Wenn es um die Energiewende geht, dann haben sich die Kommunen auf den Weg gemacht. Das behaupte nicht ich, das geht aus einer bundesweiten Befragung unter Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern hervor, die die Initiative Klimaneutrales Deutschland und die Organisation Heimatwurzeln im Frühling 2026 durchgeführt haben. Demnach haben Kommunen in fast allen Bereichen des kommunalen Infrastrukturwandels, also Strom, Wärme und Mobilität, Projekte geplant oder schon umgesetzt.
Aber was heißt das genau? Wie funktioniert die Energiewende eigentlich da, wo sie tatsächlich passiert? Darum geht es in dieser Folge. Ich bin Ina Lebedjew. Hi! Mission Energiewende – der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.
Laut Auswertung der Befragung von 600 BürgermeisterInnen in Deutschland haben 81 % der Kommunen Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden umgesetzt oder in Planung. 73 % verfügen inzwischen über Ladesäulen für Elektrofahrzeuge.
Tobias Averbeck und die Gemeinde Barkum
Tobias Averbeck von der CDU ist Bürgermeister der Gemeinde Barkum im Landkreis Vechta in Niedersachsen. Rund 7000 Menschen leben dort. Averbeck ist studierter Diplom-Verwaltungsbetriebswirt und inzwischen seit knapp 13 Jahren Bürgermeister in Barkum. Und ich freue mich, dass wir heute über die Energiewende vor Ort sprechen. Herr Averbeck, willkommen im Klimapodcast von detektor.fm.
Ja, herzlichen Dank für die angenehme Anmoderation. Ich freue mich sehr, heute hier sein zu dürfen und ein bisschen berichten zu können, wie es denn bei uns vor Ort aussieht. Ja, sehr gut. Ihre Gemeinde, das kann man so sagen, gilt inzwischen als Vorreiter, was die lokale Energiewende angeht. Und ich habe gesehen, Sie kommen auch ganz schön rum, also medial und auch nicht medial, mit Menschen, die sich dafür interessieren, was Sie so treiben.
Projekte und Herausforderungen
Was machen Sie denn erstmal überhaupt? Ja, ich glaube, wir machen eigentlich gar nicht so viel anders als viele andere Kommunen. Aber vermutlich ist es einfach das Thema, dass wir es machen und auch schon gemacht haben und darüber berichten können, wie die positiven Ergebnisse aussehen, die wir allein hier einfahren. Ob es beim Thema Wärme ist, ob es beim Thema PV ist, ob es beim Thema Ladesäulenbetrieb ist, Speichereinsatz ist.
Und da gibt es an der einen oder anderen Stelle bei der einen oder anderen Kommune immer noch so ein bisschen, ich will nicht sagen Angst, aber so ein bisschen Vorbehalt, ob das dann alles auch tatsächlich klappt. Ob das in der Realität auch wirklich so gut ausfällt, wie es dann am Ende ausfällt. Und da ist natürlich immer wichtig, dass man so ein lebendiges Beispiel hat, das dann von einem zum anderen weitergereicht wird.
Nein, das ist mir jetzt ein bisschen übertrieben. Aber dann halt sagen kann, dass es wirklich so ist und dass keiner die Angst haben muss. Und dass es eben auch nicht nur Idealismus ist, wenn man mit PV und mit Biogasabwärme und ähnlichem agiert, sondern tatsächlich auch harte haushalterische finanzielle Vorteile sich einstellen. Und dafür sind wir, glaube ich, gerade etwas mehr im Fokus als andere Kommunen. Aber das ist es dann auch.
Dann sagen Sie doch mal ein bisschen was zu den harten Zahlen oder auch zu den Methoden oder Varianten, die Sie in der Gemeinde schon umgesetzt haben oder an denen Sie arbeiten. Ja, das kann jetzt ein bisschen länger dauern, aber das mache ich gerne. Dafür sind wir ja hier. Genau, wir fangen an.
Nutzung von Biogas
Seit 2009 beheizen wir einen Großteil unserer kommunalen Gebäude mit der sogenannten Abwärme aus Biogasanlagen. Sprich, das Biogas wird verstromt und beim Verstromen entsteht eine Menge Wärme als quasi Abfallprodukt. Und diese Wärme nutzen wir zusammen mit unseren Partnern. Das sind landwirtschaftliche Betriebe, die eben diese Anlagen betreiben und die auch das Netz aufgebaut haben.
Und wir sind eben einer der ich würde mal sagen großen Vertragspartner, weil wir nicht nur mit dem Rathaus, sondern eben auch mit allen Schulen, mit allen Sporthallen, mit der Schwimmhalle diese Wärme nutzen können. Und das natürlich dann auch zu Gunsten der Bevölkerung. Wir haben zum Beispiel zwei Warmbadetage in unserem Hallenbad. Das kommt gerade den älteren Menschen, aber vor allen Dingen auch den ganz ganz jungen.
Wir haben auch Babyschwimmangebote, die natürlich dann genutzt werden können zugute. Und bestes Beispiel war damals die Energiekrise Ukraine. Viele andere Bäder haben entweder geschlossen oder ihre Temperaturen entsprechend runter geregelt. Bei uns war das nicht der Fall. Wir mussten das nicht tun, weil wir eben diese Bioenergie nutzen konnten.
Erfolge und Einsparungen
Und dementsprechend voll war das Bad. Es war eigentlich eher eine Badewanne. Es war eher eine Stehparty, als dass noch an Schwimmen gedacht werden kann. Und die tollste Geschichte war dann tatsächlich, immer diejenigen, die das erste Mal kamen, auch mit Kindern. Die hatten alle noch Neoprenanzüge an für zwei Minuten und dann war Feierabend. Dann merkte man, oh, hier ist es doch warm. Hier können wir es aushalten.
Das ist zum Beispiel ein Benefit, den wir jetzt seit 2009 seit 17 Jahren in beiden Ortsteilen nutzen. Und wir bislang auf jetzt mittlerweile 93 Prozent Wärmeenergie-Nutzung für diese kommunalen Liegenschaften ausgebaut haben. Das heißt, es werden tatsächlich noch ein bisschen Kilowattstunden Erdgas benötigt, aber es sind dann eben nur noch sieben Prozent in der Gesamtheit.
Das ist ein Riesengewinn, weil wir den Preis auch relativ stabil halten können. Das heißt also haushalterisch natürlich auch gut, wenn man weiß, dass man im Prinzip fast den Preis von 2009 nutzt. Das ist schon schön. Also das heißt, Sie sparen da sozusagen einfach wahnsinnig viel Geld ein, oder?
Ja, das ist einfach enorm, was wir da an Heizkosten schon in den letzten fast 20 Jahren am Ende eingespart haben. Wir hatten sehr langfristige Verträge abgeschlossen. Leider sind die jetzt einmal angepasst worden, aber auch das ist noch sehr human. Nur die letzten 15 Jahre hatten wir im Prinzip den Vertrag von 2009. Das ist natürlich dann schon ordentlich und das zeigt auch die Partnerschaft, in der wir hier zusammenarbeiten.
Windenergie und Bürgerbeteiligung
Das sind alles Betriebe, Landwirte vor Ort, die mit uns hier gemeinsam arbeiten. Und da ist die Zusammenarbeit auch einfach grandios. Das darf man auch so sagen. Das sind ja nicht nur wir alleine, die das machen, sondern stehen ja auch ganz viele Leute dahinter. Ja, und dann haben wir das Ganze noch mit Windenergie ergänzt. Wir haben einen Bürgerwindpark realisiert mit sehr viel Hauen und Stechen und Ruckeln von 2011 bis 2022.
Das hat elf Jahre gebraucht. Es lag nicht an uns. Kommunen arbeiten ja gerne langsam, hört man allenthalben mal. Aber in dem Fall ist es wirklich so gewesen, dass viele Anlieger und auch der NABU Niedersachsen dieses Windparkprojekt kaputt geklagt haben. Es sollten ursprünglich acht Anlagen entstehen. Drei sind es am Ende geworden, weil derjenige, der hier an der Kamera sitzt, dann beide Seiten ein Stück weit zusammenführen musste, nachdem man die erste Klage dann auch verloren hatte.
Und es sind am Ende drei Anlagen geworden. Das aber auch mit einer großen Beteiligung der Bürgerschaft. Es gab eine 30-prozentige Bürgerbeteiligung über eine neu zu gründende Bürgerenergiegenossenschaft, der mittlerweile 340 Barkumerinnen und Barkumer angehören. Ich sage da ganz ehrlich, vermutlich haben wir, das war auch wahrscheinlich der Grund der erfolgreichen Klage, vermutlich haben wir der Bevölkerung einfach nicht klargemacht, dass wir den hier vor Ort erzeugten Strom auch möglichst gewinnbringend vor Ort einsetzen wollen.
Sprich, also mit Bürgerbeteiligung einsetzen wollen. Das scheint man uns nicht geglaubt zu haben damals. Mittlerweile glaubt man uns das aber. Das ist der große Vorteil. Aber diese Bürgerbeteiligung hat unglaublich viel ausgewirkt. Also wenn Bürger merken, dass sie selber mitentscheiden können, zwar gepoolt in so einer Genossenschaft, macht das eine ganze Menge aus.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Und der Genossenschaftsvorstand und auch ich sind Teil der Geschäftsführung ehrenamtlicherseits. Und das zahlt natürlich auch viel aufs Konto Lebenserfahrung ein. Und es kann nicht schaden, wenn ein Bürgermeister auch mal ehrenamtlicher Geschäftsführer eines solchen Windparks ist, weil man da unglaublich durch Doing lernt. Aber auch das war nicht alles. Wir haben schon 2011 kommunale Dachflächen zur Verfügung gestellt für eine andere Energiegenossenschaft.
Allerdings hat uns das so ein bisschen geärgert, zumindest so ab 2021/2022, wo wir eigentlich in den Eigenverbrauch einsteigen wollten. Denn die 1A Dachlagen gehörten dieser anderen Genossenschaft. Und die haben quasi nur Strom erzeugt und eingespeist. Das hatte dann nicht so den großen Erfolg für die jeweiligen Liegenschaften, sodass wir uns dann auf die 1B-Lagen fokussiert und konzentriert haben.
Da aber wir seit 2022 mittlerweile fast 500 Kilowatt Peak PV-Leistung auf die Dachflächen gebracht haben. Und auch da gibt es einen wunderbaren Fehler, ich muss das wirklich so sagen, den wir da gemacht haben. Weil hätten wir ihn nicht gemacht, wären wir nicht so weit gekommen, wo wir jetzt sind.
Fehler und Lösungen
Wir haben die erste Anlage auf der Sporthalle installiert. Die Sporthalle hat einen gemeinsamen Zähler sowohl wärmeverbrauchstechnisch wie auch stromverbrauchstechnisch mit der Schwimmhalle. Das war insofern toll, als dass man wusste, man hatte schon einen relativ ordentlichen Eigenverbrauch an dieser Liegenschaft. Ärgerlich ist nur, wenn die PV-Anlage die Kilowatt Peaks so stark sind, dass der Eigenverbrauch irgendwo bei 30 oder 40 kW dann aufhört, aber die Anlage 100 kW groß ist.
Und dann kam der Energieberater und sagte: Ja, ihr wisst aber schon, wir haben jetzt diese PV-Anlage, weil wir auch das Dach sanieren mussten, damit sie überhaupt draufpasste. Wir haben diese PV-Anlage auch KfW fördern lassen. Ja, ich sagte, das ist ja schön, dann nehmen wir das mit, das ist ja alles fein.
Ja, aber das eine bedingt das andere. Ihr dürft keine Kilowattstunde Überschuss ins Netz einspeisen, weil das dann dem sogenannten Doppelförderungsverbot unterfällt. Man darf nicht KfW gefördert werden und gleichzeitig EEG gefördert werden mit dem Strom. Das hat mich fürchterlich geärgert, weil wir die Anlage 2022 in Betrieb genommen haben und da galt in Deutschland noch Energiekrise. Wir durften aber nicht einspeisen.
Innovative Lösungen
Und wie haben Sie es gelöst? Ja, erstmal habe ich gewaltig in die Tischkanten gebissen, die ich gerade zur Verfügung hatte. Habe meinen Ärger auch überall rausgelassen, habe das nicht hinter der Hand gehalten, habe auch der Politik gesagt, dass das halt falsch gelaufen ist, dass das ein großer Fehler ist und wir jetzt daran arbeiten, das irgendwie anders zu lösen.
Und haben dann irgendwann glücklich einen Zufall gehabt, mit mehreren Leuten in Kontakt getreten, die uns dann auf die richtige Spur gebracht haben und gesagt haben: Na ja, habt ihr da noch was in der Nähe? Ja, wieso? Ja, die Schule ist in der Nähe, das Rathaus ist nicht weit weg und andere Sachen sind auch noch in der Nähe.
Ja, dann legt doch einfach die Hausanschlüsse zusammen. Ich guckte: Wie legt zusammen? Ja, und dann haben wir tatsächlich von fünf Einzelgebäuden jeden Hausanschluss aufgegeben und haben ihn an einer Stelle zentral zusammengefasst mit einem großen Hausanschluss, mit einem großen Batteriespeicher daneben und sind dann angefangen und haben nicht nur eine PV-Anlage installiert, sondern noch zwei zusätzliche und versorgen jetzt Rathaus, Sporthalle, Schwimmhalle, Oberschule und eine Kita mit dem PV-Strom von drei Anlagen.
Der wird zwischengespeichert und das, was dann nicht reicht, muss nochmal vom Netz kommen. Also es gibt diesen einen zentralen Stromanschluss und weil das so erfolgreich läuft, haben wir vor, das neue Rathaus, was wir inzwischen bauen konnten, auch noch eine Ladesäule installiert, um dann den Überschussstrom möglichst attraktiv vermarkten zu können.
Und auch das läuft gerade phänomenal gut. Wir sind Autobahnkommune. Es braucht nur drei Kilometer vom Autobahnanschluss zu uns ins Dorf. Und da wir den Preis dieser Ladesäule selber bestimmen können und natürlich dann auch wissen, wenn viel Überschuss da ist, dann geht auch der Preis nach unten, scheint das so attraktiv zu sein, dass man sich hier bisweilen schon mal den Stecker außer Hand reißen würde und wir dann hier Tarife anbieten mit 25 Cent, teilweise mit 19 Cent.
Ich habe es tatsächlich dieses Jahr auch zweimal gehabt, da gab es den Strom hier kostenlos zum Laden, weil wir eben auch die einzige Kommune sind, die ich kenne, die einen sogenannten dynamischen Strompreis nutzt. Das heißt, wir beziehen den Strom abrechnungstechnisch von der Börse im Viertelstundentakt.
Akzeptanz und Bürgerbeteiligung
Und wenn dann, wie am 1. Mai und in der Woche davor, der Strom eben vom Preis her deutlich negativ war, dann bin ich ins Dorf gefahren zu unserer Schwimmhalle, habe die PV-Anlagen ausgeschaltet und habe eben den Preis geändert und den Preis einer Ladesäule auf null gesetzt, weil wir durch Verbrauchen Geld verdient haben und daran sollten dann eben auch die Bürgerinnen und Bürger teilhaben. So funktioniert das und das funktioniert sehr, sehr erfolgreich.
Das ist ja auch, was Sie gerade gesagt haben. Sie sagen Akzeptanz und Bürgerbeteiligung und Genossenschaften und so, das ist der Schlüssel, oder? Ja, es ist einfach Vertrauen. Da, wo Vertrauen da ist, dass Bürger teilhaben können, dass nicht nur Bürger einer Gemeinde teilhaben können, sondern auch andere, da macht das unglaublich viel Effekt mit den Menschen und schafft unglaublich viel Affinität dann auch zu erneuerbaren Energien.
Wenn das immer nur das Schubladendenken ist, die einen verdienen das Geld und wir anderen können zugucken, dann sorgt das für Groll und auch verständlicherweise für Ablehnung oder manchmal auch für Neid. Aber da, wo man eben den Menschen deutlich macht, dass sie an den Projekten der anderen oder an den Projekten der Kommune auch eben teilhaben können, auf ganz unterschiedliche Arten und Weise, da zahlt das unglaublich aufs Konto Akzeptanz ein, aber auch aufs Konto Image.
Stolz der Bürger
Das ist Wahnsinn. Also was wir hier erleben, wie stolz die Menschen sind, dass sie solche Angebote nutzen können. Nicht nur der normale Bürger, sondern mittlerweile auch die Wirtschaft, die sagt: Mensch, ist das toll, dass wir hier in dieser Kommune leben, weil wir so positiv besetzt gerade deutlich werden in Deutschland. So würde ich es vielleicht mal sagen. Das macht unglaublich viel.
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Lernen aus der Erfahrung
Jetzt sind Sie ja kein Energieexperte und Sie haben auch gerade gesagt, Sie haben Ihrem Ärger Luft gemacht oder haben das auch offen kommuniziert. Was haben Sie denn für sich gelernt in den vergangenen Jahren aus dieser Lage, aus diesem Job?
Also erstmal habe ich gelernt, auch von Anfang an, dass Vertrauen nur dann geschaffen wird, wenn man ehrlich und direkt auf die Menschen zugeht, aber auch vor allen Dingen natürlich auf unsere Leute hier in der Verwaltung, aber auch im Rat. Das heißt, wenn ich sage, hier ist ein Fehler entstanden, das ist mein Fehler, ich habe ihn zu verantworten, ich bin hier der Chef, dann nehme ich natürlich Druck von meinen Mitarbeitern und erzeuge damit das Vertrauen, dass sie ihre Entscheidung treffen können und auch viele Entscheidungen treffen können und das auch sollen, um Himmels Willen.
Nichts ist schlimmer als eine Verwaltung, die ich sage jetzt mal zwei Entscheidungen pro Woche treffen kann, weil das alles bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sein muss. Hier bei uns in Barkum ist das anders. Da werden zehn Entscheidungen getroffen, acht gehen in der Regel immer glatt und wenn da mal zwei daneben gehen, dann bin ich dafür da, um die Verantwortung dafür zu tragen, weil ich weiß, dass meine Mitarbeiter aber zehn richtige Entscheidungen treffen wollen.
Es ist ja nicht so, dass ich sage, macht bitte zwei Fehler, sondern sie müssen halt das Vertrauen genießen, dass sie diese zwei Fehler oder manchmal halt auch drei machen können. Das ist mein Job zu sagen, ich nehme euch diese Verantwortung ab und wenn das klappt, dann hat man ein grandioses Zusammenspiel mit Bevölkerung und auch Politik.
Vertrauen und Mut
Und ja, dann ist da immer noch mal die ein oder andere Sache, die nicht so gut ist für die Bevölkerung oder für andere, was normal ist. Ich meine, jeder kann nicht immer 100 Prozent auf der Linie liegen, aber Vertrauen wird dadurch geschaffen, dass man bereit ist, den Mut zu haben, Fehler einzugestehen. Und dann hat man am Ende in dieser gesamten Mannschaft auch den Mut, Entscheidungen zu treffen.
Und das ist so ein Kreislauf. Das habe ich gelernt, nicht nur aus Energie, sondern auch aus anderen Themen. Ja, ich sage jetzt mal, zahlt gerade auf dieses Energiekonto ein wie auch auf viele andere Themen. Und ich glaube, wenn das dann flankiert wird durch gute, kluge landespolitische Gesetze, die wir hier in Niedersachsen haben, mit dem Landesbeteiligungsgesetz, wo eben auch das Land gesagt hat, die Menschen sollen teilhaben an erneuerbaren Energien, an Windenergie, auch an Freiflächen-PV, dann sorgt das für unglaublich viel Akzeptanz.
Windvorrangflächen und Akzeptanz
Wir haben im letzten Jahr über 280 Hektar Windvorrangflächen ausgewiesen. Nach dieser Erfahrung aus 2011 bis 2022 da war es einigen ganz schön mulmig. Wir mussten das natürlich tun aufgrund des WindBG, aufgrund dieser Flächenausweisungsanforderungen, die der Bundesgesetzgeber gestellt hat. Jetzt sage ich mal oder frage ich mal in die Runde: Was glauben Sie denn, wie viele kritische oder negative Stellungnahmen wir bekommen haben mit diesem Vorlauf, diesem ersten Verfahren, das wir da hinter uns haben?
Zu den Windvorrangflächen? Na, eine Menge würde ich denken, oder? Eine Handvoll, nicht mal. Aha, okay. Das ist alles dieses Ergebnis des Vertrauensgewinns. Diese Anlagen sollen installiert werden, um der regionalen Wirtschaft zur Verfügung zu stellen, um Energie zur Verfügung zu stellen, um vor allen Dingen aber auch dadurch Arbeitsplätze zu sichern.
Und am Ende des Tages kommt es dem Unternehmen nicht darauf an, ob der Strom aus Barkum kommt oder aus Lohnhöhe oder aus dem Umkreis. Wichtig ist, dass diejenigen, die dort Mitarbeiter sind, dann auch weiterhin ihren Job haben. Und wenn das mit erneuerbaren Energien besser funktioniert und natürlich auch wirtschaftlicher ist, dann ist auch das ein großer Akzeptanzbringer.
Herausforderungen und Innovationsgeist
Also hier sind diese 280 Hektar, fast 3,6 Prozent der Gemeindefläche, relativ geräuschlos durchgegangen und auch einstimmig in der Politik durchgegangen. Ich hatte ja vorhin gesagt, Sie machen den Job jetzt so seit knapp 13 Jahren. Sie sind gerade mal Mitte 40. Das heißt, Sie sind auch relativ jung. Haben Sie sich da reingestürzt?
Ich hatte aber auch in einem Gespräch gehört, dass Ihr Vorgänger auch schon viel angeschoben hatte, worauf Sie aufbauen konnten. Diese Befragung, von der ich vorhin gesprochen habe, die sagt auch, die Leute, die BürgermeisterInnen sind, die kennen sich aus in ihren Gemeinden, die kennen die Menschen vor Ort und die Bedürfnisse und was funktioniert und was nicht.
Ist das innovatives Denken oder sind Sie da auch eher reingewachsen oder was haben Sie mitgebracht, dass das irgendwie so, wie es klingt, ganz gut abgeht? Ich glaube, der Job eines Bürgermeisters ist, die Menschen zusammenzubringen, die Ideen haben. Und es ist ja nicht so, dass wir das alles selber erfinden oder wir da die großen Visionen haben, die dann am Ende in diese Richtung oder in jene Richtung gehen.
Es ist tatsächlich so, dass man aus den Gesprächen, aus den Terminen, die man in einer riesigen Zahl hat, ob bei irgendwelchen Schützenfesten oder sonst wo, man muss halt draußen sein. Und wenn dann Menschen einen ansprechen und sagen: Können wir mal reden? Und man das dann natürlich ins Büro zieht und sagt: Ich habe folgende Idee, ich habe hier eine Idee, ich habe da eine Idee.
Das war bei meinem Vorgänger so, genauso wie bei mir. Dann muss man eben vielleicht die entsprechenden Gespräche geführt haben, dass man weiß, wen muss man jetzt zusammenbringen, damit das auch für die Kommune am Ende auch sinnvoll wird. Und das ist eigentlich, ja, ich würde mal sagen, das große Einmaleins des Bürgermeisterseins. Egal, was man mitbringt.
Komplexität der Energiewende
Ich komme jetzt aus der Verwaltung. Man hat mir aber auch schon an der einen oder anderen Stelle gesagt: Du bist eigentlich für die Verwaltung gar nicht geeignet, weil das so ein bisschen meine Auffassung ist: Ich muss diese Chancen sehen. Ich sehe nicht die Bedenken, die kommen von alleine. Aber da gibt es auch genug Ideen, die dann am Ende nicht in die Umsetzung kommen, was auch richtig ist.
Aber schlimmer ist, wenn man die Ideen gar nicht erst hat oder die Menschen gar nicht erst zusammenbringen kann. Das ist das, was dann problematisch wird, weil dann kann man die Gemeinde eben nicht weiterentwickeln. Also es kommt immer auf den Menschen an. Dafür haben wir hier eine tolle Region, die immer unglaublich viele Ideen produziert. Und manchmal gehen sie dann in Erfolg auf, manchmal eben auch nicht. Das gehört auch dazu.
Herausforderungen der Energiewende
Sie haben vorhin so ein paar Fehler oder Learnings, wie man neudeutsch sagt, beschrieben. Jetzt ist ja Energiewende auch nicht so ein easy-peasy Thema. Wo läuft es denn noch nicht so rund? Wo liegen Ihre Herausforderungen? Was sind so die Probleme bei dem Thema? Es gibt eine ganze Menge. Jetzt kommt wieder derjenige, der für die Verwaltung nicht geeignet ist.
Ich bin immer jemand, der es möglichst einfach gerne hat. Und ich stelle mir dann schon die Frage: Wieso ist das eigentlich so unglaublich kompliziert, wenn man eine Windenergieanlage in ein Gewerbegebiet bauen möchte? Weil genau da ist ja der größte Verbrauch von Strom. Und auch das wollen wir gerade umsetzen. Da kämpft dann der Bürgermeister in Barkum manchmal so gegen seine eigenen Windmühlen.
Nicht seine, sondern gegen die der Genehmigungsbehörden. Da stelle ich mir vor, dass wir gerade, wenn wir diesen wirtschaftlichen Vorteil erleben wollen, mit der Wirtschaft gemeinsam, braucht es da noch Unmengen an Erleichterungen und nicht irgendwelche Landschaftsbildgutachten und Lärmwertberechnungen, die nochmal zusätzlich sein müssen.
Und irgendwelche Fenster, die benannt werden müssen von Betrieben, die noch gar nicht da sind. Wo ich mir manchmal die Frage stelle: Meine Güte, nochmal, lass uns anfangen. Und wenn es irgendwo ein Problem gibt, dann müssen wir das dann lösen, wenn es auffällt. Aber wir können doch nicht von Anfang an alle Probleme, die eventuell entstehen könnten, lösen wollen, obwohl sie dann möglicherweise gar nicht entstehen.
Gesetzgebung und Energie Sharing
Das sind so Themen, die ärgern mich. Was mich aber vielmehr noch ärgert, ist gerade so ein bisschen das, was da in der Pipeline ist an Gesetzgebung. Nicht nur EEG, vor allen Dingen Netzpaket. Netzpaket ist eigentlich noch viel grausamer als EEG 27. Da versuche ich natürlich in irgendeiner Art und Weise auch Einfluss zu nehmen.
Aber da ist natürlich das kleine Vakuum dann vielleicht auch zu klein, als dass es Einfluss nehmen kann. Da muss man sich dann eben solidarisieren und verbünden mit vielen anderen, die sagen: Das Netzpaket in der aktuellen Form wird vermutlich zum Storb von erneuerbaren Energien führen. Aber es gibt auch andere Themen. Beim Energy Sharing ist es genauso.
Das ist die ganz große Idee, die eigentlich in meinem Kopf immer noch reift, als ich mich irgendwann mit einem österreichischen Unternehmen ausgetauscht habe, wo das völlig in Realität aufgegangen ist. Mit den Österreichern haben wir jetzt sehr viel zu tun. Da kamen auch einige Ideen für unsere Konzepte her. So kommt es dann. Die kamen alle nicht aus Deutschland. Die kamen dann von der anderen Seite der Grenze.
Aber am Ende ist es egal, wo sie herkommen. Wichtig ist, dass sie umgesetzt werden. Und da gibt es tatsächlich noch eine ganze Menge, die da meines Erachtens aus dem Weg geräumt gehören.
Aufruf an andere Kommunen
Gibt es denn irgendwas, wo Sie sagen, wenn es um kommunale Energiewende geht, ist das ein Thema, das die Leute da draußen unbedingt wissen müssen, dass man unbedingt hören muss? Also gerade meine kommunalen Freunde oder Partner oder wie soll ich es nennen, die anderen Kommunen müssen einfach nur eins tun: Anfangen. Keine Angst haben. Mit dem ersten Objekt anfangen. Selber die Learnings ziehen.
Das kann man nicht immer beschreiben, weil jede Liegenschaft ist anders, jedes Vorhaben ist anders.
Ich kann nicht einfach sagen, es ist wie beim Fußball, jetzt bei der Weltmeisterschaft. Jedes Spiel ist anders. Ich kann nicht alles immer kopieren, aber ich kann zumindest die Angst oder die Hemmung nehmen, zu sagen: Wie geht das und wie kompliziert ist das alles? Und darf ich das überhaupt oder darf ich das nicht?
Es hat noch niemand ein Verbot ausgesprochen, dass man auf irgendeine kommunale Liegenschaft eine PV-Anlage installieren kann. Da muss man sich selber überlegen, braucht man dafür einen Fachplaner oder reicht es auch, einen vernünftigen, guten Solateur zu finden? Ohne Fachplaner weiß nämlich auch, was er tun muss. Also, da gibt es unzählig viele Dinge, die kann man aber nicht immer eins zu eins kopieren. Wichtig ist, dass man anfängt und dass man über dieses erste Projekt lernt, genauso wie wir auch gelernt haben.
Ich erinnere an den großen Fehler, der uns aber seitdem auch nie wieder passiert ist und der aber wieder andere Lösungen offenbart. Also, diese fünf Gebäude, dieser gebündelte Anschluss, ist KfW-prämiert worden. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich da mal in einer sogenannten Bundesliga mit Städten wie Rostock, Freiburg oder Darmstadt spiele. Auf einmal wird dann die kleine Gemeinde aus Niedersachsen aufgerufen und wirft auch mit auf die Bühne.
Und das Schöne ist natürlich auch, dass die KfW ein Stück weit auch selber schuld war. Also, hätte es dieses Doppelförderungsverbot nicht gegeben, wären wir nie prämiert worden. Das ist auch dann irgendwie so eine tolle Geschichte. Aber ja, am Ende steht und fällt es damit, sich auf den Weg zu machen und anzufangen. Und da hat jede Kommune diesen riesen Energieverbraucher, den man erstmal mit einer PV-Anlage runter reduzieren kann.
Was auch immer so ein Klassiker ist: Dieser gebündelte Anschluss kann eigentlich kopiert werden in viele Kommunen, weil häufig stehen Schulen neben Sporthallen und auch neben Schwimmhallen. Also, diese Bündelung gibt es häufig. Dass das Rathaus jetzt auch noch so nah dran ist, ist eher selten. War unser Glücksfall und die Kita genauso. Aber diese Kombination aus Schule, Sporthalle und Schwimmhalle tritt halt echt oft auf. Und da sind auch häufig große Dachflächen, und von daher passt das eigentlich immer.
Was haben Sie denn als nächstes Großes vor? Ich habe es schon leicht angeteasert: Wir wollen tatsächlich mit der Energiegenossenschaft zusammen zwei Windparkprojekte realisieren. Eins davon wird eine Windenergieanlage in einem Gewerbegebiet beinhalten, eine knapp außerhalb. Die Energiegenossenschaft Bacom projektiert das Ganze mit einem Partner zusammen.
Und ich habe ja, ich will nicht sagen, Fehler gemacht, nein, überhaupt nicht, aber ich habe per LinkedIn-Post Werbung gemacht für energieintensive Betriebe, weil wir eben dieses Projekt realisieren wollen. Und Sie können sich ja nicht vorstellen, was da passiert ist.
Sind Sie viral gegangen? Ja, so ähnlich. Wir haben also den Betrieb gefunden. Der Betrieb ist hoch innovativ, aus der Kreislaufwirtschaft, möchte Elektrokomponenten recyceln und in den Kreislauf zurückbringen. Und diese Story ist einfach so genial. Genialer geht gar nicht, als dass dieser Betrieb dann, der natürlich sehr viel Strom verbraucht, dafür die Direktversorgung aus der Windenergie bekommen soll. Also, schöner geht gar nicht.
Und an dieser Story schreiben wir jetzt als nächstes. Das Unternehmen ist kurz davor zu starten. Das Projekt soll dann vermutlich im nächsten Frühjahr starten mit dem Wind, sodass das dann auch schön übereinander gelegt werden kann. Und das wäre so das nächste Projekt, und so zwei, drei schlummern noch im Kopf. Aber ich darf nicht mehr so viel erzählen und so viel vorwegnehmen.
Also, vielleicht haben wir ja nochmal die Gelegenheit, und ich kann dann über die nächsten Projekte berichten. Das sagt Tobias Aberbeck. Er ist seit 2013 Bürgermeister in der Gemeinde Barkum im Landkreis Vechta in Niedersachsen. Ganz, ganz herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit.
Ja, vielen Dank, dass ich hier dabei sein durfte, dass ich erzählen durfte, wie wir es gemacht haben. Und ich hoffe, dass das den ein oder anderen animiert, denselben Weg zu gehen.
Und das war es für diese Woche mit dem Klimapodcast von detektor.fm. Wenn euch gefällt, was wir hier machen, dann lasst uns doch ein Abo da und teilt den Podcast mit Menschen, die sich für unsere Themen interessieren könnten.
Produziert hat diese Folge Clemens Möller, und die Redaktion hatte ich, Ina Lebedjew. Und ich sage danke für eure Aufmerksamkeit. Macht’s gut, bis nächste Woche. Tschüss.
Mission Energiewende. Der detektor.fm Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom.