Vom Aussterben bedroht und millionenfach geschmuggelt. Da denkt ihr jetzt vielleicht an irgendwelche exotischen Reptilien oder Vögel oder sowas. Aber bei uns geht es heute tatsächlich um Aale und die Frage, wie die eigentlich zum Objekt internationaler Kriminalität werden konnten. Das sind sie nämlich. Unser Thema heute im Spektrum Podcast. Mein Name ist Max Zimmer. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm.
Der europäische Aal gilt heute als vom Aussterben bedroht, denn der Bestand ist in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch eingebrochen. Und eigentlich müsste das bedeuten, dass der Fisch besonders gut geschützt wird. Aber genau das Gegenteil scheint teilweise der Fall zu sein. Denn rund um den Aal hat sich ein internationales Schmuggelgeschäft entwickelt. Jedes Jahr werden tonnenweise Aale über ganze Kontinente hinweg geschmuggelt. Die europäische Polizeibehörde Europol bezeichnet das sogar als eines der größten Wildtierverbrechen. Einige Experten vergleichen das lukrative Geschäft sogar mit dem Drogenhandel. Aber wie kann das sein? Warum ist der Aal überhaupt so wertvoll? Und was können Naturschützer und die Polizei vielleicht tun, um diese Entwicklung zu stoppen? Darüber will ich sprechen, und zwar mit Andreas Jahn. Der ist Biologe und Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft.
Hallo Andreas. Hallo Max. Ja Andreas, der Aal. Lass uns erst mal vielleicht ein bisschen über den reden, bevor wir dann auf den Schmuggel eingehen. Der ist ja in vielerlei Hinsicht ein besonderer Fisch. Ja, da hast du vollkommen recht. Der Aal ist tatsächlich etwas ganz Besonderes, denn er ist ein sogenannter Wanderfisch. Das heißt, er wechselt in seinen Lebensphasen zwischen Süß- und Salzwasser. Das kennt man ja vielleicht vom Lachs. Der schlüpft ja in den Flüssen und wandert dann ins Meer, um da dick und fett zu werden.
Beim Aal ist es nun genau umgekehrt. Das heißt, die Larven schlüpfen in der Sargasso-See. Das ist ein riesiges Gebiet im Atlantik, das etwa östlich von Florida liegt. In diesem Gebiet schlüpfen also die kleinen Larven und schwimmen dann Richtung europäische Küsten. Natürlich unterstützt vom Golfstrom, aber sie schwimmen auch selber aktiv. Schon etliche Kilometer vor der Küste wandeln sie sich in sogenannte Glas-Aale um. Das sind ganz kleine, durchsichtige Würmchen. Die schwimmen dann weiter in die Flüsse rein und als sogenannte Steig-Aale schwimmen sie dann flussaufwärts. Hier leben sie wirklich jahrelang, teilweise auch jahrzehntelang. Und dann irgendwann wandern sie wieder zurück, also wieder flussabwärts und ins Meer. Erst in dieser Sargasso-See paaren sie sich und laichen dann ab. Dann hat sich der Kreislauf geschlossen. Das ist natürlich schon etwas Besonderes.
Absolut, ganz faszinierend, diese Wanderung. Und interessant ist auch, bisher ist es nicht gelungen – das wusste ich nicht – die Fische kann man quasi noch nicht in Gefangenschaft züchten, wie das ja bei ganz vielen anderen Fischarten der Fall ist. Also man kriegt es nicht hin bis heute. Warum denn nicht? Ja, das Problem ist eben halt, diese Paarung in der Sargasso-See hat noch kein Mensch gesehen. Man weiß überhaupt nicht, was da passiert. Also man hat noch nie Aale sich fortpflanzen sehen, geschweige denn untersucht. Bei den Lachsen ist es halt umgekehrt, weil das in den Süßwässern ist. Das kann man nachbauen in den Aquakulturen. Insofern kann man Lachs regelrecht züchten.
Aber bei den Aalen hat man es natürlich immer wieder probiert, aber es ist immer wieder fehlgeschlagen. Letztendlich, weil man noch viel zu wenig über diesen Fisch weiß. Und dann funktioniert es einfach nicht. Ja, verrückt. Und das bringt uns so ein bisschen zu dem ganzen Problem. Denn da man die eben nicht züchten kann, werden sie auch geschmuggelt. Vielleicht kommen wir erst mal nochmal dazu: Warum ist denn die natürliche Zahl an Aalen, die wir haben, so unter Druck geraten in den letzten Jahren? Also warum sind die Bestände so zurückgegangen?
Also gut, das eine Problem ist natürlich, was wir grundsätzlich in der Umwelt haben, ist natürlich Umweltverschmutzung. Wenn die Wasserqualität schlechter wird, dann geht es den Tieren, die da leben, schlechter. Nun ist es jetzt bei den Wanderfischen ja noch diese Besonderheit, dass sie die Flüsse wandern. Also vor dem gleichen Problem stehen auch die Lachse. Das heißt, wir haben da Staudämme, wir haben Wehre, Wasserkraftwerke. In den Turbinen der Wasserkraftwerke werden die Fische dann regelrecht gehäckselt. Das heißt, sie kommen hier nicht weiter und dann wird der Kreislauf unterbrochen. Wenn das nicht funktioniert, dann fehlt natürlich was.
Und klar, es ist letztendlich, wie auch immer bei Fischen, die Fischerei. Aale sind sehr geschätzt als Delikatesse, nicht nur bei uns, sondern weltweit. Der Druck auf die Fischerei ist halt so groß, dass man schätzt, dass der Bestand des europäischen Aals um 90 Prozent zurückgegangen ist. Und das ist schon dramatisch. Deswegen gilt er auch als vom Aussterben bedroht. Ja, und da sprichst du es schon an, oder man kann sich schon denken, etwas, das sehr gefragt ist, aber nicht oft vorkommt. Da wird es dann eben für Schmuggler wahrscheinlich interessant. Ist es das, was den Aal dann für Schmuggler auch so wertvoll macht?
Genau. Es ist eben halt so, dass er nicht nur bei uns in Europa begehrt ist als Delikatesse, sondern vor allem auch in Asien, in China, in Südkorea und in Japan. Da werden Preise für Glasaale bezahlt, die man schätzt zwischen 7.000 bis 9.000 Euro pro Kilogramm. Das heißt, man hat eine wahnsinnige Gewinnspanne. Dafür interessiert sich natürlich auch die organisierte Kriminalität. Es gibt in China die sogenannten Triaden. Das kann man so ein bisschen mit der Mafia vergleichen. Und du hast es schon angesprochen, das kann man tatsächlich dann mit dem Drogenschmuggel vergleichen, weil einfach die Gewinnspannen so hoch sind.
Und deswegen ist natürlich durch organisierte Kriminalität auch entsprechendes Potenzial vorhanden, diese Schmuggelwege dann eben aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Und weiß man denn, wie dieser Schmuggel funktioniert? Ja, das weiß man natürlich schon. In früheren Zeiten war zum Beispiel der Flughafen Madrid ein beliebtes Tor nach Asien. Einfach klar, weil natürlich dann eben von den spanischen Küsten zum Beispiel Aale gefangen werden. Ist der Weg natürlich relativ kurz. Aber da guckt der Zoll jetzt inzwischen schon genauer drauf. Schmuggler suchen sich dann natürlich neue Wege.
Und was eben jetzt in den letzten Jahren dazugekommen ist, ist die sogenannte Nordafrika-Route. Du weißt ja, die Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko ist sehr schmal. Das sind nur 14 Kilometer, die zwischen Europa und Afrika liegen. Hier ist ein reger Fährverkehr zwischen Spanien und Marokko. Man kennt das ja, dass diese Fähren auch für Drogenschmuggel benutzt werden. Nur da ist es natürlich dann so, die Drogen werden also von Afrika nach Europa geschmuggelt. Hier ist es jetzt umgekehrt. Die Glas-Aale, also die Jung-Aale, werden von Europa nach Spanien über die Fähren geschmuggelt. Von dort geht es dann weiter von Marokko über Mauretanien und Senegal.
Und letztendlich, wenn man es sich kaum vorstellen kann, einfach per Linienflug. Das heißt, die Schmuggler packen die Aale in kleine Plastikbeutel und das wird dann einfach in Koffern versteckt und dann ganz normal als Koffer aufgegeben und dann per Linienflug nach China, Japan, Korea ausgeflogen. Oder man versteckt sie auch. Es wird ja auch offiziell lebende Fische transportiert. Und da kann man natürlich auch Aale wunderbar verstecken. Oder es gibt auch Wege über Europa, dann auch über Osteuropa weiter. Also es gibt viele Wege, wie der Aal dann aus Europa herausgeschmuggelt wird.
Sehr, sehr interessant. Und wie geht man jetzt dagegen vor? Du hast Zoll und Europol und so haben wir schon angesprochen. Also die Behörden, was machen die denn oder können sie machen gegen diesen Aalschmuggel? Also es wird natürlich da schon einiges gemacht. Europol, hast du ja schon angesprochen, die haben also jetzt vor einigen Jahren schon die Sonderoperation mit dem Namen Lake gestartet, wo es tatsächlich nur um diesen Aalschmuggel geht. Da sind also auch schon etliche Leute gefasst worden und auch zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Man geht natürlich genauso vor wie gegen den Drogenschmuggel auch.
Ja, und inzwischen hat das Ganze auch so eine Art, ich würde mal sagen, geopolitische Dimension erreicht, schreibt ihr auch bei Spektrum. Inwiefern denn? Ja, ich hatte ja auch schon angesprochen, dass ein Weg des Aalschmuggels über Osteuropa geht. Hier sind jetzt vor allem Polen und Litauen zu nennen, weil die importieren Glasaale ganz offiziell und zwar als sogenannten Besatz. Die haben natürlich auch Probleme mit ihren Aalen in ihren Flüssen, dass die immer weniger werden. Da man die Aale ja nicht züchten kann, fängt man Jung-Aale und setzt sie in die Flüsse aus, damit sich der Aalbestand wiederholt.
Das klingt jetzt erstmal ganz vernünftig. Das hat aber natürlich ein Problem. Also erst mal ist das für die Aale ja erstmal ein fremdes Revier. Und wenn die Aale nicht flussaufwärts schwimmen können, weil da Staudämme und Wehre sind, ist natürlich, wenn sie dann wieder in die Sargasso-See zurück wollen, das gleiche Problem. Sie kommen dann auch aus den Flüssen nicht mehr raus, solange die Wege versperrt sind. Aber trotzdem, dieser Besatz wird tatsächlich von der Europäischen Union immer noch gefördert, eben halt als Naturschutzmaßnahme, die aber ein bisschen zweifelhaft ist.
Und viel von diesem Besatz letztendlich, man weiß natürlich nicht, verschwindet. Hier ist natürlich jetzt die geografische Lage entscheidend. Was liegt neben Polen und Litauen? Da haben wir eben halt die Exklave Kaliningrad. Man vermutet, dass Russland da eben halt eine eigene Aalindustrie aufbauen will. Und jetzt sind wir natürlich mit Russland bei hochaktuellen geopolitischen Fragen.
Interessant. Und das alles vom Aal. Andreas, da haben wir noch gar nicht drüber gesprochen. Was bedeutet der Aal denn eigentlich für unsere Ökosysteme? Also wir reden ja von einer sehr starken Bedrohung. Und dieser Schmuggel erhöht das Problem ja nochmal, obwohl die eh schon bedroht sind. Welche Folgen hätte das denn für unsere Ökosysteme, wenn der Aal wirklich irgendwie noch weiter verschwinden sollte?
Ja, der Aal ist ein sogenannter Spitzenpredator. Das heißt, er sitzt bei der Nahrungskette ganz oben. Wenn man diese Positionen aus den Nahrungsketten entfernt, hat das immer fatale Folgen. Denn diese Räuber konzentrieren sich ja vor allem so auf schwache und kranke Tiere bei der Beute. Das heißt, sie wirken mehr oder weniger so als eine Art Gesundheitspolizei in einem Ökosystem. Wenn so ein Räuber ausfällt, dann vermehren sich natürlich die Beutetiere entsprechend. Das heißt, das ganze Gefüge gerät durcheinander. Das Nahrungsnetz wird zerstört. Vielleicht noch nicht, aber es geht halt völlig durcheinander. Und das ist beim Aal ganz genauso. Das heißt, wir brauchen diese Räuber, damit so ein Ökosystem funktionieren kann.
Na ja, war mir jetzt auch nicht bewusst, dass er ganz oben in der Nahrungskette steht. Aber klar, Spitzenpredator, sagst du. Was müsste denn dann, abschließend, Frage Andreas, passieren, um die Bestände langfristig zu sichern oder eben auch wieder sich erholen zu lassen?
Ja, eine Sache, worüber wir jetzt sehr viel gesprochen haben, ist über den Schmuggel. Dieses Schmuggel muss natürlich weiter bekämpft werden. Wir hatten ja auch schon angesprochen, die hohe Gewinnspanne. Und wenn also jetzt beim illegalen Aalfangen, wenn da nur Strafen von ein paar hundert Euro sind, aber ich kann eben halt etliche tausend Euro mit geschmuggelten Aal verdienen, da stimmt natürlich irgendwas nicht. Das heißt, das ist natürlich auch ein Punkt.
Und was zum Glück auch schon passiert ist, ist der Rückbau von alten Dämmen. Das heißt, man versucht, die Barrieren von Flusssystemen zu bewinden, also unsere Flüsse wieder zu einem natürlichen Ökosystem umzuwandeln. Davon würden auch die Lachse natürlich profitieren. Es gibt dann also solche Möglichkeiten wie Fischstreppen, dass den Wanderfischen die Möglichkeit gegeben wird, in den Flüssen wieder zu wandern. Das wäre ein ganz wichtiger Punkt.
Aber letztendlich, da wird wahrscheinlich kein Weg dran vorbeiführen, ist ein Fangverbot. Diese Fangverbote gibt es schon, aber mitunter auch nur lokal. In unserem Artikel im Spektrum haben wir es ja angesprochen, dass also jetzt zum Beispiel im Baskenland ein Fangverbot gilt. Aber in den benachbarten spanischen Provinzen wiederum nicht. Und wenn man nur in so einer kleinen Region ein Fangverbot hat, bringt das natürlich wenig.
Das heißt, wenn wir diesen faszinierenden Fisch weiter behalten wollen, da kommen wir nicht drum rum. Da müssen wir ein ganzjähriges, europaweites Fangverbot aussprechen und ganzjährig auf den Aalfang verzichten. Das gilt jetzt nicht nur für den europäischen Aal. Es gibt ja auch noch andere Aalarten, bei denen sieht es halt genauso aus. Die sind auch genauso bedroht. Also letztendlich, ja, vielleicht sollte man auf diese Delikatesse dann doch verzichten.
Ganz interessant. Auch wenn euch das mit dem Fangverbot und dem Baskenland noch mehr interessiert, im Artikel auf spektrum.de findet ihr den unter anderem. Da kommen auch Fischer zu Wort, und die sind natürlich gar nicht begeistert, weil nur bei ihnen ein Fangverbot ist und in anderen Regionen nicht. Also das hat auch noch mal eine ganz menschliche Komponente für viele Fischerinnen und Fischer da vor Ort.
Also die Empfehlung, euch auf jeden Fall diesen Artikel mal anzuschauen. Viel drin über die Aale, das ich auch überhaupt nicht wusste. Ganz faszinierendes Tier. Und Andreas, dir sage ich vielen, vielen Dank fürs Erklären. Ja, ich danke dir.
Und das war es schon wieder für diese Woche vom Spektrum Podcast. Euch vielen, vielen Dank fürs Zuhören. Gerne auch kommende Woche wieder dabei sein. Bitte. Dann am Freitag gibt es nämlich eine neue Folge von uns. Wie immer. Bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr kommentiert, bewertet und teilt. Das freut uns sehr. Dafür auch vielen, vielen Dank. Mein Name ist Max Zimmer und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm.