Ich geh mit dem Farbtopf in mein Wahlbüro, mit dem blauen Farbehemd. Und was machen Sie da? Kreuz? Ein blaues. Ich geh wählen, schon immer. Wissen Sie schon, was? Oder sind Sie auch noch unentschlossen? Ja. Das weiß ich ganz genau. Und das auch schon seit… na ja, seit… Ja, überzeugt mich die Eine. Andere, ich sage immer, eine andere macht’s immer nicht besser. Man hat im Hinterkopf, das Richtige zu tun, aber man weiß nicht, was das Richtige ist, ne? Es ist schwierig im Moment.
Stimmen aus Zerbst, einem Ort, der in vielen Punkten wie ein Brennglas von Sachsen-Anhalt ist. Hier haben die Leute zur Landtagswahl 2021 nämlich genauso oder ziemlich genauso abgestimmt wie das ganze Land. Deswegen sind wir dorthin gefahren, um zu hören, was Sachsen-Anhalt so kurz vor der Wahl bewegt. Was Sachsen-Anhalt bewegt, das ist an der Stelle aber auch eine schwierige Frage. Immerhin leben hier 2,1 Millionen Menschen, die, das haben wir schon in unserer allerersten Folge besprochen, kein einheitliches Identitätsgefühl haben, sondern ganz unterschiedlich kulturhistorisch geprägt sind. Es sind eben ganz verschiedene Menschen aus ganz verschiedenen Regionen mit ganz unterschiedlichen Ausgangslagen.
Und trotzdem können die Stimmen aus Zerbst, glaube ich, exemplarisch für das Bundesland stehen. Was wir in Zerbst erlebt haben, welche Fragen es wenige Tage vor der Landtagswahl gibt, unser Thema heute bei Dazwischen. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.
Wir haben in den letzten beiden Folgen über die Parteien gesprochen, die vor dieser Wahl nicht so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Die Linke, die SPD, die Grünen und die FDP. Wir haben uns nicht nur deren Programme angeschaut, sondern auch, wie groß die Chancen sind, dass sie in den neuen Landtag in Sachsen-Anhalt einziehen. Dazu haben wir eine Mail von Andreas bekommen. Er schreibt: „Vielen Dank für die Infos. Ich weiß sehr genau, wen ich wähle. Denn auch Demokratie braucht keine Alternative.“
Friedrich hat uns auch geschrieben, und zwar beim dezentralen sozialen Netzwerk Mastodon. Sehr hörenswert, trotz oder wegen des vielen Parteisprechs. Ich weiß nicht, ob das Lob oder Kritik ist. Beides gleichzeitig, die Kunst der Gleichzeitigkeit. Habt vielen Dank, dass ihr eure Gedanken da so mit uns teilt. Das wird auch in dieser Folge eine Rolle spielen.
Schreibt uns gern noch, wie es euch gerade so geht zu kurz vor der Wahl. Was treibt euch um? Was macht ihr zum Beispiel am Wahlabend? Wie verfolgt ihr da die Ergebnisse? Einfach eine Nachricht an dazwischen@detektor.fm oder im dezentralen Netzwerk Mastodon. Oder ihr schreibt uns eine WhatsApp. Die Nummer findet ihr direkt in den Show Notes. Und an der Stelle auch noch ein… Ich hab leider keine richtige Tröte. Wir haben jetzt mehr als 5.000 Podcast-Abonnenten. Danke an euch, das freut uns wirklich, wirklich sehr.
Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.
Marie, es sind noch drei Tage bis zur Wahl. Sachsen-Anhalt hat selten so viel Aufmerksamkeit bekommen, würde ich sagen, wie in den letzten Monaten. Darunter natürlich viele Katastrophenszenarien, viele Klischees. Wir haben versucht, das hierbei Dazwischen ein bisschen differenzierter zu machen. Wenn man in Sachsen-Anhalt unterwegs ist, merkt man schon, es gibt eine sehr aufgeladene Stimmung. Die Menschen sind in ihren Meinungen, in ihrer Haltung gespalten. Es gibt viele Ängste und Sorgen.
Wir haben uns ja hier im Podcast in den vergangenen fast schon sechs Monaten auch viel über diese Probleme unterhalten und haben viel geschaut, womit Sachsen-Anhalt zu kämpfen hat. Allen voran der demografische Wandel, wenig große Unternehmen, wenig Stiftungen, damit auch wenig Kapital abseits der öffentlichen Gelder. Dann natürlich Klammekassen, viel ländlicher Raum. Und damit eben auch die Herausforderung, wie man die Infrastruktur da eigentlich aufrechterhält.
Trotzdem muss ja wirklich auch ganz klar gesagt werden, dass Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahrzehnten, also seit der Wende, wirklich eine Menge erreicht hat. Ich finde, das gerät auch viel zu oft aus dem Blick, gerade im Alltag. Allein wenn ich mir so Innenstädte vorstelle, also meine Erinnerung als ich Kind und Jugendliche war so Mitte Ende der 90er, Anfang der 2000er, also die sahen da schon wirklich anders aus. Und grau ist wirklich ein Wort, was es trifft. Grau und kaputt. Und da ist wirklich viel passiert, auf jeden Fall.
Und mir fällt auch immer auf, es gibt ja auch so Dinge, die laufen eigentlich schon immer ziemlich gut im Osten. Kinderbetreuung ist ein Beispiel. Wir haben Kita-Plätze schon ab einem sehr frühen Alter, Ganztagsschulen. Das ist für uns total selbstverständlich, weil wir es gar nicht anders kennen. Aber man muss auch mal sagen, Sachsen-Anhalt hat bundesweit die zweithöchste Betreuungsquote für unter Dreijährige. Und das macht natürlich was mit der Vereinbarkeit von Job und Familie, zum Beispiel.
Ja, und gleichzeitig, und das wollen wir damit ja nicht kleinreden, gibt es natürlich Herausforderungen und Probleme. Es gibt, das merken wir in vielen Gesprächen, Frustrationen in Sachsen-Anhalt. Und na ja, gerade jetzt noch mal so ganz kurz vor der Wahl wollten wir noch mal genauer wissen, warum. Und dafür ist Christian nach Zerbst gefahren. Denn Zerbst ist, so haben wir es ja ganz am Anfang schon gesagt, wie ein Brennglas des ganzen Landes. Dort haben bei der letzten Landtagswahl die Menschen nämlich wirklich sehr ähnlich abgestimmt, teilweise bis auf die letzte Kommastelle.
Und ich war schon länger nicht in Zerbst. Ich auch nicht. Ich hab auch überlebt. Ich glaube, so tatsächlich als Kind das letzte Mal. Ja, ich auch. Bin sonst eher durchgefahren. Christian, der jetzt hier bei uns im Studio ist, sag mal, was ist das für ein Thema? Sag mal, wann warst du das letzte Mal davor in Zerbst? Ja, erst mal danke, dass ich da sein darf in dieser Folge. Ich war tatsächlich noch nie in Zerbst. Wer sich nicht ganz so gut in Geografie auskennt, Zerbst liegt ja, ich sag mal, ein bisschen in der Nähe von Dessau-Roßlau, aber eben auch schon auf dem Weg nach Magdeburg, so ein bisschen auch im Dreieck nach Wittenberg. Also so im östlichen Teil von Sachsen-Anhalt. Man könnte sagen, dazwischen. Auch Dazwischen könnte man auch sagen, genau.
Und hast du Basisinfos? Was muss ich über Zerbst wissen? Katharina die Große ist ganz wichtig. Damit wirbt die Stadt, dass sie dort geboren wurde. Ein bisschen mehr als 20.000 Einwohner, so 22.000 Einwohner. Also relativ wichtige Stadt, sogar in Sachsen-Anhalt. Ich glaube, insgesamt so fünftgrößte Gemeinde, also ziemlich nah dran. Und das ist jetzt sehr persönlich, so ein bisschen eine sehr zersplitterte Stadt mit viel Grünanlagen, vielen alten historischen Sachen, aber auch vielen Neubauten, so gerade aus der DDR-Zeit und so. Also es gibt nicht so ein einheitliches Stadtbild.
Und wir alle, die jemals in ihrem Leben als Journalisten und Journalistinnen Umfragen machen mussten, kennen dieses Gefühl, was man dann hat. Man steht da oder man läuft da und denkt so, oh, mal gucken, ob überhaupt jemand mit mir spricht. Wie war das in Zerbst? Ich war auch da ein bisschen, also ich teile dein Gefühl. Man muss sich erst mal ein bisschen überwinden, auf die Leute zuzugehen. Ich trinke dann oft erst mal einen Kaffee und dann gehe ich los.
Und ich bin dann im Marktplatz, hab ich einen Kaffee getrunken, bin dann losgelaufen und ich muss sagen, ich hab selten so viele offene Menschen getroffen wie dort, die auch ganz offensichtlich ein Bedürfnis hatten, darüber zu sprechen. Ihr habt’s ja angesprochen, das ist jetzt kurz vor der Wahl. Erstaunlich viele sind auch noch ziemlich unentschieden gewesen. Das hat mich sehr überrascht, dass es wirklich so ist. Man hört das ja immer in Wählerumfragen, dass ein Drittel und so. Und diese Leute hab ich offensichtlich getroffen, also einige von denen.
Und dann hab ich auch erlebt, was ihr angerissen habt, dass ganz offensichtlich viele Menschen oder die Gesellschaft da wirklich so in zwei Gruppen einzuteilen ist. Die einen haben ganz große Sorgen von den Rechtspopulisten, von der Regierungsübernahme. Die anderen, die sich sehr freuen, dass jetzt endlich mal alles anders wird und die Zukunft irgendwie besser, wenn diese Partei regiert. Das war schon sehr, sehr zu spüren, dass es sehr polarisiert war.
Jetzt hast du aber wirklich den Spannungsbogen groß gezeichnet. Und ich würde sagen, wir hören jetzt einfach mal, was du in Zerbst für Gespräche geführt hast und erlebt hast.
Hallo, Christian Bollert ist mein Name vom Podcast Radiodetektor FM. Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sie ahnen es vielleicht schon, zur Wahl. Wie gucken Sie auf den Sonntag? Problematisch eigentlich. Na ja, das, was die AfD da im Grunde von sich gibt, was sie vorhat, ist das schon für Sachsen-Anhalt ein bisschen problematisch. Das heißt, ich höre auch ein bisschen Sorge raus. Ich sag mal, uns betrifft das jetzt weniger, aber ich denke mal, unsere Kinder und Enkelkinder. Aber im Bezug auf Zuwanderung und was Universitäten betrifft, da ist schon ein bisschen fraglich, was da kommt. Und ob dann noch Ausländer, ob die dann hier noch in Sachsen-Anhalt sich irgendwo beruflich oder jetzt schwulisch orientieren, das ist ja ein bisschen fraglich. Ich denke mal, da werden wir irgendwo abgehängt werden.
Wie ist das bei Ihnen? Sie stehen hier zusammen, teilen Sie die Sorgen? Sicherlich, ja. Genau so. Warum? Na, wie mein Mann das schon gesagt hat, ja. Es ist wirklich sehr bedenklich. Und wenn man diese Veranstaltungen sieht, das hat auch gar nichts mit Politik zu tun. Das ist doch nur Mache. Das ist ja, das ist so wie so eine Festivalveranstaltung. Das hat man hier auch im Markt gesehen.
Sie meinen jetzt zum Beispiel die Wahlkampfveranstaltung der AfD? Das ist lächerlich, ja. Wegen Bratwürstchen rennen hier Hunderte her und… Weiß ich nicht, wie so ein kleiner Rattenfänger.
Wie schauen Sie auf den Sonntag? Na ja, irgendwie ist das schon sicher, ja, was gewählt wird und was Sachsen-Anhalt wählt. Und wenn man sieht, wer das wählt oder wer diese Partei wählt, der sollte mal aufpassen, dass er nicht auch nachher betroffen ist.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sonntag ist Wahl. Wie gucken Sie da drauf? Gemischt. Ich denke, dass viele Leute was anderes wählen werden als das, was vorher war. Einfach um zu zeigen, dass die, die vorher dran waren, die hatten ihre Chance. Sie möchten gern, egal was da herauskommt, jemandem anderen die Möglichkeit geben, es anders zu machen. Das finden Sie okay? Grundsätzlich okay. Da braucht sich keiner wundern, wenn es schlecht läuft, wenn sich jemand dafür entschieden hat.
50:50, also ganz klar. Was würde aus Ihrer Sicht anders laufen oder könnte anders laufen, wenn Sie da Hoffnung haben? Die Hoffnung ist ganz klar, oder das, womit geworben wird, dass man auf die Bedürfnisse derer achtet, die ja letzten Endes dafür sorgen, dass das hier läuft. Dass das wahrgenommen wird, dass die Bürger gesehen werden. Das bringt’s auf den Punkt.
Gibt’s ein Thema, wo Sie sagen, das ist mir wichtig, deswegen geh ich auch hin am Sonntag? Thema Sicherheit, ganz klar. Auch für meine Kinder und meine Frauen. Sie fühlen sich unsicher, höre ich daraus? Hier vielleicht nicht. Das ist noch alles humaner. Aber das, was man sieht, auch in anderen Großstädten, wie sich dort die Klientel bewegt, egal welcher Herkunft, das ist querbeet. Ja, muss anders laufen.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sie ahnen es vielleicht. Sonntag ist Wahl. Wie blicken Sie drauf? Ich bin noch unsicher. Die, die ich immer gewählt habe, sind fast weg vom Fenster. Die FDP? Nee, die… Äh, ja, die, die Werbung machen. Die SPD? Ja, genau. Ich glaub, die stehen hier vorne auf dem Platz und verteilen Flyer. Aber die werden Sie nicht wählen, höre ich daraus? Ich weiß es nicht. Ich möchte mich noch nicht festlegen.
Sie sind eine von den noch Unentschiedenen. Was macht den Unterschied nachher? Weiß ich nicht. Guck ich vielleicht spontan im Wahllokal. Genau. Was ist Ihnen wichtig als Thema? Gibt es ein Thema, wo Sie sagen, das wäre mir wichtig? Die versprechen so viel und das wird nie halten. Zum Beispiel die Heizkosten jetzt für Gas. Die explodieren wieder mal. Das ist doch furchtbar. Und keiner kann da irgendwas machen. Die Mineraldinger, die verdienen sich sonst was. Und wir können zahlen, die armen Leute.
Ja, das war ganz spannend, weil die Frau hatte ich getroffen, das hat man ja gehört, vor einem SPD-Wahlstand. Dann bin ich noch ein bisschen weitergelaufen und bin ein bisschen weiter vom Markt noch wieder Richtung Bahnhof gegangen. Dort hab ich dann die Nächste getroffen. Wie gucken Sie auf den Sonntag? Unentschlossen bis jetzt noch, ja. Was? Schwierig. Warum schwierig? Sie wissen noch nicht so richtig, was Sie wählen. Man sagt ja, viele Leute sind noch unentschlossen. Sie offenbar auch.
Die letzte Frau, mit der ich gesprochen hab, hat auch gesagt, was könnte den Ausschlag geben bei Ihnen? Man hat im Hinterkopf, das Richtige zu tun, aber man weiß nicht, was das Richtige ist. Ja, auf alle Fälle ist man selber gefragt. Aber haben Sie eine Idee, was aus Ihrer Sicht das Richtige sein könnte? Nicht wirklich. Es ist schwierig im Moment.
Gibt es ein Thema, wo Sie sagen, das ist mir wirklich wichtig, das könnte nachher den Ausschlag geben, vielleicht in der Wahlkabine? Na ja, ich find’s jetzt nicht so richtig schön, dass an die Rente gegangen wird und an das Gesundheitssystem. Ja, das hat eigentlich für mich so oberste Priorität. Und dafür müsste ich eigentlich quasi, laut was ich jetzt so gehört habe, die AfD wählen. Aber da sträubt sich trotzdem irgendwie alles in mir. Deswegen weiß ich nicht, was da das Richtige ist.
Hallo, darf ich euch eine Frage stellen? Oder zwei? Genau. Dürft ihr schon wählen? Weiß ich nicht, wir sind 16. Und schaut ihr jetzt auf die Landtagswahl am Wochenende? Ist ja jetzt Sonntag. Ist das ein Thema für euch? Für mich nicht, mir ist es egal. Ja, es ist egal. Ist mir das nicht. Mich interessiert schon, was dabei rauskommt. Warum? Keine Ahnung, ich hab meine Meinung zu einer Partei und es wär ganz gut, wenn da nicht so viele Leute für stimmen.
Ja, also ich weiß nicht. Ich hab keinerlei so viel zu sagen, leider. Weil dir das Sorgen macht, wenn diese Partei gewinnt? Ja, das bereitet mir sehr tolle Sorgen. Auch wenn manche Menschen einmal nicht drüber nachdenken, sich nicht genug dazu belesen, einmal nix darüber wissen, aber denken, ja, die Partei, die ist es. Das macht mir schon ein bisschen Angst.
Ja. Und du sagst, ach, interessiert dich eigentlich nicht so? Nee, ich bin überhaupt nicht in diesem Politikthema drin oder so. Ist mir egal. Entschuldigung, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Nur eine. Sonntag ist Wahl. Wie gucken Sie da drauf? Ich komm mit einem blauen Farbtopf. Das heißt, ich geh mit einem Farbtopf in mein Wahlbüro, mit einem blauen Farbehemd. Und was machen Sie da? Ein Kreuz? Ein blaues? Oh, das könnte aber ungültig sein, glaub ich. Ist wohl Spaß.
Aber wie schauen Sie drauf? Wie hab ich doch grade gesagt? Erledigt. Die haben’s verbockt. Die haben’s über Jahre verbockt. Die haben alle beschissen. Die haben jedes Mal koaliert mit jedem zusammen, nur damit sie an der Macht bleiben. Und jetzt wird’s besser aus Ihrer Sicht? Sie haben die zweite Frage gestellt. Ich frag ja, jetzt wird’s besser? Nein, wenn Sie’s verbocken, gehen Sie nach fünf Jahren auch wieder. Na und? Aber wenn man’s nicht probiert? Wollen Sie mir was erzählen? Ich bin 68 Jahre. Ich frag ja nur.
Sie haben tatsächlich Hoffnung, dass sich was ändert, hör ich daraus? Sagen wir mal so, die Welt ist niemals auf deiner Seite. Die Welt ist schlecht, ganz einfach. Und keiner gönnt dir was Gutes. Und wenn du was auf die Beine stellst, kriegst du noch den dicksten Knüppel dazwischen, damit du auf die Fresse fällst. War das kerndeutsch? Klingt pessimistisch, aber kann man ja so sehen.
Ich hab eine sehr gute Karriere gehabt. Ich war vier Jahre in Russland, hab Erdgasstraße gebaut. Bin zurückgekommen, hab mich selbstständig gemacht. Ja, ich hab sehr gutes Geld verdient. Ich hab alles richtig gemacht. Ich hab Immobilien gekauft, Grundstücke gekauft, ein Geschäft mit Millionenumsätzen gehabt in D-Mark bis 2008. Äh, nee.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ja, bitte. Sonntag ist Wahl. Wie schauen Sie da drauf? Normal. Was ist normal? Was ist normal? Das ist eine gute Frage. Ja, ja. Ich geh wählen, schon immer. Wissen Sie schon was oder sind Sie unentschlossen? Das weiß ich genau. Und das auch schon seit der Wende.
Sie sind eine treue Wählerin? Ganz treu. Was ist Ihnen wichtig als Thema? Als Thema oder für eine Partei? Wenn Sie sagen, Sie sind treu, warum überzeugt Sie die Partei, die Sie wählen? Ja, warum überzeugt mich die? Ich sage immer, eine andere macht es immer nicht besser. Hundertprozentig. Man beobachtet ja das. Und so ist es.
Aber gibt es ein Thema, wo Sie sagen, das ist mir auch wichtig, da bin ich irgendwie angefasst, das will ich, dass sich das verbessert oder so bleibt? Nee, nee. Ich bleibe bei der Partei, ob das schlechter wird oder besser. So ist es wirklich. Und Sie sind damit offensichtlich zufrieden, höre ich daraus? Richtig, richtig. Alles gut.
Aber keine hier, keine, die oben an der Laterne hängen, keine Populisten. Nein. Warum? Ich brauch mal nicht. Und ich sage immer, was sollen die besser machen? Geld haben sie ja alle nicht. Also kann noch keiner was besser machen oder so. Ich bin es ehrlich gar nicht, wie ich wählen soll. Habe ich schon häufiger gehört, dass Leute sagen, ich weiß wirklich auch noch nicht. Alle versprechen Jahrzehnte, 30 Jahre. Und was passiert? Nichts.
Gibt es ein Versprechen, wo Sie sagen, das hätte ich mir gewünscht, da bin ich enttäuscht, dass das nicht gekommen ist? CSU eigentlich. Aber die beiden, die fehlen, die U. Die beiden auch ab nach unten. Die Wähler werden auch immer weniger. Aber gibt es eine Sache, wo Sie sagen, die Versprechen sind alle gebrochen worden, wo Sie sagen, das ist ein Versprechen, da hab ich echt drauf gehofft, dass das kommt? Ich war früher ein großer Fan, auch nach der Wende, von der SPD, Arbeiterpartei. Die wollen Diktarier werden, alles. Und was passiert? Brechen ein. So, und alle machen große Wahlversprechen. Passiert nichts.
Aber gibt es ein konkretes Wahlversprechen, wo Sie sagen, da haben Sie wirklich drauf gehofft, dann ist es nicht gekommen und da sind Sie jetzt sauer? Konkret nicht.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Sonntag ist Wahl. Wie schauen Sie drauf? Ja, mit ein bisschen ängstlichen Gefühlen, was da rauskommt bei der Wahl. Warum? Wenn wir die AfD wählen, keine Ahnung, was da auf uns zukommt. Ich arbeite hier bei der Diakonie mit Menschen mit Behinderung. Meine Kollegen bangen um ihre Arbeitsplätze. Ich gehe in Rente, ich müsste mir nicht mehr so Gedanken machen, aber was passiert mit den Menschen?
Ich hör da Sorgen raus. Ganz viele Sorgen, ganz große Sorgen. Wissen Sie schon, was Sie wählen? Ich hab es schon gewählt, da ich am Sonntag arbeiten muss, weil ich gleich zum Geburtstag eingeladen bin. Briefwahl? Ja, ich habe demokratisch gewählt.
Was spannend ist, ich war hier noch nicht mal eine Stunde unterwegs. Ich war hier schon fast am Bahnhof und hatte wahnsinnig viele Leute getroffen, die mit mir reden wollten. Dann bin ich an einem Bäcker vorbeigelaufen. Auch mit ihr bin ich noch ins Gespräch gekommen.
Hallo, schönen guten Tag. Darf ich Ihnen eine Frage stellen oder sind Sie sehr im Stress? Im Moment bin ich nicht im Stress, nein. Sonntag ist Wahl. Wie gucken Sie drauf? Wie gucke ich drauf? Skeptisch, weil viele immer noch nicht begriffen haben, was hier im Land eigentlich los ist. Es muss eine Wende kommen. Das haben viele noch nicht begriffen, noch nicht verstanden.
Was anderes kann ich erst mal dazu nicht sagen. Wie muss diese Wende aussehen aus Ihrer Sicht? Was muss passieren? Auf jeden Fall, das ist ja allgemein bekannt. Energiepreise, die müssen auf jeden Fall runter, weil dadurch stagniert die Wirtschaft. Gerade Energiepreise, also Betriebe, die von Energie abhängig sind, ob das jetzt Strom ist, ob das Gas ist oder Öl, völlig egal. Die Energiepreise müssen… Oder Bäcker, wir stehen hier mitten im Bäcker oder im Bäckerladen, selbstverständlich. Selbst mein Chef backt mit Gas. Der ist genauso davon betroffen. Und dementsprechend auch unsere Arbeitsplätze.
Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Ja, gerne. Sonntag ist Wahl. Wie schauen Sie drauf? Ich sag mal so, das, was an die Macht kommt, wird wahrscheinlich an die Macht kommen. Punktfragen werden so eintreten, wie Sie wollen. Wahrscheinlich, ja. Da kann man nur gucken, dass man da ein bisschen gegenwählt.
Letzte Frage, was heißt denn für Sie gegenwählen? Was muss eine Partei haben, damit Sie ihnen die Stimme geben? Na ja, es darf nicht recht sein. Fakt. Ob es jetzt nur die Linken oder die Grünen sind, das werden wir noch abstimmen. Wir machen das zu Hause demokratisch. Da stimmen wir dann ab, wen wir dann wählen. Die Kinder haben Mitspracherecht. Genau. Dann danke und noch einen schönen Tag. Gleichfalls.
Geheime Wahlen wird da aber nicht so eingehalten bei dem Familienratsmodell zum Abstimmen. Aber ich find’s auch ein bisschen süß.
Insgesamt ja, Stimmungsbild aus Zerbst, das natürlich nicht repräsentativ ist. Aber ich finde, was man extrem merkt, egal ob herauszuhören ist, dass die Menschen eher mit der AfD sympathisieren oder sagen, nee, auf gar keinen Fall, ich will was anderes. Ich bin unsicher, frustriert sind sie irgendwie alle oder enttäuscht und unsicher. Ich hab nicht das Gefühl, dass da auch nur eine Person dabei gewesen ist, die gesagt hat, ich wähle keine Ahnung, die SPD, die FDP, wen auch immer, weil die werden alles lösen, wenn sie jetzt ein bisschen stärker in den Landtag kommen.
Ja, also ich glaube auch, es gibt ein großes Frustpotenzial. Und selbst die, die irgendwie sagen, sie wollen demokratisch wählen, haben oft das Gefühl, dass bei ihnen das nicht so richtig ankommt. Zum Beispiel die eine etwas ältere Frau, die gesagt hat, ich wähle immer das Gleiche, die hat mir später erzählt, dass bei ihr in der Straße immer noch es so aussieht wie 1990. Also dass sie immer noch nicht saniert worden ist. Das fand ich ziemlich konkret.
Da hat sie das Gefühl, die Stadt funktioniert nicht, weil meine Straße nicht gemacht wird. Und ich glaube, da wird sehr deutlich, was ich trotzdem bemerkenswert finde, ist, dass ich sehr, sehr kurz nur da war und dass so viele Leute mit mir gesprochen haben. Und dass auch niemand irgendwie total ablehnt war, was ich schon auch überraschend fand. Dass es noch so viele Menschen gibt, die unentschlossen sind. Das heißt für mich auch, bis Sonntag kann da noch viel passieren. Hört sich zumindest in Zerbst so an.
Ja, und ich hab auch nicht so richtig so ein großes Thema rausgehört. Wir haben uns ja in den Podcastfolgen oft gefragt, was sind denn so die großen politischen Probleme, vor denen die Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen stehen? Hast du das direkt vor Ort anders empfunden? Ein bisschen ja. Bei so einer Umfrage muss man ja auch immer hier und da einen kleinen Teil wieder rausnehmen.
Es gibt schon so zwei große Themen, die so hängen geblieben sind. Das eine ist schon Wirtschaft. Und dort vor allen Dingen Ölpreise, Gaspreise, Energiepreise. Das ist ein Riesenthema, wo sich die Leute damit beschäftigen. Und das andere ist schon auch das ganze Thema Integration, Migration. Das kommt auch immer mal wieder. Man hat es hier und dort auch gehört, Sicherheit und so weiter. Das war schon auch ein bestimmendes Thema, was bestimmt vier, fünf Leute immer mal angesprochen haben. Das sind, glaube ich, die beiden wichtigsten Themen gewesen.
Vielen Dank, Christian, dass du dich für uns in Zerbst umgehört hast. Sehr gerne. Wir hatten ja in unseren Folgen auch Migration und Wirtschaft auf Basis von dieser einen Infratest DiMAB Umfrage als mit die wichtigsten Themen immer wieder genannt. Wir haben auch gerade von Christian gehört, dass auch im Herbst er schon den Eindruck hatte, dass das sehr bestimmende, sehr bewegende Themen sind. Lass uns da doch noch mal ein bisschen tiefer reingehen und vielleicht bei Migration anfangen.
Ja, ich versuche ja ehrlich gesagt immer erst mal zu verstehen, warum Menschen da solche Ängste, solche Sorgen haben, worum es denen da wirklich geht. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, bei diesem Thema fällt es mir zunehmend schwer. Denn Sachsen-Anhalt ist im deutschlandweiten Vergleich eines der Länder mit dem niedrigsten Anteil an ausländischer Bevölkerung, also jene ohne deutschen Pass. Das sind etwas mehr als 190.000 Menschen, also unter zehn Prozent. Ja, und unter diesen zehn Prozent muss man ja auch noch sagen, sind Menschen aus EU-Ländern, die hier arbeiten. Also Menschen aus Polen, Tschechien, Rumänien.
. Und dieses Recht haben ja nicht nur sie, sondern auch ich. Wir Deutsche haben das Recht, in Europa uns frei zu bewegen. Und ich könnte ja auch einfach mich entscheiden, weil ich dieses Recht als Europäerin habe, jetzt nach Spanien zu gehen oder eben nach Tschechien, um dort zu arbeiten und zu leben.
Ja, und trotzdem haben viele Menschen in Sachsen-Anhalt eben diese Sorgen und Ängste. Das kann man in den Kommentarspalten unter Artikeln sehen, auf Social Media lesen. Aber man merkt es auch einfach in Gesprächen. Und ich höre auch immer wieder von Sorgen und Ängsten, die sich so rund um den Islam drehen. Und ja, natürlich leben mittlerweile mehr Menschen, die dieser Religion angehören. Aber ins Verhältnis gesetzt sind das nur etwa 2,7 bis 2,9 Prozent der Gesamtbevölkerung dieses Bundeslandes.
Und es gibt noch so eine zweite Erzählung, die dann auch immer zum Tragen kommt, nämlich dass Menschen, die hierher kommen, alles geschenkt bekommen. Und auch das widerspricht einfach der Faktenlage. Also 55 Prozent der Menschen ohne deutschen Pass sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Da sind also noch nicht mal alle die, die irgendwie selbstständig arbeiten, mit eingerechnet.
Wer das noch mal ganz genau wissen möchte, wir haben das sehr ausführlich in unserer Folge 15 besprochen, wo wir auch noch mal auf strukturelle Probleme dahinter eingehen. Dass es vereinzelt sicher trotzdem Probleme gibt, das wollen wir ja gar nicht bestreiten. Aber wer sich darauf einschießt, dass Migration das größte Problem in Sachsen-Anhalt ist, der lenkt, finde ich, von Problemen ab, die wirklich viel mehr direkte Auswirkungen auf die Menschen vor Ort haben.
Na ja, und vor allem trägt es auch zur weiteren Spaltung bei. Denn es entsteht natürlich ein Klima von „Wir und die anderen“. Hass und Hetze wird salonfähiger. Und ja, selbst Menschen, die schon lange hier leben oder erst neu hergezogen sind oder angekommen sind und sich integrieren möchten, die bekommen einfach das Gefühl, nicht willkommen zu sein.
Und das könnte gravierende Folgen haben. Denn worin sich zum Beispiel alle Wirtschaftsexperten und Expertinnen einig sind: Ohne Menschen aus dem Ausland werden wir in Sachsen-Anhalt unsere Wirtschaft nicht aufrechterhalten. Ja, und dieses Thema Wirtschaft, das haben wir ja auch schon in mehreren Folgen besprochen, einmal ganz allgemein, oft mit dem großen Blick, aber auch recht spezifisch, zum Beispiel bei der Folge über die Chemieindustrie.
Ja, Sachsen-Anhalt hat da nicht super einfache Bedingungen. Wir haben nicht unzählige riesige Player, die hier schon seit Jahrzehnten einfach für Arbeitsplätze sorgen. Aber es ist auch nicht alles schlecht. Nee, es gibt zum Beispiel einen ziemlich breiten Mittelstand in Sachsen-Anhalt und auch gute Voraussetzungen für innovative Ideen und Start-ups. Auch dazu haben wir eine eigene Folge gemacht.
Was man aber nicht leugnen kann: Wir haben im Schnitt niedrigere Löhne. Also nach Angaben des Statistischen Bundesamts liegt der durchschnittliche Jahresbruttoverdienst bei westdeutschen Vollzeitkräften zwischen so 61.000 und 64.000 Euro, bei den ostdeutschen zwischen 48.000 und 50.000 Euro. Es ist schon so ein Unterschied von ungefähr 13.000 Euro. Das macht halt schon was aus.
Absolut, und das ist auf jeden Fall auch eine Ungerechtigkeit, wo ich verstehe, dass sich Leute wahnsinnig ärgern und auch einfach schlecht behandelt fühlen. Ja, und wo sich aber, um mal vielleicht wieder den Kreis zu schließen zum Anfang, einiges trotzdem getan hat. Gerade auch im Bereich Wirtschaft ist die Arbeitslosigkeit. Noch nie hatten so viele Menschen einen Job in Sachsen-Anhalt wie in den letzten Jahren.
Mal zur Erinnerung: 1998 lag die Arbeitslosenquote bei 24 Prozent. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Das ist krass. Das ist fast jede vierte Person hatte keinen Job. Und ich bin 1998 eingeschult worden, und in meiner Familie war das ein großes Thema. Meine einen Großeltern, die hatten seit der Wende eigentlich nie wieder so richtig einen festen Job. Oft so Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, ein Eurojob war alles Thema.
Mein Papa musste eine Umschulung machen, weil der Betrieb geschlossen wurde. Also war bei meiner Familie nicht leicht. Und bei ganz vielen meiner Freundinnen und Freunde in der Grundschulzeit und auch so am Anfang vom Gymnasium, da gab es immer wieder Leute, wo die Eltern oder enge Angehörige keinen Job hatten.
Ja, ich erinnere mich auch an unsere Grundschulklasse. Da war es eigentlich relativ normal, dass mindestens ein Elternteil gerade arbeitslos war. Also auf jeden Fall ein Thema, an das ich mich auch ganz explizit erinnere aus dieser Zeit. Und dann jetzt mal was Positives dagegenzusetzen: Es hat sich da wirklich viel getan. 2008 lag die Arbeitslosenquote dann schon nur noch bei 13 Prozent.
Und seitdem ist sie noch weiter gesunken. Zugegeben, so niedrig wie 2019 mit etwa sieben Prozent ist sie heute nicht mehr. Im Juli lag sie bei 8,1 Prozent. Aber wir dürfen auch nicht vergessen: Seit 2019 ist wirklich viel passiert. Wir hatten eine weltweite Pandemie, wir erleben Kriege und wirtschaftliche Auseinandersetzungen. Und natürlich wirkt sich das auch auf Arbeitsplätze und Unternehmen aus.
Aber 8,1 Prozent ist wirklich noch gut. Und wir sehen es auch in einem anderen Beispiel: Wir sehen nämlich Wohneigentum. Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben enorm aufgeholt, was den Besitz von eigenem Wohnraum, wie zum Beispiel einem Haus, angeht. 1998 besaßen nur knapp 36 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt Wohneigentum. 2022 waren es dann schon etwas mehr als 42 Prozent.
Und damit lag Sachsen-Anhalt nicht nur über dem Bundesdurchschnitt, sondern auch vor Hessen, Thüringen oder Nordrhein-Westfalen. Also statistisch gesehen muss man eigentlich sagen, den Menschen geht es gut in Sachsen-Anhalt. Und das ist auch ganz interessant, denn wenn man sich empirische Forschung anschaut, dann sieht man, wenn man die Menschen fragt: „Wie geht es dir?“, dann sagen die Menschen in Sachsen-Anhalt: „Also mir persönlich geht es gut.“
Wenn man sie aber fragt: „Wie geht es uns in Deutschland? Wie geht es uns in Sachsen-Anhalt?“, dann ist die Gesamteinschätzung deutlich negativer. Und sie sagen: „Also hier geht alles vor die Hunde.“ Und da entsteht irgendwie so eine Lücke, die ehrlich gesagt eher aus so einem Gefühl heraus entsteht als aus einer Faktenlage.
Ja, und natürlich auch, ich glaube, wie dann bestimmte Situationen gezeichnet werden. Also ja, die Wirtschaft von Deutschland wächst nicht mehr so stark. Aber ich persönlich finde, das heißt ja nicht, dass alles schlecht ist. Das heißt so, dass es kein exorbitantes Wachstum mehr gibt.
Und gerade dieses Bild ist ja eins, was sehr düster gezeichnet wurde, wo man aber sagen muss: Also es gibt keine Rezession wie Anfang 2020. Ja, die Wirtschaft stagniert. Aber auch Wirtschaftsexperten sagen, man muss es differenziert sehen. Wie beispielsweise Marcel Fratscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Ich bin bei Sachsen-Anhalt gar nicht so negativ. Wir haben gute mittelständische Unternehmen, die sich auch behaupten. Manche stellen auch ein und schaffen neue Jobs. Also die Situation in Sachsen-Anhalt ist sicherlich nicht rosig. Das muss man so offen und ehrlich sagen. Aber sie ist auch keine Katastrophe, sondern auch hier gibt es Chancen, gibt es Branchen und Unternehmen, die wachsen und andere, die schrumpfen.
Also auch hier ein gemischtes Bild, aber bei weitem nicht so schlecht, wie das manchmal vermittelt wird. Also um das vielleicht noch mal ein bisschen zusammenzufassen: Wir sollten nicht auf Katastrophenszenarien reinfallen. Ja, es gibt Probleme in Sachsen-Anhalt. Aber es ist auch super viel passiert in den letzten 30 Jahren.
Und am Sonntag werden die Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen quasi die Weichen stellen dafür, wie es mit diesem Bundesland weitergeht. Und das wird spannend. Ich glaube, das kann man auf jeden Fall festhalten. Bei allen Meinungsverschiedenheiten, da sind wir uns alle einig.
Ja, ich glaube, das kann man nicht anders sehen. Wie ist denn so deine Einschätzung nach fast sechs Monaten dazwischen, nach allem, worüber wir in den letzten Monaten gesprochen haben und natürlich auch nach den letzten Prognosen? Wie wird das am Sonntag ausgehen?
Also ich finde, dass es eigentlich relativ eindeutig ist. Wir müssen uns jetzt nichts vormachen. Die AfD wird die meisten Stimmen holen. Punkt. Ich glaube nicht, dass sie die absolute Mehrheit holt, weil durchaus die Grünen jetzt gezeigt haben, dass sie es zum Beispiel noch schaffen, über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen.
Und das ist ja so ein Hebel, der dann diese absolute Mehrheit verhindern kann. Ich hab mich in den letzten Tagen öfter mit verschiedenen Leuten auch noch mal ganz konkret darüber unterhalten, auch manchmal zufällig auf der Straße, Kolleginnen und Kollegen auch von anderen Medien getroffen.
Und Menschen, die beispielsweise in Magdeburg auch wohnen, und hab auch so was gehört, wie dass die Stimmung sich jetzt noch mal so gerade in der letzten Woche zu ändern scheint, dass viele Hoffnungen schöpfen, dass das Wahlergebnis eben nicht so ausfällt, dass eine gesichert rechtsextreme Partei die absolute Mehrheit und damit die Regierung stellen wird.
Ich finde, na ja, man muss sich jetzt halt nichts vormachen, denn die Regierungsbildung wird ja trotzdem, egal wie, verdammt schwierig. Vielleicht so schwierig wie noch nie. Und ja, da bin ich wirklich sehr gespannt, wie das ausgehen wird.
Also diese Bewegung, die du ansprichst, die spüre ich in den letzten Wochen auch. Ich glaube auch, dass wir da am Sonntag wahrscheinlich noch mal ein bisschen Bewegung auch von den letzten Umfragewerten sehen werden. In welche Richtung das werden wird, werden wir dann sehen am Sonntag.
Was ich auch ganz spannend fand: Es sind ja jetzt auch die U18-Ergebnisse rausgekommen. Und da gab es zwar auch 22 Prozent für die AfD, aber auch 31 Prozent für die Linken. Also die sind da wirklich richtig stark unterwegs. Absolut.
Und ich finde es auch spannend im Vergleich zur U18-Wahl, die zur Landtagswahl 2021 durchgeführt wurde. Denn da lag auf Platz eins mit 16 Prozent die CDU, gefolgt von den Grünen mit 14 Prozent. Also wenn euch das auch interessiert, dann schaut wirklich unbedingt in den Newsletter. Christian wird da noch mal ausführlicher auf die U18-Wahlen eingehen.
Ja, und wer den Newsletter von euch noch nicht kennt, dann ist das hier eine ganz, ganz warme Empfehlung. Dann solltet ihr den jetzt vor der Wahl unbedingt noch abonnieren.
So, ich glaube, heute ist noch mal klar geworden, was im Moment so die Themen sind, die die Menschen in Sachsen-Anhalt bewegen und was vielleicht auch die Knackpunkte daran sind. Und das ist deswegen wichtig, weil alle Wählerinnen und Wähler am Sonntag eben die Weichen dafür stellen, wie es mit Sachsen-Anhalt weitergeht.
Ja, und solltet ihr wahlberechtigt sein in Sachsen-Anhalt und vielleicht noch unsicher, wen ihr wählen sollt, in ZERBT sind das ja auch noch eine Menge Leute, dann hört doch gern noch mal in unsere letzten Folgen rein. Zum Beispiel in das Interview mit Sven Schulze, amtierender Ministerpräsident und Spitzenkandidat der CDU.
Aber auch in die Folgen mit Linke, Grüne, SPD und FDP. Macht euch selbst ein Bild von den Spitzenkandidatinnen und Kandidaten. Und ja, wenn wir heute Themen vergessen haben, die für euch total relevant sind, dann schreibt uns bitte eine E-Mail an dazwischen@detektor.fm. Wir freuen uns, mit euch in den Austausch zu kommen.
So, Marie, jetzt sind wir fast am Ende dieser letzten Folge vor der Wahl. Ich muss zugeben, ich hatte zwischendurch mal ein ganz schönes Tief mit Blick auf die Prognosen. Aber was mich dann schon bewegt hat, waren die vielen Menschen in Sachsen-Anhalt, aber auch aus ganz Deutschland, die sich engagiert haben.
Also die zum Beispiel Haustürgespräche geführt haben, Menschen informiert haben, auch Demos organisiert haben. Menschen, die sich nicht rüberkriegen lassen haben. Das fand ich schon beeindruckend, das hat mich auch wirklich bewegt.
Wie geht’s dir denn so kurz vor der Wahl? Ja, ich hab auf jeden Fall jetzt auch wieder mehr Energie und hatte eine Zeit lang so ein Gefühl von Übermüdung, was das Thema betrifft. Denn ich finde, klar, es ist wichtig, aber wenn man sich die ganze Zeit beruflich, ja nicht nur hier im Podcast, sondern auch in anderen Bereichen damit auseinandersetzt, dann auch noch privat, das immer wieder Thema ist, dann setzt einfach irgendwann ja wirklich eine krasse Form von Übermüdung ein.
Und man wünscht sich die vier Stunden, wo’s mal nicht darum geht und man den Kopf frei machen kann, sind wirklich einfach nur eine absolute Wohltat. Ich glaube, so geht’s vielen Leuten. Wahrscheinlich sind diejenigen, die Sommerferien hatten und mal rausfahren konnten, denen hat das gutgetan, da mal abzuschalten.
Zum Abschalten sind ja eigentlich auch, finde ich, unsere Lieblingsorte immer ganz gut. Eine kleine Empfehlung. Und wir haben da auch einen neuen Tipp, einen sehr ruhigen Lieblingsort, und zwar von Claudia aus Magdeburg. Das klingt jetzt ein bisschen seltsam, aber mein Lieblingsort in Magdeburg ist tatsächlich der Westfriedhof.
Der ist riesig, wunderschön bepflanzt, und es fühlt sich eigentlich oft eher so an, als würde man durch einen Park laufen. Und ich liebe da vor allem diese alten Gräber mit den baufälligen Resten früherer Sitzbänke. Es ist ja ein Brauch, der ist uns heute total fremd, dass man sich an einen Grab setzt, um da Zeit zu verbringen.
Aber genau das mache ich manchmal. Ich setze mich so heimlich auf eine alte Bank und stelle mir vor, während ich auf diesen Grabstätten schaue, wie Magdeburg wohl damals vor 100 Jahren genau an diesem Fleckchen Erde ausgesehen hat. Wie war das da? Was hat die Leute bewegt, die sich da auf so eine Bank gesetzt haben?
Und das ist immer so meine kurze Zeitreise mitten in Magdeburg. Ja, ein etwas ungewöhnlicher Lieblingsort, aber ich kann als Magdeburgerin auch sagen, es lohnt sich. Man kann da auch einfach einen schönen Spaziergang machen.
Wenn ihr sowieso schon in Magdeburg unterwegs seid, dann sehen wir uns da vielleicht am Sonntag. Ich werde mit Leonhard und Christian in Magdeburg sein, die ersten Hochrechnungen mitverfolgen und vor allem mit euch ins Gespräch kommen.
Diese Folge hört ihr ausnahmsweise schon am nächsten Montag. Wir hören uns dann regulär nächsten Donnerstag. Da schauen wir uns an, wie es nach der Wahl weitergeht, welche Optionen es gibt und auch welche festgeschriebenen Regeln.
Zum Beispiel, wann sich der neu gewählte Landtag eigentlich konstituieren muss. Und natürlich gibt es auch Reaktionen auf die Wahl. Gerne auch von euch. Schickt uns einfach Sprachnachrichten via WhatsApp. Die Nummer findet ihr in den Show Notes. Wir freuen uns drauf.
Bis dahin, Tschüss!
SWR 2021 Podcast Redaktion Leonhard Schubert, Cover Design Claudia Dölling und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik Florian Sievers, Audioproduktion Benjamin Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler, Projektleitung Christian Bollert, SWR 2021.