Wenn es um die Klimakrise und die Ursachen der Erderwärmung geht, dann denken viele Menschen wahrscheinlich zuerst an Treibhausgasemissionen und den CO2-Fußabdruck. Aber da gibt es noch andere Faktoren. Über Jahrhunderte haben die Menschen Landschaften entwässert und entwaldet und damit Einfluss auf das Klima genommen. Genau damit haben sich die AutorInnen des Buches »Langsames Wasserkühlen des Grün« beschäftigt. Was sind Agroforstsysteme und Key Line Design und wie können diese Methoden helfen im Kampf um mehr Klimaschutz? Darum geht’s heute. Ihr hört den Klima Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew.
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Felder, Wiesen, Wälder, Moore – Menschen haben sie sich über Jahrhunderte zunutze gemacht. Sie haben Häuser gebaut, haben Wasser, Energie, Rohstoffe genommen und dafür Flüsse begradigt, Feuchtgebiete entwässert, Flächen versiegelt und Wälder abgeholzt. Dr. Philipp Gerhardt ist Forstwissenschaftler und befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Landschaft, Klima und Wasser. International gilt er als Experte und Pionier, als Brückenbauer zwischen Forschung und Praxis. Zusammen mit der Politikwissenschaftlerin und Gründerin einer gemeinnützigen Klimapraxis, Dr. Sasa Franke, hat er das Buch »Langsames Wasser kühlendes Grün« geschrieben und veröffentlicht. Und ich freue mich, dass ich heute mit einer Hälfte des Autorenteams sprechen kann. Herzlich willkommen im Klimapodcast von detektor.fm, Philipp Gerhardt. Schön, dass Sie da sind.
Vielen Dank, ich freue mich auch, da zu sein. Der Untertitel Ihres Buches lautet ja »Klimalandschaften mit Agroforst und Keyline Design«. Da interessiert mich als allererstes: Klimalandschaften. Was verstehen Sie erst mal überhaupt darunter? Ja, unter dem Begriff Klimalandschaften verstehen wir eine Landschaftsgestaltung, die die Kühlung des Klimas oder die Regulation des Klimas in den Fokus nimmt. Und zwar vor allem über die biophysikalischen Effekte der Landschaft, also über Verdunstung, daran wiederum hängend natürlich Blattfläche, Wasserspeicher und über diese Mechanismen Wolkenbildung, der Abtransport von Wärme – nicht prioritär über die Treibhausgasbindung. Das ist etwas, was auf jeden Fall komplementär gehen muss. Aber wir wollen eben gezielt diese Effekte ansteuern, die sozusagen vereinfacht gesprochen an den Treibhausgasen vorbei funktionieren.
Das klingt ja jetzt erst mal ganz schön groß, das zu verstehen. Dann sind in diesem Untertitel auch die Maßnahmen oder die Methoden Agroforst und Keyline Design genannt. Was sind das für Dinge und was können die für Leute die sich damit gar nicht auskennen einfach? Ja, generell Agroforstsysteme, das ist ein, sage ich mal, moderner Begriff für etwas, was es auch schon lange gibt, nämlich die Nutzung von Gehölzen in der Landwirtschaft. Also ein alter Begriff dafür ist zum Beispiel Baumfeldwirtschaft. Dieser Begriff wurde tatsächlich von frühen Forstwissenschaftlern geprägt. Und es geht einfach darum, Ackerbau oder auch Grünlandwirtschaft mit Gehölzen zu kombinieren. Und man kann alles Mögliche mit Gehölzen in der Landwirtschaft machen. Man kann natürlich Brennholz ernten, so wie es früher auch schon gemacht wurde. Man kann aber auch Sägeholz oder sogar recht wertvolles Holz ernten. Aber natürlich auch alle möglichen Arten von Baumfrüchten, also Obst oder Nüsse oder auch Beeren. Und da gibt es eine ganze Reihe von Systemen. Also Hecken oder Streuobstwiesen sind recht bekannt. Aber das sind heute Elemente, die eher ins Naturschutzrecht fallen und damit von den Landwirten nicht mehr sinnvoll genutzt werden können in den meisten Fällen. Und tatsächlich auch von manchen Landwirten gar nicht unbedingt gewünscht sind. Und wenn man jetzt aber das in die Moderne überführt und sagt, wir gestalten Systeme, die einem modernen mechanisierten Landwirtschaftsbetrieb entsprechen, also irgendwas, wo man auch mechanisch ernten kann, zum Beispiel vernünftige Hackschnitzel machen kann für eine Energieerzeugung am Hof, für ein Nahwärmenetz, für ein kommunales Heizkraftwerk oder sowas, dann haben wir eine viel, viel größere Chance, in die Landwirtschaftsfläche reinzukommen.
Und der zweite Begriff, den Sie jetzt genannt haben, das sogenannte Key Line Design, das ist ein moderner englischer Modebegriff für etwas, was wir eigentlich auch schon lange kennen, nämlich die Bewässerung von Landwirtschaftsflächen oder den Wasserrückhalt in Landwirtschaftsflächen mit traditionellen Methoden, also mit der Schwerkraft, aber mit einem ausgeklügelten Design. Wir hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungefähr ein Drittel der deutschen Landwirtschaftsfläche unter Bewässerung. Und damit ist eben nicht die Beregnung mit einem irgendwie gearteten Sprenger gemeint, sondern eben einfach das gezielte Steuern von Wasser in kleinen Gräben, in Kanälen, das Anstauen. Und das ist mit der Mechanisierung auch verloren gegangen. Und das können wir halt heute eigentlich auch wieder in eine moderne Renaissance führen, indem wir Systeme bauen, die für die mechanisierte Landwirtschaft funktionieren, aber eben trotzdem viel, viel mehr Regenwasser in der Fläche versickern und den Wasserspeicher im Boden, aber auch das Grundwasser anreichern und für den Pflanzenbau zur Verfügung stehen. Also es geht letztendlich darum, dass wir den Wasserinput in das System Landschaft wieder wirklich ausnutzen und nicht die Niederschläge ableiten, wie wir es bis jetzt getan haben. Und das Ganze dann eben auch in einer Verdunstungsinfrastruktur mit viel Blattfläche umsetzen. Und das können eben nur die Bäume und damit natürlich auf großer Fläche nur die agroforstlichen Systeme, also die Baumkulturen in der Landwirtschaft.
Also ich habe eine Weile in Schleswig-Holstein gelebt und gearbeitet und da auch immer mal wieder über Umwelt-, Naturschutz- und Landwirtschaftsthemen berichtet. Und ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie alle immer von Hecken und Knicks geredet haben. Und ich als Stadtkind damals tatsächlich nur Bahnhof verstanden habe. Also für alle, denen es genauso geht: Knicks habe ich noch mal nachgeguckt. Das sind Hecken, die auf einem Wall gepflanzt worden sind. Und über die Jahre habe ich dann aber für mich so verstanden, wie wichtig Unterbrechungen in der Landschaft sind für Insekten, für die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen und auch in den Bemühungen, von riesigen Monokulturen wegzukommen. Bei Ihnen im Buch sprechen Sie sogar von Bäumen auf dem Acker. Können Sie noch mal erklären, warum das so wichtig ist und inwiefern das hilft? Ja, das Wichtige ist vor allem ein rechtlicher Unterschied bei uns in Europa, vor allem in Deutschland, und ein struktureller Unterschied. Wenn Sie jetzt traditionelle Heckenlandschaften anschauen, dann sind diese Hecken meistens Begrenzungen von Landwirtschaftsflächen aus verschiedenen Gründen. Sie sind aber selten in der Fläche. Und wenn wir wirklich diese Klimawirkung der Gehölze in der Landschaft haben wollen, dann müssen wir viel, viel mehr davon haben. Also wovon wir ausgehen, sind ungefähr 15 Prozent neuer Flächenanteil in der Landwirtschaftsfläche unter Gehölzen, um eine Klimawirkung zu erzielen. Und da gehen wir davon aus, dass durchaus Abkühlung von ein bis zwei Grad in Mitteleuropa möglich wäre, allein durch diese biophysikalischen Effekte. Das geht aber eben nur, wenn Sie in die Fläche kommen. Also Sie brauchen kleinere Abstände. Natürlich ist das von Landschaft zu Landschaft unterschiedlich. Sie haben teilweise Gegenden, wo es noch recht kleine Flächen gibt und dann kommen schon wieder Bäume, kleine Waldstücke, Feldgehölze oder eben Hecken. Aber wir haben eben auch große Landschaftsteile, die sehr ausgeräumt sind. Und unsere Recherchen zeigen auch, dass es in allen Regionen eigentlich wieder mehr sein dürfte. Also Schleswig Holstein hat allein nach dem Zweiten Weltkrieg noch über die Hälfte seiner Knicks verloren. Trotzdem haben wir heute noch viel. Im Süden, in Baden Württemberg, gibt es große Flächen, wo noch Streuobstwiesen stehen. Aber auch das ist nur noch ein Restbestand. Und wir müssen uns darüber klar sein, dass im mitteleuropäischen und europäischen Durchschnitt die Landschaft einen kritischen Punkt überschritten hat. Wir haben zu wenig Grün in Form von Gehölzen, weil nur diese durch die Höhe und die massive Blattfläche den Boden mit der Atmosphäre so verzahnen können, dass die Kühlmechanismen, der Abtransport von latenter Wärme und Wolkenbildung wieder in Gang kommen. Deswegen eben diese wichtige Unterscheidung: Hecken ja, gerne erhalten, neu pflanzen, wo es geht. Aber wir werden damit nie in die produktive Fläche kommen, weil es einfach für viele Landwirte nicht attraktiv ist, nicht tragbar ist und damit immer am Rand der Felder bleiben wird.
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Also ich habe jetzt gerade schon geschluckt, weil 15 Prozent – also da gibt es ja noch wahnsinnig viel zu tun, oder? Also wenn man sich diese Zahlen vorstellt, dann scheint das erst mal relativ groß, aber in der Realität ist es gar nicht so. Gerade aus Ostdeutschland, wo ungefähr 15 Prozent Gehölzfläche wieder installiert wurden in Ackerschlägen. Und aus diesen Flächen wissen wir aus Untersuchungen, dass dort die landwirtschaftlichen Erträge sich steigern können um 15, 16 Prozent im Ackerbau. Teilweise bei manchen Kulturen sogar noch mehr. Und dann haben sie aber natürlich diesen Flächenverlust und das hebt sich dann nahezu wieder auf. Das bedeutet, sie können mit 10 bis 15 Prozent neuem Gehölzanteil die landwirtschaftliche Produktion so, wie sie jetzt ist, komplett aufrechterhalten. Sie stabilisieren sie und man bekommt zusätzlich aber ein Produkt für die Bioökonomie, nämlich Brennholz, Energieholz, Nutzholz oder eben auch Baumfrüchte, also Obst oder Nüsse. Das ist eigentlich das Interessante, dass wir in der internationalen Diskussion immer von Aufforstung hören. Aber Aufforstung würde eben bedeuten, keine Landwirtschaft mehr. Und deswegen sind die Agroforstsysteme so interessant, weil wir mit diesem Flächenanteil 10 bis 15 Prozent eben die Nahrungsmittelproduktion nicht nur erhalten, sondern stabilisieren. Und gleichzeitig zeigt sich, dass die Klimawirkung damit teilweise schon erreicht werden könnte.
Das heißt konkret, stelle ich mir das so vor: Also quasi, vielleicht können Sie auch gleich mal ein Beispiel nennen: Also die Landwirte pflanzen Bäume, die einen Ertrag liefern, in ihre Felder und arbeiten sozusagen mit dem Feld und den Bäumen gleichzeitig. Ist das so? Genau, ja, das haben Sie eigentlich ganz richtig beschrieben. Es geht eben darum, dass wir Gehölze, sage ich mal, im weitesten Sinne, also Bäume oder Sträucher, wieder als landwirtschaftliche Kultur sehen. Denn das ist es, was diese Skalierfähigkeit ausmacht oder was die Skalierbarkeit ausmacht. Damit können Landwirte, wenn sie sich entscheiden, ihren Betrieb zu diversifizieren und eben neben zum Beispiel Getreide oder Grünlandprodukten auch Gehölzprodukte zu erzeugen. Und wenn sie das vermarkten können, wenn wir auch dafür natürlich die Mechanismen schaffen, dann kommen wir in die Fläche. Dann können wir wirklich in der produktiven Fläche die Verdunstungs- und Kühlinfrastruktur schaffen als Element der Wirtschaft. Und das ist der große Unterschied zu den Bemühungen des Naturschutzes, eben Hecken oder Streuobstwiesen wiederherzustellen. Das sind immer sage ich mal landwirtschaftliche Dinosaurier. Also verstehen Sie mich nicht falsch, die sind unglaublich wertvoll, auch von der ästhetischen Wirkung, von der Biodiversität, von der Lebensraumvernetzung. Aber sie sind eben, und das ist die Erfahrung für viele Landwirte, ein rotes Tuch. Und die Frage ist halt, wie können wir jetzt weitergehen? Wie kommen wir dahin, dass unsere Landschaft wieder kühlt? Und dann müssen wir was machen, was die Landwirtschaftsbetriebe mitgehen können.
Sie bauen ja Landschaften konkret selbst um. Sie haben ein Unternehmen Baumfeldwirtschaft und Sie helfen Betrieben, Gemeinden und Regionen, eben klimafreundlicher zu werden mit Agroforst oder Keyline-Systemen. Wie fängt man so etwas an? Wie gehen Sie da vor? Wie funktioniert das? Also normalerweise ist es so, dass eben Menschen auf mich und mein Team zukommen, die akute Probleme durch die Klimaveränderung haben. Also zum Beispiel Bauern und Bäuerinnen, die mit ihren Betrieben Erosionsprobleme haben, dass ihnen der Boden weggespült wird durch die zunehmenden Starkregen. Oder aber auch, dass es einfach um den Wasserverlust geht. Also dass Leute sagen, ich verliere viel zu viel Wasser durch Wind, durch Austrocknung durch die Hitze oder eben durch Oberflächenabfluss. Ich muss mehr Wasser wieder in die Böden bringen, um das zu speichern, damit ich da im Sommer auch eine gute Versorgung für meine angebauten Pflanzen habe. Oder es sind eben Gemeinden, die sagen, wir haben hier im Dorf regelmäßig Schlammlawinen mittlerweile bei Starkregenereignissen. Es kommt aus der landwirtschaftlichen Flur und wir müssen da was tun. Manchmal sind es einfach auch Zusammenschlüsse, wo die Gemeinden und die Bauern sagen, wir haben hier ein gemeinsames Problem und müssen was machen. Und dann werden wir eben aktiv gerufen und in einem gemeinsamen Projekt planen wir dann Lösungen für diese Probleme und entwickeln das dann soweit, dass es umsetzbar ist. Und wir setzen das dann eben auch mit unserem Team um. Also am Ende steht es dann eben dass wir mit einem Bagger aufs Feld gehen, Wässergräben anlegen, zum Beispiel die den Starkregen zurückhalten können oder aber auch die zur Be- oder Entwässerung genutzt werden können. Und dann werden eben Bäume gepflanzt. Mit diesem System holen wir diese ganzen Effekte, die es im Großen und Ganzen in Europa, in Deutschland, aber auch global braucht. Also Verdunstungsleistung, Kühlleistung, Wasserrückhalt, Speicherung im Boden, eine Stabilisierung der Erträge, eine Stabilisierung der Grundwasserneubildung. Das holen wir alles auf den einzelnen Ackerschlag oder auf die einzelne Grünlandfläche in die Landwirtschaft. Und das ist eben in der Regel eine Win-Win-Situation für die Landwirte und die Gemeinden, sodass sich das eben auch herumspricht und wir da immer weitere Projekte machen. Natürlich ist es so, dass wir das nur zu Teilen abdecken können und das wäre sehr wünschenswert, dass es davon noch viel mehr gibt.
Also ich habe Sie sagen hören, dass es einen großen Hebel hat, diese Maßnahmen durchzuführen. Wie groß ist das Potenzial, das wir da vielleicht als Gesellschaft nicht nutzen bisher? Also wenn wir davon ausgehen, dass in Deutschland 51 Prozent der Landwirtschaftsfläche sind, dann können wir sehr, sehr viel gestalten. Und wir wissen aus vielen Untersuchungen im internationalen Bereich, aus Amerika, aus Europa, aber aus vergleichbarem Klima, dass moderaten Aufforstungsszenarien durchaus ein bis zwei Grad Abkühlung möglich sein könnten. Und das können wir eben übersetzen und sagen: Wir brauchen keine Aufforstung, wir brauchen ja nur die Gehölze. Darum geht es. Und natürlich denken wir immer an Wälder, aber wir können eben auch neu denken und sagen, wir denken in landwirtschaftlich nutzbaren Gehölzen, die überall verteilt sind. Und dann können wir eine Landschaft kreieren, die eigentlich wie ein Kühler funktioniert, die also wieder stark mit der Atmosphäre verzahnt ist durch ganz viel Struktur und die Blattfläche. Und das ein bis zwei Grad Kühlwirkungen bei zehn bis 15 Prozent neuer Gehölzfläche, das ist wirklich kein Pappenstiel, wenn man bedenkt, dass die letzten 20 Jahre hier bei uns in Mitteleuropa um ungefähr 1,5 Grad wärmer waren als der vorherige langfristige Durchschnitt. Also alles, was wir jetzt schon an Klimaveränderung hier spüren, könnten wir zu einem guten Teil wieder dämpfen, zurückfahren und natürlich auch die Schäden, die dadurch entstehen, deutlich reduzieren. Das ist das große Potenzial, was wir sehen. Und gleichzeitig gewinnen wir dann eine reale Basis für das, was in der Politik immer wieder erwähnt wird, nämlich die Bioökonomie. Wir wollen weg von den fossilen Rohstoffen, wir wollen nachwachsende Rohstoffe nutzen. Aber wo sollen die denn bitte herkommen, wenn wir dafür nicht die Produktionsgrundlagen schaffen? Wir haben im Moment in Deutschland einen hohen Anteil der Ackerfläche für Energiepflanzen und das ist hauptsächlich Mais, vielleicht ein bisschen Elefantengras oder sonstige Sachen. Aber das sind alles einjährige Kulturen und meteorologisch betrachtet haben die nicht den Effekt wie Gehölze. Wir müssen also umswitchen, damit die Produktion, die wir machen, auch den strukturellen Effekt hat. Das ist das große Potenzial.
Sie steigern das sozusagen im Buch hin zu einem Plan für Deutschland. Wie sieht der aus Ihrer Perspektive aus? In diesem Plan für Deutschland sagen wir eigentlich, nachdem wir in dem Buch ja ganz viel auch aus der internationalen Forschung vorgestellt haben und das dann eben auch auf Deutschland heruntergebrochen haben, auch die hiesige Forschung mal ausgewertet haben, dass wir uns nach diesen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen funktionsorientiert verhalten müssen. Also wir müssen wirklich schauen, wenn es um die Kühlung des Klimas geht, was ist dann notwendig? Wir müssen weg von den Lieblingsideen bestimmter Gruppen und von den Dogmen, dass wir zum Beispiel eben einfach sagen, ja, Streuobstwiese ist gut oder die Moore müssen wieder vernässt werden und wir müssen überall wieder Moore herstellen. Ich meine, wir haben in Brandenburg ein Drittel der Landwirtschaftsfläche mindestens unter Drainage. Wir haben in Niedersachsen ganz, ganz große Flächen auf ehemaligen Moorböden. Da können wir nicht die Familien, die da jahrhundertelang schon wirtschaftend, vertreiben und sagen, ja, die ganze Landwirtschaftsfläche hier, das geht so nicht mehr. Wir müssen also sehr, sehr genau hinschauen und überlegen, wo können wir denn mit verhältnismäßigem Aufwand große Effekte erzielen. Und da sehen wir eben, dass die, ich sage mal, die freie Landschaft, die Flächen, die nicht in der landwirtschaftlichen Nutzung sind, dass die zwar individuell sehr starke Kühlwirkungen haben können, also eben wenn wir Flussauen und Moore erhalten oder auch wiederherstellen, aber damit werden wir nicht in die große Fläche kommen, weil sie gar nicht die große Fläche ausmachen oder weil es schlichtweg gesellschaftlich nicht durchsetzbar ist, riesige Teile der Landbevölkerung umzusiedeln, um da wieder Moore herzustellen. Darum sagen wir, wir brauchen eine Arbeit in der produktiven Fläche. Das ist also jetzt nicht ein neues Dogma, sondern es ist eben belegbar aus wissenschaftlichen Untersuchungen. Es gibt auch mittlerweile erste Abschätzungen über die Kosten-Nutzen-Effizienz von Klimaschutzmaßnahmen in der Landschaft, wo man eben auch die gesellschaftlichen Kosten mit reinnimmt. Also nicht nur, was kostet es, einen Baum zu pflanzen oder irgendwo eine Fläche wieder zu vernässen, sondern was verlieren wir eigentlich an Nahrungsmittelproduktion, wenn wir irgendwo eine Fläche aus der Nutzung nehmen. Und wenn man das alles zusammenrechnet, dann sind eben die Arbeiten in der Landwirtschaftsfläche am günstigsten gesamtgesellschaftlich. Das ist sozusagen die billigste Klimaschutzmaßnahme, die wir machen können: die Landwirtschaftsfläche strukturell zu verändern. Und damit haben wir eben diesen großen Hebel, wie Sie gesagt haben, weil die Landwirte auch das, was sie gut können und auch bereits machen, weitermachen können. Wir sagen eben nicht: Ja, es muss alles bio sein oder es muss alles so und so im Ackerbau bewirtschaftet werden, sondern es geht um Struktur. Und in dieser Struktur, wenn wir also genug Windbremse, Verdunstungsinfrastruktur, Taubildung haben, die Austrocknung stoppen, wenn wir wieder mehr Wasser in der Fläche versickern können, dann können wir dort eine Landwirtschaft mit den Mitteln weiter betreiben, die wir schon beherrschen. Das ist sozusagen die Idee, die vielen Konzepten entgegensteht, die derzeit diskutiert werden. Also so etwas wie Rewilding: Wir brauchen neue Wildnis oder wir müssen die Landwirtschaft zurückfahren, wir müssen Flächen irgendwie wieder brach liegen lassen oder sowas. Und auf der anderen Seite steht das natürlich auch diesem technokratischen Gedanken entgegen, zu sagen, wir machen überall erneuerbare Energien und riesige Solarflächen und so weiter. Das kann es auch nicht sein. Also die grundsätzliche Idee ist, dass wir wieder mehr integrieren und sagen: Womit können wir denn Klimaschutz, Produktivität, Biodiversität auf der gesamten Fläche schaffen? Also gemeinsam sozusagen.
Ja, genau. Es geht darum, eben zu integrieren, anstatt es auseinanderzuziehen. Also Segregation ist, wenn Sie etwas nicht auf der gleichen Fläche machen. Wenn ich sage, ja, hier industrielle Landwirtschaft, dort Solarpark und daneben wieder vernässtes Moor oder irgendein Naturschutzgebiet. Und das ist eben aus unserer Sicht eine Sackgasse. Wir müssen eine Gesamtlandschaft schaffen. Wie gesagt, 51 Prozent der Landfläche, fast 17 Millionen Hektar, sind Landwirtschaftsfläche. Da bringt es auch nichts, wenn wir dann an den Flussauen herum basteln oder Flüsse wieder durchgängig machen oder eben Retentionsflächen schaffen. Die Gewässer sind ja auch immer sehr stark abhängig von den Einzugsgebieten. Und wir werden das Klima nicht in den Griff kriegen, wenn wir eine so große Fläche außer Acht lassen. Darum geht es dann eben.
Jetzt haben Sie sozusagen gerade eben so ein paar Konzepte angesprochen. Moorwiedervernässung ist natürlich auch ein Thema, über das wir hier im Klimapodcast immer wieder sprechen. Rewilding – also da setzen Sie sich ja wahrscheinlich auch ganz schön einem Gegenwind aus. Wie stecken Sie den Weg? Wie kommen Sie da weiter für sich? Ich glaube, diesen Gegenwind, den gibt es ganz klar, weil natürlich viele Gruppen eben so ihre Lieblingsideen haben. Und ich sage ja überhaupt nicht, dass diese Sachen schlecht sind. Also ich habe selber in Projekten gearbeitet zur Auwald- Renaturierung, arbeite viel mit Naturschutzverbänden zusammen. Es ist immer ein Sowohl als auch. Und das möchte ich noch mal betonen. Natürlich ist es wichtig, Feuchtgebiete, Moore, Flussauen anzugehen. Und das sind wichtige Elemente in einer Klimalandschaft. Aber sie gehören sozusagen zu einer, sagen wir mal, Verstärkerstruktur, die allein nicht überlebensfähig ist. Ich sage auch immer: Der Wald wird nicht im Wald gerettet. Wenn Sie Waldbestände haben in einer großflächig austrocknenden Agrarlandschaft, weil eben der Boden nicht mehr viel Wasser hält, weil Sie viel Oberflächenabflüsse haben, weil die ganze thermische Situation über der Landschaft nicht funktional ist, die Wolkenbildung reduziert ist, die Niederschlagswahrscheinlichkeit und so weiter, dann können Sie den Wald umbauen, wie Sie wollen. Der wird Ihnen irgendwann eingehen. Und ich kenne diese Beispiele mittlerweile aus Brandenburg, wo wir Waldbestände haben, die nicht mehr gut zu verjüngen sind. Da kriegen wir keine neuen Bäume mehr hoch, weil aus der Feldflur ständig der heiße Wind reinbläst. Und ähnlich können Sie das für Flussauen oder Moore auch sehen. Sie haben ja Zuflüsse, sie brauchen Wasser, sie brauchen insgesamt eine feuchte Landschaft, damit diese Elemente erhalten werden können. Und deswegen sage ich nur: Wir müssen den Fokus verschieben. Wir müssen neben diesen Maßnahmen, die einen kleinen Teil unserer Landfläche betreffen und sehr sensibel auch auf das reagieren, was im Rest der Landschaft passiert, dürfen wir uns nicht zu sehr hineinsteigern, sondern wir müssen rational schauen, was sind die Dinge, die wir jetzt tun können, die zielführend sind. Und wenn wir diese Überlegungen machen, dann sehen wir, es gibt ein paar wirklich schöne Ideen und ein paar wirklich wichtige Dinge. Aber mit dem Gesamtziel, das Klima wieder abzukühlen, müssen wir zuerst etwas anderes tun. Und das ist die große produktive Fläche: 51 Prozent unserer Landfläche strukturell zu verändern und dort eben die Klimaschutzfunktion viel viel stärker zu integrieren. Aber eben so, dass die landwirtschaftlichen Betriebe auch was davon haben, dass die weiter existieren können und dass die Biodiversität sozusagen auch neue Brückenbiotope, neue Lebensräume bekommt und so weiter. Also da können wir ganz viel integrieren, was wir bisher noch nicht getan haben.
Inwiefern nehmen denn solche Klimalandschaften, umgebauten Landschaften, auch Einfluss auf das ganze globale Geschehen? Das ist so, das schreiben wir ja auch im Buch, dass es da noch sehr, sehr viel Forschungsbedarf gibt. Also wir sind sozusagen jetzt aus zwei Richtungen gekommen. Wir haben große kontinentale Klimamodelle und auch empirische Studien angeschaut, haben das auch beschrieben. Und da kann man eben sehen, dass wenn in einem Bereich wie Mitteleuropa, Westeuropa eine wirklich… Signifikante Begrünung geschieht, dass dann tatsächlich auch ganz große Kühleffekte zu erwarten sind und dass das auch messbar ist. Jetzt ist natürlich die Frage, wie viel braucht es dafür? Und wenn wir da wieder in die Regionen schauen und in die Einzelsysteme, dann können wir eben sehen, dass in Agroforstsystemen zum Beispiel um 1,2 bis 1,3 Grad niedrigere Lufttemperaturen gemessen werden als in der freien landwirtschaftlichen Flur. Wir sehen, dass die Flüsse an latenter Wärme viel, viel höher sind, dass die fühlbare Wärme zurückgeht, was ganz, ganz wichtig für die Wolkenbildung ist. Und wir sehen eben auch, dass moderate Aufforstungsszenarien schon deutlich mehr an Wolkenbildung und Niederschlagswahrscheinlichkeit bringen. Und jetzt müssen wir eben immer abstrahieren von dieser Aufforstung auf nutzbare Gehölze. Da geht es letztendlich um Fläche. Von daher ist das gar nicht so schwer. Aber wir würden uns eben wünschen, dass die Forschung diese Ideen auch viel, viel stärker aufgreift und ganz konkrete Untersuchungen macht, also eben mal die Werte für mitteleuropäische Agroforstsysteme in Klimamodelle übernimmt und eben mal untersucht: Wie wäre es denn, wenn wir 10, 15 oder sogar 20 Prozent der großen landwirtschaftlichen Flächen unter Gehölze bringen? Was würde es denn tatsächlich bringen? Bis jetzt können wir das nur als Hypothese formulieren, und das haben wir auch gemacht. Die großen Studien aus Europa und Amerika, die solche Sachen untersucht haben, sagen ja irgendwo zwischen 10, 15, 20, 25 Prozent neue Gehölzflächen. Da kommen wir irgendwo auf ein bis zwei Grad Abkühlung. Und das ist ja ein unglaublicher Hinweis darauf, dass da ein riesen Potenzial liegt. Und ich glaube auch, wenn wir das nicht im Detail beziffern können, mit wie viel Flächenumbau wir bei wie viel Grad Abkühlung liegen, so ist doch die Aussage der bisherigen Forschung klar: dass es einen riesigen Effekt gibt, der nicht vernachlässigt werden darf und den wir nicht ungenutzt lassen dürfen.
Wie viel Mut brauchen denn die Landwirte, mit denen sie arbeiten, um eben diesen Weg zu gehen, um so der Klimakrise zu begegnen? Tja, im Moment braucht das noch sehr engagierte Leute. Ich glaube vor allem, weil man in den letzten Jahrzehnten in der Landwirtschaft auch die Meinung gewonnen hat, dass sich alles ständig ändert, dass alles unsicher ist, dass alles überreguliert wird. Und das ist ja auch so. Letztendlich stehen die Landwirte immer davor, dass sie sagen, sie haben Probleme damit, in irgendwas zu investieren oder sich in eine Richtung festzulegen, weil sich die ganzen Förderbedingungen alle paar Jahre ändern und sie dann irgendwo mit etwas dastehen, was ihnen vielleicht betrieblich den Garaus macht. Und deswegen haben wir ja in der einjährigen Landwirtschaft diese Fixierung auf Dinge, die ich auch immer wieder umschmeißen kann. Man kann jedes Jahr etwas anderes machen. Und eine Gehölzkultur oder die wirkliche Veränderung der Struktur, auch in den Betrieben, nicht nur auf der Fläche, das erfordert natürlich Mut und erfordert auch, ich sage mal, irgendwo eine große Arbeit, dass ich sage, ich werde mit so einer Struktur auch in Zukunft wirtschaften können. Und das Schöne ist immer, dass wir in unserer Arbeit solche Leute erleben. Also das sind eben nicht nur Biobauern, das sind nicht nur Demeter-Bauern oder Naturland oder sonst wer, sondern eben auch konventionelle Bauern, mit denen wir arbeiten, die sagen: Ich glaube daran, ich werde in den nächsten Jahrzehnten in dieser Struktur mit Gehölzen in der Fläche, mit Wässergräben am Hang, gut wirtschaften können, weil ich sehe, dass ich zum Beispiel durch eine clevere Planung weniger Prozesskosten habe, weil ich sehe, dass die Holzpreise langfristig steigen werden, dass wir eine Bioökonomie bekommen werden, weil ich hier zum Beispiel Nahwärmeversorgung fürs Dorf mache, weil ich dafür Hackschnitzel brauche und die bekomme ich so einfach stabiler, wenn ich sie selber ernte, anstatt auf dem Markt einzukaufen, wo die Preise wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten steigen werden. Also, wenn man das zusammenfasst: Die Beispiele, die wir haben, die Betriebe, mit denen wir arbeiten, dort zeigt sich das alles unglaublich positiv, und die Leute sind sehr begeistert von dem, was sie letztendlich gemacht haben, und stehen voll dahinter. Aber für die meisten, die das noch nicht gemacht haben oder noch nicht kennen, ist es schwer vorstellbar. Und da irgendwie eine Brücke zu schlagen oder die Hürden kleiner zu machen, viel, viel Stärke zu zeigen, macht das. Wir unterstützen das auch fördertechnisch, und es wird was bringen. Da ist noch die große Arbeit, die zu machen ist.
Das sagt Dr. Philipp Gerhardt. Zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Sasa Franke hat er das Buch „Langsames Wasser, kühlendes Grün“ geschrieben. Vielen, vielen Dank für die Einblicke und das spannende Gespräch. Ja, vielen Dank, gerne. Das war der Klimapodcast von detektor.fm für diese Woche. Lasst uns gern ein Abo da, wenn euch gefällt, was wir hier machen. Damit sorgt ihr dafür, dass auch andere Menschen diesen Podcast finden, die sich für unsere Themen interessieren könnten und die uns noch nicht kennen. Vielen Dank dafür. Die Redaktion für diese Folge hatte ich, Ina Lebedjew. Redaktionelle Mitarbeit: Zoe Neidhardt. Audio-Produktion: Wiebke Stark. Und auch dafür ein großes Dankeschön. Ich hoffe, wir hören uns nächste Woche wieder, wenn ihr mögt. Macht’s gut bis dann. Tschüss.
Mission Energiewende. Der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.