Mit dieser Folge hier beenden wir unseren Jubiläumsmonat zu 10 Jahren brand eins. Beim Blick zurück auf das Jahr 2016 und was wir daraus für die Gegenwart lernen können, haben wir uns ja schon mit den Panama Papers, dem Brexit und vergangene Woche mit dem Fernsehen beschäftigt. Und in dieser letzten Folge unserer kleinen Serie geht es nun um ein Geschäftsmodell mit eingebautem Verfallsdatum. Wieso, weshalb, warum, erkläre ich Christian Bollert euch in unserem gemeinsamen Podcast, dem brand eins Podcast „Wirtschaft anders denken“. Jede Woche bei detektor.fm.
Taxdue ist ein Softwareunternehmen aus Hamburg, das sich auf KI-gestützte Echtzeitbuchhaltung und Steuerberatung im E-Commerce spezialisiert hat. Als Marktführer in Europa hilft Taxdue tausenden Händlern dabei, ihre Umsatzsteuer korrekt abzuwickeln, wenn sie ihre Produkte grenzüberschreitend verkaufen. Also genau dort, wo nationale Regeln auf einen digitalen Binnenmarkt treffen. Gleichzeitig beginnt die Europäische Union, genau diese Komplexität zentral zu lösen und macht damit den ganzen Markt Stück für Stück überflüssig. 10 Jahre nach der Gründung steht Taxdue damit vor einer ziemlich grundlegenden Veränderung, und darüber spreche ich mit Roger Gotmann. Er ist Geschäftsführer und Mitgründer von Taxdue und zuvor hat er über ein Jahrzehnt in der Finanzverwaltung gearbeitet, als Betriebsprüfer und zuletzt beim Bundeszentralamt für Steuern. Mit der Gründung von Taxdue hat er vor 10 Jahren die Perspektive gewechselt vom Prüfer zum Gestalter. Er kennt deshalb die Logik von Regulierung, Technologie und steuerlicher Komplexität aus erster Hand. Sprechen wir doch drüber, und damit hallo und herzlich willkommen im brand eins Podcast, Roger.
Ja, moin hier aus Hamburg und danke, dass ich da sein darf. Taxdue gilt ja als Marktführer für Umsatzsteuerservices im europäischen Onlinehandel. Zu euren rund 3000 Händlerinnen und Händlern gehören unter anderem L’Oréal Deutschland, Ankerkraut oder auch Snogs, und ihr kümmert euch für sie um die Umsatzsteuer, wenn sie Produkte in andere europäische Länder verkaufen. Jetzt, zu Ende April, stellt ihr dieses Geschäft ein, was ja unter vielen Kundinnen und Kunden durchaus für Verwunderung gesorgt hat. Warum macht ihr das?
Ja, das ist die spannende Frage. Warum stellt man als Marktführer und als Deep Brand in diesem Bereich sein Geschäft ein? Und die Antwort ist natürlich irgendwo auch komplex. Ich fange mal vorne an. Als wir 2016, also vor zehn Jahren, gestartet sind, gab es, sage ich mal, noch keine wirkliche Lösung dafür. Also das heißt, wenn ich als E-Commerce-Unternehmen, egal auf welcher Plattform ich unterwegs war, sei es jetzt Amazon, sei es mein eigener Shop über Shopify, meine Produkte international in der EU verkauft habe, hatte ich immer die Herausforderung, ich muss meine Umsatzsteuer immer im Zielland abführen, weil das ist, sage ich mal, das Kernkonstrukt, der rote steuerliche Faden im europäischen Binnenmarkt.
Und wie lief das Ganze vor zehn Jahren? Vor zehn Jahren war es so, dass dann quasi mein Steuerberater irgendwo die Daten aggregiert hat, sich dann einen Steuerberater irgendwo im Ausland gesucht hat, in Frankreich, in Polen, Italien, wo auch immer, dem die Daten übermittelt hat und der dann wiederum die Daten an das zuständige Finanzamt dann vor Ort weitergegeben hat. Da haben wir quasi eine Plattform gebaut, sind direkt drangegangen an die großen Marktplätze, an die großen Shopsysteme, haben uns da die Daten rausgezogen, automatisch, sage ich mal, umweltsteuerlich bewertet und dann eben an die Finanzbehörden im Ausland übermittelt. Uns war klar, ab Tag eins, dass die Europäische Union irgendwann mal die Regulierung ändern wird, was ja aus Händlersicht als Unternehmer sich absolut Sinn macht, weil das Prozedere, so wie ich es beschrieben habe, ist ja irre komplex und kostet natürlich auch viel Geld.
Und jetzt ist es in der Tat so, dass zum 1.7.2028 es einen sogenannten One Stop Shop geben kann, wo ich als deutscher Unternehmer meine ganze Umsatzsteuer in der EU quasi aus meinem Sitzstaat heraus erledigen kann. Das wird dann über das Bundeszentralamt für Steuern erfolgen. Da schiebe ich alle Daten rein, da packe ich mein ganzes Geld rein, was ich quasi an Umsatzsteuer schulde, und von dort aus erfolgt dann das sogenannte Clearing. Wir haben uns dann in der Tat die Frage gestellt, weil du hast ja auch unsere Kunden aufgezählt, machen wir das Ganze jetzt noch zwei Jahre weiter oder ziehen wir schon vor die Reißleine und fokussieren uns komplett neu? Und was wir entschieden haben, ist, und du hast ja schon irgendwo vorweggenommen, dass wir uns komplett neu fokussieren, und zwar auf das Thema Buchhaltung. Das Thema Buchhaltung war schon immer so ein Nebenprodukt bei uns, quasi so eine Art kleines Stiefkind, weil wir natürlich wussten, wenn die Reform kommt, brauchen wir ein zweites Standbein, was dann unser Kerngeschäft wird. Und jetzt wäre es natürlich die Option gewesen, das erstmal weiterlaufen zu lassen und dann so einen stetigen Übergang irgendwo zu finden. Was ich jetzt aus zehn Jahren Gründertum sagen kann, ist, dass wenn du irgendwo so eine Transformation machst, mit Stetigkeit häufig nicht weit kommst. Also das hätte jetzt zum einen bedingt, dass unser Produktteam irgendwo zweigespalten gewesen wäre. Ein Teil des Produktteams hätte quasi an dem alten Produkt weiterarbeiten müssen. Alle hätten gewusst, das Ding hat in zwei Jahren keine Halbwertszeit mehr und versucht mal, die Leute dann zu motivieren. Versucht vor allem mal, motivierte Leute zu finden, die auf so einem Produkt arbeiten. Und zum anderen frisst natürlich auch Ressourcen. Also auch gerade so auf so einer Gründerebene musst du dich auch irgendwo fokussieren. Und das funktioniert eben nicht, indem du so zwei Bälle im Spiel hast. Und das war der Grund, warum wir gesagt haben, wir machen jetzt den Cut und fokussieren uns jetzt komplett neu auf ein Geschäftsfeld, was wir Echtzeitbuchhaltung nennen.
Aber dann denken wir trotzdem noch mal diesen Schritt zurück, den du ja gerade auch beschrieben hast und wo du abgewogen hast oder eure Entscheidung auch ein bisschen erklärt hast. Man könnte ja aber trotzdem auch sagen, jetzt mal rein logisch, naja, Moment mal, wir können ja hier noch zwei Jahre gut Geld verdienen. Wir sind Marktführer, wir machen das so, wir machen das parallel. Aber aus eurer Sicht gab es da zu viele Punkte, die eben dagegen sprechen. Also diese zwei, die du gerade genannt hast, und vermutlich noch ein paar mehr.
Ja, also ich meine, das klingt, als wäre es ein Buzzwort, wenn ich sage, ja, es gibt natürlich noch einen Player, der gerade über allem schwebt, über jedem Geschäftsmodell schwebt, sei es SAP, sei es HubSpot. Natürlich ist das künstliche Intelligenz. Und ich meine, was man gerade sieht, ist, dass so ein klassisches SaaS-Geschäft, wie wir es ja vorher gemacht haben, sage ich mal, vor zehn Jahren war es Software as a Service, gerade im Steuerbereich, so der absolute heiße Scheiß. Also da konnten wir Investoren überzeugen, wie Excel, wie Tiger Global. Und jetzt, sage ich mal, steht Software as a Service zumindest, wenn man so die Berichterstattung gerade mitverfolgt, ja immer gerade irgendwo so am Abgrund. Und natürlich war dann auch die Frage, wie reagieren wir darauf? Und warten wir jetzt noch zwei Jahre ab? Haben wir dann quasi noch mal so ein zweites Geschäftsfeld, wo wir dann auch so ein bisschen mit KI experimentieren? Oder gehen wir jetzt komplett all in? Und das war sicherlich einer der Gründe, warum wir gesagt haben, nein, wir brauchen den kompletten Fokus. Weil ansonsten ist es ja so, und ich komme hier im Norden aus einer Ecke, wo man auch viel Handball spielt. Das wäre irgendwie so, als wäre ich so ein exzellenter Handballspieler, der dann immer noch entscheidet, ja, vielleicht wäre auch so die erste Fußball-Bundesliga was für mich. Und ich versuche jetzt in beiden gut zu werden. Das funktioniert aus der Erfahrung nicht heraus. Ja, man kann ein guter Fußballspieler sein und später Weltmeister im Radsport werden, aber beides gleichzeitig ist meistens dann doch tatsächlich relativ schwierig.
Aber das heißt, KI ist auch das große Thema, was euch natürlich auch bewegt hat. Das hast du jetzt so ein bisschen umschrieben, aber de facto ist es so.
Ja, na klar. Also wir setzen KI ein. Und jetzt muss ich natürlich sagen, ich bin ehemaliger Betriebsprüfer, du hast es ja gesagt. Und was natürlich für mich so die Herausforderung ist, gerade wenn wir Daten erzeugen in der Buchhaltung und dann als Steuererklärung an das Finanzamt übermitteln, gibt es ja aus Sicht des Finanzamtes nur richtig oder falsch. Also richtig ist 100 Prozent und alles, was kleiner 100 Prozent ist, ist halt falsch. Und das ist gerade die Herausforderung, wenn man KI im Bereich Steuern einsetzen will. Also wie stelle ich sicher, dass das, was hinten rauskommt, auch wirklich hundertprozentig korrekt ist? Das heißt, da arbeiten wir auf einer Plattform, wo KI die Vorbewertung übernimmt. Aktuell noch. Wir haben dann hinten raus Experten, die das Ergebnis verproben. Wenn Fehler passieren, die KI quasi wieder füttern, weiter trainieren. Und wir dann aber auch, wenn wir dann die Daten ans Finanzamt zum Beispiel ermitteln, aber eben auch in die Verantwortung gehen können, auch in die Haftung mitgehen können. Also das ist quasi jetzt der Burggraben, den wir haben. Das heißt, als Software- und Service-Dienstleister bist du ja immer so ein bisschen so der Schaufelverkäufer gewesen. Und ob jetzt jemand Gold gefunden hat oder nicht, das war jetzt nicht deine Verantwortung. Da konntest du dich immer schön rausziehen. Du hast immer profitiert. Und was ich jetzt sehe und was auch meine Überzeugung ist, gerade KI führt jetzt schon dazu, dass du als Softwareanbieter jetzt auch mit in die Verantwortung also auch mit in die Haftung gehen musst für das fertige Ergebnis, was dann hinten rauskommt.
Roger Gotmann, Mitgründer und Geschäftsführer von Taxdue beim Podcast Radio detektor.fm. Wir schauen in dieser Folge noch ein bisschen genauer darauf, was die Entscheidung, die Services um die Umsatzsteuer zu beenden, konkret auch für die Mitarbeitenden, die Kundinnen und Kunden und natürlich auch die weitere Unternehmensentwicklung bedeutet und darauf, wie konkret KI dann tatsächlich auch helfen kann. Roger, du hast es gerade angesprochen. Vorher habt ihr nur die Schaufeln hergestellt. Jetzt kommt die Verantwortung dazu. Ist das im täglichen Leben eine neue Herausforderung für euch, für das Team?
Ja und nein. Man muss ja fairerweise sagen, wenn man sich so ein bisschen mit Software as a Service beschäftigt, jeder SaaS-Anbieter hat ja irgendwo auch einen Support, egal wie man es nennt: Kunden-Support, Tech-Support. Da kamen ja in der Vergangenheit schon immer regelmäßig Fragen auf, gerade wenn es um die Verwertbarkeit der Ergebnisse ging, die wir abgeliefert haben, wenn manchmal Daten nicht vollständig waren, wenn irgendwo Filtereinstellungen im Vorsystem nicht richtig gesetzt waren. Dann waren wir häufig schon der Mittler zwischen dem Nutzer der Daten und demjenigen, wo die Daten entstanden sind, also beim Kunden. Und jetzt, sage ich mal, institutionalisieren wir das Ganze, packen das mit in ein Produkt rein. Soviel ist das auch sicherlich so eine gewisse Emanzipation, muss man ehrlicherweise sagen. Früher war man häufig als SaaS-Anbieter dann auch derjenige, der schuld war, weil er irgendwo in der Mitte stand. Und jetzt kann man sagen, ja, wir wollen schuld sein, aber wir übernehmen jetzt auch gerne die komplette Verantwortung für den gesamten Prozess.
Jetzt ist es ja so, dass du das nicht alleine machst, sondern in den vergangenen Jahren sind das rund 160 Leute geworden, die euer Geschäftsmodell mit aufgebaut und entwickelt haben. Und ich kann mir vorstellen, dass so eine Entscheidung, wie du sie ja auch in den letzten Minuten schon skizziert hast, auch im Team durchaus, ich sag mal, starke Reaktionen hervorruft.
Ja, natürlich. Also als wir gestartet sind, sage ich mal, als Gründer stehst du da vorne, du brennst für das Produkt und du ziehst Leute an, sage ich mal, mit der Überzeugung für dieses Produkt. Und dieses Umsatzsteuer-Thema, das war immer so die DNA. Wir waren so diejenigen, die das fachlich verstanden hatten, aber auch dann quasi in ein Software as a Service Produkt gießen konnten. Und das hast du irgendwo auch dann in der Team-DNA verankert. Und so ähnlich und offen bin ich auch. Hast du natürlich auch Teammitglieder, die sagen, nein, also den neuen Weg, den gehe ich nicht mit. Das wäre ja auch komisch, wenn das nicht so wäre. Ja, definitiv. Und hast natürlich dann auch wieder Teammitglieder, die sagen, ja, natürlich ist es der nächste evolutionäre Schritt, den du gehen musst. Und wie geht ihr damit um? Also macht ihr da Workshops oder wie muss ich mir das vorstellen? Weil so ein Prozess ist ja oft auch ein bisschen schmerzhaft.
Es ist schmerzhaft und kannst dir vorstellen, dass die letzten Monate für mich auch nicht einfach waren. Also natürlich musst du das Team mitnehmen. Wir haben die Entscheidung lange vorbereitet, natürlich erst mal auf Gründerebene. Da muss es auch erst mal wachsen. Man muss selber dann komplett überzeugt sein, dass das der richtige Weg ist, gerade auch mit dem Wissen, dass man damit Gegenwind auslösen wird. Dann, sage ich mal, holst du dein Management-Team ab und dann fängt man in der Tat an, das ins Team zu tragen. Auch immer mit dem Wissen, wenn es erst mal in der Breite des Teams ist, sickert das auch relativ schnell den Markt. Also das war natürlich auch so ein gewisser Spagat. Wir wollten natürlich zuerst das Team abholen und dann sollten unsere Kunden darüber natürlich nicht aus der Presse erfahren. Also insofern war das Zeitfenster zwischen Kommunikation zum Team und Kommunikation Richtung Kunden auch relativ kurz.
Und wie macht ihr das mit den Kundinnen und Kunden? Weil da hat man ja tatsächlich hier und da gelesen, oh, was mache ich denn jetzt dann ab Ende April?
Ja, da war es in der Tat so, dass wir gesagt haben, wir machen jetzt nicht die Schotten dicht und dann muss jeder gucken, wo er bleibt. Das würde ja auch komplett die Marke verbrennen. Da haben wir, sage ich mal, auch Ausschau gehalten nach einem Partner, der das Geschäft weiterführen wird. Und zwar war das ein Partner, der mir vor drei Jahren quasi schon ordentlich so einen Schuss in mein Ego gesetzt hat. Wir waren mal, das kann ich auch gerne öffentlich jetzt sagen, waren mal eine Ausschreibung bei Stripe. Stripe kennt, glaube ich, hier in diesem Podcast wahrscheinlich jeder. Und die haben Partner gesucht für das Thema Umsatzsteuer in der EU. Da waren wir mit in der letzten Runde und haben aber die Ausschreibung verloren gegen Marosa. Das ist ein Umsatzsteueranbieter aus Spanien, der breit aufgestellt ist, der von den Reformen nur, sage ich mal, teilweise betroffen sein wird, weil er auch viel im Enterprise-Bereich macht. Und als dann mein Ego leicht angekratzt war, habe ich aber gesagt, okay, beschäftige mich mal mit denen. Bin dann mit denen persönlich ins Gespräch gekommen. Und dann stand aber auch dann Anfang letzten Jahres fest, als wir uns entschlossen hatten, sagen wir mal, da den Cut zu machen, dass wir quasi Marosa als Partner reinnehmen, damit unsere Kunden natürlich auch weiterhin eine Lösung für das Thema Umsatzsteuer haben die nächsten zwei Jahre.
Was macht dir denn Mut, dass in dieser Kombination mit Marosa und, ich sage mal, diesem strategischen Wechsel, dass ihr da auf dem richtigen Weg seid?
Natürlich zum einen das Neukundenwachstum. Also wir hatten jetzt gerade den März als erfolgreichsten Monat ever, also in der Unternehmensgeschichte. Und was mir auch Mut macht, ist, wenn ich in den Markt reinhorche. Und bislang war es ja so, dass häufig auch so Steuerberater, also im Mittelstand hast du ja häufig deine ganzen Steuerfunktionen ausgelagert auf externe Steuerkanzleien, dass da einige gibt, die sagen, nein, das kann nicht funktionieren, das wird nicht funktionieren. Dann wiederum einige gibt, die sagen, ja, endlich kommt mal Bewegung rein. Und dieses ganze Thema Buchhaltung, das muss erst mal raus aus diesem klassischen Hamsterrad einer mittelständischen Steuerkanzlei. Wenn jetzt nur Zuspruch gekommen wäre oder nur Gegenwind gekommen wäre, sage ich mal, hätte es schon zu denken gegeben. Aber das ist, glaube ich, die gesunde Mischung, die man erwarten muss zu diesem Zeitpunkt.
Jetzt will ja die EU das seit Jahren eigentlich schon vereinfachen und so eine zentrale Infrastruktur aufbauen. Es gibt jetzt diesen Zeitplan Mitte 2028. Ist euch wirklich schon von Anfang an, du hast es vorhin angedeutet, eigentlich schon bei der Gründung klar gewesen, dass das ein Modell auf Zeit ist?
Es war von Anfang an klar, dass es ein Modell auf Zeit ist. Deswegen haben wir auch relativ früh angefangen, dieses zweite Standbein zu bauen. Und dann war es aber in der Tat so, dass die EU immer wieder die Deadline verlängert hat. Und was macht der Mensch, wenn er irgendwo mal so eingefahren ist und irgendwo auch ein bisschen Erfolg hat? Notwendigkeit, wirklich was zu ändern, ist dann häufig nicht vorhanden. Und das war auch der Grund, warum wir gesagt haben, selbst wenn die Deadline jetzt noch mal auf 2029 oder 2030 erweitert wird, wir machen jetzt für uns den Cut, weil früher oder später wird es kommen. Also die EU muss da eine Vereinfachung fahren. Und ich bin ja auch selber, sage ich mal, relativ nah dran an dieser Gesetzgebung. Insofern bin ich überzeugt, dass in zwei, drei Jahren diese Reformen sehen werden, dass für uns klar war, dass wir uns nicht auf irgendeiner Verlängerung ausruhen werden.
Das heißt, aber auch, ich sage mal, diese Gesetzgebung und dieser klare Fahrplan, egal ob er jetzt vielleicht noch mal ein, zwei Jahre verlängert wird, das ist schon der Kernauslöser auch für diesen Wandel, den ihr gerade durchmacht.
Ja, es ist definitiv der Kernauslöser, weil irgendwo brenne ich natürlich auch inhaltlich für das Thema Umsatzsteuern. Als Betriebsprüfer war ich spezialisiert auf das Thema Umsatzsteuer. Insofern war das immer irgendwo auch mein Baby, also auch inhaltlicher Natur. Und wer diese Reform nicht gekommen wäre, wäre das sicherlich bis in alle Ewigkeit gemacht, definitiv.
Jetzt würde ich aber noch mal gern auf das Handballbild zurückkommen. Also wenn die Umsatzsteuer der Handball für dich ist, welche Sportart lernst du denn jetzt gerade oder was ist für dich das Neue?
Ich lerne jetzt in der Tat gerade Fußball, weil das Schöne ist, dass ich jetzt in dem Team bin mit lauter, sage ich mal, erfahrenen Fußballern. Denn das musst du eben auch machen. Also als Gründer Leute um dich schauen, die eben auch in dem Thema drinstecken. Und das war auch der Grund, warum wir dann im Frühjahr letzten Jahres auch eine kleinere Accounting-Firma akquiriert haben, die das schon sehr erfolgreich seit gut zehn Jahren macht. Sie haben schon jeden Pain einmal durchlebt. Und wir haben lange den Markt gescreent, weil natürlich hätten wir das gerne selber gebaut mit eigenen Mitteln, aber da muss man dann auch irgendwann erfahren, dass wir da auch an unsere Grenzen kommen und es häufig nicht um Technologie geht, sondern die Menschen dahinter, die das Ganze bauen können, die das jeden Tag vorantreiben können. Und das war der Grund, warum wir, wie gesagt, dann im Frühjahr letzten Jahres diese Akquisition getätigt haben.
Und was ist für dich die überraschendste Erkenntnis gewesen in diesem Prozess? Also wenn man so eine Sportart wechselt, um jetzt mal das Bild nicht zu überstrapazieren. Aber ich meine, beim Handball hast du den Ball in der Hand, beim Fußball am Fuß. Was ist für dich so der größte Lerneffekt gewesen?
Der größte Lerneffekt ist, sage ich mal, dass so ein Unternehmen zu integrieren extrem viel mit Kultur zu tun hat. Du kannst, sage ich mal, wahnsinnig viel planen. Du kannst die Tech-Teams irgendwo zusammenpacken, aber das hat extrem viel mit Unternehmenskultur zu tun. Bei uns war es in der Tat so, dass die Accounting-Firma, die kommen, dann eher so aus dem Bereich Services. Die verstehen sich so als klassischer Dienstleister. Und wir kamen so aus der Tech-Ecke und sagen wir mal, da jetzt diese Schnittmenge zu finden, auch gerade was die Kultur betrifft, das war in der Tat schon eine Herausforderung. Und deswegen haben wir jetzt auch gesagt, wir sind kein Software-to-Service-Anbieter mehr, sondern wir bringen jetzt Services, die so hochstandardisiert sind wie Software.
Der Geschäftsführer von Taxdue, Roger Gotmann, im brand eins Podcast. Und wir sind gleich wieder da. Roger, du hast hier und da auch schon KI angesprochen, auch, ich sage mal, als einen Mittreiber für die aktuelle Entwicklung, die ihr da so geht. Und über KI in der Buchhaltung wird ja auch viel diskutiert, viel geschrieben, auch, ich sage mal, gesprochen. Und ich habe aber immer so ein bisschen das Gefühl, dass es immer noch eher abstrakt bleibt, dass man sagt, ja, da könnte in den nächsten Jahren was passieren bei den Steuerberaterinnen und Steuerberatern. Und da gibt es schon die ersten Tools und so. Aber was konkret kann denn KI heute schon, also jetzt im Jahr 2026?
Also ich bin kein Fan davon zu sagen, jetzt kommt KI und wir müssen das ganze Thema komplett neu denken. Denn ich komme aus dieser E-Commerce-Welt, wo ich jetzt Stand heute klar sagen würde, wo KI keinen Mehrwert hat, ist bei klassischen E-Commerce-Transaktionen. Also ich habe einen Shopify-Store, ich verkaufe von Deutschland nach Frankreich. Da muss ich keine KI drauf lassen, sondern einfach eine klare Regel. Wenn ich von Deutschland nach Frankreich verkaufe, greift ein Steuersatz von 20 Prozent französischer Umsatzsteuer. Also das ist ein einfaches Staats-Mapping, was natürlich deutlich sicherer ist, als wenn ich das jetzt in ein Sprachmodell werfe. Wo KI in der Tat einen Vorteil hat, ist, sage ich mal, wenn ich in den Bereich so Urteilsvermögen gehen muss. Ich finde jetzt irgendwo in einem Bankkonto vielleicht eine Zahlung an die Hamburger Sparkasse, 3000 Euro. Muss aber herausfinden, ja, was ist denn das? Ist das jetzt eine Tilgung? Ist das jetzt ein Zinssatz? Und da kann KI schon in der Tat Vorurteile bringen, indem ich mir zum Beispiel einfach dann aus einem Google Drive oder wo auch immer her den Darlehensvertrag ziehen lasse. Eine KI kann in einem Windeseile auswerten und dann die konkrete Zuordnung zunehmen. Was ist Zinszahlung? Was ist Tilgungszahlung? Und da punktuell bringt KI definitiv schon Mehrwert, weil sie vorstrukturiert oder, genau, weil sie vorstrukturiert und mir diese Fleißarbeit schon mal abnimmt. Also mich durch mehrere Seiten Textwerk zu wühlen. Und da bringt KI natürlich deutlich mehr Effizienz rein. Und gleichzeitig gibt es ja aber auch dieses Problem der Halluzination. Du hast es vorhin, glaube ich, Genauigkeit genannt, also dass man in der Steuerwelt ja eigentlich kein ungefähr richtig akzeptieren kann. Wie löst ihr das praktisch?
Ja, und das ist die Kernherausforderung. Ich meine, wir wissen ja alle, dass die großen Sprachmodelle jetzt das Internet leer gelernt haben, also mit den öffentlichen Daten oder aus den öffentlichen Daten ist nicht mehr rauszuholen. Ich glaube, das, was jetzt der wahre Datenschatz ist, das sind jetzt die Unternehmensdaten. Und dafür dann wir jetzt in der Tat unsere Sprachmodelle. Und um eben sicherzustellen, dass beim Finanzamt wirklich nur 100 Prozent ankommt, ist es in der Tat so, dass wir die Ergebnisse, soweit wir KI einsetzen, dann immer noch mal durch den Experten reviewen lassen. Und das ist eben auch der Grund, warum wir sagen, können wir übernehmen am Ende des Tages auch die Haftung für die Buchhaltung, die komplette Verantwortung, was dann wiederum unser Burggraben ist. Das heißt, am Ende ist dann doch der berühmte Human in the Loop.
In der Tat. Also das würde ich die nächsten Jahre auch noch so sehen. Natürlich füttern wir, wenn KI Fehler macht, die Sprachmodelle wiederum mit diesen Informationen. Aber ich würde sagen, dass in den nächsten Jahren, gerade in so regulierten Bereichen, Steuer- Wirtschaftsprüfung immer noch der Mensch das letzte Wort haben wird. Bedeutet das auch, dass es, ich sage mal, verhältnismäßig doch immer noch ein bisschen teurer sein muss? Weil wenn es nicht ausschließlich die Maschine machen kann, dann brauche ich ja noch jemanden, den ich bezahlen muss.
Ja, natürlich. Und auch gerade dieses Thema Verantwortung. Ich habe eingangs gesagt, was ist Jetzt, was ist der Unterschied zwischen diesem klassischen SaaS-Geschäft? Jetzt verantworte ich wirklich das komplette Ergebnis, also end-to-end. Und wenn ein Betriebsprüfer kommt oder das Finanzamt nachhakt, dann bin ich jetzt derjenige, der dafür in der Verantwortung steht. Und das muss natürlich auch irgendwo eingepreist sein. Ganz klar.
Und ihr bewegt euch jetzt natürlich auch in einem anderen Wettbewerbsumfeld. Also ich könnte mir vorstellen, dass ihr jetzt ganz andere Konkurrentinnen und Konkurrenten habt.
Ja, das auf jeden Fall. Früher war es in der Tat so, dass häufig so klassische deutsche Steuerkanzleien, und wie gesagt, im Mittelstand ist es ja häufig so, dass die Steuerfunktion auf eine externe Steuerkanzlei ausgelagert ist. Die waren früher unsere wichtigsten Multiplikatoren, unsere wichtigsten Partner, weil sie quasi ohne uns diese Mandate gar nicht bedienen konnten. Und jetzt gehen wir natürlich rein und sagen: Ja, wir übernehmen die gesamte Buchhaltung, sprich, wir gehen in die Kernwertschöpfung einer deutschen Steuerkanzlei, die im Durchschnitt immer noch so zwischen 60 bis 70 Prozent von der Buchhaltung lebt. Also da wird man nicht überall mit Applaus empfangen. Das definitiv nicht. Wie geht ihr damit um?
Das ist die spannende Frage. Mich persönlich. Und wir haben ja in der Vergangenheit häufig so Veranstaltungen für Steuerberater gemacht. Und dann kamen die an, und dann wurde man erst mal in den Arm genommen, wurden so Selfies gemacht. Und wenn du jetzt, sag ich mal, auch guten Gegenwind aus dieser Richtung erfährst, dann nimmt dich das persönlich erst mal natürlich schon mit. Das Schöne ist aber auch, dass es auf der anderen Seite immer noch genügend Kanzleien gibt, die sagen: Ja, also das ist die Zukunft. Und das, was der Gesetzgeber in Deutschland schützt, was ja nur ein Steuerberater darf, ist dieses Beraten, diese Steuerberatung. Da entebelt ihr mich am Ende des Tages. Ihr stellt mir Daten zur Verfügung, darauf kann ich dann entsprechend beraten. Da gibt es eben auch noch genügend Kanzleien, sag ich mal, die dann quasi unsere neuen Partner sind. Das heißt, wir haben in der Tat so offen, ehrlich, bin ich auch Partner verloren, aber auch wiederum neue Partner gewonnen.
Jetzt blicken wir in diesem Podcast so ein bisschen zurück auf das Jahr 2016. Das ergibt bei euch ja auch total viel Sinn und ziehen so ein bisschen Bilanz und schauen, wo stehen wir da heute? Wie hat sich denn, wenn man jetzt wirklich noch mal ganz groß rauszoomt und diesen Blick hast du ja auch, die europäische Steuerwelt, gerade auch in deinem Lieblingsspielfeld Handball, also im übertragenen Sinne bei der Umsatzsteuer? Wie hat sich denn das in den letzten zehn Jahren verändert?
Also offiziell haben wir diesen Binnenmarkt seit 1993. Und offiziell darf es ja in so einem Binnenmarkt keine wirklichen Schranken geben. Das hatten wir aber im Bereich der Umsatzsteuer immer. Also es konnten sich häufig so kleinere mittelständische Unternehmen es gar nicht leisten, international in der EU zu verkaufen, die ja eigentlich per Definition barrierefrei sein soll. Und da muss man sagen, haben wir in den letzten Jahren schon deutliche Schritte gesehen. Es gab 2021 so die erste Mini-Reform, die so einen kleinen One-Stop-Shop geführt hat. Und wenn jetzt die große Reform 2028 greift, würde ich sagen, auch als überzeugter Europäer, da sind wir, sage ich mal, dem vollendeten Binnenmarkt schon sehr, sehr große Stücke näher gekommen.
Und aus deiner Sicht ist das auch eine gute Sache?
Also absolut. Ich meine, ich habe ja die Finanzverwaltung verlassen, weil ich nicht irgendwo die Leute immer nur darauf hinweisen wollte, was sie alles falsch machen und wie kompliziert das Steuerrecht doch ist und welche fetten Erfahrungen sie gerade getreten sind. Und insofern ist es doch wunderbar, wenn es einfacher wird.
Ja, und du hast auch keine Wehmut, dass du dich in Zukunft nicht mehr ganz so viel mit der Komplexität der europäischen Umsatzsteuer beschäftigen kannst?
Nein, ich habe irgendwann mal gemerkt, und das ist vielleicht zu dem einen oder anderen Steuerrechtler auch irgendwo nicht fremd: Man definiert sich häufig, sage ich mal, über dieses Fachwissen. Und das streichelt auch irgendwo dem Ego. Aber es tut halt, sage ich mal, uns als Gemeinschaft nicht gut. Insofern hat mein Ego vielleicht ein bisschen gelitten, aber fürs Gemeinwohl ist es gut.
Roger Gotmann im brand eins Podcast. Ich sage vielen Dank für das Gespräch und für die Einblicke. Sehr gerne. Und mit dieser Folge endet auch unser Geburtstagsmonat zu zehn Jahren brand eins Podcast. Hört doch gern auch in die anderen drei Geburtstagsfolgen rein, falls ihr das nicht schon gemacht haben solltet. Scrollt dafür einfach in eurer Podcast-App nach unten. Und solltet ihr uns ein Geburtstagsgeschenk machen wollen, dann lasst uns doch gerne fünf Sterne da oder empfehlt den brand eins Podcast einer Freundin oder einem Freund. Denn eine Bewertung oder eben das Weitersagen sind die besten Möglichkeiten, uns und unsere Arbeit hier zu unterstützen und damit langfristig dafür zu sorgen, dass wir diesen Podcast hier auch in den nächsten zehn Jahren weitermachen. Der Mai steht dann übrigens bei uns ganz im Zeichen der Arbeit. Und natürlich blicken wir, wie ihr es kennt, aus ganz verschiedenen Perspektiven auf Arbeit. Und so viel kann ich schon mal sagen: Buchhaltung und Steuern werden da auch wieder auftauchen. Schon nächsten Freitag hört ihr die Ergebnisse unserer Arbeit. In diesem Sinne, gern bis dahin. Der brand eins Podcast: Wirtschaft anders denken. Jede Woche bei detektor.fm. Der brand eins Podcast wird produziert vom Podcast Radio detektor.fm. Redaktion: Stefan Ziegert, Katja Stamm und Gerolf Meyer. In Zusammenarbeit mit Frank Dahlmann vom brand eins Magazin. Moderation: Christian Bollert.