Giftige Pfeffers in Meeresschaum
Das Meer ist zur Jauchegrube verkommen oder auch der stille Kollaps der Ostsee. Wenn Medien in den vergangenen Jahren über die Ostsee berichtet haben, dann zeichneten sie ein dramatisches und düsteres Bild vom Zustand des Binnenmeeres. Aber wie steht es wirklich um die Ostsee und welchen Anteil haben wir Menschen daran? Darum geht’s heute. Ihr hört den Klima-Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Schön, dass ihr da seid.
Um Urlaub zu machen, fahren die Deutschen am liebsten nach Italien, Spanien, Frankreich. Nee, Trommelwirbel, ihr Lieblingsziel ist tatsächlich Deutschland. Tadaa! Gerade die Ostsee ist für viele Deutsche ein Top-Urlaubsziel. Die deutsche Ostseeküste gilt als eine der beliebtesten Ferienregionen. Auch in diesem Sommer werden wieder viele Millionen Menschen an die Strände strömen und im Meer nach Abkühlung suchen.
Beim Wellenreiten und Sonnenbaden werden die meisten Badegäste von den Problemen der Ostsee vermutlich nur wenig bemerken. Verschmutzte Strände und Algenteppiche im Wasser kriegt man vielleicht noch mit, aber Mikroplastik, Pefas und Vibrionen bleiben eben unsichtbar. Die Ostsee, so liest man, soll eines der am meisten verschmutzten Meere der Welt sein. Aber was ist da dran? Darüber spreche ich in dieser Folge mit meiner Kollegin Marisa Becker. Hallo Marisa.
Probleme der Ostsee
Hallo Ina. Ich habe es in der Anmoderation gerade schon angedeutet: Die Ostsee hat ganz schön viele Probleme. Pefas, Vibrionen, Mikroplastik oder die sogenannten Todeszonen, um nur einige zu nennen. Das klingt tatsächlich erstmal dramatisch. Wie schlimm steht es denn eigentlich um die Ostsee? Das war tatsächlich die Frage, die mich bei meiner Recherche am meisten umgetrieben hat. Denn wenn man sich die Medienberichterstattung zur Ostsee ansieht, dann kann man es ziemlich schnell zu dem Schluss kommen, dass die Ostsee in der Tat so ein richtiges Problemmeer ist, weil die Liste der Baustellen quasi gar nicht enden will.
Deshalb habe ich bei Michael Naumann nachgefragt, der am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde arbeitet. Das Institut sammelt das ganze Jahr über mehrmals Daten an mehr als 100 Messpunkten und kann daher sehr zuverlässige Aussagen zum Zustand des Meeres treffen. Sauerstoffmangel ist ein großes Thema. Eutrophierung, aber das haben wir in den anderen abgeschlossenen Meeresbereichen, ob wir nun in Chesapeake Bay in Nordamerika gucken oder Südostasien, abgegrenzte Meeresbuchten oder ins Mittelmeer gucken oder wie auch immer. Das finden wir auch an diesen Punkten.
Das Gute ist, wir sind eines der Regionen, die am besten untersucht sind und damit ein Vorzeigebeispiel, was Daten angeht und auch wie lange die Datenreihen zurückreichen, weil die ersten ozeanografischen Messdaten wurden 1880 erhoben bereits. Und auch konsequent Schadstoffe, ja klar, haben wir eine ganze Menge damit zu tun. Aber wenn wir jetzt, sage ich mal, Richtung Südostasien gucken, da ist die Dimension aus meiner Sicht größer, weil wir dort weniger Laborstandards haben. Die meisten Medikamente werden dort unten in diesen oder sage ich mal dort in diesen Regionen produziert, weil es halt kostengünstiger ist und nicht die gleichen Level eingehalten werden müssen, wie man es in Europa tun müsste.
Geografische Besonderheiten der Ostsee
Auch dort, deswegen Thema super resistente Keime. Da sind wir jetzt hier noch nicht. Das ist da unten dann gang und gäbe. Michael Naumann würde also nicht sagen, dass die Ostsee das am stärksten verschmutzte Meer der Welt ist. Vielmehr findet man in der Ostsee alle Probleme, die man auch in den Weltmeeren findet. Manche sind allerdings besonders ausgeprägt. Die Ostsee hat zum Beispiel die größte zusammenhängende Fläche am Meeresboden, die von Sauerstoffmangel betroffen ist. Ein Drittel des Wasservolumens. Und das ist einerseits in geografischen Besonderheiten der Ostsee begründet und andererseits aber eben auch menschengemacht.
Okay, wie sehen denn diese geografischen Besonderheiten der Ostsee aus? Also die Ostsee ist ein abgeschlossenes Randmeer. Das bedeutet, dass es nur diese ganz schmalen Meerengen zwischen den dänischen Inseln gibt, die den Zugang zum Weltmeer erlauben. Und diese Meerengen sind zusätzlich sehr flach, also nur so 15 bis 20 Meter tief. Auf der anderen Seite hat die Ostsee sehr viel Süßwasserzulauf durch die Flüsse, die in sie münden. Das sorgt dafür, dass das Oberflächenwasser deutlich geringere Salzgehalte hat als das Tiefenwasser, das durch die Weltmeere eben gespeist ist.
Die vermischen sich auch nicht wirklich, sondern es gibt eben das Oberflächenwasser und das Tiefenwasser. Und die Standardsituation ist so, hat Michael Naumann mir das erklärt, dass dieses Oberflächenwasser über die Meerengen ins Weltmeer abgeführt wird. Und die Konsequenz davon ist, dass die Ostsee eben nur dann sozusagen belüftet, also mit sauerstoffreichem Wasser versorgt wird, wenn es richtig viel Ostwind gibt und zwar über eine längere Zeit.
Sauerstoffarme Zonen
Und deshalb gibt es in der Ostsee ganz natürlicherweise sehr große sauerstoffarme Gebiete, die sogenannten Todeszonen. Genau so werden die auch genannt, wobei Todeszonen vom Begriff her ein bisschen irreführend ist, weil es dort schon Leben gibt. Also da leben zum Beispiel ganz viele Schwefeloxidierende Bakterien, aber so höhere Lebewesen, die eben Sauerstoff benötigen, wie Krebse, Muscheln oder Fische, die findet man dort eben nicht. Es gibt also in der Ostsee eben auf natürliche Weise diese sauerstoffarmen Zonen.
Und jetzt ist aber das Problem: Wir Menschen verstärken das. Wie genau machen wir das? Zum Beispiel durch Eutrophierung. Damit ist die Anreicherung von Nährstoffen gemeint. Ich habe ja vorhin schon erwähnt, dass sehr viele Flüsse in die Ostsee münden und diese Flüsse entsprechen der vierfachen Fläche der Ostsee selbst. Es ist also ein wirklich großer Zulauf. Und darüber gelangen auch Stoffe in die Ostsee, die dort eigentlich nicht hingehören, wie Michael Naumann erklärt.
In der Landwirtschaft nutzen wir seit Ende der 40er, 50er Jahre, seit den 50er Jahren Stickstoffdünger und Phosphate. Haber-Bosch-Verfahren ist also das Schlagwort. Wir wollen alle irgendwie satt werden als Weltbevölkerung. Das ist auch richtig. Aber es bleiben ja nicht alle diese Nährstoffe in der Pflanze und auch nicht in den Ackerflächen, sondern gehen über das Grundwasser in die Flusssysteme.
Nährstoffeinträge und ihre Folgen
Das ist zusätzlich das Thema, dass wir in einer regnerischen Klimazone leben, auch wenn wir das gerade vielleicht nicht merken und auch teilweise in den Frühjahrsmonaten nicht so unbedingt merken. Aber dennoch ist es immer noch, wir sagen dazu Fach Jagam Humid. Und solange das so ist, münden halt eine Menge an Süßwasservorkommen über die Flüsse in das Meer hinein. Und darüber werden halt auch diese Nährstoffe eingespült.
Und was bewirken jetzt diese Nährstoffe? Die kurbeln die Planktonproduktion an. Das Plankton stirbt dann so in Richtung Herbst-Winter regulär ab. Das ist einfach quasi die Saison, ist dann vorbei, rieselt dann in Richtung Meeresboden. Und das sorgt dafür, dass die sauerstoffarmen Gebiete noch größer werden. Und das müssen Sie sich dann so vorstellen, sinnbildlich: Sie haben einen vollen Topf Nudeln und zu wenig Kinder, die sie aufessen, also zu wenig Sauerstoff. Insofern wird dort dauerhaft Organik angelagert.
Und sobald ich erstmal dort jetzt frischen Sauerstoff hinschaffen würde, wird erstmal in chemische biologische Stoffkreisläufe dieses Sauerstoffvolumen investiert, bevor es überhaupt als Lebensraum für lebende Lebewesen zur Verfügung stehen würde. Genau das ist der Grund, warum die Sauerstoffzerrungsraten, also wenn ich jetzt die gleiche Menge Sauerstoff vor 30 Jahren dahin geschüttet hätte und heute, dann haben sie sich annähernd verdoppelt.
Die Sauerstoffzerrungsraten, sprich in der Hälfte der Zeit ist der Sauerstoff aufgebraucht aufgrund dieser Dinge, die sich dort abgelagert haben. Und da sind klar, wir irgendwomit für verantwortlich, was diesen allgemeinen Effekt von Sauerstoffmangel halt verschärft hat. Mit der Erderwärmung wird auch das Oberflächenwasser in der Ostsee wärmer und zwar um rund 1,7 Kelvin beziehungsweise Grad Celsius. Und warmes Wasser kann weniger Sauerstoff aufnehmen.
Maßnahmen zur Verbesserung
Genau, Michael Naumann hat mir vorgerechnet, dass mit dem mittleren Salzgehalt der Ostsee gerechnet, durch diese 1,7 Grad Kelvin allein 3,2 Prozent Sauerstoff weniger aufgenommen werden können. Da kommt also einiges zusammen. Was wird denn dagegen unternommen? Wenn wir auf den Eintrag von Nährstoffen in Gewässer schauen, dann sehen wir, dass seit den 1990er Jahren daran gearbeitet wird, dass die Menge der Nährstoffe, die von der Landwirtschaft eben in die Gewässer gelangt, reduziert wird.
Seit 1991 gilt zum Beispiel die EU Nitratrichtlinie. 1996 trat dann die Nationale Düngeverordnung in Kraft und seitdem gab es da mehrere Novellierungen und Ergänzungen. Und insgesamt funktioniert das auch. Die Daten der Baltic Marine Environment Protection Commission, kurz Helsinki-Kommission, zeigen dass die Nährstoffeinträge in die Ostsee signifikant sinken. Wenn auch wohl abgesehen von Dänemark die anderen Einrainerstaaten ihre Ziele bis 2030 wohl nicht ganz einhalten werden können.
Allerdings reagiert das Ökosystem der Ostsee darauf nur sehr stark verzögert, weil es zum Beispiel 30 Jahre dauert, einmal das gesamte Wasser der Ostsee auszutauschen. Aber da tut sich auf jeden Fall etwas. Und Michael Naumann hat mir gesagt, dass wir, wenn wir das weiter durchhalten mit dieser Nährstoffreduzierung, so ab 2050 die ersten Ergebnisse im Ganzen sehen können.
Weitere Herausforderungen
Okay, da müssen wir also noch einen ganz schönen langen Atem haben. Und das ist ja auch nicht die einzige Herausforderung, vor der die Ostsee steht, sondern da gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Themen, hatte ich ja vorhin schon mal angesprochen. Wie sieht es denn mit PFAS aus? PFAS sind vor allem ein Problem im Meeresschaum, der sich ja dort bildet, wo die Wellen auf den Strand treffen. Greenpeace hat da im Frühjahr 2025 Meeresschaumproben genommen und ins Labor geschickt. Und die Ergebnisse sind wirklich beunruhigend.
Im deutschen Meeresschaum wurden PFAS-Konzentrationen von bis zu 160.000 Nanogramm pro Liter gefunden. Um da mal so einen Vergleichswert zu geben: Der dänische Grenzwert für Badegewässer liegt bei 40 Nanogramm. Das heißt, der deutsche Meeresschaum lag da fast 4000-fach drüber. Und das ist, sollte man vielleicht auch wissen, kein reines Ostseeproblem. Das betrifft genauso auch die Nordsee. Wir haben ja hier im Podcast über die Jahre immer mal wieder auch über PFAS berichtet.
Vielleicht noch mal zum Auffrischen: Was genau war an dem Stoff das Problem? Also die PFAS sind eine Stoffgruppe mit mehr als 10.000 Verbindungen und die werden eben gerne eingesetzt, um zum Beispiel Outdoor-Kleidung zu imprägnieren oder auch Pfannen zu beschichten. Und die gelten als sogenannte Ewigkeitschemikalien. Und das liegt daran, dass diese Verbindungen sowohl in der Umwelt als auch im menschlichen Organismus quasi nicht abgebaut werden können und sich daher anreichern.
Und inzwischen ist es sogar so, dass die PFAS im menschlichen Blut nachgewiesen wurden und zwar auf den ganzen Globus verteilt. Und viele dieser Verbindungen stehen aber im Verdacht, zum Beispiel krebserregend zu sein. Deshalb sollte man auch vermeiden, mit diesem Meeresschaum in Berührung zu kommen.
Mikroplastik in der Ostsee
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Genau, du sagst es. Also Mikroplastik ist auch in der Ostsee ein Problem, wenn auch eben keins, was spezifisch für die Ostsee ist, weil davon eben alle Meere betroffen sind. Und der Grund dafür sind wir Menschen. Michael Naumann hat mir erzählt, dass er und seine KollegInnen regelmäßig Projekte machen, die mit dem Thema Mikroplastik zusammenhängen, bei denen sie Strandabschnitte von Müll befreien. Und was sie da gefunden haben, das fand ich wirklich ziemlich heftig.
Das Thema Müll und Mülleintrag passiert über Wind im Wesentlichen. Also die Schiffe dürfen es nicht mehr verklappen, sondern das kommt aus Einwägung von Land. Und das ist halt der Papierkorb, steht da, den kann man benutzen. Eine der bösen Zahlen, die wir mit Schülerprojekten rausfinden, weil da brauchen wir relativ viel Manpower für, um so ganze Strandabschnitte quasi umzugraben, mehr oder weniger im wahrsten Sinne des Wortes.
Auf 100 Meter genutzten Strandabschnitt an der südlichen Ostsee sind 8000 Zigarettenkippen. Das ist nur ein Beispiel. Die sieht man ja so nicht, aber die dann sich ja auch stückchenweise zersetzen, ins Meer gehen und dort halt auch ein Problem verursachen. Das sind halt ein anderes Beispiel. Das absolute Hightech-Produkt ist eine Babywindel. Eine Babywindel im Meerwasser zu zersetzen sind 400 Jahre, weil sie aus so vielen verschiedenen Hightech-Stufen besteht.
Müll im Meer
Das ist so das Umweltthema, was dann nicht wirklich darum schwimmen sollte. 8000 Zigarettenkippen auf 100 Meter Strand, das ist wirklich, finde ich eine im negativen Sinne total beeindruckende Zahl. Und was Michael Naumann sagt, das deckt sich auch mit den Ergebnissen einer englischen Studie, die vor kurzem untersucht hat, wie eigentlich der ganze Müll im Wasser landet. Und die Forschenden haben herausgefunden, dass die größte Quelle für Müll im Meer kurzlebige Einwegprodukte sind, wie zum Beispiel eben Zigaretten oder auch Plastikverpackungen.
Ja, krass. Also das sind wirklich Dimensionen, die kann man sich gar nicht vorstellen. 8000 Zigarettenstummel, Wahnsinn. Also wenn du mich fragst, habe ich jetzt schon fast genug gehört an Problemen. Aber ein, zwei Aspekte müssen wir auf jeden Fall noch ansprechen. Ich habe gelesen, dass bis heute auch noch sehr große Mengen Munition in der Ostsee liegen und sich langsam zersetzen, also korrodieren. Sehr beunruhigend. Total.
Also vor den deutschen Küsten in der Nord- und Ostsee wurden rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition versenkt. Und da ist es so, die Metallhüllen, die zersetzen sich und geben dann eben die Stoffe frei, die da in diesen Waffen drin sind. Darunter auch TNT. Und diese Stoffe sind eben giftig, krebserzeugend und/oder erbgutverändernd. Also nicht besonders gut, dass die freigesetzt werden. Und in der Ostsee wurden zusätzlich große Mengen, ungefähr 5000 Tonnen chemische Kampfstoffe versenkt.
Chemische Kampfstoffe
Jetzt müssen wir uns einmal vor Augen führen, was das für Stoffe sind. Chemische Kampfstoffe sind militärisch genutzte chemische Verbindungen, die die physiologischen Funktionen des menschlichen Organismus dermaßen stören, dass sie Soldaten entweder nicht mehr kämpfen können oder sogar sterben. Das heißt, darunter sind so Nervenkampfstoffe, Lungenkampfstoffe, aber auch solche, die Nasen, Augen oder Rachen reizen. Und dieser Cocktail, der liegt quasi am Meeresboden.
Und die Verpackung, also die Waffen, auch wieder Metalle, die korrodieren, die zersetzen sich und damit werden diese Stoffe frei. Jetzt ist es so, dass alle Stoffe bis auf Tabuen wohl schwerer als Meereswasser sind und daher nach unten sinken. Die kommen also eher nicht an die Oberfläche. Und die meisten Stoffe reagieren unter Wasser auch zu weniger schädlichen Stoffen, aber eben nicht alle.
Ich wollte gerade nachfragen. Also es gab doch Fälle, bei denen Urlauber dachten, sie hätten irgendwie Steine gesammelt und am Ende stellte sich raus, dass es sich um Munitionsreste handelte, oder? Genau. Also weißer Phosphor wurde im Krieg in so Phosphor-Brandbomben eingesetzt und wird jetzt immer noch an den Stränden angespült und sieht dann aus so ein bisschen wie Bernstein. Das Problem ist aber, dieser weiße Phosphor, der entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und einer Temperatur so zwischen 20 und 40 Grad Celsius selbst und brennt dann aber mit bis zu 1300 Grad Celsius ab. Das kann also ziemlich gefährlich werden.
Gefahren durch Munitionsreste
Und im Sommer erreicht man ja diese Temperaturen auch wirklich eigentlich die ganze Zeit. Ich wollte gerade sagen, Hochsommer, Hosentasche. Ja, und laut Umweltbundesamt ist das vor allem so rund um Usedom eine Gefahr. Und Deutschland arbeitet auch daran, die Munition in der Nord- und Ostsee zu vernichten. Allerdings hat Michael Naumann da eine Schlagzeile genannt, die verdeutlicht, wie groß das Problem ist. Die fand ich wirklich sehr beeindruckend. Und zwar, wenn alle professionellen Tauchteams rund um die Ostsee gechartert würden, dann bräuchte man 30 Jahre, um die ganze Munition zu bergen. Das wird uns also auch noch sehr lange beschäftigen.
Vibrionen und ihre Auswirkungen
Puh. Okay, also jetzt haben wir schon wirklich auch über unterschiedliche Themen gesprochen, die die Ostsee beeinflussen oder beeinträchtigen. Eins würde ich gern noch dazu nehmen, nämlich Vibrionen. Das sind Bakterien, die im Meer natürlich vorkommen, aber in den vergangenen Jahren auch immer wieder für Schlagzeilen gesorgt haben. Worum geht es da genau? Ja, Vibrionen sind Bakterien, die, wie du richtig gesagt hast, erst mal so ganz natürlich in Gewässern vorkommen und eben auch in der Ostsee.
Die Ostsee ist da wegen ihres geringen Salzgehalts im Vergleich zur Nordsee aber stärker betroffen. Denn wenn das Wasser mehr als 20 Grad warm wird, dann vermehren sich diese Bakterien sehr stark und können dann eben auch zur Gefahr werden. Und zwar für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder offenen Wunden. Da können sie Infektionen auslösen und das kann sogar lebensgefährlich werden, bis hin zur Blutvergiftung beziehungsweise Sepsis.
Und wenn man feststellt, dass sich eine Wunde nach Kontakt mit Meerwasser infiziert hat oder man auch eine Ohrenentzündung bekommt, dann sollte man dringend einen Arzt aufsuchen, denn das wird dann mit Antibiotika behandelt. Wenn sich Bakterien stark vermehren, beeinträchtigt das ja auf jeden Fall auch die Wasserqualität und es verändert den Lebensraum Ostsees in irgendeiner Form.
Auswirkungen auf die Artenvielfalt
Wie steht es denn um die Arten, die in der Ostsee heimisch sind? Wie wirkt sich das auf sie aus? Es geht natürlich auch an denen nicht spurlos vorbei. Die Ostsee hat ohnehin weniger Arten als jetzt zum Beispiel die Nordsee, was auch daran liegt, dass die Ostsee als Brackwassermeer eben weniger salzhaltiges Wasser hat. Brackwasser, noch mal zur Erinnerung, ist eben ein Gewässer, in dem Süßwasser und Salzwasser zusammenkommen. Das hattest du ja am Anfang auch schon erklärt.
Genau, es münden ja eben sehr, sehr viele Flüsse in die Ostsee und so wird eben auch relativ viel Süßwasser reingespült. Und das beeinflusst dann natürlich, wie viel Salz im Wasser ist. Und durch den niedrigen Salzgehalt können eben viele typische Meeresorganismen, wie zum Beispiel bestimmte Muschelarten, Seeigel oder auch Krebse in der Ostsee einfach nicht überleben.
Und gleichzeitig können aber typische Süßwasserfische, wie zum Beispiel ein Hecht oder ein Barsch, nicht tief in diese salzhaltigen Tiefen eindringen. Das heißt, es bildet sich so ein spezieller Lebensraum für eine überschaubare Anzahl an ich sag mal Alleskönnern. Und dann kommen erschwerend noch Überfischungen, die sauerstoffarmen Zonen und natürlich auch die Auswirkungen der Klimakrise hinzu, wodurch wiederum kälteliebende Arten weniger vorkommen. Und deshalb steht das Ökosystem, steht die Biodiversität dort auch unter Druck.
Auswirkungen auf den Urlaub
Wir sind ja auch mitten in der Urlaubssaison und am Anfang der Folge wurde schon klar, Millionen Deutsche zieht es jedes Jahr an die Ostseeküsten in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Was bedeutet denn dieses, ich sag mal, Konglomerat von Faktoren, die du jetzt vorgestellt hast, für mich als Ostsee-Urlauberin? Kann ich da überhaupt noch sicher baden gehen? Michael Naumann sagt, dass das trotz allem weiterhin möglich ist. Natürlich kann ich noch sicher baden gehen.
Also ich bin Wassersportler, ich betreibe mich sehr häufig im Meer rum, also nicht nur beruflich. Schon noch sicher baden gehen. Natürlich wird hier über Vibrionen und Ähnliches kommt immer mal eine Mitteilung hoch. Aber wenn man unseren Mikrobiologen trauen darf, dann kommen da quasi Veränderungen auf fünf Jahre gesehen, was waren es? 18 Menschen. Wenn ich das mit Badetoten aufgrund anderer Prozesse, weil sie Strömungen unterschätzen oder Ähnliches vergleiche, dann ist das eine geringe Anzahl oder mit Todesfällen, die natürlich herbeigeführt werden. So in dem Sinne.
Und das Thema, sag ich mal, Sauerstoffmangel, das ist auf die tieferen Bereiche der Ostsee, also unterhalb von 70 Metern in den zentralen Becken. Und auch hier vor der Haustür, spätsommerlich, es findet das alles unterhalb von 10 Metern statt und wird halt mal kurzfristig vielleicht mit einem Auftriebsereignis, wie es im September stattgefunden hat, letzten Jahres mal kurz hochgespült. Aber dennoch ist da das Baden in dem Sinne nicht stärker von beeinträchtigt.
Vor munitionsverseuchten Gebieten, dass dann halt da Reste mit hochkommen. Das hört man halt auch mal immer, dass dann das mit Bernstein verwechselt werden könnte. Wenn man dann halt, wenn man es im Sammeln gesammelt hat, dann Brand entstehen kann und so auf solche Dinge. Die sind schon irgendwo da als Gefahr, aber nicht in der Größenordnung, dass ich jetzt sagen müsste, ich sperre jetzt hier Strandabschnitte, die hier nicht mehr baden oder ähnliches.
Verantwortung der Menschen
Er hat aber noch mal explizit darauf hingewiesen, dass der Faktor Mensch einen großen Einfluss auf die Ostsee hat und dass wir uns deshalb am Strand entsprechend verhalten sollten, damit unser Müll zum Beispiel am Ende nicht im Meer landet. Das ist also auf jeden Fall ein Tipp, den alle befolgen können. Nehmt euren Müll wieder mit, wenn ihr an den Strand geht. Zigarettenstummel haben im Sand einfach nichts zu suchen.
Ja, das kann ich natürlich nur unterschreiben. Ich danke dir ganz herzlich, auch wenn man so ein bisschen niedergeschlagen rausgeht aus einer Folge über die Ostsee und all ihre Probleme. Vielen Dank für den Rundumschlag und deine Recherche, Marisa. Gerne.
Und das war es für diese Woche mit dem Klimapodcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch ein Abo da. Und teilt den Podcast mit Menschen, die sich für Klimathemen im Allgemeinen und im Besonderen für unsere Sommerthemen rund um Urlaub, Tourismus und Nachhaltigkeit interessieren könnten. Liebe geht raus ans Team Audio. Produziert hat diese Folge Paula Bültemann. Vielen Dank dafür. Und die Redaktion hatte ich, Ina Lebedjew. Danke euch fürs Zuhören. Wir sind nächste Woche wieder am Start. Seid dabei, wenn ihr mögt. Macht’s gut. Bis dann. Tschüss.
Mission Energiewende
Der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 Prozent Ökostrom.