Wir sind in Deutschland mittendrin im Sommermodus. Nach ein paar kühleren Tagen kommt ja gerade das Sommerwetter wieder so ein bisschen zurück. Und der Sommer ist ja für viele auch die Zeit, mal so ein wenig innezuhalten, vielleicht mal mehr zu lesen und auch Podcast-Episoden nachzuhören, die man bisher nicht geschafft hat.
Auch wir hier im Podcast-Team nutzen diese Wochen, um auf besondere Momente zu schauen. Vergangene Woche haben wir zum Beispiel nochmal auf das Thema Blockchain und Kryptowährungen geschaut, und dieses Mal geht es, wie versprochen, um die Lebensmittelpreise. Am Mikrofon begrüßt euch Christian Bollert.
Die Lebensmittelpreise in Deutschland sind seit vielen Jahren deutlich höher als wir es vorher so gewohnt gewesen sind. Hier im Podcast habe ich darüber immer mal wieder gesprochen, aber das Gespräch mit der Agrarwissenschaftlerin Regina Börner von vor gut vier Jahren ist mir besonders im Kopf geblieben. Denn aus ihrer Perspektive sind die Preise für Lebensmittel in Deutschland eigentlich immer noch zu niedrig. Sie führt dafür die Probleme der Landwirtschaft mit Nachhaltigkeit, Tierwohl und Klimafolgen an. Denn diese Probleme bestehen in vielen Aspekten weiterhin, und das trotz der gestiegenen Preise der vergangenen Jahre.
Gleichzeitig fehlt es mindestens seit der russischen Vollinvasion an Wirtschaftswachstum, das Ganze auch leisten zu können. Es ist schon deutlich geworden, dass die Analyse der Agrarwissenschaftlerin Regina Börner heute im Sommer 2026 in fast allen Punkten weiterhin hochaktuell ist. In dieser Episode lernt ihr, weshalb Lebensmittel aus ihrer Sicht trotz all der Preissteigerungen der vergangenen Jahre zu günstig sind und wie gleichzeitig die soziale Frage beantwortet werden kann. Denn höhere Preise für Lebensmittel treffen Menschen mit niedrigeren Einkommen viel härter als Gutverdienende.
Gehen wir also rein in das Gespräch mit Regina Börner zu Lebensmittelpreisen.
Gespräch mit Regina Börner
Schönen guten Tag Frau Börner und schön, dass Sie hier im Brand1-Podcast zu Gast sind.
Schönen guten Tag, ich freue mich, dass ich hier dabei sein kann. Ich habe es vorhin schon kurz erwähnt: Aus Ihrer Perspektive sind Lebensmittel in Deutschland immer noch zu billig. Haben Sie in der aktuellen Situation keine Sorge, geteert und gefedert zu werden?
Natürlich ist das ein Anlass für Sorge, wenn die Nahrungsmittelpreise steigen, und es ist vor allem aber ein Anlass zur Sorge für Menschen, die ein niedriges Einkommen haben, weil die geben ja relativ viel von ihrem Einkommen für Nahrungsmittel aus. Um diese Gruppe muss man sich auch Sorgen machen und muss sich kümmern.
Aber im Durchschnitt ist es ja so, dass die Deutschen eben nur einen relativ geringen Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Also das waren ja nach dem Zweiten Weltkrieg mal so fast die Hälfte. Dann ist es auf etwa 13 Prozent gesunken. Jetzt liegt es bei etwa so zwischen 15 und 16 Prozent. Wenn dann die Nahrungsmittelpreise etwas steigen, dann ist das ja im Gesamtbild noch nicht das große Drama.
Und man muss sich halt klar machen, die Preise, die die Bürger eben ausgeben für die Nahrungsmittel, die bedingen eben auch die Einkommen der Landwirtinnen und Landwirte. Das muss man halt dabei im Blick haben. Über die sozialen Folgen werden wir in diesem Gespräch garantiert später auch noch intensiver sprechen.
Aber mich interessiert vor allen Dingen dieser Vergleich, den Sie gerade aufgemacht haben. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gingen fast die Hälfte des Einkommens für Lebensmittel drauf. Auch 1960 noch so knapp 40 Prozent, heute nur noch so gut 15. Wie kommt denn das?
Ja, das liegt an zwei Gründen. Der erste Grund ist, dass die Einkommen eben stark gestiegen sind. Wenn man es jetzt vergleicht mit der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Lebensmittelpreise sind eben nicht in gleichem Ausmaß gestiegen. Und das liegt vor allem deswegen, weil die Landwirtschaft eben sehr erfolgreich war, produktiver zu werden, durch ertragreichere Sorten, durch Fortschritte in der Züchtungsforschung beispielsweise.
Das hat natürlich teilweise auch negative Auswirkungen auf Umwelt, Tierwohl und Klima gehabt. Aber man muss einfach mal anerkennen, dass die Landwirtschaft durch diese hohe Effizienzsteigerung halt in der Lage war, Nahrungsmittel relativ günstig zur Verfügung zu stellen. Und das hat ja auch ganz stark zu unserem Wohlstand beigetragen, weil wir eben nicht mehr die Hälfte unseres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben.
Also auf lange Sicht ist es viel, viel günstiger geworden, Lebensmittel zu kaufen. Wenn man jetzt aber mal kurzfristig guckt, also nehmen wir mal Mai 2021 bis Mai 2022, da gibt es über 11 Prozent Teuerungsrate bei Nahrungsmitteln. Warum sollten wir denn noch mehr für Lebensmittel ausgeben?
Der Grund ist, dass unsere Produktion muss eben nachhaltiger werden. Und das ist eben oft mit höheren Kosten verbunden. Also wenn wir uns die Tierhaltung anschauen, wenn wir das einfach tierfreundlicher, mehr Tierwohl, wenn wir das erreichen wollen, dann brauchen die Tiere mehr Platz, dann brauchen die Tiere Beschäftigungsmaterial, dann muss man eine Auslaufhaltung zum Beispiel einführen. Und das ist mit höheren Kosten verbunden.
Und die Landwirte, die wollen ja auch an der allgemeinen Einkommensentwicklung teilhaben, die können das ja nicht zum Nulltarif bereitstellen. Und deswegen muss das von den Verbraucherinnen und Verbrauchern eben auch getragen werden, die Mehrkosten, die entstehen, wenn man nachhaltiger, klimafreundlicher und tierwohlfreundlicher produziert. Deswegen eben diese Notwendigkeit für höhere Preise, damit man diese Nachhaltigkeitsziele damit erreichen kann.
Konkrete Preissteigerungen
Dann machen wir es doch mal konkret. Können Sie denn genau sagen, wie viel teurer Lebensmittel sein müssten, damit es fair ist und besser?
Das kann man natürlich nicht allgemein sagen, weil Landwirtschaft ein sehr komplexes Feld ist. Also je nach Art des Produkts, um das es geht, sind die Preissteigerungen halt auch unterschiedlich. Also von daher ist es schwierig, das zu sagen. Aber man schätzt zum Beispiel, das hat ja der wissenschaftliche Beirat mal in einem Gutachten ausgerechnet, dass wenn man etwa die Produktion von Schweinefleisch allen Tierwohl-Anforderungen gerecht machen will, dass man dann schon mehr Kosten in der Größenordnung von 20 bis 30 Prozent haben könnte.
Also je nachdem, um welches Produkt es eben geht, kann das natürlich auch weniger sein. Aber ohne eine Preissteigerung werden sich diese Ziele nicht erreichen lassen. Das muss man einfach mal anerkennen.
Das heißt, der Durchschnittshaushalt müsste dann in Zukunft nicht mehr vielleicht 15 Prozent seines monatlichen Einkommens für Lebensmittel bezahlen, sondern vielleicht mal 20 oder, wenn es hochkommt, 25.
Ja, ich denke nicht, dass es so weit ansteigen muss. Ich könnte mir vorstellen, aber das ist wie gesagt, genau kann man das schlecht sagen. Aber ich würde mal denken, dass es so in der Größenordnung von einer Steigerung vielleicht so in der Größenordnung von 20 Prozent liegen könnte. Also wenn man tatsächlich alle negativen Umweltwirkungen, die wir im Augenblick noch haben, wenn man die in den Griff bekommen möchte und halt gleichzeitig sicherstellen, dass die Bauern auch einen fairen Preis für ihre Arbeit, ein faires Einkommen bekommen, dass man dann so in dieser Größenordnung liegt.
Soziale Gerechtigkeit
Stichwort fair und sozial. Sie haben es schon angesprochen: Natürlich haben gerade sozial schlechtergestellte Gruppen mit höheren Lebensmittelpreisen ein Problem. Wie kann das denn fairer und sozialer funktionieren, wenn die Preise dann doch noch steigen?
Ja, einmal ist es natürlich eine Frage der Sozialpolitik. Also da haben wir auch im Wissenschaftlichen Beirat ja ausdrücklich darauf hingewiesen. Es gibt bei uns ein Problem der Ernährungsarmut, also dass sich Haushalte mit niedrigem Einkommen, auch Empfänger von Sozialhilfeleistungen, dass es für die einfach schwierig ist, sich gesund zu ernähren. Denn wenn man sich gesund ernähren will, entsprechend auch Obst und Gemüse konsumiert, das sind ja relativ vergleichsweise teure Nahrungsmittel.
Und man kann das ja auch ausrechnen, was eigentlich vorgesehen ist für Ernährung in den Sozialleistungen. Das reicht halt einfach nicht aus, zum Beispiel um Kinder gesund zu ernähren. Also da muss man einfach entsprechende Anpassungen vornehmen. Und gerade auch, wenn die Preise steigen, dann muss man eben sicherstellen, dass diejenigen, die Sozialleistungen bekommen, eben entsprechend höhere Leistungen bekommen.
Und auch im allgemeinen Steuersystem kann man ja einfach mal darauf hinwirken, dass diejenigen, die niedrige Einkommen haben, dass die entlastet werden, steuerlich entlastet werden, damit die sich eben auch noch entsprechende Nahrungsmittel leisten können. Also das ist schon ein ganz, ganz wichtiges Ziel. Aber das betrifft eben vor allem die Bezieher von niedrigen Einkommen.
Empfänger von Sozialleistungen sind ja dann Menschen, die beispielsweise auch die Tafeln nutzen, die völlig überlaufen sind. Also auch da müsste der Staat eigentlich viel mehr tun, um diese Gruppe zu erreichen.
Aber wenn Sie die Steuern ansprechen, diese Leute zahlen ja häufig kaum Steuern.
Ja, aber zum Beispiel, wenn sie Sozialleistungen bekommen, kann man ja entsprechend die Sätze anheben. Also da gibt es ja schon Möglichkeiten oder entsprechende Einkommens-Transfers, aber eben speziell für diese Gruppen.
Also wir haben ja in Deutschland oft so das Problem, dass dann mit der Gießkanne bekommt dann jeder irgendeinen Beitrag. Und das ist natürlich nicht besonders sinnvoll. Man müsste viel mehr gezielt für Menschen tun, die eben von dem Problem von Ernährungsarmut betroffen sind.
Mehrwertsteuer und Subventionen
Ist das auch die Stoßrichtung, wo Sie sagen, naja, diese Idee von Agrarminister Özdemir, die Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte komplett zu streichen, die ja unter anderem von Verbraucherzentralen noch unterstützt wird oder auch vom Umweltbundesamt, das finden Sie nicht so gut?
Also wenn es darum geht, es gibt ja einmal die Forderung, den Mehrwertsteuersatz auf alle pflanzlichen Produkte zu senken, das halte ich nicht für sinnvoll. Wenn es aber gezielt um Produkte geht, die relativ teuer sind, aber gerade aus ernährungsphysiologischen Gründen so wichtig sind, wie zum Beispiel Obst und Gemüse, da kann ich mir das schon vorstellen.
Aber eben diese Gießkannenmaßnahmen, also alle pflanzlichen Produkte, das fände ich jetzt keinen so sinnvollen Ansatz. Weil man muss sich ja immer überlegen, wie viel Steuereinnahmen entgehen denn dem Staat damit und was kann man dann mit diesen entgangenen Steuermaßnahmen eben auch nicht machen. Also ich plädiere für gezielte Maßnahmen.
Die Agrarwissenschaftlerin Regina Börner sagt das hier beim Podcast Radio Detektor FM. Und im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die wachsende Konkurrenz auf dem Markt und Vorschläge für eine noch nachhaltigere Ernährung und landwirtschaftliche Produktion.
Technische Entwicklung der Landwirtschaft
Frau Börner, Sie beschreiben ja diese technische Entwicklung der Landwirtschaft mit einer Tretmühle. Also das ist so das Bild, was Sie bemühen. Landwirtinnen und Landwirte investieren in neue Technik. Das steigert dann die Produktivität, die wiederum zu sinkenden Preisen für uns Verbraucherinnen und Verbraucher führt. Aber unter den Bäuerinnen und Bauern führt das vor allen Dingen zu einem Verdrängungswettbewerb.
Genau, das ist ein Problem. Das hat der amerikanische Agrarökonom Willard Cochrane beschrieben. Also diesen Tretmühleneffekt, den wir eben beobachten, weil wir haben ja ein System von Wettbewerb. Die Landwirtschaft ist ja in die Marktwirtschaft eingebunden. Und um sozusagen mit der Einkommensentwicklung mitzuhalten, investieren die Bäuerinnen und Bauern eben in neue Technologien.
Aber am Ende, weil dann eben die Produktion ansteigt und wenn die Nachfrage eben relativ gleich bleibt, dann sinken halt die Preise. Und dadurch entsteht die Tretmühle. Dann niedrigere Preise heißen ja für die Landwirtinnen und Landwirte niedrige Einkommen. Also muss dann in die nächste Runde investiert werden. Und der Gewinner, das sind ja die Verbraucherinnen und Verbraucher.
Und für die Landwirtschaft ist das natürlich eine erhebliche Herausforderung, die dann auch zu einem Strukturwandel führt, den wir ja schon seit vielen Jahren beobachten können, dass eben kleinere Betriebe, weniger wirtschaftliche Betriebe, dann eben auch aufgeben. Also die Zahl der Landwirtinnen und Landwirte, der Betriebe, die sinkt ja. Und das ist eben auch ein Effekt dieser Tretmühle.
Größenvorteile in der Landwirtschaft
Stichwort Marktwirtschaft. Fast schon ironischerweise gelten ja viele landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften aus DDR-Zeiten, die kurz LPGs genannt werden, heute auf dem Markt ja als besonders erfolgreich und effizient, gerade weil sie oft sehr, sehr große Flächen bewirtschaften.
Ja, das hat man in der Agrarökonomie lange intensiv diskutiert. Also gibt es eigentlich diese Größenvorteile in der Landwirtschaft? Also je größer der Betrieb, desto effizienter. Das stimmt natürlich nur eingeschränkt, weil je größer die Betriebe werden, umso höher werden zum Beispiel auch die internen Transportkosten, die man hat, um dann noch auf seine Felder zu kommen.
Also auch kleinere Betriebe können zum Beispiel sehr erfolgreich wirtschaften, vor allem auch dann, wenn sie eben besondere Produkte, Ökolandbau, produzieren. Also es liegt nicht nur an der Größe. Man kann nicht sagen, je größer der Betrieb, automatisch umso wirtschaftlicher ist er. Also das ist jetzt auch nicht der Fall in der Landwirtschaft.
Aber wir haben halt schon einen Trend zu größeren Betrieben, weil nur die sich halt über Wasser halten können. Also in den Regionen, wo eben keine Produktionsgenossenschaften eingeführt waren, da können Betriebe ja nur dann wachsen, wenn andere aufgeben. Und das ist halt ein sehr langwieriger Prozess, weil meistens Landwirte ja nur dann aufgeben, wenn sie sozusagen das Alter erreichen, wo sie es dann nicht mehr weitermachen können.
Und wenn dann kein Hofnachfolger da ist, dann werden die Flächen eben verpachtet. Also das ist ja so der Prozess, der normalerweise stattfindet.
Zukunft der deutschen Landwirtschaft
Also Sie würden nicht so weit gehen, dass wir in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder von mir aus auch Mecklenburg-Vorpommern schon die Zukunft der deutschen Landwirtschaft sehen.
Also diese familienbäuerliche Landwirtschaft finde ich eigentlich auch ein sehr gutes Modell. Gut, in den Regionen, wo es halt diese Zwangskollektivierung gegeben hat, da gibt es halt jetzt andere Produktionsformen. Aber wichtig ist halt, gerade auch wenn man jetzt zum Beispiel Biodiversität und Landwirtschaft in Einklang bringen will, dass man eigentlich eine vielfältige Landschaftsstruktur hat.
Und das ist bei diesen sehr großen Betrieben kann man das natürlich auch erreichen durch entsprechende Maßnahmen. Aber wenn man das alles im Auge behält, also wie ist die Landwirtschaft auch gut für Biodiversität und Nachhaltigkeit, dann ist das mit einer bäuerlichen Struktur oft besser zu erreichen als mit diesen Großbetrieben. Da kann man es auch erreichen, aber man muss halt auch entsprechende Maßnahmen dann treffen.
Ein Punkt für diese Großbetriebe gibt es aber vielleicht noch: Die können nämlich ja auch vielleicht direkt auch als Genossenschaften durchaus mehr Verhandlungsmacht gegenüber den ja so oft als Preistreiber kritisierten Lebensmitteleinzelhändlern und Discountern haben, oder?
Ja, das können sie schon. Aber auch die bäuerlichen Betriebe können sich ja in Genossenschaften für die Vermarktung zusammenschließen, was sie ja auch machen. Also in der Vermarktung spielen die Genossenschaften ja nach wie vor eine wichtige Rolle, wenn sie beispielsweise an die Molkereiwirtschaft denken.
Aber auch hier ist es so, dass selbst Genossenschaften, denen es gelingt, auch einen Markennamen zu etablieren, dass die halt trotzdem weiterhin Schwierigkeiten haben gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel. Das hat ja auch zu sozialen Bewegungen geführt, wie dieses Landschaftverbindungen, also dass die Bäuerinnen und Bauern dann tatsächlich auch mit ihren Traktoren auf die Straße gehen und protestieren, um einfach auch Druck auszuüben und ihre Verhandlungsmacht da zu stärken.
Denn auch im Vergleich zu einem Großbetrieb ist das natürlich immer noch relativ klein, wenn man jetzt die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel sich anschaut. Das sind ja nur wenige, es sind nur noch eine Handvoll von großen Ketten, die da den Markt beherrschen.
Rolle der Politik
Wäre das aus Ihrer Sicht auch ein Spielfeld für die Politik?
Ja, natürlich, weil man ja auch gesetzlich darauf einwirken kann, welche Verhandlungsbedingungen da herrschen, also welche Geschäftsbedingungen da durchgesetzt werden können, dass einfach auch fairere Geschäftsbedingungen da möglich sind. Also das ist schon auch ein Feld. Ich meine, generell auch die Stärkung der Genossenschaften ist natürlich auch ein wichtiger Punkt.
Und ja, die Frage des Kartellrechts muss man natürlich auch immer wieder stellen. Und die Frage, wie viel Konzentration lässt man denn eigentlich zu? Also das ist sicher auch ein Feld, wo die Politik eingreifen kann.
Dann schauen wir noch mal ein bisschen genauer hin beim Thema Nachhaltigkeit. Wir haben hier in der vorletzten Folge dieses Podcasts über den CO2-Preis gesprochen. Ist denn der logische Rückschluss erlaubt, dass die wahren Kosten für Lebensmittel, also inklusive Umwelt- und sozialen Folgekosten, nochmal deutlich höher wären?
Ja, das hatten wir ja vorher auch schon besprochen, dass wenn man diese sogenannten externen Effekte, also Umweltwirkungen, wenn man die berücksichtigen würde, und Maßnahmen eben ergreift, um die zu reduzieren, dass dann natürlich die Preise höher werden.
Also im Augenblick ist es schon so, dass die Kosten eben nicht die wahren Effekte der Produktion abbilden. Und das geht ja um verschiedene Bereiche. Also was Sie angesprochen haben, natürlich die Klimawirkungen der Landwirtschaft. Die sind natürlich gerade in der tierischen Produktion relativ hoch oder in der Jüngerwirtschaft.
Also da gibt es ja so große Stellschrauben, an denen man da drehen kann. Aber es ist natürlich auch die Frage, Auswirkung von Landwirtschaft auf die Biodiversität. Das ist ja ein wichtiges Thema. Tierwohl haben wir schon angesprochen. Also das ist ja eine Reihe von Nachhaltigkeitszielen, die wir in der Landwirtschaft erreichen müssen.
Und Klima, klar, das ist eine ganz wichtige Stellschraube, wobei die Landwirtschaft natürlich auch Möglichkeiten hat, eben positive Auswirkungen zu erreichen. Da wird ja auch viel drüber geforscht, indem man beispielsweise Agroforst betreibt, also Bäume in die Landschaft integriert, den Humusaufbau im Boden stärkt.
Fleischsteuer
In der Brand1 haben Sie für eine nachhaltige Ernährung die Möglichkeit einer Abgabe auf Fleischprodukte nochmal unterstrichen. Warum wäre denn so eine Fleischsteuer oder Fleischabgabe aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Die wäre aus zwei Gründen sinnvoll. Einerseits würde man da eine Steuerungswirkung erreichen. Also auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt ja, den Fleischkonsum zu senken, weil der eben fast doppelt so hoch ist wie eigentlich aus gesundheitlichen Gründen empfohlen wird.
Also im Durchschnitt, natürlich immer große Unterschiede, aber im Durchschnitt schon aus gesundheitlichen Gründen wäre es besser, weniger zu konsumieren. Da hat man natürlich eine entsprechende Wirkung, wenn man am Preis ansetzt. Gleichzeitig würde man damit ja Einnahmen schaffen, und die könnte man dann der Landwirtschaft oder sollte man dann der Landwirtschaft zur Verfügung stellen, um damit gezielt eben das Tierwohl zu verbessern.
Also daher zwei Gründe. Man muss es aber sozial abfedern. Das haben wir ja vorher auch besprochen für Haushalte mit niedrigem Einkommen. Die werden ja davon betroffen, und nachteilige Auswirkungen auf die Gruppe müsste man natürlich verhindern.
Und das würden Sie wie machen? Auch wieder mit Transferleistungen, beispielsweise Gutscheinen oder extra Geld für Fleisch?
Ja, vielleicht nicht extra Geld für Fleisch, aber eben Maßnahmen, die halt generell das Einkommen dieser Gruppe erhöhen. Also man ist jetzt im steuerlichen Bereich macht oder durch Transferleistungen, durch Anpassung von Sozialleistungen. Also alle diese Instrumente, die man da eben verwenden kann.
Rolle der Politik in der Landwirtschaft
Sie haben immer wieder auch angesprochen, das liegt vielleicht auch an ihrer Rolle im Beirat des Landwirtschaftsministeriums, dass die Politik auch eine große Rolle spielt. Schauen wir vielleicht auch noch ein bisschen konkreter auf die Rolle des Staates.
Also landwirtschaftliche Betriebe erhalten in Deutschland ja sehr, sehr viele Subventionen, die gar nicht mal einen unerheblichen Anteil ausmachen, teilweise sogar fast die Hälfte des Einkommens von Landwirtinnen und Landwirten. Ist das so, wie es bisher erfolgt, auch wirklich sinnvoll mit der Verteilung?
Ja, da gibt es eben große Kritik daran. Also ja, im Schnitt sind es über 40 Prozent der Einkommen der Landwirtschaft, die eben aus Subventionen stammen. Und ein Großteil dieser Mittel werden eben auch nach so einem Gießkannenprinzip vergeben. Also das ist einfach an die Fläche gekoppelt und nicht daran, dass bestimmte Umweltleistungen, Tierwohlleistungen damit auch erreicht werden.
Also natürlich gibt es den berechtigten Anspruch von Bäuerinnen und Bauern, eben auch eine Einkommensunterstützung zu bekommen, weil die wollen ja auch an der allgemeinen Einkommensentwicklung teilhaben. Aber es werden eben die Mittel nicht zielgerichtet eingesetzt. Und deswegen, das ist schon lange eine Forderung der Wissenschaft an die Politik, diese Mittel einfach gezielter einzusetzen, um damit Nachhaltigkeitsziele oder Gemeinwohlleistungen zu fördern.
Konkrete Maßnahmen für Subventionen
Wie kann denn das ganz konkret aussehen?
Ja, ganz konkret kann das eigentlich so gestaltet werden, dass man die Bedingungen ändert, unter denen man diese Subventionen vergibt, dass man eben nicht mehr sagt, pro Fläche gibt es eine bestimmte Zahlung, die dann nur ja nur sehr eingeschränkt an überhaupt irgendwelche Auflagen gebunden ist, sondern dass man ganz gezielt eben, wer besonders biodiversitätsfreundlich, wer besonders klimafreundlich, umwelttierfreundlich wirtschaftet, der bekommt eben die Mehrkosten, die dadurch entstehen, erstattet durch entsprechende Programme.
Ja, kann man sich ja entsprechende Umwelt- Tierwohlprogramme gestalten und eben aufhört, in solchem Umfang einfach nur pro Fläche eine bestimmte Zahlung zu leisten. Das ist ja eine politische Entscheidung. Also das kann man ja politisch, muss man eben den Willen aufbringen, das entsprechend umzusetzen.
Aber es gibt ja auch diesen Witz, dass die Hälfte der Europäischen Union nur damit beschäftigt ist, Subventionen für Agrarleute hin und her zu schieben. Wäre es nicht noch aufwendiger, wenn man das dann so kleinteilig macht? Also jetzt mal ganz naiv gefragt.
Die entsprechenden Programme, wie man es eigentlich machen könnte, das gibt es ja schon. Also wir haben ja in der Agrarpolitik, wir sprechen einmal von zwei Säulen. Da gibt es eine erste Säule, da sind eben diese Zahlungen je Fläche drin in dieser Säule. Und dann gibt es ja eine zweite Säule, wo man eben entsprechende Programme gestalten kann.
Und das liegt ja in der Verantwortung der Bundesländer in Deutschland. Und das ist ja auch sinnvoll, weil Landwirtschaft ist ja sehr vielgestaltig. Dass man einfach regionale Programme macht, was jetzt für Baden-Württemberg oder für Bayern sinnvoll ist, dass man da entsprechende Maßnahmen eben gestaltet, anstatt versucht, das möglichst zentral zu machen.
Das halte ich schon für notwendig und auch für sinnvoll, dass man eben vor Ort die richtigen Maßnahmen ergreift, um die Landwirtschaft bestmöglich in die Lage zu versetzen, eben besonders nachhaltig zu wirtschaften und dabei trotzdem ein angemessenes Einkommen zu erzielen.
Fazit
Jetzt beobachten Sie diese ganze Situation und den Markt ja schon seit vielen, vielen Jahren. Was ist denn das, wo Sie bis heute sagen, komisch, dass das nicht vernünftig gelöst wird?
Das wundert mich bis heute. Ja, ein Punkt, der mich bis heute wundert, der nicht vernünftig gelöst wird, ist ja diese Subventionspolitik. Man ist ja politisch bereit, relativ viele Mittel aufzuwenden. Gibt ja kaum andere Wirtschaftssektoren, wo man sagt, okay, also 40 Prozent des Einkommens kommt aus staatlichen Leistungen und dann aber nicht den politischen Willen entwickelt, das einfach gezielter zu tun. Das finde ich ein großes Problem.
Und ein zweites großes Problem, das mich auch wundert, warum das eigentlich auch in der öffentlichen Diskussion keine stärkere Rolle spielt, ist eben dieses Problem der Ernährungsarmut, dass auch in einem reichen Land wie Deutschland wir eben Gruppen haben, die es sich nicht leisten können, sich gesund zu ernähren.
Also die hungern nicht, aber die haben eben nicht das Budget, um sich und ihre Kinder gesund zu ernähren. Ich denke da auch an das Problem der Tafeln, dass man von staatlicher Seite das völlig nur freiwilligen Organisationen überlässt. Das finde ich schon sehr problematisch.
Also das sind so zwei Punkte, wo ich denke, da muss die Politik wirklich mehr machen. Das sagt Regina Börner hier im Brand1-Podcast. Vielen Dank für das Gespräch.
Ja, ich bedanke mich auch. Dankeschön. Regina Börner im Brand1-Podcast. Das Gespräch haben wir im Juni 2022 zum ersten Mal veröffentlicht. Den Link zum weiterführenden Interview mit Regina Börner in der Brand1 packen wir euch in die Show Notes.
Und dort findet ihr außerdem noch vier weitere Gespräche mit Expertinnen und Experten zum Thema Preise und Gerechtigkeit. Nächsten Freitag widmen wir uns dann einem ganz anderen Thema, nämlich dem Dating. Auch ein Klassiker unserer Zeit.
Unser Fokus gilt dabei der sogenannten Tinder-Erschöpfung, die vermutlich viele von euch da draußen auch ganz persönlich kennen, wenn sie mal unter X waren auf diesen Apps. Kommt egal ob mit oder ohne Dating-App gut durch die nächsten Tage und Wochen und gern bis nächste Woche hier im Podcast.
Der Brand 1-Podcast. Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei Detektor FM. Der Brand 1-Podcast wird produziert vom Podcast Radio Detektor FM. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer in Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom Brand 1-Magazin. Moderation: Christian Bollert.