Das Jahr 2015 – eine Bilanz | Teil 1: Flüchtlinge

2015 und die Flüchtlinge

22.12.2015

Wir ziehen Bilanz für das Jahr 2015. Das dominierende Thema: Flüchtlinge. Viele sind davon genervt und können es nicht mehr hören. Warum wir genau deswegen hinschauen und hinhören müssen, zeigt unser Rückblick auf das Jahr.

Foto: Aris Messinis / AFP

„Ich kann’s nicht mehr hören.“ – „Es nervt.“ – „Langsam ist auch mal gut.“ Wer dieser Tage mit Verwandten, Freunden oder Kollegen ins Gespräch über Flüchtlinge kommt, wird oft genug einen dieser Sätze hören. Es war DAS dominierende Thema in diesem Jahr. Wir wollen auf das Jahr 2015 zurückblicken, und haben uns ebenfalls gefragt, ob die Meldungen und Diskussionen um die Geflüchteten nicht genug Raum hatten und haben. Doch beim Zurückblättern durch das Jahr wurde uns schnell klar: mitnichten. Diese Herausforderung verschwindet nicht, wenn wir nicht mehr über sie sprechen. Und diese Themen zeigen das:

Was tun?

Die Debatten, Schlagzeilen, Diskussionen, Demonstrationen – sie rauben Zeit und Nerven. Und sie helfen denen, die bei uns sind, nicht. Was also tun, ganz konkret, hier und jetzt?

– Vier Hilfsprojekte im Portrait – weil Diskutieren allein nicht hilft.

– Eine andere Möglichkeit: eine Bürgschaft für Flüchtlinge übernehmen. Damit können wir in Deutschland bleiben, auch wenn der Staat das Asylverfahren noch nicht abgeschlossen hat. Wir erklären das Modell.

– Immer eine gute Idee: Angst abbauen. Aber wie? Und warum haben wir überhaupt Angst vor dem Fremden? „Menschen, die Angst haben, sollten zuverlässige Informationen suchen“, rät uns unser Experte im Interview. Wir nehmen das wörtlich, und fragen einen Verfassungsschützer: kommen mit den Flüchtlingen auch Terroristen zu uns?

– Manchmal hilft es allerdings auch, einfach kurz den Blickwinkel zu ändern. Vielleicht sollten wir Flüchtlinge anders nennen? Und vielleicht ist für jemanden auf der Flucht ein Smartphone gar kein Luxus? Nur zwei der Fragen, die wir in diesem Jahr auch stellen konnten.

…und warum?

Das alles kann man richtig oder falsch finden. Es gibt gute Argumente dafür, und gute dagegen. Dass die Integration geflüchteter Menschen allerdings zumindest rein rechnerisch nicht unbedingt eine schlechte Idee ist, zeigen zwei Berechnungen, die wir uns haben erklären lassen:

– Für die deutsche Rentenversicherung könnten gut in den Arbeitsmarkt integrierte Flüchtlinge ein ordentliches Plus bedeuten.

– Und auch, wenn neun Milliarden an Kosten zunächst einmal viel klingen: das Geld lohnt sich und unterm Strich kommt ein Plus heraus. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet.

Wie viele können wir aufnehmen?

Die Probleme auf der ganzen Welt werden nicht weniger. Und das macht Angst. Nicht nur den Menschen vor Ort, die um ihr Leben fürchten und zu uns kommen – auch den Menschen hierzulande, die mit dem Neuen nicht umgehen können.

– Was kann die Politik tun? Sind europaweite Flüchtlingskontingente eine Lösung? Die Bundesregierung scheint daran zu glauben, und beschließt die Kontingentlösung im November.

– Ein anderer Vorschlag macht ebenfalls die Runde und hält sich hartnäckig: „Transitzonen“ nennt es die Union. „Haftzonen“ und „Massengefängnisse“ nennt sie der Bundesjustizminister. ProAsyl ist im Interview absolut nicht überzeugt von diesem Konzept.

– Im Oktober hingegen wurde ein Plan bekannt, den die EU-Innenminister im Geheimen beschlossen hatten: mehr Haftkapazitäten, mehr Abschiebungen, mehr Druck auf die Herkunftsländer und „schnelle Eingreiftrupps“ bei der Grenzschutzbehörde Frontex sind nur einige der Stichpunkte, die dort beschlossen wurden. Werner Schiffauer ist Vorstand des Rates für Migration, der auch die Bundesregierung berät, und sagte uns: das sei absolut der falsche Kurs und löse keines der Probleme wirklich.

– Was sich ebenfalls weitgehend im Verborgenen abspielte: die Arbeit des European Asylum Support Office (EASO). Das EASO ist eine EU-Behörde, die bei Asylfragen helfen soll. Doch während sich in Europa die Lage immer mehr zuspitzt, hört man kaum etwas von der Behörde. Warum das so ist, haben wir im September den Direktor der Behörde gefragt.

Manchmal aber, da stellt sich alles ganz anders dar, wenn man sich einmal die trockenen Zahlen anschaut, oder einen Blick ins Geschichtsbuch wirft. Beides haben wir getan.

– Kommen wirklich alle Syrer zu uns? Unsere „Karte der Woche“ zeigte Mitte November, wohin die Syrer wirklich fliehen.

– Und nun, da die Zahl von 1 Million Flüchtlinge im Raum steht, glauben viele, das sei nicht zu schaffen. Ein Blick ins Geschichtsbuch: Wie viele können wir aufnehmen?

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Das Thema ist keines, was nur uns betrifft. Es fordert ganz Europa. Es fordert die Krisen- und Schwellenländer. Es fordert die internationale Staatengemeinschaft.

– Doch wie geht es eigentlich den Flüchtlingen, die viel zu weit entfernt für unsere Kameras sind, und dennoch auf europäischem Boden? Was sich vor den europäischen Exklaven abspielt, ist mehr als schockierend. Unsere Kollegin Fanny Kniestedt war mehrfach vor Ort: hier ihr Lagebericht aus dem Oktober (mit Originalaufnahmen der Menschen vor Ort, die diese uns via WhatsApp geschickt haben)

– „Man hört deswegen so wenig von diesen Menschen, weil sie einen sehr hart mit der EU-Politik konfrontieren.“, sagt der Autor Johannes Bühler. Wir sprechen mit ihm darüber und über sein Buch „Am Fuße der Festung: Begegnungen vor Europas Grenze“

– Sie warten. Seit Jahren. Darauf, nach Hause zurückkehren zu können. In Syriens Nachbarländern wie Jordanien, dem Libanon oder der Türkei sitzen Millionen Flüchtlinge in Lagern fest. Etliche internationale Hilfsorganisationen sind vor Ort. Doch weil deren Mittel immer knapper werden, können sie den Menschen kaum noch ausreichend helfen, berichtet uns im November das UNHCR.

– Und während die Augen der Welt sich nach Syrien richten, wächst im Jemen womöglich schon das nächste Problem heran. Dort toben seit Jahren heftige Kämpfe zwischen der Regierung und den schiitischen Huthi-Rebellen. „Sollte der Konflikt weiter andauern, kann der Jemen schon in einem Jahr aussehen wie Syrien jetzt“, warnt unsere Interviewpartnerin.


Das war Teil 1 unserer Bilanz des Jahres 2015. Morgen schauen wir zurück auf Griechenland, Krisenländer und Grexit-Diskussionen.