Mai – Monat der Arbeit
Auch wenn der Monat Mai sich schon langsam dem Ende nähert, bleibt es ohne Frage der Monat der Arbeit. Klar, das geht ja schon mit dem ersten Mai los, dem Tag der Arbeit. Mitte Mai ist dann dieses Jahr ja Yasmin Fahimi als DGB-Vorsitzende für vier Jahre wiedergewählt worden und hat auch durchaus markige Worte zur aktuellen Bundesregierung gefunden. Und noch bis Ende des Monats werden in Deutschland neue Betriebsräte gewählt. Arbeit ist also ein großes Thema, und aus unserer Sicht ergibt es durchaus Sinn, dass wir den ganzen Monat intensiv über Arbeit sprechen.
Neue Impulse im Podcast
In dieser Episode hier geht es jetzt um die Frage, wie wir Arbeit grundsätzlich neu denken können. Und das ist ja auch immer unser Anspruch hier im Podcast, so ein paar neue Impulse mitzugeben. Genau daran arbeitet das gesamte Team und ich, Christian Bollert, jede Woche. Der brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm.
New Work – Ein Klischee?
New Work ist ja fast schon ein Klischee. Dabei ist die Idee des Sozialphilosophen Friedhjof Bergmann ja eigentlich nach wie vor spannend. Arbeit soll Menschen nicht erschöpfen oder entfremden, sondern ihnen mehr Freiheit, Sinn und Selbstbestimmung ermöglichen. In den letzten Jahren scheint der Begriff New Work aber wirklich so ein bisschen verwässert worden zu sein. Vielleicht liegt das ja nicht nur an LinkedIn, sondern auch an den vielen Aspekten wie flexible Arbeitszeitmodelle, flache Hierarchien, agile Methoden oder auch dem Wunsch nach gesunder und fairer Arbeit.
Kira Marie Krämer – Expertin für New Work
Meine heutige Gesprächspartnerin beschäftigt sich seit vielen Jahren nicht nur theoretisch, sondern durchaus auch praktisch mit genau diesem Thema. Denn Kira Marie Krämer ist Autorin, Speakerin, Business Creatorin und fast schon LinkedIn-Superstar mit 60.000 Followern. Ihr Motto: Gemeinsam für eine Arbeitswelt, die gesund und fair ist. Bis zum vergangenen Jahr hat sie den Podcast New Work Now moderiert. Inzwischen spricht sie in ihrem neuen Podcast Hotline Hours darüber, wie moderne Arbeit wirklich funktionieren kann, jenseits von Buzzwords und LinkedIn-Phrasen.
Ich freue mich, mit ihr gemeinsam darüber zu diskutieren, ob und wenn ja, wie New Work im Arbeitsalltag wirklich wirken kann. Und ich sage erstmal Hallo und herzlich Willkommen im brand eins Podcast, Kira. Hallo und vielen Dank für die Einladung.
Der Ursprung von New Work
Der Begriff New Work, ich habe es ja gerade schon so ein bisschen skizziert, der stammt aus den 70ern und gefühlt hatten die Kolleginnen und Kollegen der brand eins den Begriff schon aus allen Perspektiven einmal in den 2000ern durchdiskutiert. Sind denn Dauererreichbarkeit, Selbstoptimierung und auch neue Bedrohungen oder Herausforderungen wie KI nicht so ein bisschen die Antithese zu diesem fast schon uralten Heilsversprechen von New Work?
Ja und nein. Friedhjof Bergmann hat dieses Konzept damals ins Leben gerufen in den 70er und 80er Jahren. Und ja, es ist, wenn du es so betrachtest, recht alt. Gleichzeitig hat es den Hype bekommen, als wir uns in der Corona-Pandemie befunden haben, weil dort auf einmal alle ins Homeoffice gehen konnten und auch irgendwie mussten. Und wir so gelernt haben, dass Arbeit auch anders stattfinden darf. Und das ist ja wiederum nicht so lange her.
Wandel der Arbeitswelt
Deswegen: Unsere Arbeitswelt ist stetig im Wandel, und New Work war damals, wie gesagt, ein Konzept, was eigentlich die Lohnarbeit ersetzen sollte oder verhindern sollte. Mittlerweile bleibt davon leider nicht mehr so viel übrig. Es bleibt Remote Work oder Homeoffice, teilweise die Viertagewoche, was ich persönlich super schade finde, weil dieses Konzept viel, viel mehr kann und leider auch mittlerweile irgendwie ein Buzzword geworden ist.
Und deswegen plädiere ich im Gegensatz zu New Work eher mehr für Real Work, weil wir uns doch bitte lieber darauf besinnen sollten, was wirklich in unserer Arbeitswelt als realistisch umsetzbar ist und was wirklich gelingt, als wenn wir jetzt ein Buzzword weiter vorantreiben wollen, nur weil das Konzept dahinter sehr stark ist.
Erfahrungen aus der Corona-Zeit
Ja, ich kann das übrigens bestätigen. Also wir hatten auch in dieser Corona-Zeit, haben wir auch einen Podcast zu New Work dann nochmal gestartet. Das war sicher Peak New Work, wenn man so sagen will. Im ersten Moment klingt es ja auch vielleicht bei dir nur wie ein Podcast-Namenwechsel, aber auch du bist ja quasi, ich habe es gesagt, von New Work Now umgeschwenkt zu Hotline Hours. Gibt es dafür auch einen Grund? Ist es diese Idee des Real Work?
Absolut, weil New Work Now war sehr erfolgreich und wir haben das Projekt gerne gemacht. Also ich habe den Podcast gehostet mit der Funke Mediengruppe zusammen, und es hat mir sehr viel Spaß bereitet. Nur leider zum Ende hin nicht mehr so viel, weil ich gefühlt mit tollen InterviewpartnerInnen auch aus Unternehmen und Organisationen gesprochen habe. Aber darüber hinaus haben sich die Leute das angehört, aber es kam nie so richtig in die Praxis.
Der Shift in der Arbeitswelt
Also wir haben lange über New Work gesprochen und teilweise hast du auch Erfolgsgeschichten gesehen und gehört, und ich habe tolle im Podcast mitteilen dürfen und interviewen dürfen. Gleichzeitig gab es ja auch im letzten Jahr, speziell im letzten Jahr, so einen großen Shift Richtung rückwärts, und wir haben gemerkt, okay, alles hinsichtlich zum Beispiel Diversity oder Corporate Health, was ja auch Teil von dem New Work-Konzept ist, wurde dann wieder vergessen oder hinten angestellt.
Und ich hatte das Gefühl, ich habe so viel darüber gesprochen. Wir haben das ja drei Jahre gemacht, den Podcast, und irgendwann waren wir alle müde, einfach nur noch darüber zu sprechen, und es verändert sich nichts. Und deswegen habe ich auch die Reißleine gezogen und habe gesagt, wir müssen hier irgendwas anpassen.
Community-Podcast Hotline Hours
Und so entstand dann die Idee für einen Community-Podcast, weil mir auch persönlich auf all meinen Kanälen, also ich bespiele LinkedIn, Instagram, TikTok, Newsletter und auch den Podcast, da sind mir meine Menschen, die mir folgen und weswegen ich das auch machen darf, super wichtig. Und so entstand dann die Idee von Hotline Hours, also ein Community-Podcast, der die Fragen beantwortet, die meistens im Arbeitsleben nicht gestellt werden oder die du auch mit deinen KollegInnen nicht besprechen kannst, weil du dich vielleicht auch manchmal nicht traust.
Oder wenn dein Partner oder deine Partnerin oder Familie und Freundinnen dir einfach nicht den richtigen Rat geben können, sind Selma Sadikovic und ich jeden Freitag dafür da. Und das merkst du auch, die Leute brauchen gerade sowas.
Mental Matters Event
Ich habe heute mein Mental Matters Event mit der Techniker Krankenkasse gelauncht. Wir gehen auf Roadshow, also wir haben es letztes Jahr gemacht, das war auch ein Community-Event und geht dieses Jahr in vier Städte in Deutschland. Wir beschäftigen uns mit der Frage rund um mentale Gesundheit und was man auch tun kann. Und da merkst du einfach, die Leute wollen Ansprechpersonen haben.
Leute wollen Räume haben, in denen sie sich wirklich austauschen können und die echten Fragen stellen können und nicht mehr nur noch so ein theoretisches, sorry, LinkedIn-Gebrabbel, was wir alle nicht mehr hören müssen.
Fragen der Real Work
Dann kommen wir doch mal genau darauf: Also, was ist denn Real Work oder was sind denn das für Fragen, die dann da verhandelt werden? Eine unserer meistgehörten Folgen war zum Beispiel, wie werde ich selbstsicherer. Und das sind manchmal so Themen, die kannst du nicht einfach in einem LinkedIn-Beitrag abgrasen in ein paar Worten. Und da musst du auch zuhören. Und da kriegen wir auch diese Fragen nicht.
Nein, überhaupt nicht, du sagst es. Das sind so Fragen oder bei meinen Events wird dann auch oft gefragt: Hey, wie bist du da hingekommen, wo du bist? Oder wie vereinst du alles? Weil ich bin persönlich auch eine berufliche Tausendsassa und ich liebe es, ich liebe meinen Job. Und gleichzeitig wird dann auch so die Frage gestellt: Wie schaffst du eine Balance aus allem?
Fokus auf die Realität
Also das sind ja auch so Fragen, die kannst du im Austausch besser beantworten oder auch in einem Podcast oder jetzt auch, wie wir in unserem Gespräch. Und Real Work ist meines Erachtens der Fokus auf das, was wirklich in unserer Arbeitswelt funktioniert, weil wir brauchen nicht mehr LinkedIn-Beiträge oder Artikel oder Beiträge, wo geteilt wird.
Ja, wir brauchen mehr Empathie im Arbeitsleben. Ja, das wissen wir, das hören wir seit Jahren. Aber wie sieht denn die echte Arbeitswelt aus? Was funktioniert wirklich? Habt ihr mal Platz für Geschichten gegeben aus dem echten Arbeitsleben? Weil da läuft noch wirklich ganz viel falsch.
Diskriminierung in der Arbeitswelt
Ich habe letztens erst wieder mitbekommen von einer Person aus meinem Netzwerk, die ist gekündigt worden, weil sie schwanger ist. So offiziell wird das natürlich nicht so nach außen getragen. Du weißt es wahrscheinlich selber, weil das ist ja ein sehr heikles Thema. Aber es ist so gewesen. Es wurde ihr gesagt. Oder manche Menschen werden innerhalb der Arbeitswelt immer noch diskriminiert. Auch wenn wir nach außen hin von Diversity und Gleichberechtigung und allem reden, ist das einfach nicht der Fall.
Und ich finde, wir sollten viel mehr Fokus darauf legen, was wirklich in unserer Arbeitswelt stattfindet, als ein theoretisches Ideal nach außen zu tragen, was eine Utopie ist und meines Erachtens nicht erreichbar ist.
Realität der Arbeitswelt
Kira Marie Krämer, Autorin des Buchs New Work: Wie arbeiten wir in Zukunft? Hier beim Podcast Radio detektor.fm. Und wir sprechen gleich genau darüber, was gerade angedeutet worden ist, nämlich wie sieht es eigentlich in Wirklichkeit aus? Kira, du hast es gerade angesprochen.
Wir haben ja auch diesen Begriff Real Work von dir. Und du hast aber auch, ich nenne das mal, wird es ja auch gerne genannt, diesen Wipe Shift angesprochen. Also spätestens seit, weiß ich nicht, Trump 2.0 spüren wir das, glaube ich, alle. Und auch irgendwie so ein bisschen nach dem Ende der Pandemie, dass große Unternehmen wieder Diversity-Programme rückabwickeln, dass Leute wieder fünf Tage die Woche ins Büro sollen und so weiter und so fort. Wo stehen wir denn da heute?
Bewahren oder Wandel?
Geht es da eher ums Bewahren, aus deiner Sicht, von dem, was schon erreicht worden ist? Oder, weil du sehr in Wolkenkuckucksheim gucken, um das jetzt mal mit meinen Worten wieder zu geben, sondern wir müssen uns um das kümmern, was wirklich im Alltag passiert.
Ich möchte jetzt ungerne mit Zahlen, Daten, Fakten um mich werfen. Also da gibt es wundervolle Studien zu, die man sich gerne angucken kann. Aber ich möchte einfach ein Gefühl teilen, weil dieses Gefühl das bewegt so viele Menschen, mit denen ich gerade spreche.
Unzufriedenheit in der Arbeitswelt
Und zwar ist es ein allgemeines Gefühl von: Irgendwas stimmt nicht, ich will was anderes machen, aber ich weiß nicht was. Und es ist oft diese Unzufriedenheit, die mit Arbeit einhergeht. Und es ist ja auch dieser Sicherheitsgedanke, der uns natürlich umtreibt, bevor wir in die Veränderung kommen wollen, sei es jetzt im Job oder im Privatleben oder wo auch immer.
Gleichzeitig merke ich, es fehlt an Ansprechpersonen, an Anlaufstellen, an: Hey, ich höre dir zu oder ja, ich habe genau dasselbe Gefühl. Es fehlt auch an Zusammenhalt. Ich weiß nicht, wie du das empfindest, aber mir geht es sehr oft so.
Rückkehr aus der Weltreise
Ich war jetzt lange auf Weltreise, sechs Monate insgesamt mit meinem Mann. Und wir sind zurückgekommen, und ich habe es selten so gespürt wie an dem Moment, als wir am Flughafen waren und wir mit der ersten deutschen Person gesprochen haben. Diese Unzufriedenheit, diese allgemeine Unzufriedenheit und dieses Meckern. Diese Meckerkultur kennen wir ja von uns selber, aber es war mir so präsent wie noch nie.
Und das können wir natürlich in jeglicher Hinsicht, also besonders auch in der Arbeitswelt. Wir meckern unfassbar und stehen uns aufgrund dessen so sehr im Weg, weil wir zum Beispiel, jetzt gibt es ja das Entgelttransparenzgesetz. Wie genau das aussehen soll und was man da beachten soll und so weiter, ist noch nicht so 100 Prozent klar.
Diskussion statt Handeln
Aber wir diskutieren unfassbar viel darüber und machen uns das Leben erstmal schwer, anstatt zu warten, wie funktioniert es eigentlich und anstatt einfach mal anzufangen. Wir diskutieren so oft, wir meckern so oft und kommen dadurch nicht ins Tun. Und das ist dieses allgemeine Bild, wie es gerade ist.
Also man hat so ein Gefühl von: Ich weiß nicht, wo die Reise hingeht und eine gewisse Ungewissheit, was natürlich auch legitim ist. Dann weißt du nicht, wo du damit hingehen sollst. Was ist deine Anlaufstelle? Wer ist für mich da? Was kann ich tun? Und dann, wenn du vielleicht jemanden hast, wird dann doch eher gemeckert.
Positivität bewahren
Und das habe ich so viel gemerkt in den letzten zwei Wochen, seitdem ich wieder da bin. Es stört mich so unfassbar, und ich muss selber auf mich achten, dass ich diese Positivität, die ich aufgrund der Weltreise mitgenommen habe, nicht wieder verliere. Also ich plädiere wirklich an alle, die das jetzt hören: Bitte, bitte haltet einfach durch.
Es ist gerade eine Zeit, in der wir uns befinden, die unfassbar im Wandel ist. Noch mehr als wir die letzten Jahre gesehen haben, aufgrund von KI, aufgrund von Menschen, die in Machtpositionen sind, aufgrund von einem Shift von Meinungen vielleicht auch. Bitte, bitte haltet einfach durch. Steht weiterhin für die Themen, die euch wichtig sind und die auch richtig sind.
Konstruktive Zuversicht
Wie kriegen wir das denn aber im Alltag tatsächlich dann besser hin? Also, wie kann das denn gelingen, da diese konstruktive Zuversicht zu bewahren? Wenn du sagst, wir meckern zu viel, was ja durchaus eine Analyse ist, die glaube ich viele Menschen teilen.
Was mir persönlich hilft, ist Dankbarkeit. Ich habe aufgrund meiner Reise jetzt auch gemerkt, wie viele Privilegien wir eigentlich haben. Beispielsweise das Thema Krankenversicherung, aber auch wie reich wir doch als Menschen sind. Also wir meckern sehr oft, wie es finanziell schlecht uns teilweise geht. Trotzdem haben wir noch drei Autos vor der Tür stehen.
Dankbarkeit im Alltag
Also in den Ländern, in denen ich war, habe ich oft gemerkt, wie viel dankbarer die Menschen für viel weniger sind. Und das hat mich so demütig gestimmt. Und deswegen schreibe ich jeden Morgen zum Beispiel drei Dinge auf, für die ich dankbar bin. Ich gehe weitaus positiver durchs Leben als ständig zu meckern.
Ich finde nicht, wir dürfen nicht mehr meckern. Das möchte ich damit nicht sagen. Ich finde aber, wenn wir meckern, sollten wir auch eine gewisse Lösung finden oder wenigstens einen Lösungsansatz haben. Und sowas hilft mir persönlich.
Einfluss des Umfelds
Ich finde auch, das Umfeld ist extrem entscheidend. Wenn man merkt, es gibt Personen im Umfeld, die einen immer wieder runterziehen, muss man daran was ändern. Und hier sehe ich auch die Menschen in der Verantwortung, die in Organisationen sind. Ob es jetzt Führungskräfte sind oder Mitarbeitende, das ist egal.
Wenn ihr merkt, ihr habt ein Umfeld, was euch nicht gut tut, bitte verändert dahingehend etwas und achtet einfach auf ein sehr gesundes, faires Miteinander. Weil die Arbeitswelt ist so entscheidend für unsere Gesundheit, besonders mental.
Austausch in Unternehmen
Du hast es angesprochen, dass viele deiner Hörerinnen und Hörer irgendwie auch das Gefühl haben oder du auch beobachtest, dass sie diesen Raum auch brauchen, um mit euch ins Gespräch zu kommen, um über diese Themen des Alltags in der Arbeitswelt auch sprechen zu können.
Braucht es also, jetzt mal zugespritzt, ist wahrscheinlich eine kleine Schnapsidee, aber in jedem Unternehmen so eine Art Podcast, wo man sich dann austauschen kann und sagen kann: Hier, das ist mir gerade aufgefallen. Ich suche gerade nach Selbstsicherheit oder anderen Punkten, die du angesprochen hast.
Räume für Austausch
Ich glaube, es braucht keinen Podcast in dem Sinne. Ich glaube, es braucht auch nicht innerhalb der Organisation Räume, um sich auszutauschen, weil wir doch oft versuchen, professionell zu wirken, souverän zu sein und vielleicht auch keine Schwäche zu zeigen.
Und wenn wir dann innerhalb der Organisation auf einmal teilen, wie es uns geht, ist es vielleicht bei manchen Personen dann doch nicht so die ganze Wahrheit oder manche Personen nehmen es vielleicht doch nicht so ernst, wie sie es ernst nehmen sollten.
Externe Anlaufstellen
Ich persönlich bekomme täglich Nachrichten von Menschen, die einfach nach außen funktionieren und innerlich komplett leer sind. Und hier würde ich empfehlen, sich Räume zu suchen, auch außerhalb der Organisation. Ich mache es zum Beispiel mit meinen Community-Events.
Es gibt ganz viele tolle Online-Communities. Es gibt ganz viele tolle Angebote. Also wenn ihr gerade zuhört und nicht wisst, welche Community gut oder schlecht ist, sagt gerne Bescheid. Ihr könnt euch jederzeit bei mir melden. Aber so etwas braucht es, glaube ich, eher.
Verantwortung der Organisationen
Weil die letzten Jahre haben Organisationen versucht, für ihre Mitarbeitenden da zu sein. Und sie haben es nicht geschafft. Hätten sie es geschafft, würden viele Jobs weiterhin bestehen. Und weil hier werden nicht nur Jobs aufgrund von KI ersetzt, sondern auch, weil Menschen sich einfach nicht mehr wohlfühlen.
Es gibt Zahlen dazu, dass Menschen eher kündigen, ohne was zu haben, als nächsten Job im Vergleich zu den letzten Jahren vorher. Es gibt eine höhere mentale Ungesundheitsrate, ob es jetzt Burnout ist oder Depression. Also das ist auch in der Verantwortung von Organisationen, dass sie es einfach nicht geschafft haben, für ihre Mitarbeitenden Räume zu schaffen, die zeigen: Hey, hier sind Gleichgesinnte und ihr könnt euch hier in einem Safe Space austauschen.
Egoismus in der Veränderung
Und deswegen glaube ich, muss man jetzt den nächsten Step gehen und raus aus dem Unternehmen gehen. Aber entlässt man damit nicht auch die Unternehmerinnen und Mitarbeiter, die das schaffen sollten oder auch viele, ja, auch wollen?
Ja, guter Punkt. Ich finde, in dem Moment darf man egoistisch sein. Wenn man als Mitarbeiterin oder als Führungskraft merkt, ich habe hier einfach nicht diesen Safe Space im Unternehmen, dann egoistisch sein und sich draußen einen Safe Space suchen.
Unterstützung für Organisationen
Und wenn ich als Organisation aber wirklich diese intrinsische Motivation habe, die du gerade sagst, und möchte für meine Mitarbeitenden da sein und ich merke, ich schaffe es irgendwie nicht, dann gerne nochmal externe Beratung hinzuziehen. Und da gibt es ganz viele tolle Menschen, die dafür stehen und die da Unterstützung geben.
Aber ich verstehe, was du meinst. Es ist natürlich schwierig, so diesen Mittelweg zu finden. Wenn man sagt, ich versuche es, aber es funktioniert nicht, dann ist es natürlich schwer. Gleichzeitig finde ich, sollte man auch mal darauf gucken: Habe ich wirklich alles gegeben?
Beispiele aus der Praxis
Ich habe mal mit einem Unternehmer gesprochen, und der wollte jeden Freitag den Frühstücksfreitag einführen bei sich in der Organisation. Und ich so: Ja, super, und wie hat es funktioniert? Wir haben es einmal gemacht, da ist keiner gekommen. Da habe ich gesagt: Nein, dann machen wir es wieder nicht. Das funktioniert auch nicht.
Also ich glaube, hier muss man immer mal gucken, was brauchen die Mitarbeitenden, was brauchen die Führungskräfte, was brauche ich als Organisation? Sich dann mal an einen Tisch setzen und dann mal schauen, wie kann man gemeinsam was erarbeiten.
Gemeinsame Erarbeitung von Lösungen
Weil es bringt nicht, wenn ich als Organisation sage: Hey, hier ist ein Safe Space. Jeden Freitag beispielsweise könnt ihr zum Frühstücksfreitag kommen und dann könnt ihr euch über Sachen austauschen, die euch gerade beschäftigen. Aber ich bin als zum Beispiel Chef oder Chefin nicht dabei oder es ist eher so, wenn da Sachen geteilt werden, dann weiß man ganz genau, das kenne ich auch als Organisation, dass dann hinterrücks dann nochmal darüber gesprochen wird.
Also es ist dann irgendwie doch kein Safe Space. Also ich kann nicht einfach mal einen hinsetzen in den Safe Space und sagen: Kommt vorbei, sondern ich muss das schon mit dem Team und den Mitarbeitenden im Unternehmen gemeinsam erarbeiten.
Zugehörigkeitsgefühl schaffen
Weil wenn ich das gemeinsam erarbeite, ist ja bei jedem Projekt so, haben die Teammitglieder einfach nochmal ein Zugehörigkeitsgefühl und das bindet dann an dieses Projekt, an diesen Safe Space, beispielsweise an diesen Frühstücksfreitag.
Die Autorin Kira Marie Krämer im brand eins Podcast. Und hier geht es gleich weiter. Kira, jetzt hast du gerade skizziert, wie am Beispiel des Frühstücksfreitags, wie es vielleicht auch besser gehen kann, indem man vorher mit den Mitarbeitenden auch redet und das nicht nur als Chef oder Chefin einfach festlegt und sagt: Das machen wir jetzt mal.
Anstrengender, aber notwendiger Weg
Oh, da sind zweimal keiner gekommen, jetzt machen wir es wieder nicht mehr. Ist das am Ende auch ein Plädoyer für, ich sag mal, den etwas anstrengenderen Weg, weil das ja oft nicht der einfache Weg ist?
Ja, einfach nur ja. Es ist anstrengend. Also es ist schwierig, eine Kultur herzustellen, die vorher von Leistung und dem Absitzen von ganz vielen Stunden gelebt hat. Es ist schwierig, die Mitarbeitenden zu halten und ihnen beizubringen: Wir legen jetzt zum Beispiel Wert auf mentale Gesundheit.
Wir wollen weg von der Hustle Culture hin eher zu einer Heilungskultur beispielsweise. Und hier finde ich es wichtig, sich die Frage zu stellen: Würden Mitarbeitende ihrer Führungskraft ehrlich sagen, dass es ihnen schlecht geht, also innerhalb eurer Organisation?
Gesundheitskonzepte in Unternehmen
Wenn die Antwort Nein ist, habt ihr kein Gesundheitskonzept, sondern dann ist es meistens eher Employer Branding oder Marketing, wenn man solche Modelle einführt, aber nicht auf die Mitarbeitenden fokussiert. Also es ist schwierig, ein gutes Konzept zu finden. Und es gibt auch leider keine Blaupause, die man jetzt einfach von jedem Unternehmen in jeder Organisation kopieren kann.
Das macht das ganze Konzept hinter New Work oder wie wir es auch heute nennen, schwierig. Gleichzeitig liefert es so viel Raum. Ich habe das letztens wieder gemerkt. Ich unterrichte Organisational Psychology und Future of Work an der Tomorrow University, und meine Studierenden haben Konzepte geliefert zu den Teilen von dem New Work-Konzept, was Friedhjof Bergmann damals ins Leben gerufen hat.
Inspiration durch Austausch
Und ich habe im Austausch mit ihnen mal wieder gemerkt, wie sehr mir mein Job Spaß macht. Also erst mal das, aber auch wie schön es ist, dass das Konzept so viel Raum für Inspiration liefert, für Innovation und für den Gedanken out of the box.
Weil dabei kamen teilweise Gedanken, die wir alle nicht so auf dem Schirm hatten. Und das fand ich so einen schönen Austausch. Und das entstand ja, weil verschiedene Menschen aus verschiedenen Organisationen, weil das ist meistens berufsbegleitend bei mir im Kurs waren und wir darüber gesprochen haben in einem Raum, der offen dafür war.
Dritte Räume für Austausch
Und deswegen: Es ist möglich, wenn man wirklich, wirklich möchte. Aber es braucht vielleicht diese dritten Räume, nenne ich die jetzt mal so flapsig, die eben nicht auf Arbeit sind. Ja, also das ist ein Punkt.
Ich habe jetzt eine Zusammenarbeit mit einem HR-Tool, und die haben jetzt auch eine Community gelauncht. Und die meinten auch so: Klar, sind wir eine HR-Community, aber wir wollen auch, dass man sich bei uns zu einem Running Club verabreden kann, dass man bei uns auch mal nicht über HR-Themen reden kann, dass man vielleicht auf einem Matcha Walk zusammengeht, wie man das hier klassischerweise auch in Hamburg viel macht.
Menschliche Aspekte in der Arbeit
Also weißt du, ich glaube, diese Communities müssen weggehen oder diese Safe Spaces müssen davon weggehen, dass man nur über Arbeit spricht, weil der Mensch ist so viel mehr als Arbeit. Wir sind ja von so vielen Dingen jeden Tag umgeben.
Also ich alleine hier in meinem Homeoffice gerade: Mein Mann ist hier zu Hause, mein Hund ist zu Hause. Ich habe ganz viele andere Themen, die mich gerade beschäftigen, als nur jetzt mit dir einen Podcast aufzunehmen. Und das alles beeinflusst uns ja als Menschen, und das vergessen Organisationen so oft. Und das macht mich so wütend.
Mut zur Veränderung
Das heißt ja vielleicht auch, wenn man das mal weiterdenkt, Organisationen müssen vielleicht auch ein bisschen aus deiner Perspektive mutiger sein, loszulassen oder weniger zu kontrollieren. Wenn man nämlich zum Beispiel sagt: Wir überlassen das einem dritten Ort, dann habe ich ja natürlich auch weniger Einfluss.
Absolut. Ich glaube, man sollte vorher Regeln festlegen. Das machst du auch, sobald du deine Mitarbeitenden befähigst, zum Beispiel als Corporate Influencer auf LinkedIn für dein Unternehmen zu posten. Genauso ist es auch, wenn sie in diese dritten Räume gehen.
Vertrauen und Einfluss
Also was darf geteilt werden? Meistens sollen ja keine Zahlen, Daten, Fakten geteilt werden. Das ist ja vollkommen in Ordnung. Aber ich finde, es ist wie in jeder Beziehung, ob es jetzt eine Partnerschaft ist, eine Freundschaft, vielleicht eine Beziehung zu deinem Kind und so weiter.
Wenn du die Leine etwas locker lässt und Vertrauen gibst, einen Vertrauensvorschuss gibst, dann kommt meistens mehr dabei zurück, als du jemals gedacht hättest.
Und wenn du alles micromanagst und kontrollieren willst, dann entsteht eine Unzufriedenheit auf beiden Seiten, die nicht so produktiv ist, wie wenn du für psychologische Sicherheit sorgst.
Was macht dir denn Mut, wenn du so um dich herum guckst? Also hast du das Gefühl, dass es trotzdem mehr Organisationen werden, die, um mal in deinem Bild zu bleiben, die Schleppleine rausholen? Die Schleppleine finde ich sehr gut. Ehrlich gesagt, nein. Also, es kann auch sein, dass ich jetzt lange weg war und aufgrund dessen auch wenig hier in Deutschland den Austausch dazu hatte. Aber nein, ich sehe keine Best Practices mehr, die es so viele gab damals, als ich mit New Work Now angefangen habe.
Und das ist so schade, weil es gibt sie noch da draußen, aber sie kriegen oft keine Sichtbarkeit mehr. Mir fehlt da so ein bisschen dieses Neuartige. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Siehst du gerade tolle Best Practices? Ja, na ja, ich beschäftige mich ja auch mit sehr vielen Themen gleichzeitig. Deswegen kann ich da jetzt auch keine konkreten Beispiele nennen.
Ich habe aber schon das Gefühl, dass es auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer gibt, die genau über diese Themen, die du ja auch angesprochen hast, mentale Gesundheit, vier Tage Woche, wie kriegen wir es hin, auch ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben, um jetzt mal diese beiden großen Pole aufzumachen, irgendwie hinzubekommen. Ich habe schon das Gefühl, dass das auch nicht aufgehört hat.
Aber ich teile auch deine Analyse, die andere Seite, dass ich schon auch merke, dass gerade große Konzerne, aber auch große Agenturen und so wirklich eben wieder dazu zurückgehen, fast schon anachronistisch, die Zeit zurückdrehen zu wollen. Aber was macht dir denn Zuversicht, dass man da irgendwie trotzdem langfristig in eine bessere Arbeitswelt kommt, also in eine, ja, better work?
Ja, weil wir es schon mal hatten. Und als ich 2022 mich bei LinkedIn explizit für das Thema New Work stark gemacht habe, gab es so viele tolle Geschichten, und die sind über die Jahre auch mehr geworden. Und ich glaube, wir sind jetzt gerade in einfach einer Zeit, in der wir durchhalten müssen und stark bleiben müssen.
Aber ich glaube, ich bin da wirklich zuversichtlich, dass das irgendwann wieder besser wird. Und gleichzeitig merke ich es auch jetzt zum Beispiel an meiner Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse, die jetzt schon seit ein paar Jahren besteht. Und wir haben letztes Jahr ein Event gemacht zum Thema mentale Gesundheit.
Und dieses Jahr geht Mental Matters auf Roadshow. Also ich glaube schon, dass da Potenzial ist, wenn du die richtigen Organisationen an der Hand hast. Und wenn du dann zum Beispiel so eine starke Krankenkasse wie die TK an der Seite hast, die vorangeht und die vielleicht auch ein Best Practice ist für andere Krankenkassen oder vielleicht sogar über Krankenkassen in anderen Branchen hinaus.
Ist das ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass wir wieder dahin kommen, wo wir mal waren? Es muss nicht genau so sein, wie es mal war. Ich finde, es darf sich weiterhin verändern und anpassen, weil unsere Welt einfach so schnelllebig ist und so wandelbar.
Aber ich glaube, wir dürfen uns wieder darauf besinnen, was wirklich wichtig ist, wie viele Privilegien wir in Deutschland haben, uns mehr auf das Positive besinnen und mehr Verständnis füreinander haben. Weil ich gerade auch so das Gefühl habe, dass entweder du hast eine Meinung oder wenn du die nicht teilst, dann bist du sofort gecancelt, so in die Richtung.
Und ich glaube, wir dürfen hier wieder mehr Raum für Diskussion und sowas liefern. Das fehlt mir.
Kira Marie Krämer im Brand1 Podcast. Ich sage vielen Dank für das Gespräch und das laute gemeinsame Nachdenken. Vielen Dank für die Einladung. Und ich möchte nochmal mit auf den Weg geben: Die Zukunft der Arbeit entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Tools werden, sondern wie menschlich unsere Systeme bleiben.
Also bitte, bitte bleibt menschlich und fokussiert euch auf das, was wir Menschen tun können. Und hört gern auch in die drei bereits erschienenen Episoden zum Thema Arbeit rein, hier in diesem Podcast. Zur Vertiefung empfiehlt sich eigentlich auch immer das Brand1 Magazin.
Das aktuelle hat ja auch den schönen Titel „Der Job geht, die Arbeit bleibt“. Und darin geht es auch um Menschen, die für echte Sinnhaftigkeit radikale Neustarts wagen. Die Brand1 Podcast-Folgen und das digitale Magazin verlinken wir euch in den Shownotes. Und das gedruckte Heft findet ihr in jedem gut sortierten Zeitschriftenladen.
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Egal wo, wir würden uns freuen, wenn ihr uns folgt. Und unsere nächste Episode, die ist schon in Arbeit. Würde mich freuen, wenn wir uns einfach nächsten Freitag hier an dieser Stelle wiederhören. In diesem Sinne, bis dahin.
Der Brand1 Podcast – Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der Brand1 Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm, Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer, in Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand1 Magazin. Moderation: Christian Bollert.