Vielleicht kennt ihr das: Ihr seht Bilder von den schmelzenden Polkappen, hört, dass die Korallenriffe gekippt sind, und lest vom Klima-Rollback in Deutschland. Und die ganze Zeit steht da die eine Frage im Raum: Was kann ich eigentlich tun? Vor allem, wenn ich sowieso schon völlig erschöpft bin. Darum geht es heute. Ihr hört den Klima-Podcast von detektor.fm. Ich bin Ina Lebedjew. Hi!
Mission Energiewende
Mission Energiewende – der detektor.fm-Podcast zum Klimawandel und neuen Energielösungen in Kooperation mit Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter mit Solarlösungen, intelligenter E-Mobilität und 100 % Ökostrom. Das Klimabewusstsein der Deutschen ist nach wie vor groß. Das legt zumindest der zweite Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) nahe. Die Forschenden haben herausgefunden, dass es eine breite Zustimmung zum Klimaschutz in Deutschland gibt, aber auch Sorgen vor den Folgen von Klimaschutzmaßnahmen. Die Gruppe derjenigen, die der Klimakrise und entsprechenden Schutzmaßnahmen grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, ist mit 8 % extrem klein. Diejenigen, die Klimaschutz befürworten, sind also eine unterschätzte Mehrheit. Trotzdem haben viele Menschen, die sich für das Klima engagieren wollen, das Gefühl, damit alleine zu sein. Und das verstärkt Gefühle wie Klimaangst, die uns lähmt. Wie können wir es schaffen, uns fürs Klima stark zu machen und nachhaltig zu handeln, ohne dabei auszubrennen? Darüber spreche ich mit Anke Schmidt. Sie ist Content-Kreatorin und Dozentin für Nachhaltigkeit. Außerdem ist sie Buchautorin. Ihr neues Buch „Welt retten ohne Burnout“ ist gerade im Trabanten Verlag erschienen. Herzlich willkommen im Klima-Podcast von detektor.fm und schön, dass du da bist, Anke. Hallo!
Informierte Ohnmacht
Du beschreibst am Anfang deines Buches eine Szene am Strand von Mexiko. Du bist mit deinem Schwager unterwegs und er zerreißt eine ringförmige Plastikverpackung, damit sich Schildkröten nicht darin verfangen, wenn die Packung im Meer landen sollte. Was du daraufhin fühlst, nennst du informierte Ohnmacht. Was genau hast du da gefühlt? Ja, das war für mich ein ganz spannender Moment, weil ich habe ihn angeguckt und gefragt: Warum zerreißt du das eigentlich? Das ist dieser klassische Ring, der um ein Sixpack Bierdosen ist. Und er meinte tatsächlich: Naja, falls es im Meer landet, damit keinem Tier Schaden genommen wird. Und in dem Moment dachte ich: Wie verrückt eigentlich, dass er denkt, er würde jetzt voll was Gutes für die Umwelt tun, indem er das zerreißt. Am besten wäre doch eigentlich, wir würden die Dinger gar nicht produzieren oder komplett verhindern, dass sie überhaupt im Meer landen. Und mein Gefühl war diese informierte Ohnmacht. Damit meine ich: Ganz oft wissen wir, was wir eigentlich tun können. Aber irgendwie haben wir das Gefühl, egal was wir machen, es bringt einfach nichts.
Ursachen für Ohnmacht
Was sorgt denn dafür, dass die Menschen dieses Gefühl haben, dass sie nichts tun können? Ich denke, ganz oft sind das mehrere Sachen. Zum einen wissen wir ja irgendwie alle, Plastik ist ein Problem. Wenn ich aber in den Supermarkt gehe, um mir was zu essen kaufen will, da muss ich ganz viel verpackte Plastik Sachen kaufen und habe dann nachher noch ein schlechtes Gewissen zu Hause und denke mir: Das müsste doch ohne Müll gehen. Weil ich weiß, Recycling in Deutschland ist eigentlich nicht so gut, weil wir hören ja ganz oft sehr gute Reportagen, die sowas aufdecken. Und dann hat man einfach das Gefühl, obwohl ich ganz viel weiß, wie es besser laufen könnte, kann ich eigentlich doch nichts ausrichten.
Wege aus der Ohnmacht
Mit deinem Buch möchtest du ja Wege aufzeigen, die aus dieser Ohnmacht rausführen und zwar eben ohne Burnout. Warum ist dir das so wichtig? Mir ist das extrem wichtig, der Zusatz „ohne Burnout“, weil ich von mir selber kenne, wenn mich ein Thema interessiert, steige ich mich da total rein und mache alles, was möglich ist. Was dann oft dazu führt, dass man einfach zu viel macht und sich überfordert. Zero Waste habe ich angefangen, ohne Kinder. Mittlerweile haben wir zwei Kinder, und mit zwei Kindern in den Unverpacktladen gehen, ist einfach die pure Hölle. Vor allen Dingen mit zwei kleinen Kindern, die alles anfassen, die Gläser umwerfen. Ich habe das zweimal gemacht und danach entschieden: Mache ich nie wieder. Wir gehen jetzt in den Supermarkt, lasse ich wieder einkaufen, weil wir Menschen, glaube ich, so viele Sachen haben, gerade im Alltag, dass es echt herausfordernd ist, da nochmal eine Schippe draufzupacken. Und ich kenne das von Followern von mir, die tatsächlich mir schreiben, dass sie in Therapie waren wegen Klimaangst oder dass sie sagen: Wie schaffst du das alles? Mir ist das alles zu viel. Und ich sage immer: Bevor ihr so viel macht, dass es zu viel ist und ihr dann am Ende komplett aufhört, macht halt große Sachen, die was bringen.
Herausforderungen im Jahr 2023
Du hast ja 2023 selbst ganz schön mit deinem Job und deiner Rolle gehadert. Schreibst du, was ist denn damals passiert? In 2023 war das bei mir tatsächlich so, dass ich überlegt habe, ob dieses Thema Nachhaltigkeit und Content zu Nachhaltigkeit überhaupt noch der richtige Weg ist für mich, weil ich gelernt habe oder weil ich selber gemerkt habe, ich hatte nicht mal mehr Lust, Dokumentationen anzuschauen. Ich weiß nicht, ob man das Gefühl kennt, wenn man abends einfach nur chillen will auf der Couch. Man bringt irgendwie Netflix eine neue Dokumentation raus zum Thema Plastik und was alles Schlechtes auf der Welt passiert, dann möchte man sich das eigentlich nicht mehr anschauen. Dann denkt man: Eigentlich, boah, diese anderthalb Stunden würde ich jetzt lieber mir irgendeine Serie anschauen, mit der ich entspannen kann, anstatt mich jetzt wieder mit diesem Thema zu beschäftigen, obwohl ich die Sachen doch eh schon alle weiß und obwohl ich doch eigentlich auch weiß, wie ich es besser machen kann. Und für mich war so ein Punkt bei mir im Leben tatsächlich, wo ich dachte: Also entweder höre ich jetzt komplett auf mit diesem ganzen Thema Nachhaltigkeit oder ich fokussiere mich auf ein neues Thema, was mir selber auch wieder Spaß macht. Weil ich glaube, viele haben so ein, ich weiß gar nicht, mehr wie man den Begriff nennt, die sind der Nachhaltigkeit überdrüssig geworden, sage ich gerne manchmal.
Überforderung im Alltag
Ja, also ich teile das total. Ich habe auf der Watchlist genau das, irgendwie eine neue Serie oder eine Doku, die mir irgendwo in die Timeline gespült wurde, die ich mir mal angucken soll über Plastik. Genau, und es überfordert mich, weil ich ja natürlich mich einfach wirklich auch viel damit befasse und jede Woche wir diesen Podcast machen. Und genau dasselbe, was du sagst: Wir haben gerade eine Folge vor kurzem auch gemacht über einen Unverpacktladen und wie es Unverpacktläden geht in Deutschland. Ja, und dann laufe ich natürlich wochenlang mit diesem Bewusstsein und dem schlechten Gewissen rum und bei jedem Teil, das ich sozusagen in meinen Plastikmüll tue, denke ich so: Oh ja, wieder eins zu viel. Oder du stehst auf einmal mit deinen Kindern in Discounter und die wollen ja dieses blöde Plastikspielzeug ums Verrecken haben und du musst es kaufen, weil du sonst nicht rausgehen kannst. Ja, und hast aber ein schlechtes Gewissen. Wie blöd eigentlich.
Fokussierung auf große Schritte
Ja, du hast gesagt, man soll sich auf Großes fokussieren. Hast du da, was sind denn das für Schritte, die du anderen Leuten empfiehlst, die sagen: Ich bin im Alltag von meinen Ansprüchen selbst überfordert? Ich hatte einmal ganz spannend, da war ich eingeladen von einer Hochschule in Köln. Da hatte mich nämlich eine Mitarbeiterin auch gefragt. Die hat gesagt: Du, bei uns um die Ecke ist ein Unverpacktladen. Gut, dass du es sagst, dem geht es gerade nicht so gut und ich würde eigentlich gerne nach der Arbeit da noch einkaufen gehen, aber ich arbeite bis halb drei und um drei muss ich an der Kita sein. Wann soll denn da noch Platz sein für einen entspannten Einkauf, wenn du noch 20 Minuten Fahrtweg hast? Und wenn Leute mich das fragen, frage ich immer: Wie viel Zeit hast du überhaupt noch im Alltag, um nochmal was zu machen? Könntest du ein Ehrenamt machen? Hast du einen Ökostromanbieter schon? Ich weiß, das ist nervig, das dauert wieder eine halbe Stunde, da diesen Vertrag zu ändern. Oder bei welcher Bank bist du? Hast du dich schon mal darüber informiert, wie deine Bank überhaupt agiert, was sie mit dem Geld macht, in welche Industrien die investiert? Das sind immer Sachen, die hören sich an, als müsste man unfassbar viel Aufwand betreiben, aber gerade diese beiden Themen, die gehen im Verhältnis eigentlich super schnell, was sie dann nachher bewirken, weil man damit ja quasi erneuerbaren Strom wieder mitfinanziert oder einfach manche Industrien, wie die Rüstungsindustrie, nicht mitfinanziert.
Lebensmittelrettung und Konsumverhalten
Und ich glaube, manchmal ist das bei vielen, die so wirklich auf Plastik frei sind. Ich kriege heute auch immer noch Hate, wenn ich irgendwie zeige, dass wir Plastikverpackung kaufen. Dann denke ich immer: Hey, du musst versuchen, einfach weiterzudenken. Für mich war das auch mal ein riesen Thema, Plastikfrei und so, aber heute weiß ich, es gibt ganz viel, was wir machen können. Ich gehe zum Beispiel Lebensmittel retten bei Foodsharing und gerade Lebensmittel wegschmeißen ist ja ein riesen Problem. Aber ganz viele Leute, die mir auch früher gefolgt sind, die wussten das gar nicht, obwohl die sich sehr intensiv mit dem Thema Plastikvermeidung auseinandersetzen. Also da einfach wirklich gucken: Was kann ich machen? Kann ich mir vorstellen, Lebensmittel zu retten? Stromanbieter wechseln? Kann ich meine Bank wechseln? Kann ich vielleicht auch selber dafür sorgen, dass es mir gut geht und ich so dafür einfach sorge, dass ich weniger im Krankenhaus bin, weniger Unterstützung für meine Gesundheit brauche? Das ist ja auch so ein riesen Thema, was man wirklich machen kann für Nachhaltigkeit, auch wenn es ein bisschen weiter gedacht ist.
Wandel in der Gesellschaft
Also du versuchst, weniger zu konsumieren, bewusst zu konsumieren. Du hast es ja eben beschrieben. Passiert denn da auch im Moment ein Wandel in der Gesellschaft oder hat man nur den Eindruck, weil wir uns in so einer Bubble bewegen? Oder wie ist das? Das ist eine super Frage. Ich glaube, ich erkläre es kurz an dem Thema Fashion, weil ich war jetzt in den letzten zwei Wochen auf drei Fashion-Insider-Messen aus der Industrie. Und ich glaube, wir haben so ganz zwei starke Lager. Wir haben die einen, die sind wie ich, die konsumieren einfach weniger, reparieren schon mal was selber und wählen wirklich gezielt Materialien aus. Gerade bei Fashion: Was kaufen sie? Gucken nicht mehr: Kaufe ich für einen Körper, auf den ich hoffe, sondern kaufe ich für einen Körper, den ich habe. Kaufe ich mir schicke Kleider, obwohl ich die nicht tragen kann, weil ich gerade die meiste Zeit einfach auf dem Spielplatz bin? Also die wirklich nachdenken und wirklich bewusst konsumieren. Und ich glaube, andererseits haben wir dann doch ein großes Lager von Menschen, was ich glaube, Schienen brauche ich hier gar nicht nennen, so die Schienifizierung, die wirklich sehr, sehr preisgetrieben sind. Das hatten wir aber schon immer. Aber ich habe das Gefühl, dieses Lager von Leuten, die dann zum Beispiel Themen wie Textilrecycling auch interessiert, die werden doch größer, auch wenn man das oft unterschätzt. Einfach die, die also wirklich auch so mehr Wissen über die Industrie dahinter haben wollen. Ich finde, das sieht man ganz gut an so Medienformaten, auch wie ZDF Besseresser, die halt wirklich Produkte auseinandernehmen und erklären: Was essen wir da? Ich glaube, so ein Format wäre vor fünf Jahren noch gar nicht so steil gegangen, aber das geht ja richtig steil.
Verantwortung und Schuld
Genau, ich glaube, da befinden wir uns irgendwie, dass wir einfach so wirklich zwei knallharte Ausrichtungen haben. Wenn es um Verantwortung geht, wir haben ja gerade darüber gesprochen, sozusagen das eigene Gefühl, was man in der Welt bewegt oder Großes oder Kleines. Aber du beschäftigst dich auch mit der offiziellen Frage der Schuld der Klimakrise. Wie bist du da zugekommen, dich damit auseinanderzusetzen, und gibt es da schon eine Antwort, wer Schuld ist? Ja, ich habe, du hast eben mal irgendwann kurz Kapitalismus erwähnt. Ich versuche jetzt aber nicht so darauf rumzureden. Ich habe mich viel mit der Frage der Schuld beschäftigt, weil ich kenne das Gefühl, wenn man irgendwie als Mutter, ich bin ja jetzt Mutter, irgendwie da sitzt, sich eine neue Studie durchliest, doch irgendwo eine Doku guckt oder auf Instagram mal ein Video sieht, wie irgendwas Schlimmes wieder in der Welt passiert. Und dann hat man so richtig Angst auf einmal um die eigenen Kinder, dass man denkt: Boah, können die wirklich in 40 Jahren noch leben? Ich bin auch ehrlich, ich habe da schon auch mal wegen geweint und habe wirklich viel darüber nachgedacht, was ich denn jetzt noch tun kann, um die Welt besser zu machen. Und habe relativ fix gelernt, dass ich gar nicht so viel machen kann als einzelne Person. Ich glaube, das hört man auch oft in den Medien, aber das einmal für sich selber zu erkennen, dass es wirklich nichts bringt, sich selber auszubrennen, sondern zu gucken, wer hat die Verantwortung. Und bleiben wir mal bei dem Thema Fashion. Ich finde, das ist ein gutes Beispiel. Bei dem Thema Fashion zum Beispiel hätten wir als Konsumenten, könnten wir noch viel machen, indem wir entscheiden, wo wir wirklich einkaufen und welche Firmen wir boykottieren. Aber da muss ganz viel wirklich auf Seiten der Unternehmer und der Politik passieren, weil es ja, ich finde es immer noch verrückt, dass Unternehmen eigentlich quasi produzieren können und verkaufen können, was sie wollen, ohne dass sie darüber nachdenken, was für Folgen hat das. Und ich sitze hier alleine in meinem Zuhause und ärgere mich, dass die Gurke in Plastik verpackt ist. Das steht einfach nicht im Verhältnis. Das finde ich, da ist eine große Verantwortung, wo man natürlich politisch auch extrem viel einfach erreichen könnte. Nicht indem man Firmen verbietet, sondern aber indem man Firmen sagt: Ey, du hast auch eine Verantwortung. Wir können nicht einfach die kleinen armen Leute zu Hause lassen, dass die sich schuldig fühlen, so wie du gesagt hast, wenn du nicht im Unverpacktladen einkaufst, sondern wenn du irgendwo anders einkaufst. Die müssen da viel aktiver werden.
Boykottaktionen
Du hast gerade so auch den Boykott oder was vermeiden, wir, was lassen wir sein, angesprochen. Jetzt gab es ja in der Vergangenheit auch so Boykottaktionen. Zum Beispiel wurde zum Boykott von dm aufgerufen, als sich da der Geschäftsführer für einige Menschen nicht stark genug von der AfD distanziert hat. Wie sinnvoll ist das? Oder dir selber ist das auch passiert, dass du sozusagen so eine Art Shitstorm auch aushalten musstest, weil du ein Produkt von Müller vor der Kamera probiert hast und eben von diesem Skandal um den Gründer oder Inhaber der Firma nichts wusstest. Ist es überhaupt sinnvoll zu boykottieren, wenn man mit dem Verhalten von Herstellern nicht zufrieden ist? Ja, ist ein Thema. Ich glaube, da könnten wir zwei Stunden drüber diskutieren. Ich versuche mich kurz zu fassen. Ich finde ja und nein, weil also wir nehmen jetzt einfach mal eins von den beiden Beispielen. Wenn wir eine Firma davon boykottieren, würden wirklich alle in Deutschland, würde die Firma natürlich sehr schnell in die Insolvenz gehen. Es würden ganz viele Arbeitsplätze auf einmal wegfallen von Menschen, die halt ja auch einen richtig guten Job machen und die ja vielleicht nicht alle in diese eine Richtung von der Politik her gehen. Die Herausforderung beim Boykott ist immer, dass es wirklich halt ja von vielen gemacht werden muss. Wenn ich jetzt, ich nehme wieder mich als Beispiel, sagen wir, mein Kind liebt Knick-Joghurts. Ich verbiete dem jetzt aber, Knick-Joghurts zu essen und habe jedes Mal im Supermarkt eine Diskussion. Aber ich will ums Verrecken halt diese Firma boykottieren. Damit mache ich mir ja super viel Stress. Alle, die Kinder haben, die schreiend auf dem Boden liegen beim Einkaufen, die wissen, was ich meine. Wenn ich mir jetzt aber einfach denke: Okay, komm, ich kaufe dir jetzt einmal die Woche diesen Knick-Joghurt, werde aber auf der anderen Seite gehe ich halt regelmäßig wählen, was ich vielleicht sonst auch nicht geschafft habe, da mache ich ja vielleicht schon mal viel mehr als einmal diese Firma zu boykottieren, die vielleicht am Ende nur ein Prozent der Leute boykottiert, die da vorher eingekauft hat. Und wir merken nichts. Also ich würde niemals sagen, dass Boykott generell schlecht ist. Boykott ist eine gute Sache, wenn wir es mit ganz vielen Leuten zusammen machen. Bei dm auch so ein klassisches Beispiel. Da gibt es halt das Lieblingsmüsli von einem unserer Söhne und wir haben vier andere gekauft und der hat die alle nicht gegessen. Natürlich könnte man jetzt sagen: Warte, eine Woche, dann wird er schon was anderes essen. Aber ich finde, das ist immer so ein Abwägen. Die Herausforderung beim Boykott finde ich auch immer noch, ist, dass wir als Konsumentinnen oft ja gar nicht wissen, was boykottieren wir da. Ich habe ja selber mal Kosmetik herstellen lassen, festes Shampoo war das und Seife. Und ich weiß mittlerweile, wenn ich das feste Shampoo „made in Germany“ kaufe, sind mindestens drei bis fünf Inhaltsstoffe aus irgendwelchen anderen Ländern da drin. Das sind Duftstoffe, das sind Tenside und so weiter. Und dann weiß ich ja gar nicht, wer hat diese Produkte zugeliefert? Und bei Lebensmitteln ist das ja das gleiche. Da kommt ja auch ganz viel aus unterschiedlichen Ländern und wir wissen am Endeffekt ja überhaupt gar nicht, wo ist was drin. Oder auch bei Lebensmitteln sind es ja oft diese No-Name-Marken, kennst du wahrscheinlich auch. Ja, und wie die alle heißen. Da wissen wir gar nicht, wer stellt die überhaupt her? Da gibt es jetzt, ich weiß gar nicht mehr, wie die heißen, Markendetektive oder so, die machen da ganz viel Aufklärung zu dem Thema. Ist auch super spannend, aber als Konsumentin ist es nicht möglich, da irgendeine Lieferkette nachzuverfolgen und zu sagen: Okay, wenn ich jetzt aber im Discounter den Joghurt kaufe, dann bin ich safe. Ich muss da gerade an so ein fertiges Tiefkühlessen denken, wo eben viele leckere Sachen drin sind. Und es gibt eben eine Firma, die schreibt explizit drauf, wo was herkommt. Und dann kommen weiß ich nicht, die Erbsen kommen aus Polen und die Sprossen kommen aus Marokko. Und man ist so: Oh krass! Also das hat man sich natürlich irgendwie gar nicht vorgestellt oder sich Gedanken darüber gemacht, dass sozusagen jedes Gemüse oder jede Nudel, die da drin ist, aus einem anderen Land kommen kann.
Informationsquellen
Ja, für mich war zum Beispiel auch so ein Nerdwissen. Das finde ich immer cool. Barilla sind ja eigentlich so italienische Nudeln, aber die schreiben auf ihrer Webseite auch selber, dass die natürlich den Weizen und Rohstoffe, ich glaube, aus USA oder Asien zukaufen müssen teilweise. Und darüber denkt man dann gar nicht nach. Und am Ende boykottiert wissen wir eigentlich gar nicht, was wir boykottieren. Das finde ich immer so blöd, dass man das nicht rausfinden kann. Hast du denn da einen Tipp, wo man sich informieren kann, wenn man sich darüber mehr informieren möchte? Bei Lebensmitteln ist es vor allen Dingen wirklich Markendetektive. Das ist, glaube ich, so eine App, wo man dann einmal abscannen kann. Dann weiß man auf jeden Fall, wer hat dieses No-Name-Produkt gemacht, also von welcher Firma ist das No-Name-Produkt. Bei Lebensmitteln gibt es sonst eigentlich nichts. Das ist eine schwierige Industrie auch. Genau, bei Kleidung wird es ja hoffentlich bald mal ein Lieferkettengesetz und sowas geben, wo das drinsteht. Aber auch da kann man eigentlich nichts machen, außer sich eine Lieferantenliste, zum Beispiel bei H&M, anzugucken, wo 4000 Zulieferer drinstehen. Aber man weiß dann nicht, wer hat die Hose jetzt gemacht. Und wenn man wirklich Interesse daran hat, dann soll man bitte mir schreiben, weil das ist so ein Thema, wo ich sage, das macht ihr bitte alle nicht, weil dann seid ihr im Burnout. Dann sitzt ihr nämlich jeden Abend da und versucht, das rauszufinden. Ja, krass! Das stelle ich mir gerade so bildlich vor, wie alle irgendwie versuchen, diese Infos zu sammeln und da nicht weiterkommen. Was natürlich gut ist, das wäre dann der Gegenteil vom Boykott, wenn alle Leute, die diesen Podcast hören, auf einmal alle Marken anfangen anzuschreiben: Wo kommen eigentlich eure Rohstoffe her? Wo kommt dies her? Wo kommt das her? Ich glaube, das Wichtigste ist einfach das, was du sagst, dass man beim Essen einfach dran denkt. Und vielleicht hat man dann ja mal Bock auf Instagram, TikTok oder eine E-Mail an das Unternehmen zu schreiben.
Künstliche Intelligenz
Bitte widmet eure Aufmerksamkeit doch kurz unserem Werbepartner. Ihr wollt 100 % Ökostrom? Dann wechselt jetzt zu Lichtblick, Deutschlands größtem reinen Ökostromanbieter. Hier bekommt ihr Ökostrom aus Sonne und Wind, intelligente E-Mobilität und Solaranlagen für günstigen Strom vom eigenen Dach. Ich würde noch ein ganz anderes Thema ansprechen, weil du hast ein Kapitel im Buch, das heißt: Wer nachhaltig lebt, muss künstliche Intelligenz verurteilen. Und trotzdem beschreibst du, dass du super begeistert bist und KI nutzt. Wie passt denn das zusammen? Erzähl mal. Ja, da bin ich dann zu babbelig unterwegs auf Social Media. Tatsächlich, ich habe eine Zeit lang mal so ein bisschen Aufklärungsvideos über künstliche Intelligenz gemacht und auch gezeigt, wie die einem helfen kann, weniger zu konsumieren und habe dann sehr oft Hate bekommen, wie ich denn künstliche Intelligenz bewerben könnte. Habe ich natürlich nicht beworben, wenn ich doch weiß, wie viel Ressourcen die verbraucht. Und ich bin selber Prompt Engineering, habe letztes Jahr eine Weiterbildung gemacht und gebe Kurse für weniger Mental Health im Alltag für Eltern, weil auch da sage ich: Das ist eigentlich perfekt die Erklärung für das Thema Boykott. Wir können jetzt alle KI boykottieren, aber in Wirklichkeit wissen wir, dass auch die Leute, die sage ich, boykottieren, dass sie sie trotzdem nutzen, weil wir nutzen halt Google Maps, wir shoppen online. Diese Produkte, wie die angeordnet sind, das machen ganz oft schon KIs, die die anordnen. Da sitzt nicht mehr jemand und sagt: Das gelbe T-Shirt soll vorne sein, dann das rote. Nein, das macht eine KI. Es gibt ganz viele Beispiele, wo wir schon KI nutzen, ohne dass wir es wissen. Und ich sage gerne: Wenn du KI-Tools nutzt im Alltag, meinen wir ja oft wie ChatGPT, Claude oder Gemini, dann mach das, aber überleg dir, wofür die die nutzt. Ich habe zum Beispiel gestern zwei Jungs im Zug gesehen. Wir wussten dann nicht genau, welchen Bus sie nehmen sollen und haben dann einfach Gemini erklärt, was sie machen wollen, wo sie hinwollen und welchen Bus sie nehmen wollen. Dann dachte ich: Okay, Leute, das hätte man auch einfach mal kurz mit Google Maps machen können. Das hätte weniger Ressourcenverbrauch und ihr hättet nochmal gelernt, selber nachzudenken. Ich weiß auch von meinen Studis, zum Beispiel, die haben alle KI genutzt. Das wusste ich aber erst, nachdem ich mit ihnen offen darüber geredet habe. Aber die haben eigentlich auch gesagt: Eigentlich wollen sie es nicht benutzen, aber sie benutzen es halt trotzdem.
Fazit
Ja, manchmal, also ich sehe das sozusagen auch bei meinen KollegInnen, dass ich manchmal so denke: Ach ja, stimmt, das hätte man ja vielleicht mal KI fragen können, während ich sozusagen da vielleicht noch ein bisschen zu altmodisch bin an ein paar Stellen. Ja, aber man kann wirklich auch mal sehen, was KI schon alles bewirkt. Es gibt zum Beispiel Startups, die verhindern Lebensmittelverschwendung in Unternehmen, indem die zum Beispiel Bestellprozesse automatisieren und sich angucken, automatisiert, was wird wirklich nachgefragt. Oder letztens habe ich einen kennengelernt, Laurent Nieste, glaube ich, der baut gerade eine App, mit der du ein Kleidungsstück abfotografierst und dann sagt die App dir direkt: Okay, wir verkaufen die da und da, weil da wirst du am meisten bekommen. Und dann listet die App dir direkt auf fünf Second-Hand-Plattformen. Wow! Ich bin ganz ehrlich, wenn ich Kinderkleidung bei Vinted einstelle, ich mache es erst gar nicht, weil ich keinen Bock darauf habe. Mit der App würde ich es sehr wahrscheinlich machen und mehr dafür sorgen, dass Sachen im Umlauf wären. Man muss natürlich immer noch gucken, wie ist der Kosten-Nutzen-Effekt da. Aber dass man da auch nicht einfach generell sagt: Ne, nutze ich nicht, finde ich richtig schlecht, sondern dass man sich ein bisschen informiert, was können KI-Tools wirklich schon viele nutzen. Zum Beispiel, gerade im Textilesorting wird KI genutzt, um zu analysieren, welches Textil das ist. Ich finde, das ist immer noch besser als jeden Tag eine LKW-Ladung Textilien irgendwo an den Strand zu kippen.
Welt retten ohne Burnout
Ja, spannend! Da folge ich im Netz auch ein paar Leuten, die so kleinere Projekte regelmäßig zeigen und sagen: „Hier, guck mal, das macht der und der.“ Ich finde es total spannend, was da schon möglich ist. Das coolste Beispiel fand ich eigentlich von einer Mama, die mir folgt. Sie hat mir erzählt, dass sie ein Kind hat, das pflegebedürftig ist, und sie ist jetzt für drei Wochen, glaube ich, in Kur gefahren. Sie hat alles aufs Bett geworfen, was sie eingepackt hat, hat ein Foto gemacht und gesagt: „So, mein Kind hat das und das. Was habe ich vergessen?“ Dann kam heraus, dass sie drei Sachen vergessen hatte, die sie dann später in der Kur noch kaufen musste, irgendwo wo keine Infrastruktur ist. Genau, da hat sie gesagt, das wäre für mich nachher so stressig gewesen, die Sachen zu besorgen, dass ich froh bin, dass ich das einmal gemacht habe. Wahnsinn! Keine privaten Daten preisgeben, aber dafür würde ich halt sagen: Ey, das nimmt so viel Entlastung aus dem Alltag weg, dass du dann vielleicht nicht noch in eine Depression rutschst, sondern dir da irgendwie Unterstützung holen könntest.
Abschließende Gedanken
Lass uns doch zum Schluss nochmal auf den Titel von deinem Buch zurückkommen: „Welt retten ohne Burnout“. Das kann ja ganz unterschiedlich aussehen, das beschreibst du ja auch im Buch. Aber vielleicht nochmal so ein kleines Takeaway zum Schluss: Ganz konkret, wie rette ich die Welt, ohne daran kaputt zu gehen? Ein kleines Takeaway zum Schluss, das ist etwas, was ich auf jeden Fall nicht kann. Dann ein großes, dann lass uns ausschweifend denken zusammen. Also, wenn man wirklich etwas für die Umwelt tun will und dafür sorgen will, dass wir Menschen alle länger auf der Welt leben, sollte man sich ein paar Merksätze im Kopf haben. Zum Beispiel: Wenn ich keine eigenen Kinder habe, habe ich vielleicht doch Verantwortung für andere Menschen. Was kann ich tun, um dieser Verantwortung so ein bisschen gerecht zu werden? Für mich: Ich muss ja jetzt nicht umhergehen und alle versuchen zu belehren, sondern ich kann gucken, was kann ich mit meinen Ressourcen machen? Was ich schon gesagt hatte: Stromanbieter, Bank. Aber kann ich vielleicht noch ehrenamtlich Lebensmittel retten gehen oder etwas anderes? Oder kann ich in Ruhe mit Freunden mal darüber reden und mit denen eine Doku zusammen gucken oder so? Also, ich finde immer wichtig, dass man bei Weltretten auch andere Menschen mitreißt. Und cool mitreißt. Und wenn ich jetzt meinen Freunden sage: „Ihr seid alle doof, weil ihr nicht vegan lebt“, dann habe ich nachher keine Freunde, und die finden mich alle doof. Aber wenn ich sie zum Essen einlade und nebenbei sage: „Ich habe das jetzt mal tierfrei gemacht, damit wir alle mitessen können“, dann gewinne ich sie vielleicht eher. Und dass wir aber auch tatsächlich verstehen, dass so Sachen wie Petitionen, die es gibt, eine Auswirkung haben. Dass ich den Politikerinnen schreiben kann, die für mich verantwortlich sind, und dass ich einfach wählen gehen kann. Und ich finde, damit macht man einfach schon unfassbar viel. Und gerade, wie du auch sagst, du hast ganz viele Dokus auf der Liste, die du eigentlich gar nicht unbedingt gucken willst, weil man weiß ja einfach alles. Aber dass man auch anerkennt, dass man informiert bleibt. An der Stelle muss ich aber ehrlich sagen, dass ich auch manchmal drei Wochen lang mir überhaupt gar keine Nachrichten angucke, weil es mir zu viel ist. Also, dass man für sich die Balance einfach findet und dass man jetzt zum Beispiel auch nicht denkt: „Ich muss gerade meinen Job kündigen bei der Unternehmensberatung, und ich berate eigentlich nur Unternehmen, die gar nicht nachhaltig sind. Ich muss sofort kündigen und etwas Nachhaltiges aufbauen.“ Sondern dass man auch akzeptiert, dass man selber Grenzen hat. Und wenn der Job der ist, der mir gerade Spaß macht und der das Einkommen sichert, dann macht man halt andere Sachen. Ich finde auch den Gedanken, den du am Anfang gesagt hast, dieses: Es geht doch um Menschen und um Verbindungen. Egal, ob wir eigene Kinder haben oder ob es die Kinder meiner Freunde sind oder meine Nichten und Neffen, die künftigen Generationen. Wenn wir uns die sozusagen vor Augen führen, dann wissen wir doch, für wen wir das tun. Ja, genau, das stimmt. Ich hätte noch ein Beispiel. Ich wurde mal in ein Museum eingeladen, tatsächlich irgendwo ganz, ganz rechts auf der Weltkarte in Deutschland. Ich weiß den Ort leider nicht mehr. Aber das war ein ganz kleines Textilmuseum in einer Stadt mit 6.000 oder 8.000 Einwohnerinnen. Ich habe mit der Leiterin von dem Textilmuseum gesprochen, und die war eine krasse Inspiration. Denn an dem Tag haben sie einen Kleidertausch gemacht, aber auch eine Modenschau dazu aus abgecycelten Stücken. Und sie meinte zu mir: „Du, Anke, hätte ich nur diesen Kleidertausch gemacht, wäre hier niemand gekommen, weil keiner weiß, was Kleidertausch ist. Second Hand finden viele super eklig, denken, das wäre nur billiger Ramsch, und Second Hand trägt man ja nicht.“ Und sie war so clever und hat das Ding umgedreht und gesagt: „Wir machen einfach eine Modenschau aus Upcycling-Sachen mit einer Modehochschule.“ Und das Krasse war, am Ende machen wir so einen kleinen Kleidertausch, wo wir darauf hinweisen. Und das Krasse war, dass der Raum voller war als geplant. Es war nachher so voll, dass keiner mehr in diesen Raum reingehen konnte. Alle waren überrascht, wie voll es einfach war. Und sie meinte, das Krasse ist, dass sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit 90 in dem Raum mit dem Thema Second Hand, Upcycling und Kleidertausch erreicht hat, die sonst nie über solche Themen reden würden oder nachdenken würden. Und das war genau das, was du sagst: Es geht immer um Gemeinsamkeit. Und da haben nachher dann Leute über das Thema geredet, die es sonst nicht interessiert hat. Ich bin sicher, die haben danach noch mehr gemacht oder manche haben sich sogar getroffen, um selber mal Kleider zu tauschen. Und so funktioniert es halt irgendwie. Das sagt Anke Schmidt, die mit „Welt retten ohne Burnout“ ein Buch mit vielen Anregungen zum nachhaltigen Handeln geschrieben hat. Und das war der Klimapodcast von detektor.fm für diese Woche. Lasst uns gerne ein Abo da, wenn euch gefällt, was wir hier machen. Dann sorgt ihr nämlich dafür, dass auch andere Menschen diesen Podcast finden, die sich für die Themen interessieren könnten und die uns noch nicht kennen. Ganz lieben Dank! Liebe Anke, vielen Dank für das Gespräch! Erstmal auch noch. Ja, gerne, danke für die Einladung. Die Audioproduktion für diese Folge hatte Clemens Möller, und wir hören uns nächste Woche wieder, wenn ihr mögt. Ich bin Ina Lebedjew. Macht’s gut! Tschüss. 100 Prozent Ökostrom.