Systemwechsel zur Rettung der Rente

Zurückrudern in die Zukunft?

15.03.2016

Aus Entgeltpunkten, Zusatzfaktor, Rentenartfaktor und Rentenwert wird Rente. Zumindest theoretisch, denn praktisch gesehen ist die künftige Rente alles andere als berechenbar. Wer zahlt in ein paar Jahrzehnten für die heutigen Arbeitnehmer, die gerade einer Vielzahl von Rentnern das würdevolle Altern ermöglichen?

Eine sichere Rente für alle. Vor 30 Jahren hat Norbert Blüm auf Wahlplakaten damit geworben, nur 15 Jahre später hat Walter Riester die Verbesserung des Rentensystems durch die große Rentenreform verkündet. Doch seit der Teilprivatisierung der staatlichen Rente treffen die Attribute „sicher“ und „gerecht“ nur noch bedingt auf das Altersvorsorgesystem zu.

Sicher ist eigentlich nur die Unsicherheit

Wie ruhig ist der spätere Ruhestand noch? Zumindest in diesem Jahr dürfte sich der Großteil der bereits aus dem Arbeitsleben ausgetretenen Bevölkerung in Deutschland freuen, denn die Rente steigt um fünf Prozent. Dank der erfolgreichen deutschen Wirtschaft, die Rekord-Beschäftigungszahlen vorweisen kann, steigt die Rente für knapp 20 Millionen Deutsche wie schon seit gut 20 Jahren nicht mehr.

Schauen wir auf die heutige Rentnergeneration, dann muss man tatsächlich sagen, dass bislang keine Rentnergeneration insgesamt gesehen so gut abgesichert war, wie die heutige. Und das ist ein Erfolg der alten Rentenversicherung. – Stefan Sell, Sozialwissenschaftler

Doch wie eine repräsentative Umfrage von der Gesellschaft für Konsumforschung aufzeigt, scheinen viele Leute den Glauben an eine ausreichende Altersversorgung durch die Rente verloren zu haben. Ein Trend, der Richtung Altersarmut verweist, vor dem auch der erst kürzlich veröffentlichte Armutsbericht warnt. So wird die sogenannte „Generation X“ beispielsweise nur noch durchschnittlich 600 Euro von der gesetzlichen Krankenkasse erhalten, denn das Rentenniveau sinkt bis 2030 stetig weiter. Ein Defizit, welches die private Altersvorsorge nach dem Willen vieler Politiker eigentlich ausgleichen sollte.

Lieber die Rente von gestern?

Die Niedrigzinspolitik ist eine ernstzunehmende Gefahr für private Altersvorsorge-Mechanismen wie Lebensversicherung, Fonds oder auch Riester-Rente. Auch die betriebliche Altersversorge, die das Säulen-Modell der Rentenvorsorge zusätzlich stabilisieren sollte, beginnt zu bröckeln. Bei einem Stresstest der EU-Aufsichtsbehörde für Altersvorsorge wurde erstmals bekannt, dass in den europäischen Pensionskassen knapp 430 Milliarden Euro fehlen.

In dieser Situation wäre es unbedingt angezeigt, dass der Staat die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung wieder stärkt und ausbaut. Nur, muss man dann aber auch sagen, da müssen alle die Lasten der damit notwendigerwendigerweise verbundenen Umverteilung schultern. – Stefan Sell, Sozialwissenschaftler

Die Große Koalition verursacht durch „Mütterrente“ und „Rente mit 63“ zusätzliche Kosten, die künftig auf den Schultern der jüngeren Generationen lasten werden. Als nächster Schritt soll die Lebensleistungsrente für Geringverdiener eingeführt werden. Aber auch die steigenden Pensionszahlungen für Beamte, die 2050 rund eine Billion Euro kosten wird, stellen eine große Herausforderung dar.

Gibt es einen Ausweg aus dem Renten-Dilemma? Welche aktuellen und künftigen Probleme auf die Regierung und die Verbraucher zukommen, hat detektor.fm-Moderatorin Karolin Döhne mit dem Sozialwissenschaftler Stefan Sell besprochen. Er ist Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung.

glaubt nicht an die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland.Wenn die Weichenstellungen jetzt nicht in die andere Richtung gedreht werden, werden wir eine enorme Polarisierung in den Rentnergenerationen sehen.Stefan Sellist Sozialwissenschaftler an der Hochschule in Koblenz 

Redaktion: Johanna Siegemund