High sein ohne Drogen
Wie Atemtechniken, Hypnose und Trance unser Bewusstsein verändern und warum die Forschung darin ein großes therapeutisches Potenzial sieht. Das ist unser Thema heute hier im Spektrum Podcast. Mein Name ist Marc Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid! Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.
Einstieg
Hand aufs Herz: Wer von euch war schon mal so richtig high? Keine Sorge, niemand muss sich outen, aber ich sage mal, statistisch betrachtet müssen es schon einige gewesen sein. Und das Gefühl, high zu sein, das ist krass. Kein Wunder, dass viele Menschen immer wieder versuchen, in diesen Zustand zu kommen.
Aber was passiert da eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir dieses Gefühl haben, aus unserem normalen Bewusstsein rauszutreten? Und kann man dieses Gefühl vielleicht auch ohne Drogen herstellen? Es gibt nämlich Leute, die genau das behaupten. Mit Atemtechniken, mit Hypnose, Meditation und anderen Verfahren sollen sich angeblich Bewusstseinszustände so verändern lassen, dass dieses High-Gefühl entsteht.
Neurowissenschaftliche Perspektive
Und jetzt wird es interessant: So etwas wird ja oft als spirituelles Ritual oder so ein bisschen als Esoterik abgetan. Aber was da vor sich geht, das interessiert heute zunehmend auch die Neurowissenschaften. Denn dabei steht die große Frage im Raum: Könnten solche bewusstseinsverändernden Techniken künftig therapeutisch genutzt werden? Etwa bei Depressionen, bei Angststörungen oder Traumata?
Über all das will ich heute sprechen, und zwar mit Anna Lorenzen. Die ist Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft und heute mein Gast hier im Podcast. Hallo, Anna!
Hallo, Marc!
Veränderte Bewusstseinszustände
Anna, was versteht man denn eigentlich unter veränderten Bewusstseinszuständen? Es gibt Substanzen oder Praktiken, die verändern, wie wir uns selbst und unsere Umwelt wahrnehmen. Also, wie wir denken, wie wir Zeit und Raum wahrnehmen. Unter veränderten Bewusstseinszuständen kann man zum Beispiel eine gesteigerte Sinneswahrnehmung haben oder auch einen veränderten Aufmerksamkeitsfokus, wie beim Meditieren zum Beispiel.
Bei der sogenannten Egoauflösung verschwindet sogar die Grenze zwischen Ich und Umwelt, und das kann ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit der Welt oder anderen Menschen auslösen.
Suche nach Trance-Erfahrungen
Und was meinst du, warum suchen Menschen wahrscheinlich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden nach solchen Trance- und Grenzerfahrungen? Das scheint mir etwas Urmenschliches zu sein. Und heutzutage wollen viele Menschen wahrscheinlich einfach dem Alltag entfliehen. Quasi eine Auszeit vom Ich nehmen. Das ist ja auch total verlockend, also sich der Last der Alltagssorgen zu befreien und quasi einfach mal vielleicht auch eine neue Perspektive einzunehmen.
Ein Aspekt ist sicherlich auch, sich in Euphorie oder Ekstase zu versetzen. Und da muss man vielleicht auch unterscheiden zwischen einfachem Alkoholrausch und spirituellem Rausch. Bei letzterem geht es vermutlich mehr um Selbstfindung, Bewusstseinserweiterung oder Verbundenheit mit dem Universum. Und sowas wie Trommelrituale in der Gruppe können ja auch das Gefühl tiefer Verbundenheit miteinander schaffen.
Atemtechniken und ihre Wirkung
Ja, genau. Also man muss auch bei den Rauschzuständen noch ein bisschen aufpassen: Nicht jeder Rausch ist gleich bewusstseinsverändernd. Und jetzt ist es ja so, dass Drogen eben auch ihre Probleme machen und haben und ihre negativen Konsequenzen. Und deshalb beschäftigen sich viele Leute mit der Frage, ob man so Bewusstseinsveränderungen nicht auch ohne Drogen auslösen kann.
Und ein großes Thema dabei sind bestimmte Atemtechniken. Wie läuft das ab? Und vor allem lässt sich das wirklich auch wissenschaftlich halten, was da so behauptet wird? Man nennt solche Atemtechniken Breathwork, und das hat seinen Ursprung im Yoga, im Buddhismus und Schamanismus.
Es gibt da eine Unterform, die nennt sich holotropes Atmen, und dabei kommt es darauf an, sehr tief und beschleunigt zu atmen – und das zwei bis drei Stunden lang. Also man atmet tief in den Bauch, ohne zwischen Ein- und Ausatmen eine Pause zu machen. Man hyperventiliert quasi über einen sehr langen Zeitraum, und dann passiert etwas Spannendes.
Physiologische Veränderungen
Also der Sauerstoff im Blut wird erhöht, aber gleichzeitig geht der Kohlenstoffdioxidgehalt runter. Dadurch ziehen sich die Blutgefäße zusammen, und infolgedessen sinkt die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn. Man provoziert quasi einen Sauerstoffmangel im Oberstübchen, und das kann eine Art Euphorie auslösen, weil das Gehirn dann bestimmte Neurotransmitter ausschüttet.
Es gibt bisher nicht so viel Forschung dazu. 2025 erschien eine erste MAT-Studie zu hyperventilierendem Atmen, und es kam dabei heraus, dass je niedriger der Kohlendioxidgehalt in der Atemluft der Probanden war, desto intensiver war ihre Erfahrung. Und diese Erfahrung ähnelt denjenigen, die man auch hat bei einer vollen Dosis Psilocybin, also dem Wirkstoff in halluzinogenen Pilzen.
Menschen können also einen psychedelischen Trip erleben, indem sie willentlich hyperventilieren. Und es gibt Hinweise darauf, dass dieses holotrope Atmen die Hirndynamiken auf eine ähnliche Weise verändern kann wie bei Psychedelikern.
Risiken und Vorsichtsmaßnahmen
Das ist sehr, sehr spannend, aber klingt auch ziemlich gefährlich, oder? Ja, also in dem Maß und in der Dauer, wie so eine typische Atem-Session abläuft, ist es für gesunde Teilnehmende nicht gefährlich. Trotzdem können hyperventilierende Atemtechniken ja schon starke Nebenwirkungen haben. Es kann zu Schwindel kommen, Sehstörungen, Muskelkrämpfen, Benommenheit bis zu Ohnmacht.
Daher sollte man das unbedingt unter Anleitung machen, also niemals alleine. Und besonders Menschen mit Vorerkrankungen oder Neigung zu Panikattacken sollten das zumindest mit ihrem Arzt absprechen. Das gilt auch für Menschen mit Epilepsie, Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen. Die sollten es vermutlich ganz meiden beziehungsweise unbedingt abklären lassen, ob das okay ist.
Hypnose als weiteres Thema
Also so viel zum Thema Atemtechniken. Ein großer Punkt bei Bewusstsein verändern ohne Drogen. Und ein weiterer ist natürlich das große Thema Hypnose. Wie sieht es denn damit aus? Ist da was dran? Kann das wirken? Das fragen sich ja auch viele Menschen, nicht nur beim Thema Bewusstseinsveränderung.
Hypnose ist deutlich besser erforscht als zum Beispiel holotropes Atmen oder Trommelrituale. Während hypnotischer Trance ist man in einem tiefen, entspannten Wachzustand, der durch eine stark eingeschränkte Aufmerksamkeit quasi gekennzeichnet ist. Und die Hypnose geht auch mit einer messbar veränderten Hirnaktivität einher. Es kommen dann verstärkt sogenannte Theta-Wellen vor.
Und diese Schwingung tritt normalerweise im Halbschlaf und beim Träumen auf. Man kann Menschen, die in einem hypnotischen Zustand sind, suggestiv beeinflussen. Zum Beispiel: Du hast jetzt keine Angst mehr vor Prüfungen oder du willst keine Zigaretten mehr rauchen.
Forschung zur Hypnose
Und dass diese Suggestion funktioniert, das hat eine Studie gezeigt mit dem berühmten Stroop-Test aus der Kognitionspsychologie. Hier müssen Probanden die Farbe der Buchstaben von Wörtern benennen. Diese Wörter sind aber ihrerseits in einer anderen Farbe gedruckt. Zum Beispiel das Wort „Rot“, das aber in Blau gezeigt ist.
Und solche widersprüchlichen Reize führen zu langsamer Reaktion und mehr Fehlern. Und unter Hypnose kann man diesen Stroop-Effekt deutlich abmildern. Da machen die Probanden auch weniger Fehler, indem man ihnen suggeriert: Die Buchstaben, die du da siehst, das ist einfach nur eine Aneinanderreihung von Symbolen ohne Sinn. Und somit kann man den Stroop-Effekt quasi abschwächen.
Meta-Analysen weisen darauf hin, dass Hypnose auch in der klinischen Praxis wirksam sein kann, zum Beispiel bei Angststörungen und akuten Schmerzen.
Herausforderungen in der Forschung
Du sagst, es gibt da mehr Forschung zu Hypnose als zu diesen Atemtechniken. Aber insgesamt stelle ich mir vor, ist es schon auch sehr schwierig, diese Zustände zu erforschen, oder? Also Trance, Hypnose, auch Meditation und was da so passiert. Ja, also ein Grund ist, dass die Forschung dazu so wenig gefördert wird, weil dem immer noch so ein bisschen was Esoterisches anhaftet.
Deswegen werden Studien auch häufiger von privaten Geldgebern finanziert. Und diejenigen Studien, die es dazu gibt, die sind teilweise schwer zu interpretieren, denn die sind in ihrer Methodik sehr heterogen, haben oft nur wenig Probanden und es werden oft auch nur subjektive Erfahrungen erfasst.
Hinzu kommt, dass ja Bewusstseinszustände schwer zu erfassen sind und die Erfahrungen ja super individuell sind und total verschiedene Hirnnetzwerke zum Teil betroffen sind. Also es sind methodische Faktoren, aber es hat auch wenig Förderung, weshalb das noch so wenig erforscht ist.
Fazit zur Bewusstseinsforschung
Ja, mein Gefühl ist auch, dass wir so am Konzept Bewusstsein vieles auch noch gar nicht so gut durchstiegen haben, oder? Also das gibt einem ja schon auch noch ein bisschen Rätsel auf. Genau, also um einen veränderten Bewusstseinszustand zu definieren, müsste man sich ja erstmal darauf einigen, was ist ein normaler Bewusstseinszustand?
Und genau hier liegt das Problem. Also es gibt halt noch keine allgemeine Definition des Bewusstseins. Das ist einfach ein schwer zu fassendes Konzept, und es gibt verschiedene Bewusstseinstheorien, aber noch keinen Konsens, welcher davon korrekt ist.
Zukünftige Forschung
Und jetzt hofft man tatsächlich, auch diese Praktiken vielleicht in Zukunft einsetzen zu können, um ja ein Teil medizinischer Therapien zu werden. Welche Forschung gibt es denn dazu gerade? Aktuell arbeiten Frankfurter Forschende zum Beispiel in einer ersten Studie mit klinischen Probanden zu holotropem Atmen.
Denn für Depressionen, Angststörungen und Traumata gilt ja eigentlich die Psilocybin- und LSD-gestützte Psychotherapie schon als vielversprechend. Und die Substanzen sind ja aktuell noch nicht für therapeutische Zwecke zugelassen. Und holotropes Atmen, das ähnliche Bewusstseinszustände auslösen kann, könnte somit für derartige Störungen auch ein leichter zugänglicher Ersatz sein.
Am Uniklinikum Lüttich, das ist ein Hotspot der Hypnoseforschung, untersucht man aktuell auch andere Rituale, die in eine Trance führen. Zum Beispiel die sogenannte induzierte kognitive Trance, die soll dann auch in der Klinik eingesetzt werden.
Hypnose wird ja in Deutschland schon als Therapeutikum eingesetzt in speziellen Kliniken und Reha-Zentren. Hypnotherapie dient vor allem in der Psychotherapie als Behandlungszusatz bei Ängsten und Schmerzbewältigung. Und Hypnosedierung ist eine Methode, um eine Operation schmerzfrei zu begleiten, bei vollem Bewusstsein.
Abschluss
Also es gibt einige Praktiken, die bereits eingesetzt werden, bei anderen wird noch geforscht. Also ganz spannende Forschung da beim Thema bewusstseinsverändernde Praktiken, eben high ohne Drogen. Und nachlesen könnt ihr das alles nochmal auf spektrum.de.
Und Anna, dir sage ich vielen, vielen Dank fürs Erklären!
Sehr gerne!
Vielen, vielen Dank dafür, dass ihr diese Woche zugehört habt. Beim Spektrum Podcast gibt es nächsten Freitag wie immer eine neue Folge. Bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr kommentiert, bewertet und teilt. Vielen, vielen Dank dafür! Mein Name ist Marc Zimmer, und ich sage Tschüss und macht’s gut! Spektrum der Wissenschaft, der Podcast von detektor.fm.