Comeback der Kernenergie
Das hätte man vor ein paar Jahren auch nicht erwartet: Die Kernenergie erlebt so eine Art Comeback. Viele Länder wollen wieder Atomkraftwerke bauen und teilweise in Mini-Versionen. Was es damit auf sich hat und wie das zu bewerten ist, das erfahrt ihr heute bei uns hier im Spektrum Podcast. Mein Name ist Marc Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm.
Wales und Anglesey
Wart ihr schon mal in Wales? Ganz im Norden von Wales gibt es eine Insel, die ist etwa so groß wie Rügen. Anglesey heißt die. Und da gibt es vor allem Wiesen, könnte man sagen. Es gibt ein paar mittelalterliche Burgen und so habe ich gehört: mehr Schafe als Menschen. Und außerdem gibt es da auch noch den Ort mit dem allerlängsten Namen in Europa. Der hat 58 Buchstaben und es sind fast nur Konsonanten. Also Walisisch pur. Eine ganz, ganz lustige und komische Sprache, so als Außenstehender. Ich werde das jetzt nicht versuchen, hier auszusprechen, aber ihr könnt ja mal googeln: den längsten Ortsnamen Europas.
So, und jetzt denkt ihr: Was erzählt er uns von Wales und was hat er sich da alles zusammen gegoogelt? Aber nein, ich kenne mich da sogar ein kleines bisschen aus. Ich habe da nämlich mal ein Semester studiert, da oben in Nordwales. Das ist zwar schon eine ganze Weile her, aber tatsächlich war ich damals auch öfter auf eben erwähnter Insel Anglesey. Da muss man nur über so eine Brücke rüber von der Stadt, wo ich da studiert habe. Nur was ich nicht wusste: Während ich da war, mitten in dieser ländlichen Idylle, da liegt ein Atomkraftwerk. Einfach mal so. Und das lief sogar noch, als ich damals dort Erasmus gemacht habe.
Mini-AKWs und ihre Hoffnungen
So, und jetzt sind wir beim eigentlichen Thema. Dieses alte Kraftwerk soll jetzt zu einer ganz neuen Generation von Atomkraftwerken werden. Und zwar in so einer Art Miniaturvariante. Da stecken ganz, ganz große Hoffnungen drin, aber natürlich gibt es auch eine Menge Kritik. Und damit hat sich Thomas Siebel gerade ausführlich beschäftigt. Der ist Ingenieur und Redakteur für Physical Sciences bei Spektrum der Wissenschaft. Hallo Thomas.
Hallo Marc. Ja, Thomas, das Ganze nennt sich also, diese Mini-AKWs, Small Modular Reactors. So heißt die Technologie, also um die es geht. Wie funktionieren denn diese kurz gesagt SMRs und worin unterscheiden sie sich vielleicht auch von den klassischen Atomkraftwerken? Genau, also der Name sagt es ja schon: Sie sind small, also klein und modular. Man kann sich das vorstellen: Man hat so einen Baukasten von Atomreaktoren. Den kann man nutzen, um sich sein Atomkraftwerk so zurechtzubauen, wie man es eben gerade braucht. Jetzt mal ganz vereinfacht gesprochen.
Und klein bedeutet in dem Fall, die haben eine Leistung von ungefähr 300 Megawatt, so die Ecke. Die konventionellen Kernreaktoren, die wir hier in Deutschland stehen hatten oder die auch ansonsten in Europa noch in Betrieb sind, die sind drei- oder viermal so stark und so groß eben auch. Und der entscheidende Unterschied bei den SMRs ist jetzt eben, dass sie in der Fabrik gefertigt werden sollen. Das gibt es so in dieser Weise bislang noch nicht bei den konventionellen Atomkraftwerken. Die werden vor Ort am Standort, wo sie eben mal stehen sollen, aufgebaut. Das Ganze dauert jahrelang, riesige Projekte, enorm teuer. Wir kennen das ja alles.
Transport und Kosten
So, und diese SMRs, die sollen jetzt aus der Fabrik kommen. Die Komponenten sollen dann in großen Stückzahlen gebaut werden, vor allem die zwei Hauptkomponenten: die Reaktoren und die Kühlkreisläufe dieser kleinen Minikraftwerke. Und diese Teile sollen dann per Zug oder Schiff oder LKW fertig zum Standort des Atomkraftwerks dann eben transportiert werden. Dort werden sie noch, jetzt vereinfacht gesprochen, in Fundament gesetzt, zusammenmontiert, angeschlossen ans Stromnetz angeschlossen. Und dann sollen die nach drei Jahren Strom produzieren. Das sind so die Versprechen der Atomindustrie.
Klingt alles ganz großartig, gemessen an dem, was wir bislang oder aus den letzten Jahren so kennen aus der Atomkraft. Und dadurch, dass diese Kraftwerke also in der Fabrik produziert werden sollen, in großen Stückzahlen, irgendwann mal, sollen die Kosten dieser Atomkraftwerke massiv gesenkt werden. Das ist so das, was man sich davon erwartet. Ja, weil bisher, das muss man vielleicht mal dazu sagen, also kann man sich wahrscheinlich auch vorstellen, ein Atomkraftwerk zu bauen, ist wirklich unfassbar teuer bisher.
Aktuelles Beispiel in Wales
Und jetzt kommen wir doch mal zu diesem konkreten Beispiel in Wales. Was entsteht denn da gerade und wie weit ist man da? Genau, du bist ja gerade auf die Insel eingegangen. Die zieht ansonsten ja Urlauber, Naturliebhaber oder in Ausnahmefällen auch mal Studenten an. Ansonsten ist die Struktur schwach, wie man so schön oder so unschön sagt. Also da wandern die jungen Leute ab. Die wollen dort nicht mehr bleiben. Die Insel hat tatsächlich bessere Zeiten erlebt, zum Beispiel die Zeit, als dort mal ein Atomkraftwerk stand. Das war 35 Jahre lang in Betrieb bis 2015. Da wurde es vom Netz genommen.
Danach hat man versucht, ein neues Atomkraftwerk dort aufzubauen. Das ist gescheitert, zu teuer, wie man es so kennt. Und vor wenigen Jahren hat die britische Regierung dann das Golden Age of Nuclear ausgerufen. Die wollen also groß wieder in die Kernkraft einsteigen in Großbritannien. Zwei große Kernkraftwerke werden dort jetzt gebaut: Hinckley Point C und Sizewall C. Und auf dieser Insel Anglesey sollen jetzt also drei SMRs gebaut werden, auf dem Gelände dieses stillgelegten alten Atomkraftwerks. Später soll das noch erweitert werden. Also ganz typisch für SMRs: Es werden zuerst drei Blöcke hingestellt und dann irgendwann vielleicht noch mal fünf weitere, um die Leistungen zu steigern.
Dieses Jahr wird angefangen, dieses Atomkraftwerk zu bauen. Bis 2029 soll das fertig sein und soll unter anderem dann auch ein nahegelegenes Rechenzentrum mit steter Energie versorgen. Für die britische Regierung und auch für die britische Industrie ist das so eine Art Leuchtturmprojekt. Also Rolls Royce baut dieses Kraftwerk. Das ist ein großes britisches Unternehmen. Und wenn da alles funktioniert, dann soll das also mal zum Exportschlager werden und in alle Herren Länder exportiert werden. Für uns ist das interessant, weil es das erste SMR in Europa sein wird.
Internationale Perspektiven
Und aus EU Perspektive ist das insofern interessant, dass ein großer tschechischer Energieversorger groß bei Rolls Royce eingestiegen ist. Die beobachten jetzt genau, was da gebaut wird in Wales. Wenn das alles gut geht, die Kosten einigermaßen im Rahmen bleiben, die Bauzeiten auch, wird dieser Energieversorger an drei Standorten in Tschechien solche SMRs bauen. Einer davon nur ein Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Also bleibt auch für uns und für die EU natürlich spannend, was da passiert.
Thomas, jetzt hast du schon so ein bisschen von den Vorteilen angeschnitten. Noch mal konkret gefragt: Warum werden so große Hoffnungen in diese Technologie gesetzt? Also welche Vorteile verspricht man sich? Ja, die Hoffnungen sind eigentlich auf zwei Seiten verteilt. Einmal auf die Staaten, die eben in diese Technologie investieren wollen, also weiter Kernkraftwerke bauen wollen. Und zwar diese kleinen dann. Und natürlich liegt die große Hoffnung auch auf der Atomenergiebranche, die durchaus angeschlagen ist, jedenfalls in Europa.
Herausforderungen der Atomenergie
Die hatte ihren Boom in den 70er und 80er Jahren. Aus dieser Zeit stammen fast alle Atomkraftwerke, die in Europa errichtet wurden. 300 AKWs, fast 300 AKWs hatten wir hier. Heute sind allerdings nur noch 168 im Betrieb. Das heißt, die werden alt, werden außer Betrieb genommen, auch ohne den politischen Beschluss eines Atomausstiegs. Also in anderen Ländern passiert das genauso nach einer gewissen Zeit. Und gleichzeitig wurden extrem wenige AKWs neu hinzugebaut. Die, die hinzugebaut wurden, hatten mit enormen Verzögerungen zu kämpfen, explodierenden Kosten. Das Paradebeispiel war in Nordfrankreich der Reaktor in Flamanville. Die haben 17 oder 18 Jahre gebraucht, um den aufzustellen. Also alles irgendwie schlechte Nachrichten für die Atomenergiebranche.
Und mit diesen SMRs soll jetzt natürlich alles besser werden. Das soll schnell gehen. Die kommen aus der Fabrik, die sollen super einfach anzuschließen sein und so weiter. Und die Staaten, viele Staaten, auch in Europa, haben daran Interesse: Polen, Tschechien, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Finnland und so weiter. Und auch in Nordamerika, USA, Kanada, die haben ein Interesse dran. Vor allen Dingen die europäischen, weil sie aus den fossilen Energien natürlich aussteigen. Die müssen ihre Kohlekraftwerke abschalten und brauchen eben was Neues.
Nutzung alter Standorte
Wind und Sonne sind volatil, das wissen wir. Wenn man die nutzen will im Netz, im Stromnetz, dann muss man die Netze anpassen. Alles sehr aufwendig und kompliziert. Und so ein klassischer Ansatz für den Bau von SMRs ist, dass man einen alten Standort von einem alten Kohlekraftwerk hat, das abgeschaltet wird. Und diesen Standort will man weiter nutzen, weil die Stromverbindungen sind ja schon da. Der Netzanschluss ist da, der ist auch darauf ausgelegt, große Leistungen aufzunehmen. Und dann kann man ja das Kohlekraftwerk einfach abschalten und setzt anstattdessen innerhalb von wenigen Jahren ein SMR oder mehrere SMR nebeneinander hin, die dann diese elektrische Leistung wieder ins Netz reinbringen sollen.
Genau. Die Hersteller versprechen also, dass das alles super einfach gehen soll. Und überzeugt ist unter anderem auch die Europäische Kommission, namentlich Ursula von der Leyen, die ironischerweise bekanntlich Deutsche ist. Aber sie sagt: Die Kernenergie gehört in den europäischen Strommix. Und die Kommission hat nun sogar im Frühjahr 2026 eine SMR-Strategie ausgerufen und mit Hunderten von Millionen Euro, 200 Millionen Euro, ausgefüttert, um den Start dieser Technologie in Europa voranzubringen.
Kosten und Wettbewerbsfähigkeit
Es geht natürlich um die Kosten dabei. Atomenergie ist ja eine sehr teure Energieform, gerade wenn man es vergleicht. Die Stromgestehungskosten im Vergleich zu Wind und Solar sind viel höher bei der Atomenergie. Und das liegt eben daran, dass vor allem der Bau dieser Atomkraftwerke extrem teuer ist. Das kriegt man auch nicht ohne staatliche Mittel hin. Also ein privates Unternehmen wird das niemals schaffen. Der Betrieb von Atomkraftwerken ist wiederum relativ günstig. Brennstoffe kosten vergleichsweise wenig.
Und um von diesen hohen Kosten runterzukommen, galt eigentlich lange die Devise: Wir bauen die Atomkraftwerke immer größer und größer und größer. Dann sind die Investitionskosten ein bisschen höher, aber der Betrieb bleibt trotzdem relativ günstig. Und dafür hat man in diesem günstigen Betrieb dann dafür ein riesiges Atomkraftwerk, das viel Leistung bringt und günstigen Strom produziert. Die SMRs gehen nun eben genau den anderen Weg. Die versuchen immer kleiner zu werden und die Kosten zu drücken, indem die Teile in der Fabrik gefertigt werden und dadurch die Baukosten senken sollen.
Wirtschaftlichkeit der SMRs
Ja, und dann ist natürlich die große Frage: Lohnt sich das wirklich mit diesem Mini-AKW? Also wird der Strom dadurch billiger oder vielleicht auch klimafreundlicher? Das halte ich für fraglich. Also heute ist es so, wie gesagt: Atomstrom ist teuer. Der kostet in Europa und den USA, so wie nach Standort, zwischen 8 und 18 Cent pro Kilowattstunde. Wind an Land kostet 3 bis 7 Cent, Solarenergie 3 bis 9 Cent, also ist deutlich günstiger. Damit sich diese SMR-Technologie am Markt irgendwie behaupten kann, müssen sehr viele SMRs hergestellt werden.
Also es reicht nicht, ein SMR. Der erste SMR wird auf jeden Fall teuer. Wenn sehr viele in der Fabrik produziert würden, dann würden die allmählich günstiger werden. Also das Bundesamt für Sicherheit in der nuklearen Entsorgung, BASE, nennt sich das, auch die haben mal berechnen lassen, wie viele SMR eine Firma eigentlich fertigen lassen müsste und verkaufen müsste, damit die wettbewerbsfähig sind mit konventionellen Kraftwerken, wie sie heute gebaut werden. Und sie sind auf den Wert 3000 gekommen. 3000 SMRs müssten gefertigt werden, damit das überhaupt wirtschaftlich würde.
Skepsis und Herausforderungen
Also sicherlich kommen andere Analysen zu anderen Werten, aber ob das jetzt genau 3000 sein müssen, sei mal dahingestellt. Aber selbst wenn es einige hundert sein müssten, sieht man schon: Die Zahl der gefertigten SMRs müsste sehr groß sein, damit sich das lohnt. Ich habe Tobias Schmidt von der ETH Zürich mal dazu befragt. Der ist dort Technologiepolitik-Experte und der ist überzeugt, dass diese erwünschte Kostensenkung durch die Serienfertigung, dass das nicht funktionieren wird.
Also dieses Konzept geht nicht auf. Es wird nicht gelingen, standardisierte Reaktoren herzustellen, die ohne weiteres an verschiedenen Standorten aufgebaut werden können. Am Ende wird es so sein, dass jeder Standort irgendwie dann doch eine maßgeschneiderte Anlage braucht. Ich habe auch mal nach einem Befürworter der Technologie gesucht und mich mit einem Forscher vom Massachusetts Institute of Technology, MIT, kurzgeschlossen. Und er hat dafür plädiert, überhaupt die Atomenergie mit einer anderen Sichtweise zu betrachten, nämlich sie als Infrastrukturbauten zu sehen.
Sicherheitsaspekte
Bei Brücken zum Beispiel fragt auch niemand, ob sie zu teuer gewesen seien und man braucht sie nun mal. Und AKWs seien 60 bis 80 Jahre in Betrieb, viel länger als Wind oder Solaranlagen oder auch Gaskraftwerke. Und nach 20 bis 30 Jahren rechnet sich das für den Betreiber. Und insofern sei das eine Rechnung, die aufgeht, sagt er. Allerdings konnte er mir nun auch nicht sagen, ob der Strom günstiger würde dadurch. Also mein Schluss jetzt aus den ganzen Diskussionen ist, dass der Strompreis nicht günstiger würde durch SMRs.
Und dann hast du, meine ich, noch gefragt, ob das denn eine klimafreundliche Alternative sei, ein SMR. Ja, Atomenergie ist eine CO2-arme Technologie und damit wäre sie allemal klimafreundlicher als das Verbrennen von Kohle oder Gas. Also generell, wie bei Atomenergie, die SMRs bieten jetzt keinen Extra-Vorteil nochmal beim Thema Klima, keinen zusätzlichen gegenüber konventionellen Kraftwerken. Also es ist eigentlich alles relativ ähnlich. Der Brennstoff ist der gleiche. Es funktioniert alles ähnlich. Selbst die Technologie ist ähnlich, nur dass sie nun eben in der Fabrik hergestellt werden soll.
Internationale Projekte
Es gibt sehr viele Konzepte bei den SMRs. Da gibt es auch ziemlich innovative und abgefahrene. Aber wenn man jetzt sieht, welche SMRs heute gebaut werden, das sind im Prinzip kleine Ausgaben der Leichtwasserreaktoren, wie man sie jahrzehntelang schon gebaut hat. Okay, also wir hören, es gibt auch jetzt schon eine gewisse Skepsis, dann auch in Teilen der Forschung, was diese Projekte angeht. Trotzdem ist das jetzt auf Anglesey in Wales bei weitem nicht das einzige Projekt, was in dieser Richtung schon läuft. Also wie groß ist da die Dimension schon?
Ja, genau. Also zwei Projekte werden immer wieder genannt: Eines in China und eines in Russland. In China steht seit ungefähr drei Jahren ein 200 Megawatt Atomreaktor. Also der ist relativ klein, würde deswegen so als SMR vielleicht auch durchgehen. Aber die Chinesen haben elf Jahre gebraucht, um die zu bauen und die Herstellung ist auch nicht auf eine fabrikmäßige Fertigung ausgelegt. Das heißt, das ist ja möglicherweise gutes Marketing, aber ein SMR ist das nicht.
Anders sieht das in Russland aus. Die haben ein schwimmendes Atomkraftwerk. Das ist 50 Megawatt stark und das ist in der Fabrik gebaut und soll auch weiterhin in der Fabrik gebaut werden. Das wird da schon ganz gut passen. Also dieses schwimmende Atomkraftwerk liegt heute vor der nördlichsten Stadt in Russland und versorgt die und nahegelegene Ölplattform mit Strom. Am interessantesten ist für uns aber sicherlich ein Projekt in Kanada, genauer gesagt in Darlington, Ontario. Da wird ein SMR gebaut von der Firma GE Hitachi. Das ist auch schon richtig im Bau. Das ist schon eine riesige Baustelle. 2029 soll das fertig werden.
Interesse der Digitalkonzerne
Und wenn das erfolgreich ist, wird dieses Konzept auf Polen übertragen. In Polen sollen weitere Reaktoren dieser Baureihe dann gebaut werden. Und wer natürlich auch noch sehr interessiert ist an dieser Technologie, sind unsere energiehungrigen Digitalkonzerne. Also Google plant den Bau von SMRs. Amazon ist groß in die Förderung der Technologie eingestiegen. Also auch von dieser Seite gibt es Interesse. Das klingt nach einem richtigen Comeback der Kernenergie.
Kritische Stimmen
Eigentlich abgesehen von diesem Standort, von dem wir gesprochen haben in Wales. Kritiker bezeichnen diese SMRs gerne mal als Smart Marketing Reaktors oder auch einfach mal als Powerpoint Reaktoren, weil die Projekte gehen zum allergrößten Teil nicht über Pläne hinaus. Stand heute. Also wenn es ein mittelfristiges Comeback der Kernenergie gibt, dann wird das sicherlich nicht durch SMRs getrieben sein.
Und wenn wir jetzt nochmal so auf den Sicherheitsaspekt, der uns ja beim Thema Kernenergie immer umtreibt, gucken. Also nicht umsonst haben wir ja vor einigen Jahren nach Fukushima uns großflächig verabschiedet in Deutschland von der Kernenergie. Geht es ja immer um den Aspekt Sicherheit und natürlich auch um die Frage, was passiert mit dem Atommüll aus solchen Kraftwerken? Wie ist das bei den SMRs? Da verändert sich im Vergleich zu konventionellen Kernkraftwerken eigentlich nicht viel, zumindest was den Müll angeht.
Sicherheit und Atommüll
Was die Sicherheit angeht: Ja, die Reaktoren sind kleiner, die arbeiten mit weniger radioaktivem Material. Das ist erstmal der Sicherheit förderlich. Andererseits sollen SMRs ja möglichst in großen Stückzahlen gebaut werden, damit sie sich rentieren. Und das bedeutet, man würde solche Mini-Atomkraftwerke an sehr vielen Standorten haben. Das heißt, das radioaktive Material wäre dann über geografisch weit verteilt. Was das für die Sicherheit bedeutet, sei mal dahingestellt.
Andererseits kann man aber auch konstatieren, dass die SMRs insgesamt ein bisschen einfacher konstruiert sind. Also das Design ist einfacher. Die haben spezielle passive Sicherheitssysteme verbaut, die die Sicherheit schon erhöhen im Vergleich zu konventionellen Kernkraftwerken, wie wir sie heute kennen. Das verleitet im Umkehrschluss mittlerweile aber schon einige Hersteller dazu zu sagen: Naja, man könnte ja auch beim Notfallschutz dann ein bisschen einsparen, weil die sind ja sicherer, die Kraftwerke. Also die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, ob diese SMRs jetzt sicherer sind oder nicht.
Unterm Strich könnte man vielleicht zu dem Schluss kommen, sie sind vielleicht genauso sicher oder nicht sicher wie konventionelle Kraftwerke. Naja, und was den Atommüll noch angeht: Atommüll wird auch entstehen beim Einsatz von SMRs. Da die Technik im Grunde die gleiche ist, also dieser physikalische Prozess, der da drin abläuft, der ist bei den SMRs, die nun entstehen, im Grunde der gleiche wie in konventionellen Kraftwerken. Und da entsteht pro erzeugter Energieeinheit die gleiche Menge an Atommüll. Und ja, ein Endlager gibt es nun in Finnland. In Deutschland könnte man sich 2070 auf einen Standort geeinigt haben. Ja, also das Problem ist weiterhin ungelöst.
Zulassung und rechtliche Herausforderungen
Und mal abseits vom Sicherheitsaspekt: Welche Kritik gibt es jetzt noch an der Technologie? Oder sagen wir mal andersrum formuliert: Vor welchen Herausforderungen steht das momentan noch? Ja, also ein Punkt, den wir jetzt noch nicht angesprochen hatten, ist die Zulassung. Dieser ganze rechtliche Aspekt, der noch dahinter steckt. Ich glaube, du hast es kurz angeschnitten: Es ist wahnsinnig aufwendig, ein Atomkraftwerk auf den Markt zu bringen. Das dauert Jahre.
Ich habe darüber beispielsweise mit Sören Klim gesprochen vom Helmholtz Zentrum Dresden-Rossendorf. Der ist Experte für Reaktorsicherheit und der hat gemeint, die Aufsichtsbehörden, die sind noch überhaupt nicht fit für diese Art von Reaktoren. Es reicht auch nicht, dass ein Reaktor einmal in einem Land zugelassen wird, sondern es ist im Prinzip jedes Land, das SMRs bauen will, selbst dafür verantwortlich, seine nationale Gesetzgebung daraufhin anzupassen, dass SMRs dort gebaut werden.
Er ist sich nicht sicher, wie und ob das überhaupt funktioniert und ist deswegen sehr gespannt auf die Demonstrationsreaktoren, die jetzt gebaut werden. Da wird sich zeigen müssen, ob das nicht nur technisch, sondern auch rechtlich überhaupt umsetzbar ist. Also viele Hoffnungen stecken da schon drin von Seiten der Industrie, sage ich mal, aber teilweise auch politisch. Aber es gibt dann doch noch einige Kritikpunkte oder auch Herausforderungen, die zu beachten sind.
Ausblick auf die Zukunft
Thomas, deswegen abschließende Frage: Denkst du, wir werden so in den kommenden Jahren wirklich viele solcher Mini-AKW oder SMRs sehen? Also viele definitiv nicht. Davon kann man nicht ausgehen. Also jetzt warten wir ab, was in Kanada und Wales bei den SMRs passiert, die laut Plan 2029 ans Netz gehen sollen. Der MIT-Wissenschaftler, mit dem ich gesprochen habe und der eigentlich ein Befürworter der Technologie ist, sagt: Mit Bezug auf den kanadischen Reaktor: Der Zeitplan ist unrealistisch. Bis 2029 werden die nicht fertig und die Kosten sind zu niedrig angesetzt.
13 Milliarden Euro investiert die Provinz Ontario in den Reaktor, der 1-2 Gigawatt groß wird. Also das sind insgesamt dann vier SMRs, die nebeneinander stehen. Ein Gaskraftwerk kostet unter einer Milliarde, wenn es die gleiche Leistung bringen soll. Muss man natürlich sagen, das ist jetzt ein first of its kind. Also einen solchen Reaktor gibt es noch nicht. Der erste ist immer teuer, extrem teuer. Aber warten wir mal ab, wie die Erfahrungen sind.
Realistischerweise gehen diese beiden Kraftwerke Anfang der 2030er Jahre vielleicht ans Netz. Wenn die dann noch attraktiv sind, kosten- und bauzeitmäßig, und Staaten sich darauf einlassen, dann müssen die eben noch in die Zulassung gehen. Das dauert wiederum ein paar Jahre und dann müssen die noch gebaut werden. Das ist alles aufwendig. Also meine Schätzung ist, vielleicht werden wir um das Jahr 2040 herum noch weitere SMRs sehen, aber gewiss nichts, was die Renaissance der Kernenergie mittelfristig tragen wird.
Abschluss
Alles klar, Thomas. Wenn euch das noch weiter interessiert und ihr noch mehr Details wissen wollt, Thomas hat das alles auch nochmal aufgeschrieben in seinen Artikel. Den findet ihr auf spektrum.de. Und ja, Thomas, hier sag ich vielen vielen Dank fürs Erklären und den kleinen Ausflug nach Wales. Ebenfalls vielen Dank.
Und das war es für diese Woche von uns hier beim Spektrum Podcast. Vielen, vielen Dank euch fürs Zuhören. Seid gerne auch kommende Woche wieder dabei. Wie immer am Freitag gibt es dann eine neue Folge von uns. Und bis dahin würde ich mich freuen, wenn ihr den Podcast abonniert, kommentiert, wenn ihr bewertet und gerne auch teilt. Es hilft uns sehr. Auch dafür vielen, vielen Dank. Mein Name ist Marc Zimmer und ich sag Tschüss und macht’s gut.
Untertitel von Stephanie Geiges.