Weltozeantag und die Bedeutung der Ozeane
Am 8. Juni ist Weltozeantag, und der erinnert daran, wie wichtig gesunde Meere für unsere Erde sind und wie bedroht diese Lebensräume natürlich auch sind. Das schauen wir uns heute alles mal an. Mein Name ist Max Zimmer. Ihr hört den Spektrum-Podcast. Schön, dass ihr dabei seid. Spektrum der Wissenschaft – der Podcast von detektor.fm.
Die Meere, die mehr als zwei Drittel unserer Erdoberfläche bedecken, das weiß man vielleicht noch so aus der Schule als ungefähre Größenordnung. Und sie produzieren auch einen großen Teil unseres Sauerstoffs. Sie regulieren das Klima und sichern weltweit Ernährung und Lebensgrundlagen. Und gleichzeitig geraten sie leider immer stärker unter Druck durch Müll, wie Plastik zum Beispiel, durch Überfischung, durch Erwärmung und auch Versäuerung und den Verlust der Artenvielfalt.
Das sind Probleme, die wir quasi auf der ganzen Welt in den Ozeanen sehen. Aber wie dramatisch ist die Lage wirklich? Welche Folgen hat das, wenn wir einen so geschädigten Ozean haben, für unser Klima zum Beispiel, und damit auch für uns Menschen? Warum gelten manche Veränderungen bereits als sehr, sehr kritisch, und welche Lösungsansätze gibt es vielleicht noch? Das wollen wir uns anlässlich des Weltozeantags am 8. Juni mal anschauen, und zwar mit Verena Tang. Die ist Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft und heute mein Gast hier im Podcast.
Die Dimension der Ozeane
Hallo Verena. Hallo Max. Verena, gib uns doch zum Einstieg mal so eine erste Dimension. Wie groß sind denn die Ozeane wirklich, und wie wichtig sind sie für uns und das Leben auf der Erde? Ja, du hast es schon gesagt: Ozeane bedecken ungefähr zwei Drittel unserer Erdoberfläche. Das ist schon mal ganz schön viel. Und wie viel das in Wasservolumen ist, das haben auch Forschende mal abgeschätzt. Man schätzt, dass es auf der Erde so 1,4 Milliarden Kubikkilometer Wasser gibt.
Und jetzt pass auf: Davon sind 97 Prozent Salzwasser in den Ozeanen und ein bisschen noch in den Salzseen. Das heißt, wenn man vom Wasseranteil spricht, dann ist die Bedeutung der Ozeanen noch viel, viel größer. Ozeane bestimmen aber auch unser Leben maßgeblich mit. Also zum einen absorbieren sie ungefähr 20 bis 30 Prozent der derzeitigen CO2-Emissionen, das schätzt man so, und speichern das. Sie wirken also der Erwärmung der Atmosphäre entgegen, puffern sie in gewisser Weise ab.
Aber nicht nur das. Forscher schätzen auch, dass die Ozeane um die 90 Prozent der Wärme aufnehmen, die sich durch den Treibhausgasanstieg in der Atmosphäre bisher ergeben hat. Und diese Wärme ist also in den Ozeanen gespeichert. Irgendwann wird sie aber auch wieder abgegeben. Aber für den Moment verzögert das die Erwärmung der Atmosphäre.
Klimawirkungen und Bedrohungen
Ja, du hast über die Klimawirkung schon kurz gesprochen. Es gibt riesige Umweltströmungen, zum Beispiel die AMOC, die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation. Dazu gehört zum Beispiel der Golfstrom. Der sorgt zum Beispiel dafür, dass das Klima hier auf den Kontinenten hier in Mitteleuropa so ist, wie es ist. Und würde diese Strömung zum Beispiel zum Erliegen kommen, dann wäre es extrem viel kälter bei uns in Europa.
Und ganz abseits von diesen globalen Klimawirkungen sind die Ozeane natürlich Lebensgrundlage für viele Menschen und einfach auch ein riesiges Ökosystem, das wir noch nicht im Detail verstanden haben und das leider sehr, sehr bedroht ist. Was würdest du denn sagen, ist heute so die größte Bedrohung für die Ozeane? Das ist eine gute Frage. Also die größte Bedrohung ist schwer zu sagen, aber es gibt auf jeden Fall viele verschiedene Faktoren, die die Ozeane unter Druck setzen.
Wir haben schon über die Erwärmung gesprochen. Dass der Ozean sich erwärmt, versaut gleichzeitig. Auch das ist eine große Bedrohung für die Lebewesen und für die Ökosysteme. Dann natürlich Plastikmüll. Das haben wir alle schon gehört und mit eigenen Augen vermutlich gesehen, wer in den Meeren treibt. Auch andere Stoffe, die die Ökosysteme schädigen, zum Beispiel Stickstoff und Phosphor von Überdüngung, die Algenblüten dann hervorrufen.
Dann ist die Schifffahrt natürlich eine Bedrohung für viele Meerestiere, allein von den Emissionen her, aber auch was Kollisionen angeht. Also wenn Meeresäuger zum Beispiel mit Schiffen kollidieren. Der Lärm, der mit einhergeht, Lärm allgemein, also nicht nur von Schiffen, sondern auch von Bohrungen, von Militäraktionen und so weiter. Dann natürlich ein ganz großes Thema: die Fischerei, die Überfischung, die Art, wie man fischt, große Schleppnetze, Stellnetze und so weiter. Also es gibt viele, viele Faktoren, die gerade die Meere unter Druck setzen.
Plastikmüll im Meer
Ja, und lass uns doch vielleicht mal beim Plastik bleiben. Das hast du ja gerade selber schon gesagt. Hat jeder wahrscheinlich schon mal gesehen, wenn er mal Urlaub am Meer gemacht hat. Wie groß ist denn das Problem, und was macht das mit dem Lebensraum Meer? Und wie kriegt man das vielleicht auch wieder raus? Ja, das ist eine gute Frage. Also wie groß ist das Problem? Das versuchen Forscher tatsächlich immer wieder zu quantifizieren. Wie viel Plastik schwimmt denn jetzt im Meer? Und das ist gar nicht so einfach rauszufinden.
Zum einen muss man sich überlegen, wovon sprechen wir? Sprechen wir von Makroplastik, also von Plastiktüten, von Fischernetzen, von irgendwelchen weggeworfenen Klamotten, von Plastikflaschen und so weiter, die man sieht? Oder reden wir von Mikroplastik, von Miniteilchen, die man vielleicht gar nicht mehr so mit dem bloßen Auge gut erkennen kann? Also wie viel von dem Plastik, das wir so produzieren und verwenden und dann irgendwann wegschmeißen, tatsächlich in den Ozean landet, ist ziemlich schwierig rauszufinden.
Eine sehr aktuelle Schätzung stammt von 2023. Und da haben Wissenschaftler eben geschätzt, dass drei Millionen Tonnen Plastikabfälle im Meer treiben und dass der größte Teil davon Makroplastik ist. Also als Makroplastik bezeichnet man Teilchen, die größer als zweieinhalb Zentimeter sind. Sie haben auch versucht rauszufinden, wo treibt dieses Plastik? Den größten Teil vermuten sie auf der Oberfläche, also ungefähr 60 Prozent, etwas mehr als ein Drittel in der Tiefe im Ozean.
Und der Rest, den man am Strand sieht, sind nur so anderthalb bis 1,9 Prozent. Und dieses ganze Makroplastik, das eben durch irgendwelche Wege in die Meere gelangt, das zersetzt sich eben ganz langsam durch Wind, durch Wellen, durch Abreibung und so weiter, so langsam zu kleineren Teilchen. Und irgendwann entsteht dann eben das Mikroplastik mit Stückchen, die eben kleiner als fünf Millimeter sind.
Und ja, da kann man natürlich auch danach suchen. Da kann man zum Beispiel Proben nehmen aus dem Wasser, bestimmen wie viele Plastikpartikel sind in welchem Wasservolumen und das dann hochrechnen. Aber natürlich sind die Meere auch unterschiedlich, und die Plastikkonzentrationen sind auch von Ort zu Ort unterschiedlich. Und deswegen ist das Ganze immer ein bisschen schwierig. Man kann sich aber auch anschauen, wie viel Plastik produzieren wir überhaupt und wo landet das, und dann darüber ein bisschen abschätzen, was in den Meeren vermutlich sein sollte.
Und ja, wenn man sich diese Zahlen anguckt, die sind schon enorm. Also zwischen 1950, als die Kunststoffproduktion richtig losgegangen ist, und 2020 hat die Welt ungefähr zehn Milliarden Tonnen Plastik hergestellt. Jedes Jahr kommen mehrere hundert Millionen Tonnen dazu. Und die Prognosen sehen auch so aus, als ob dieses neu produzierte Plastik jedes Jahr mehr wird.
Und ja, da denkt man jetzt erst mal, ja, gut, das meiste wird recycelt und verbrannt. Aber so ist es gar nicht, sondern das ist nur ein relativ kleiner Teil. Die OECD hat 2022 zum Beispiel ermittelt, dass die Hälfte ungefähr des hergestellten Kunststoffs auf Deponien landet. Und 22 Prozent verzeichneten sie als „mismanaged“, also quasi das unkontrolliert irgendwo in die Umwelt gelangt. Und diese unkontrolliert weggeworfenen Abfälle, die finden halt früher oder später dann ihren Weg in die Ozeane.
Herausforderungen bei der Plastikbeseitigung
Ja, und du hast gefragt, wie man es wieder rauskriegt. Ja, da wollten wir eigentlich noch hin. Ja, das ist auch relativ schwierig. Vielleicht erinnerst du dich an dieses Projekt „The Ocean Cleanup“. Das war vor ein paar Jahren relativ groß im Gespräch. Das war ein Unternehmen, die wollten mit Schiffen so eine Art riesiges Fangnetz quasi über diesen Müllstrudel ziehen, den Great Pacific Garbage Patch.
Das ist aber relativ schwierig, denn wenn man Müllstrudel hört oder sich das so vorstellt, dann denkt man irgendwie erst mal, oh ja, da ist quasi so eine Fläche vom Meer, die ist riesig und es ist quasi nur Plastik, wenn man drauf schaut. Ich hatte mal mit einer Meereswissenschaftlerin gesprochen, Melanie Bergmann, und die hat mir erzählt, wenn man da durchfährt mit dem Schiff, dann sieht man diese Partikel erst mal gar nicht. Die ganzen Plastik-Sachen sind so weit verteilt.
Wenn man da durchfährt mit dem Schiff und einfach alles einsammelt, da hat man so viel Beifang. Also da sammelt man so viele Meerestiere mit ein, dass es eigentlich unmöglich ist, das da wieder rauszufischen. Ja, von daher, wie kriegt man es wieder raus? Das ist echt eine gute Frage. Also alles nicht so einfach mit dem ganzen Thema Plastikmüll.
Klimakrise und ihre Auswirkungen
Ein weiterer großer Punkt, den du ja auch schon angesprochen hast, ist natürlich das Thema Klimakrise. Also da spielen die Ozeane eine sehr, sehr große und wichtige Rolle. Erst mal vielleicht: Wie steht es denn um die Erwärmung und auch die damit verbundenen Folgen für die Ozeane als Lebensraum? Ja, du hast Erwärmung erwähnt. Es erwärmt sich eben nicht nur die Atmosphäre, sondern es erwärmen sich auch die Ozeane.
Wenn man sich das anschaut, dann sind die Ozeane weltweit in den letzten 30, 40 Jahren im Schnitt wärmer geworden. Da muss man immer auf den langjährigen Durchschnitt schauen, weil die Meerestemperaturen sich auch im Verlauf von Jahren und Jahrzehnten schwanken. Und man bildet dann oft so Durchschnittswerte von zum Beispiel 30 Jahren. Und dann vergleicht man diese Durchschnittswerte von 30 Jahren miteinander.
Und wenn man die anguckt, dann sieht man eben, dass die Temperaturen im langjährigen Schnitt steigen. Man sieht auch Ausreißer, zum Beispiel in den Jahren 2023 und 2024. Da waren die Ozeane weltweit sogar noch deutlich wärmer als je zuvor. Und da haben sich sehr viele Experten, sehr viele Sorgen gemacht und sind beunruhigt, weil natürlich die Frage ist: Ist das jetzt ein neuer Trend? Ist das ein neues Zeitalter, in das wir eintreten? Oder was passiert da?
2024 zum Beispiel gab es die höchsten jemals gemessenen Temperaturen. Und erst im Mai dieses Jahres haben Fachleute gesagt: Achtung, wir hatten im April 2026 fast schon wieder Werte wie im April 2024. Also da könnte was kommen. Also was diese Ozeanerwärmung angeht, da sind Experten einigermaßen beunruhigt.
Jetzt waren das alles Durchschnittswerte. Also wir haben jetzt gerade über die weltweite Erwärmung der Ozeane gesprochen. Aber wichtig ist ja auch, wie es an einem bestimmten Punkt ist. Also wenn ich jetzt an Fische denke oder an Meeresbewohner, die eben dort leben, dann ist ja egal, wie der Durchschnitt ist. Dann ist es an dem einen Punkt wichtig.
Und was seit einigen Jahren auch gehäuft auftritt, sind sogenannte marine Hitzewellen. Da hast du dich auch schon mal von gehört, so quasi so Extremwetter im Ozean. Und da hat sich inzwischen im Englischen das Wort „Blob“ eingebürgert. Der ursprüngliche Blob, der erste, der so genannt wurde, das war so ein Warmwasserereignis zwischen 2013 und 2015. Da war es im Nordostpazifik sehr warm. Also sehr warm heißt so um die zweieinhalb Grad wärmer als normal. Und für den Ozean ist das schon viel.
Und solche Hitzewellen, die haben eben krasse Auswirkungen. Also da haben teilweise tödliche Folgen für ganze Ökosysteme, für die Meeresbewohner. Algenblüten sind aufgetreten, massenweise sind Fische gestorben und andere Meeresbewohner, andere Tierarten. 2015/16 zum Beispiel gab es dann in den Tropen eine Hitzewelle, die fast die ganze Zeit andauerte. Und da sind dann sehr, sehr viele Korallen dabei ausgeblichen.
Und also diese Warmwasserereignisse, die haben dann eben langfristige Folgen, weil da eben massenhaft Tiere sterben. Und was oft gleichzeitig auftritt, ist so eine Versauerung, die du auch schon angesprochen hast, also dass der pH-Wert sinkt. Und auch das ist eine Gefahr für die Organismen. Also wenn du an Muscheln denkst zum Beispiel, die bilden ja Schalen aus Kalk, und Kalk löst sich im Sauren. Also das nur als plakatives Beispiel. Das ist natürlich eine Gefahr.
Das heißt, mit dem veränderten pH-Wert müssen die dann auch klarkommen. Und gleichzeitig breiten sich oft sauerstoffarme Zonen aus, also riesengroße Gebiete, in denen zu wenig Sauerstoff herrscht, als dass dann zum Beispiel Fische noch überleben könnten. Und das ist natürlich auch ein Problem.
Lösungsansätze und Nutzung der Ozeane
Aber bei allen, ja, sag ich mal, klimakritischen Meldungen zum Ozean gibt es auch Pläne, wie man die Ozeane tatsächlich nutzen könnte, um gegen den Klimawandel vorzugehen. Wie sehen die denn aus? Ja, das stimmt. Das ist ein bisschen paradox. Aber wir haben am Anfang schon darüber gesprochen, dass der Ozean ja viel Wärme speichert und dass er auch CO2 aufnimmt.
Und genau diesen Effekt, dass der Ozean eben auch CO2 aufnimmt, den versucht man zu nutzen oder man will herausfinden, ob der sich nutzen lässt. Und da gibt es inzwischen auch schon Experimente, die der Frage nachgehen, wie man diese CO2-Aufnahme noch erhöhen könnte. CO2 löst sich zum Beispiel im alkalischen Wasser besser als im sauren.
Das heißt, es gibt Vorhaben, die nennen sich dann Marinealkalinitätserhöhung oder Alkalinitätserhöhung des Ozeans, wo man dann zum Beispiel fein gemahlenen Kalkstein ins Meer gibt und dann guckt: Nimmt das Wasser da mehr CO2 auf? Was passiert mit dem Ökosystem und so weiter? Da gibt es auch schon Versuche dazu, unter anderem in Kiel. Und da war meine Kollegin Katharina Mönn ja auch tatsächlich vor Ort und hat für Spektrum auch da berichtet.
Ich glaube, du hast auch einen Podcast mit ihr gemacht dazu, richtig? Genau, zu diesem marinen Geoengineering. Genau, auf jeden Fall super spannend. Und das ist aber wirklich noch so am Anfang. Wer da noch mal reinhören will, die Folge findet ihr natürlich bei uns im Feed zu marinem Geoengineering.
Meereis und seine Auswirkungen
Und Verena, worüber wir jetzt noch gar nicht gesprochen haben, fällt mir gerade auf, ist das Thema Meereis, weil das ist ja auch was, wo wir eigentlich immer von hören, wenn wir über Klima und die Ozeane sprechen. Das schmelzende Meereis hat auch große Auswirkungen auf den Planeten. Wie steht es denn da gerade? Ja, das stimmt. Das Meereis ist noch mal so ein Riesenthema und, wie ich finde, auch ein super faszinierendes Thema.
Ja, also das Meereis, zum Beispiel das Meereis in der Arktis, wenn wir uns darauf erst mal fokussieren, das ist sehr gut verstanden und relativ gut untersucht. Also in den letzten 40, 45 Jahren hat dieses Meereis in der Arktis kontinuierlich abgenommen. Das betrifft einerseits die Ausdehnung, also die Fläche, die das Meereis jedes Jahr bedeckt. Aber es betrifft auch die Dicke des Eises.
Also das Meereis kann man sich noch so vorstellen: Im Herbst wächst es, erreicht dann die größte Ausdehnung im Winter, wenn es eben sehr kalt ist, dann schmilzt es wieder im Sommer. Und Ende September hat es immer seine geringste Ausdehnung. Und wenn man jetzt von Meereisausdehnung spricht, dann vergleicht man immer dieses Minimum, also wie ist die kleinste Ausdehnung im Verlauf der verschiedenen Jahre.
Und diese minimale Ausdehnung, die ist seit 1970 um 40 Prozent zurückgegangen, also um fast die Hälfte. Aber es ist eben nicht nur, ja, das ist schon ganz schön verrückt, aber es ist eben nicht nur diese Ausdehnung in die Fläche, die zurückgegangen ist, sondern gleichzeitig ist auch die Dicke abgenommen seit den 60er, 70er Jahren, so auch um die Hälfte.
Also das Eis ist nicht nur um die Hälfte geschrumpft, sondern eben um deutlich mehr. Und in der Arktis ist eigentlich bei diesem Meereis immer mehrjähriges Eis dabei, das eben die ganze Zeit überdauert, das eben im Sommer dann nicht schmilzt und dann eben im nächsten Jahr wieder weiter überdauert und so weiter. Und dieses mehrjährige Eis, das wird immer weniger.
Und heute findet man fast zu 90 Prozent ein- bis zweijähriges Eis dort oben. Wenn wir noch ein bisschen Zeit haben mit diesem Podcast: Der Polarforscher Markus Rex, der hat es mal sehr eindrücklich geschildert. Der hat 2020 die Expedition MOSAiC geleitet, wo sich ein riesiges Forschungsteam mit dem Eisbrecher Polarstern an einer Eisscholle hat festfrieren lassen und quasi ein Jahr lang dort über die Arktis getrifftet ist.
Und dieses Team hat extrem lang gebraucht, um überhaupt eine Eisscholle zu finden, die groß genug und dick genug war, damit sie dieses Schiff quasi ein Jahr lang da über die Arktis ziehen kann, ohne zwischendrin irgendwie in Wind und Wetter zu zerbrechen. Und wenn man jetzt überlegt, vor mehr als 100 Jahren ist der Polarforscher Fridtjof Nansen auch auf so einer Expedition aufgebrochen, und der hat damals von mehreren Metern dickem Eis berichtet. Und davon konnten die Forscher diesmal eben nur träumen.
Also das ist ein wahnsinniger Unterschied, der da offenbar auch ganz eindeutig zu sehen ist, wenn man dort ist. Und das hat eben auch Auswirkungen auf das Klima, denn die Arktis beeinflusst nun mal das Klima eben auf der Nordhalbkugel ganz besonders und ganz maßgeblich und auch für das Ökosystem einfach vor Ort.
Also wenn das Eis nicht mehr da ist, das isoliert ja diesen, sage ich mal, warmen Ozean gegenüber dieser eiskalten Luft. Zum Beispiel, wenn die Eisschicht nicht mehr da ist, dann sind da die Austauschprozesse, die Wärme-Austauschprozesse ganz anders. Außerdem reflektiert das Eis die Sonnenstrahlung. Wenn das Eis weg ist, wird weniger Sonnenstrahlung reflektiert. Es wird noch wärmer und so weiter. Also das hat ganz fundamentale Auswirkungen.
Und natürlich ist Eis auch ein Lebensraum. Also wir denken immer an die Eisbären, die auf dem Eis jagen. Aber es geht eben nicht nur um die Eisbären, sondern auch zum Beispiel um kleine Algen, die an der Eisunterseite haften. Und wenn das Eis nicht mehr da ist, verschwindet auch ein ganzes Ökosystem in der Arktis, und wir wissen noch nicht genau, was das dann macht.
Unbekannte der Ozeane
Ja, in der Antarktis ist das Ganze noch komplizierter. Es ist auch nicht so gut verstanden wie in der Arktis. Aber über das arktische Meereis kann man eben schon relativ viel sagen. Okay, und wir haben ja schon gesagt, ein Problem bei der ganzen Sache ist irgendwie auch, dass zwei Drittel unserer Erdoberfläche Ozeane sind, aber große Teile davon noch total blinde Flecken für uns sind.
Also was da genau vor sich geht. Wir wissen zwar schon natürlich irgendwie ganz, ganz viel. Aber wenn wir es mit der Größe vergleichen und ihrer Bedeutung, kommt mir zumindest so vor, kennen wir uns trotzdem noch kaum aus. Kannst du das bestätigen? Was sind so die größten Rätsel, die die Ozeane noch für uns bereithalten? Ja, das ist auf jeden Fall nicht nur dein Gefühl, sondern das sagt auf jeden Fall auch die Forschung.
Natürlich kann man sagen, wir wissen heute relativ viel und so weiter. Wir haben viel erforscht. Wir wissen heute viel mehr als noch vor ein paar zig Jahren. Aber wenn du jetzt mal vergleichst, was wir über das Land wissen, dann wissen wir über den Ozean noch sehr wenig. Also stell dir nur mal zum Beispiel eine Landkarte vor. Da kennen wir jeden kleinen Hügel und jedes kleine Rinnsal ist sozusagen verzeichnet.
Aber auch der Meeresboden ist eine riesige Landschaft mit Gebirgszügen, mit Tälern, mit Vulkanen. Das sind jetzt nicht nur kleine Hügelchen, die man nicht beachten muss, sondern das sind ja tausende Meter hohe Gebirgszüge, die wir da unten finden und kilometertiefe Graben. Und das vergessen viele, wenn man einfach so vom Ozean spricht.
Und von dem Meeresboden sind erst ein Viertel richtig detailliert kartiert und verzeichnet, also vermessen und kartiert. Das muss man sich mal überlegen. Ich habe das auch gelesen und dachte: Hä, wirklich? Es gibt eine Forschungsinitiative von verschiedensten Instituten, und die wollen jetzt bis zum Jahr 2030, also relativ bald, den gesamten Meeresboden vermessen und die Karten auch öffentlich zugänglich machen.
Also das geht zum Beispiel mit Schiffen, die mit verschiedensten Echoloten und so weiter, aber auch mit Satellitenmessungen, die eine vollständige Karte des Meeresbodens erstellen wollen. Und ich finde das zeigt schon mal so krass, wie ich will nicht sagen untererforscht, denn man hat schon sehr, sehr viel geforscht. Aber wie wenig wir im Vergleich zum Land eben über diese tatsächlich verborgene Welt wissen.
Ja, und natürlich kann man sich auch fragen, welche geologischen Prozesse laufen dort unten ab. Ich meine, es ist natürlich auch schwierig, das zu untersuchen. Man muss ja erstmal dorthin gelangen und dann das entsprechende Gerät haben, um das alles zu messen, zu untersuchen, Bohrungen zu machen und so weiter. Man kommt einfach schwer ran. Ja, das ist so das Kernproblem.
Ja, man muss aber gar nicht so weit runtergehen. Also auch in der Wassersäule, also im Wasser selbst, haben wir, glaube ich, noch viel, mit dem wir uns beschäftigen können und haben wir noch viel zu erforschen.
Wale und ihre Situation
Verena, eine Sache würde ich gerne noch kurz besprechen, weil wenn wir an Meereslebewesen denken, dann denken wir natürlich auch oft an die größten oder vielleicht auch teilweise beeindruckendsten, die uns so zu Gesicht kommen können, nämlich Wale. Ja, auf jeden Fall. Da gab es ja in letzter Zeit, Stichwort Timmy oder Hope, einige schlechte Nachrichten. Die aber, da hat man schon gemerkt, die Leute interessiert das. Das war so viel in den Medien, weil Wale uns eben irgendwie auch faszinieren.
Und tatsächlich hast du mir im Vorfeld verraten, es gibt eigentlich was das Thema Wale angeht sogar Schönes und Positives zu berichten. Ja, ich habe dir ein Beispiel genannt. Also ich habe vom Nordkaper gesprochen. Das ist eine ziemlich seltene Walart, und sie ist eben vor allem deshalb selten, weil sie früher eine sehr beliebte Beute der Walfänger war. Und der Nordkaper wurde fast ausgerottet.
Aber seit 2020 sind die Bestände gewachsen, und zwar um sieben Prozent. Das klingt jetzt ein bisschen wenig, aber es ist auf jeden Fall etwas. Und woher weiß man das, habe ich mich als erstes gefragt. Und es gibt tatsächlich Forschungsprogramme, die tatsächlich diese Wale zählen und die Bestände überwachen. Es gibt immer noch wenige. Es gibt so um die 400 Nordkaper-Wale, und im Jahr 2025 kamen eben gegenüber 2024 acht Wale dazu.
Das klingt jetzt zwar wenig, aber es ist ein Erfolg, und der Trend ist positiv. Und das ist eine schöne Nachricht, wie ich finde. Und es ist natürlich aber so, der Nordkaper ist lange nicht die einzige Walart, die es gibt, und auch nicht die einzige, die man untersucht und die Forscherinnen und Forscher beobachten.
Und auch bei verschiedensten Walen, die lagen auch unterschiedlich. Also man kann es nicht sagen, weil es dem Nordkaper jetzt, weil da es mehr dazu kam, kann man nicht sagen, den Walen geht super. Also das stimmt nicht. Das würde ich so nicht unterschreiben. Generell ist es so, dass es natürlich vielen Walarten immer noch sehr schlecht geht.
Das liegt zum Teil auch daran, dass eben noch vor 100 Jahren ganz selbstverständlich Walfang übertrieben wurde. Allein im 20. Jahrhundert habe ich gelesen, wurden über drei Millionen Wale gefangen und getötet. Das muss man sich mal vorstellen. Also das sind viele Arten auch ausgestorben.
Und weil wir aber von positiven Nachrichten sprechen oder weil wir auch so ein bisschen gucken, wollen, was es an guten Nachrichten gibt: Im Jahr 1946 haben sich dann 42 Staaten zusammengetan und haben das internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs beschlossen. Also da gab es dann Fangquoten und so weiter. Das hat noch nicht so richtig funktioniert. Es hat sich irgendwie keiner dran gehalten.
Aber 1986, vor 40 Jahren, ist das Walfangmoratorium in Kraft getreten, und heute gibt es nur noch drei Länder, die kommerziellen Walfang betreiben. Also heute sind Wale durch andere Faktoren bedroht. Also wir haben schon gesagt, sie landen als Beifang in den Netzen, sie verhaken sich in Stellnetzen, sie verenden durch Plastikmüll, sie sind durch Lärm bedroht, können sich nicht mehr orientieren, stranden und so weiter.
Aber dass wir sie nicht mehr jagen und dass sich die Länder darauf geeinigt haben, so ein Walfangmoratorium zu unterschreiben und zu sagen, wir machen das jetzt nicht mehr, weil wir merken, das ist nicht gut, das finde ich irgendwie schön. Das Schöne ist, dass man sich zusammengetan hat und gesagt hat: Okay, wir haben hier ein Problem, ein weltweites.
Wir einigen uns und sagen, wir wollen das nicht, und wir schützen die Wale. Und das finde ich ganz gigantisch. Auf jeden Fall.
Ja, ein anderer Lichtblick ist auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal. Das war im Dezember 2022. Da wurde beschlossen, dass zum Beispiel bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Land- und Meeresflächen weltweit unter Schutz gestellt werden sollten. Das ist ja auch so eine Art Commitment, dass man sich einigt und sagt, wir wollen was tun. Momentan sind in den Meeren nur etwa sieben bis acht Prozent überhaupt unter Schutz.
Ja, es geht ja eigentlich nur über diese gemeinsamen Beschlüsse, dass man versucht, sich da auf etwas zu einigen zum Schutz, weil natürlich auch einfach viele Länder und viele Interessen da immer mit reinspielen in die Ozeane. Also nicht nur von Anliegerstaaten und so weiter, von Fischfanggebieten und so weiter.
Habe ich jetzt richtig mitbekommen, dass auch Anfang 2026 so ein UN-Hochseeabkommen in Kraft tritt? Was hat es denn damit auf sich?
Ja, genau, genau. Anfang 2026, ganz richtig, da tritt das UN-Hochseeabkommen zum Schutz der Meere in Kraft. Hochseeabkommen heißt, es bezieht sich auf die hohe See. Die hohe See ist überall dort, wo die Ozeane nicht mehr zu einem Land oder zu der ausschließlichen Wirtschaftszone eines Landes gehören. Diese ausschließliche Wirtschaftszone, die ist, glaube ich, so 200 Seemeilen vor der Küste eines entsprechenden Landes.
Die hohe See umfasst ungefähr zwei Drittel der Weltmeere. Anders gesagt, 40 Prozent der Erdoberfläche. Also es ist ein riesiges Gebiet. Und bisher gab es eben keinen wirklichen internationalen Rahmen, um auf diesem, sage ich mal, auf dieser hohen See Meeresschutz zu betreiben. Das gab es eben hauptsächlich für Küstengewässer.
Und deswegen ist das schon ein großer Schritt, dass man sich auf ein Abkommen geeinigt hat. Es geht zum einen um den Schutz der Biodiversität, also der Pflanzen, der Tiere, der ganzen Ökosysteme. Es geht aber auch darum, die Ressourcen der Meere für die Menschheit nachhaltig zu schützen.
Ich finde es eigentlich einen ganz geschickten Schachzug, dass man das da so reingeschrieben hat. Das heißt, man fokussiert sich darauf, dass das Ganze ja auch für uns wichtig ist. Und das darf man nicht vergessen. Das ist vielleicht ganz schlau, das festzuhalten.
Was jetzt denkbar ist, zum Beispiel, dass man Schutzgebiete einrichtet, wo man zum Beispiel keinen Fischfang betreiben kann oder bestimmte Arten von Fischfang nicht mehr betreiben darf. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass man Schifffahrtsrouten verschiebt oder dass man so eine Art Geschwindigkeitsbeschränkung auf bestimmte Routen hat oder so.
Man könnte auch, wenn man jetzt an den Abbau von Manganknollen und so weiter, anderen Rohstoffen auf dem Meeresgrund denkt, also Tiefseebergbau, auch darauf könnte man vielleicht kommen. Und übrigens ist dieses Abkommen auch bindend nach internationalem Recht. Das heißt, wenn ein Staat etwas nicht einhält, dann könnte ein anderer Staat diesen Staat verklagen.
Aber klar, ob sich jetzt wirklich etwas tut im Punkto Meeresschutz, das hängt jetzt natürlich davon ab, wie dieses Abkommen umgesetzt wird. Also das Papier hilft da jetzt vielleicht noch nicht so viel.
Also es kommt jetzt darauf an, ob konkrete Schutzzonen eingerichtet werden, wie die aussehen, was man dort wirklich machen darf und was nicht, und ob sich alle daran halten, wer das kontrolliert und so weiter. Es gibt ja auch heute schon Schutzzonen in den Meeren, nur ist da irgendwie noch alles erlaubt: Fischen, Schiff fahren und so weiter. So geht es natürlich nicht.
Aber dieses Abkommen ist auf jeden Fall, glaube ich, ein Anstoß zum Handeln. Also keine fertige Lösung, aber ich denke, es ist auf jeden Fall etwas, mit dem man weiterarbeiten kann.
Alles klar, Verena, dann sage ich dir schon mal vielen, vielen Dank dafür. Und euch allen: Am 8. Juni ist der Welttag zum Schutz der Ozeane. Kann man ja kurz vielleicht auch mal daran denken, was man selber so für die Ozeane und deren Wohlbefinden tun kann.
Auf der großen politischen Ebene haben wir gerade zum Schluss gehört, ja, passiert auf jeden Fall zumindest ein bisschen was. Und wir hoffen, dass das dann auch Früchte trägt.
Ja, und erklärt hat es uns, wie gesagt, Verena Tang. Vielen, vielen Dank, Verena. Gerne.
Und zum Schluss würde ich gerne euch noch etwas in eigener Sache sagen, denn hier beim Spektrum-Podcast steht demnächst ein besonderes Jubiläum an. Am 10. Juli erscheint unsere 300. Folge. Also, den Spektrum-Podcast gibt es jetzt schon richtig, richtig lange.
Und wir sind natürlich dankbar, dass so viele von euch immer zuhören. Denn ohne euch gäbe es den auch gar nicht. Und wir würden gerne mal wissen von euch, wie euch der Podcast denn begleitet. Wer seid ihr? Wann hört ihr? Warum hört ihr? Habt ihr vielleicht eine Lieblingsfolge? Was verbindet ihr mit dem Spektrum-Podcast?
Schickt uns dazu gerne eine kurze Sprachnachricht. Irgendwas zwischen 30 Sekunden und einer Minute ist okay. Ein bisschen drunter oder ein bisschen drüber ist natürlich auch in Ordnung. Nehmt gerne also eine kurze Sprachnachricht auf und schickt uns das Audio an podcast@spektrum.de. Die Adresse findet ihr auch noch mal in den Show Notes.
Und wir hören uns dann alle Nachrichten an. Eine Auswahl davon werdet ihr in der Jubiläumsfolge hören. Das war es für diese Woche vom Spektrum Podcast hier bei uns. Vielen Dank euch fürs Zuhören.
Gerne auch kommende Woche wieder dabei sein. Wie immer am Freitag gibt es dann eine neue Folge. Bis dahin freue ich mich, wenn ihr den Podcast abonniert, wenn ihr kommentiert, bewertet und teilt. Das hilft uns sehr. Auch dafür vielen, vielen Dank.
Mein Name ist Max Zimmer und ich sage Tschüss und macht’s gut. Spektrum der Wissenschaft. Der Podcast von detektor.fm. Untertitel.