispiel für grünen Kolonialismus in Afrika. Die Folge verlinken wir euch in den Shownotes.
Und wenn ihr die letzten beiden Folgen unseres Themenschwerpunkts Afrika verpasst haben solltet und euch dafür interessiert, dann hört sie unbedingt gerne nach.
Wenn euch grundsätzlich gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns auch gerne ein Abo da, leitet die Folge weiter, teilt sie mit Menschen, die sich für Klimathemen interessieren könnten und die davon profitieren könnten. Darüber freuen wir uns wirklich sehr.
Und produziert hat diese Folge Benjamin Serdani. Vielen Dank dafür. Und die Redaktion hatte ich, Ina Lebedjew, und ich danke euch natürlich für eure Aufmerksamkeit und freue mich, wenn wir uns nächste Woche wieder hören.
Bis bald, macht’s gut! Tschüss!
Eurem Energieanbieter mit einfachen Lösungen für Energie, Wärme und E-Mobilität. Lichtblick Energie – echt einfach.